Eine unüberschaubare Ratgeberliteratur gibt es inzwischen, um ein hohes, gar sehr hohes Alter zu erreichen und Gebrechlichkeiten zu umgehen: Nicht nur Bewegung, sondern Sport, gesunde Ernährung und ein vielfältiges soziales Leben sollen dabei helfen, die früher so genannte „Last des Alters“ leicht werden zu lassen – um gut zu altern. Und tatsächlich erreichen immer mehr Menschen ein hohes und sehr hohes Alter – nicht zuletzt auch durch ärztliche und medizinische Versorgung und Betreuung.
Der Rezensent beobachtet dabei allerdings häufig eine merkwürdige Orientierungslosigkeit: Zwar wird man von Angehörigen ermuntert, seine Lebenszeit im Sinne von: „Gönn’ dir mal (endlich) was“ meistens konsumtiv zu nutzen, oder man widmet – solange man kann – einen Teil seiner Lebenszeit in einem Freiwilligendienst anderen und geht natürlich (auch) persönlichen Interessen nach. Aber was ist eigentlich mit dem eigenen inneren Erleben als betagter Mann, als hochbetagte Frau? Wie kann es aus Angehörigenperspektive zu einer unbefangenen Wahrnehmung kommen, die den eigenen Horizont durch Gespräche mit einem „richtig alten“ Menschen erweitert?
Der Neurologe und Psychoanalytiker, Helmut Luft, Jahrgang 1924, hat mit Jenseits der 90 Hinführungen und Reflexionen vorgelegt über – so der Untertitel – „Das Versagen des Körpers und die Reifung der Person im hohen Alter“. Dabei möchte er, der 100-Jährige, „90“ als symbolische Altersangabe mit individuellem Spielraum verstanden wissen: Die persönliche Reifung, um die es ihm geht, kann auch schon diesseits der 90 einsetzen.
Es ist Luft zu verdanken – dies sei vorweggenommen –, dass er aufgrund seines eigenen Erlebens und der damit verbundenen Erfahrungsbasis seine Einsichten dargelegt hat. So korrigiert er die oft angst- und wunschverzerrten Phantasien und Vorurteile, mit denen sich viele Menschen das Alter vorstellen.
Angeregt durch Sophokles, Mark Aurel, Shakespeare, Goethe, aber auch durch den Klinischen Psychiater Hartmut Radebold und natürlich Siegmund Freud spannt er in 14 Kapiteln phänomenologisch einen weiten Rahmen: vom „Vitalitätsverlust jenseits von 90“, über den „Rückzug“ zu Hause, den Rhythmus von „Schlafen und Wachen“, der Veränderung im Umgang mit Affekten als „Altersmilde statt Alterszorn“, den „Träumen jenseits von 90“ und vielem anderen. Schließlich beschreibt er offen, wie er sich „In einer anderen Welt“ befindet, zu der nicht zuletzt das Bett gehört, in das er sich regelmäßig zurückzieht; noch in dieser anderen Welt taucht das Thema des Krieges auf, und dass der Zweite Weltkrieg ihn selbst und seine Patientinnen und Patienten geprägt hat.
Trotzdem: Am Anfang steht die ungeschminkte Beschreibung des Vitalitätsverlustes. Kann man Seh- und Hörschwäche bis zu einem gewissen Grad noch kompensieren, sieht es mit der zunehmenden Schwäche der Körpers ganz anders aus: Da ist auf einmal diese verunsichernde Sturzneigung, auch weil aus „strammen Waden Storchenbeine“ durch den Muskelabbau geworden sind. Schmerzen, die nicht medizinisch behandelbar sind, können Suchbewegungen in Gang setzen: Was für Wünsche oder Nöte melden sich …?
Jenseits der 90 setzt eine Neuorientierung durch einen sich teils dramatisch verändernden Körper ein. Andererseits besteht die Chance zur Reifung! Träume, derer man sich gezielt erinnert und deren vorurteilsfreie Deutung, können hierbei eine wichtige Rolle spielen: Wie überhaupt ein unbefangenes, gar kindliches Suchen und Finden auch bei Fehlleistungen weiterhelfen. Man kann eine wohltuende Distanz zu sich selbst gewinnen. Was muss man alles nicht mehr …? So durchstreift Luft das Haus: als konkreten Rückzugsort, als sich wandelnde Identität, auch als schicksalhaft mit anderen verbundene, und er spart dabei nicht mit lebenspraktischen Tipps. Interessanterweise beendet der Psychoanalytiker sein Buch mit einer eigenen Fassung des Predigers Salomo, 3. Kapitel: „Alles hat seine Zeit.“
Wer sich selbst im höheren und hohen Alter verstehen, wer andere in diesem Lebensabschnitt angemessen begleiten möchte, findet hier eine wertvolle Hilfe.