Die Gedanken zu den Sonntagspredigten für die nächsten Wochen stammen von Jürgen Kasiser. Er ist Pfarrer i.R. in Stuttgart.
Skandal um Jesus
13. SONNTAG NACH TRINITATIS 14. September
Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder. Denn wer Gottes Wille tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. (Markus 3,34+35)
US-Vizepräsident James David Vance meinte, er müsse die christliche Nächstenliebe neu definieren: Erst kommt die Familie, dann die Nation und schließlich, vielleicht, der Rest der Welt. Aber nur vielleicht. Doch Bibelleser wissen mehr. Auch wer Maria als „Mutter Gottes“ verehrt, muss tief durchatmen. Denn Jesus von Nazareth geht mit seiner Familie, und insbesondere mit seiner Mutter, nicht gerade freundlich um.
Jesus ist seiner Familie abhandengekommen. Er zieht durchs Land, umgibt sich mit Freunden und setzt sich mit Schriftgelehrten und Pharisäern auseinander. In einer patriarchalen Gesellschaft muss die Familie zusammenhalten, sonst ist das Überleben nicht gesichert. Also muss die Familie Jesus zurückholen. Sie versucht es, doch kann nicht einmal zu ihm vordringen. Also lässt die Familie mitteilen, dass sie da ist. Und erwartet werden Gehorsam und Rückkehr. Doch Jesus gibt nur eine schroffe Antwort.
Markus hat das älteste Evangelium geschrieben. Hier gibt es keine Geschichten von Weihnachten oder aus Jesu Jugend. Nicht einmal sein Vater Joseph wird mit Namen genannt. Der Jesus, von dem Markus berichtet, kommt als Erwachsener aus der Wüste, aus dem Nichts. Als Erstes lässt er sich im Jordan taufen, und als Zweites sucht er Menschen, die sich mit ihm auf den Weg machen. Das alles wirkt in der damaligen Kultur befremdlich. Und dass diese Wandergesellschaft aus Männern und Frauen besteht, ist skandalös.
Johannes erzählt zu Beginn des Wirkens Jesu die Verwandlung von Wasser in Wein. Bei Markus kein Wort davon. Auch nicht von großen Reden. Jesus ist auf einmal da, sucht Menschen und findet die, die mit ihm auf einen gemeinsamen Weg gehen. Das ist seine neue Familie. Und seine biologische Familie muss das schmerzlich erfahren.
So beschreibt Markus ein Wunder, das sich bis heute ereignet. Wie Jesus tritt Gott in unser Leben und macht sich mit uns auf den Weg. Sich darauf immer wieder einzulassen, ist lebendiger Glaube. Dabei sucht Gott keine Helden, sondern Menschen mit ihren Schwächen und Stärken. Und so kommt es zu einem lebenslangen verwandelnden Prozess. Glaube ist Begegnung – mit Gott und den Menschen.
Politischer Traum?
14. SONNTAG NACH TRINITATIS, 21. September
Das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden, Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten. (1. Mose 28,13–15)
Der Traum ist der Königsweg ins Unterbewusste“, stellte Siegmund Freud fest. Die Traumdeutung wurde bei ihm der Schlüssel zum Bauplan der Seele. Dagegen dient die Geschichte von Jakobs Traum bis heute als Schlüssel für politisches Handeln. So spielt der Text eine große Rolle in der Rechtfertigung der Besiedlung des Westjordanlands durch jüdische Siedler. So politisch relevant können biblische Texte sein.
Jakob bekommt nach seinem Traum eine zentrale Stellung für die Entwicklung des Judentums. Er wird zum Erzvater. Jakob war als Zweitgeborener immer in der zweiten Reihe, wollte aber ohne Anstrengung Erster sein. Bei der Geburt rutscht der Zwilling einfach mit durch. Und später betrügt Jakob seinen Bruder Esau mit einem Linsengericht – und seinen Vater, um den Segen zu erhalten. Die Mutter hilft ihm dabei. Jakob ist und bleibt ein unfertiges Muttersöhnchen. Und als er seine Probleme endlich erkennt, bleibt nur die Flucht. Nun ist er in der Fremde, 1 000 Kilometer von der Heimat entfernt, und muss erwachsen werden. Und das geschieht in einer Nacht durch einen Traum: Gott erscheint ihm, gibt sich zum ersten Mal mit seinem Namen Jahwe zu erkennen und gibt ein Versprechen. Aber dies beschränkt sich nicht auf Landbesitz in Palästina, wie heute jene Siedler glauben, sondern auf die ganze Menschheit. Sie soll gesegnet werden.
Christen haben das sofort gesehen: Indem Gott in Jesus von Nazareth Mensch wurde, ist dies geschehen. Denn seine Botschaft gilt der ganzen Welt. Nicht im Sinn von Ansprüchen auf Grund und Boden, auf Macht und Geld. Vielmehr zählt die Nächsten- und Feindesliebe. Weltlich gesprochen; in der Achtung der Würde jedes Menschen unabhängig von Abstammung, Hautfarbe und vom Geschlecht.
Für Jakob ist es ein Traum gewesen. Und für Christen sollte es mehr als ein Traum sein: Aufforderung zum Handeln, privat und in der Gesellschaft. Christ-Sein ist mehr als individuelles Handeln. Gott geht es um die ganze Welt – und darum sollte es Christen auch gehen.
Wahre Stärke
15. SONNTAG NACH TRINITATIS, 28. September
Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade … Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. (1. Petrus. 5,5+7)
Ein Pfarrer und seine Frau ziehen in eine neue Gemeinde. Schon bald fällt die Pfarrfrau durch ihre Frömmigkeit auf. Dies missfällt der Frau des pietistischen Stundenleiters, die der Frau des Pfarrers nach dem sonntäglichen Gottesdienst mitteilt: „Dass es ein für alle Mal klar ist: In der Demut lasse ich mich von Niemanden überbieten.“
Demut hat in der christlichen Tradition schließlich eine große Bedeutung. In der weltlichen Tradition dagegen keine. Hier gilt es, stark zu sein und dies auch zu zeigen. Das eigene Wohlergehen, das „Ich“ wird großgeschrieben, das „Wir“ ganz klein. Ob Work-Life-Balance oder Selbstverwirklichung – es geht um das eigene Ego. Demut ist da fehl am Platz, wird geradezu verachtet.
Im biblischen Verständnis hingegen wird die Demut gelobt und gefordert. So lautet auch der Ratschlag am Schluss des Petrusbriefes. Der dürfte allerdings kaum vom Apostel Petrus geschrieben worden sein. Denn zu gut ist das Griechisch für einen Fischer vom See Genezareth. Die Alte Kirche ist gerade am Entstehen und damit sind es auch die ersten hierarchischen Strukturen. Das Verhältnis von Presbytern und Charismatikern muss geklärt sein. Dies betrifft Gemeinden von Heidenchristen in Kleinasien, die es in der Lebenszeit des Apostels Petrus noch gar nicht gegeben hat. So dürfte ein Schüler den Petrusbrief geschrieben haben. Demut ist demnach eine Haltung. Und das Gegenteil ist Hochmut. Demut heißt, vor Gott die Knie zu beugen. Das bedeutet nicht, gedemütigt zu werden. Es ist weder Schwäche noch Selbstzufriedenheit. Wer demütig ist, rechnet in seinem Leben mit Gott. Und aus der Beziehung zu Gott rührt seine Stärke. Er weiß darum, dass Gott für einen sorgt.
Das war eine wichtige Botschaft in der Zeit des Petrusbriefes. Denn neben der Verfolgung durch lokale Machthaber gab es den Streit zwischen Gemeindemitgliedern, Presbytern und Charismatikern. Und dabei ging es um nichts Geringeres als die Wahrheit.
Aber Gott sorgt nicht nur. Er „entsorgt“ auch, indem er Sorgen auf sich nimmt. Dietrich Bonhoeffer hat das aufgegriffen, indem er Gott in seinem Nachtgebet den Tag und alles Geschehene zurückgibt. Und Martin Luther sagte vom Beter, „dass er sein Herz und seine Sorgen Gott auf seinen Rücken werfe, denn er hat einen starken Hals und Schultern, dass er es wohl tragen kann".
Demut ist nichts für Schwächlinge. Sie ist nicht Feigheit, sondern führt zu Zivilcourage, zu aufrechtem Gang und mutigem Bekennen. Denn Demut weiß um die Realität Gottes im Leben.
Radikale Ansage
Erntedankfest, 5. Oktober
Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. (Jesaja 58,9–11)
Wasser ist Leben. Nirgendwo wird das klarer als bei einem Besuch in der Wüste und ihren Oasen. Wo das Wasser nicht reicht, gibt es kein sichtbares Leben. Was aber ist ein richtiges Leben? Das fragen sich die aus Babylon heimgekehrten Israeliten. Jerusalem liegt in Trümmern. Aber das Land ist trotzdem bewohnt. Denn nicht alle waren in Babylon. Eigentlich nur die Oberschicht. Das einfache Volk war in der Heimat geblieben. Jemand musste ja für die babylonischen Besatzer die Felder bewirtschaften. Und die daheim Gebliebenen hatten über Generationen hinweg neue Strukturen aufgebaut. Jetzt kommen die Exilanten zurück und wollen die alten Machtstrukturen wiederherstellen. Und die alte Religion. Das bedeutet auch den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem und die Wiederherstellung der alten Hierarchien. Und es herrscht ein handfester Streit, bis hinein in die Theologenschaft. Die Spuren davon finden sich im Buch Jesaja.
Der Namensgeber, Jesaja, lebte rund 700 vor Christus. Seine Jünger schrieben in seinem Sinne weiter. Ihre Texte wurden um 550 vor Christus verfasst und Deuterojesaja genannt. Sie erwarten das Ende der Babylonischen Gefangenschaft und die Rückkehr der Deportierten. Zentrale Aufgabe ist nun der Wiederaufbau des Tempels und sind die Rituale, Gesänge, Liturgien, Feste und Gewänder. Doch es gibt noch eine dritte Denkschule im Jesajabuch. Diese bezweifelt, dass Gott da sein wird, wo das richtige Gesangbuch in Gebrauch ist und im Tempel Rituale begangen werden. Diese Schule nennt man Tritojesaja. Und von ihm stammt unser Text. Er hält nichts von Textilien und Ritualen, Gesängen und Festen. Gott ist nicht im Tempel, sondern da, wo dem Armen geholfen wird. Das ist eine radikale Ansage, gesprochen in die Auseinandersetzungen zwischen Rückkehrern und Dagebliebenen.
Auch das ist eine Form des Erntedanks: Es geht um das richtige Leben. Interessant ist, dass Jesu Taten und Reden wie eine Anwendung des Tritojesaja wirken. Sei es mit der Speisung der Tausenden oder beim Gleichnis vom Weltgericht. Tritojesaja und Jesus sind sich einig: Teile das Brot, und handle gerecht. Denn das ist Gottes Wille.
Aber muss man deshalb Kultus und Tat schroff voneinander abgrenzen? Wer Ritus und Feste liebt, kann christlich handeln. Wer christlich handelt, kann auch Feste feiern und so dem Erntedankfest eine neue Bedeutung geben.