Der evangelische Theologe Michael Heymel hat bereits zahlreiche Publikationen zu Martin Niemöller vorgelegt. In diesem Band sind 24 zum Großteil bereits veröffentlichte Beiträge abgedruckt, die systematisch nach fünf Kategorien geordnet sind: Predigt, Biografisches, Friedensarbeit, Judentum, Rezeption. Neue Erkenntnisse enthalten die Aufsätze nicht. Auch sind sie nicht frei von Redundanzen. So wird gleich sechsmal erwähnt, dass Niemöller „den entscheidenden Satz“ in die Stuttgarter Schulderklärung von 1945 eingefügt habe (nach Martin Greschat: Im Zeichen der Schuld. Neukirchen-Vluyn 1985, war das indes Hans Asmussen; Niemöller habe sich dann auch angeschlossen). Heymel macht aus seiner Bewunderung für Niemöller keinen Hehl. Dieser sei eine große Gestalt des deutschen Protestantismus. Trotz zeitbedingter Irrtümer habe er lebenslang dazu gelernt und eine echte Wandlung vollzogen. Seine prophetische Bußpredigt sei einzigartig in der neueren deutschen Predigtgeschichte. In vielem sei er seiner Zeit voraus gewesen.

Immer wieder fragt Heymel danach „Was sagt uns Niemöller heute?“ – und weist damit etwaige Forderungen nach einer Historisierung von vornherein ab. Immer wieder auch scheint Heymels Kon­troverse mit Benjamin Ziemann auf, dessen Niemöller-Arbeiten nach Heymels Ansicht ein „Zerrbild“ zeichneten: Ziemann „greift nach Niemöller, aber er begreift ihn nicht“. Umgekehrt hatte Ziemann Heymel eine apologetische Haltung vorgeworfen und die Kontinuitäten in Niemöllers Leben herausgearbeitet – etwa die bleibende Reserve gegenüber der repräsentativen Demokratie und sein nationalprotestantisch grundierter politischer Radikalismus vor und nach 1945.

Was steckt hinter dieser Kontroverse? Dass Historiografie immer perspektivisch ist, kann man an ihr sehr anschaulich lernen. Der Pfarrer und Praktische Theologe aus der Kirche Niemöllers Heymel ist fasziniert von den sprachgewaltigen und anrührenden Predigten Niemöllers, die den in Sheffield lehrenden Allgemeinhistoriker Ziemann nicht weiter interessieren. Heymel teilt zudem zumindest teilweise und tendenziell bestimmte (kirchen-)politische Positionen, die Niemöller seit den 1950er-Jahren und dann vor allem im Umfeld der sozialen Protestbewegungen der 1960er-/1970er-Jahre vertrat, und für die der Begriff Linksprotestantismus allgemein üblich geworden ist. Zu nennen sind hier insbesondere Niemöllers antiangloamerikanische Kritik an der Politik der Westbindung Adenauers, sein radikaler Pazifismus, seine Kapitalismuskritik und seine Kritik an der repräsentativen Demokratie bei gleichzeitiger Affinität zu basisdemokratischen Modellen, seine Kritik am bürgerlichen und kirchlichen Establishment (obwohl er paradoxerweise dazugehörte) und last not least seine Aversion gegen das Luthertum. Zumal aus britischer Perspektive kann man mit guten Gründen eine andere Position einnehmen, aus lutherischer Perspektive ebenso. Niemöller immunisierte seine Position, indem er sich darauf berief, auf das zu hören, „was Jesus dazu sagen würde“. Dass man als Christ auch zu anderen Schlüssen kommen könnte und etwa die repräsentative Demokratie des Grundgesetzes verteidigt, konnte er nicht akzeptieren.

Handwerklich ist anzumerken, dass der Autor verschiedentlich ganz unbekümmert fragwürdige Quellen heranzieht (Stasi-IM Walter Feurich, DDR-CDU-Chef Gerald Götting und die gefakten Hermann Rauschning-Protokolle) und dass er über weite Strecken die autobiografischen Erzählungen Niemöllers schlicht paraphrasiert und nur spärlich kommentiert und dabei unsinnige Behauptungen wie „Deutsche Christen [DC] und Nazis vereinten sich erst 1933“ und absurde Einschätzungen zum Beispiel „er habe unter Hitler nicht so gelitten wie unter der EKD nach 1945“ einfach so stehen lässt.

Eine apologetische Tendenz des Buches wird vor allem da sichtbar, wo Niemöller vor dem Vorwurf des Antisemitismus in Schutz genommen wird. Wer allerdings, wie Niemöller es laut Heymel 1956 tat, die Existenzberechtigung des Staates Israel in Frage stellt, der „eine Fehlkonstruktion im Ansatz gewesen“ sei, gilt zumindest nach heutigen Maßstäben als Antisemit (vergleiche die Antisemitismusresolution des Deutschen Bundestages vom 29. Januar 2025).

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Foto: Universität Koblenz / Kristine Schulz

Thomas Martin Schneider

Dr. Thomas Martin Schneider ist außerplanmäßiger Professor und Akademischer Direktor am Institut für Evangelische Theologie der Universität Koblenz.

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