In welchen organisationalen Gestalten werden wir 2035 Kirche sein? Viel weiter als mit einer 10-Jahres-Perspektive sollte sich gegenwärtig niemand aus dem Fenster lehnen im Hinblick auf die bevorstehende Erosion der kirchlichen Strukturen eines Großteils der 20 Landeskirchen. Bei dem stetig fortschreitenden Mitgliederrückgang und der damit verbundenen Minimierung finanzieller Ressourcen werden viele Landeskirchen ihren bestehenden Organisationsapparat nicht mehr aufrecht erhalten können. Es geht nicht darum, den Gürtel enger zu schnallen und hier und da einzusparen, sondern was vor uns liegt ist nicht weniger als ein sukzessiver organisationaler Kollaps.
Es stimmt, viele Synoden sind in Bewegung und wagen es zunehmend weitreichende Entscheidungen zu treffen. Dass die Ungleichzeitigkeiten im Tempo der Transformationsprozesse gleichwohl hoch sind, führt uns regelmäßig Steffen Bauer mit seinen Wahrnehmungen und Analysen in „Landeskirchen unterwegs“ vor Augen. Gegenwärtig sind es vor allem die mittelgroßen Landeskirchen, von denen die stärksten Veränderungsimpulse ausgehen während etwa Landeskirchen mit weniger Finanzdruck in deutlich gemächlicherem Tempo unterwegs sind.
Warten auf Godot
Allerdings ist nicht einzig die Frage nach dem Ressourcendruck relevant im Hinblick auf die Behäbigkeit von Veränderungsprozessen. Diese Behäbigkeit liegt in der institutionellen Gestalt der Kirchen begründet. Selbsterhalt ist Institutionen und Bürokratien gleichsam in die DNA eingeschrieben. Max Weber hat gezeigt, dass diese im Zuge der Rationalisierung aller Lebensbereiche ein Werkzeug zur Ordnung der Welt darstellen. Sind sie allerdings einmal etabliert, verselbstständigen sie sich. Sie dienen nicht mehr einzig der Rationalisierung, sondern entwickeln ein Eigeninteresse am Fortbestehen. Es entwickelt sich eine eigene Logik, die sich vom ursprünglichen Ziel ablösen kann. Diese Selbstreferentialität bringt Weber prägnant zum Ausdruck in seinem Bild von der „stahlharten Hülle“. Dieses Bild beschreibt den Zustand, in dem der Mensch in den festen, unpersönlichen Strukturen von Institutionen gefangen ist.
Unsere landeskirchlichen Strukturen sind gegenwärtig genau das: stahlharte Hüllen. Die langen Gremienwege widersetzen sich stoisch dem Tempo, das eigentlich notwendig wäre in den Transformationsprozessen. Menschen werden an unterschiedlichen Positionen der Organisation zum Rädchen im Getriebe mit zunehmend weniger Verständnis dafür, warum sie dies und jenes eigentlich tun oder tun sollen. Und dann ist da ja auch noch die große Lust in den kirchlichen Hierarchien immer erstmal auf den Handlungsimpuls der anderen zu warten. Gemeinden warten auf Kirchenkreise, Kirchenkreise auf Synoden, der eine Arbeitsbereich stellt das Nachdenken ein, weil für das Weitermachen ja erstmal eine Entscheidung des anderen fällig wäre und am Ende warten alle zusammen auf Godot.
Platz zum Atmen
Neben diesen Schwierigkeiten hat diese Behäbigkeit allerdings auch etwas äußerst Verführerisches inmitten der gegenwärtigen Veränderungsprozesse. Die Ordnung schafft ja auch Sicherheiten inmitten von Unsicherheiten. Das Einhalten von Gremienwegen inszeniert eine Kontrolle, die wie ein Bollwerk gegen den drohenden Kontrollverlust steht. Weber spricht in seinem Bild ja bewusst von einer Hülle und nicht von einem Käfig. Denn diese Hülle schützt auch vor Chaos.
Wie schaffen wir uns in der kommenden Zeit wieder Platz zum Atmen in der stahlharten Hülle unserer kirchlichen Strukturen? Wer glaubt, dass groß angelegte landeskirchliche Fusionen jetzt Linderung verschaffen ist meiner Wahrnehmung auf dem Holzweg. Solche Kraftakte würden uns nur in noch größere institutionelle Selbstbeschäftigungen führen und wenn eine Fusion gemeistert ist, wird schon längst spürbar sein, dass es größere organisationale Einheiten braucht. Was wir jetzt brauchen, sind keine Fusionen, sondern Ideen. Das mag zunächst mal wie eine Plattitüde klingen. Aber es ist mehr als das.
Stahlharte Hüllen sind im Grunde allergisch gegen Ideen. Es sind eben nicht Ideen, sondern Interessen, aus denen die Architektur von stahlharten Hüllen bestehen. Um uns Räume für Innovation und Bewegung zu schaffen, geht es jetzt darum, konsequent ideengeleitet vorzugehen statt interessengeleitet.
Fusionen von unten
Ich bin überzeugt davon, dass die Zukunftsbilder neuer kirchlicher Organisationsformen nicht im kirchlichen General Management entschieden werden. Nicht etwa, weil hier die Einfallslosen säßen, sondern weil es hier vor allem um den Ausgleich unterschiedlichster Interessen geht und weniger um disruptive Ideen. Diese Bilder müssen vor allem direkt in den kirchlichen Arbeitsfeldern entstehen. Am Beispiel meines aktuellen Arbeitsbereiches, der Fortbildung von Pfarrpersonen, bedeutet das, dass sich EKD-weit die Akteurinnen und Akteure dieses Feldes darüber verständigen sollten, wie diese Aufgabe zukünftig gemeinschaftlich wahrgenommen werden kann. Wer für solche Verständigungen auf ein kirchenleitendes Go wartet, wird lange warten. Die Ideen müssen überregional entwickelt werden, um sie dann den Kirchenleitungen vorzuschlagen.
Es wird ein paar Unartigkeiten brauchen in der kommenden Zeit, bei denen es mehr um Ideen und Ziele als um die Beachtung kirchlicher Hierarchien geht. Und ich bin mir sicher, Kirchenleitungen werden dankbar sein, wo es zu solchen Initiativen und Ideenschmieden kommt. Im Grunde braucht es so etwas wie Fusionen von unten. Da wo bereits Zusammenarbeit und Netzwerk etabliert ist, werden solche Denkbewegungen mehr Möglichkeiten eröffnen, als wo dies bisher kaum der Fall ist. Nicht interessengeleitet sondern ideengeleitet vorzugehen, bedeutet konsequent nicht in erster Linie nach dem Erhalt des eigenen Arbeitsbereiches in der landeskirchlichen Struktur zu fragen, sondern überregional nach den zukünftigen Bedarfen und nach neuen Formen zu suchen das entsprechende Arbeitsfeld landeskirchenübergreifend zu organisieren. Der größte Teil dessen, was die landeskirchlichen Strukturen gegenwärtig an Serviceleistungen realisieren , wird zukünftig nur noch kooperativ möglich sein.
Kleines Zeitfenster
Die Zeit für Ideen ist nicht unendlich. Es ist ein kleines Zeitfenster, das uns noch bleibt hier und da zu beginnenden neuen Strukturen zu finden. Wir müssen diese Ideen jetzt landeskirchenübergreifend entwickeln und strategisch verfolgen, solange noch personelle Ressourcen da sind, um solche Neuaufbrüche auf den Weg zu bringen. In Kürze wird sich dieses Zeitfenster in vielen Arbeitsfeldern geschlossen haben.
Ob eine Handvoll gute Ideen den organisationalen Kollaps verhindern können? Natürlich nicht. Aber es wird etwas daran ändern, in welcher Weise wir nach diesem Kollaps wieder in neue tragfähige Organisationsformen finden. Für mich hat diese Vorstellung des Kollaps nicht nur etwas Bedrohliches. Ich verbinde damit nicht nur den Verlust von gewohnten Strukturen und Sicherheiten, sondern für mich liegt auch eine große Freiheit darin. Ich bin überzeugt, dass hinter den Erosionsprozessen eine Kirche stehen wird. Sie wird kleiner sein, ärmer, in ganz anderer organisationaler Gestalt. Aber es wird eine vitale Kirche sein mit beweglicheren Hüllen. Eine Kirche, die wieder neu der Frage auf die Spur kommt, warum es sie eigentlich gibt. Gott sei Dank.
Katharina Scholl
Dr. Katharina Scholl ist Studienleiterin am Evangelischen Studienseminar Hofgeismar. Zuvor war sie Gemeindepfarrerin in Hanau-Großauheim.