Unternehmer – Stifter – Kaisermacher

Warum Jakob Fugger der Reiche auch 500 Jahre nach seinem Tod erinnerungswürdig ist
Jakob Fugger, genannt „der Reiche“, gemalt von Albrecht Dürer um 1518.
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Jakob Fugger, genannt „der Reiche“, gemalt von Albrecht Dürer um 1518.

Jakob Fugger wurde 1459 in eine Augsburger Kaufmannsfamilie hineingeboren, er war das zehnte von elf Kindern. Zunächst nicht für ein Geschäftsleben vorgesehen, stieg er dennoch im Handelsgeschäft der Familie auf, nachdem sein Vater und vier Brüder binnen weniger Jahre starben. Durch großes kaufmännisches Geschick wurde er bald einer der wichtigsten Unternehmer des Abendlands, ein Stifter mildtätiger Werke und sogar ein Kaisermacher, erzählt der Historiker Mark Häberlein von der Universität Bamberg.

Als der FC Augsburg 2011 in die erste Fußball-Bundesliga aufstieg, kommentierte eine große Zeitung: „Augsburg spielt in der Republik – ach was: in der Welt – wieder ganz oben mit, wann hat es das seit Jakob Fugger dem Reichen wieder gegeben?“ Diese halb ironische, halb respektvolle Bemerkung wirft ein Schlaglicht auf den Stellenwert, den Augsburgs größter Unternehmer bis heute im öffentlichen Bewusstsein hat: Denn obwohl die Stadt jahrhundertelang als Handelszentrum und Industriestandort bedeutsam war, gilt die Ära Jakob Fuggers als unübertroffene Glanzzeit. Historische Jubiläen, Romane, Spielfilme, TV-Dokumentationen, Sachbücher und sogar Videospiele sichern dem Mann mit dem suggestiven Beinamen auch fünf Jahrhunderte nach seinem Tod einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis.

Doch wer war Jakob Fugger? Eine Annäherung an seine vielschichtige Persönlichkeit erfolgt hier in drei Schritten, die charakteristische Schlaglichter auf sein Wirken und seine Wirkung werfen.

Der Unternehmer: Als Jakob Fugger 1459 in eine Augsburger Kaufmannsfamilie hineingeboren wurde, war noch keineswegs ausgemacht, dass er den Beruf seines Vaters ergreifen würde, denn er war das zehnte von elf Kindern, und mehrere ältere Brüder standen als Mitarbeiter im Handelsgeschäft der Familie bereit. Daher erwarben seine Eltern für Jakob frühzeitig ein Kanonikat im fränkischen Stift Herrieden. Zugleich erhielt er jedoch eine solide kaufmännische Ausbildung in Venedig, und als sein Vater und vier Brüder binnen weniger Jahre verstarben, sollte sich diese Investition auszahlen. Als Teilhaber seiner Mutter Barbara und seiner Brüder Ulrich und Georg war Jakob fortan für den transalpinen Handelsverkehr zwischen Augsburg und Venedig zuständig. Die Lagunenstadt mit ihren weiträumigen Handelsbeziehungen, ihrer fortschrittlichen Buchhaltungstechnik und ihrer prachtvollen Renaissancekultur hat den jungen schwäbischen Kaufmann stark geprägt.

Tiroler Geschäft

Vor allem lernte Jakob Fugger auf seinen Reisen zwischen Augsburg und Venedig das Tiroler Bergbaurevier kennen. Hier befanden sich die ergiebigsten Silber- und Kupferbergwerke Europas, und hier herrschte mit Erzherzog Sigismund ein Landesherr, der für seine Hofhaltung und Kriegführung riesige Summen benötigte. Die Rahmenbedingungen für den Einstieg ins Tiroler Geschäft waren somit günstig: Durch Kredite an den Landesherren konnten sich Handelshäuser wie die Fugger große Mengen an Silber und Kupfer sichern.

Der Tiroler Bergbau erlebte damals angesichts einer wachsenden Nachfrage nach Bunt- und Edelmetallen für die Münzprägung sowie für die Herstellung von Luxus- und Gebrauchsgegenständen einen starken Aufschwung. Dies erforderte aber auch hohe Investitionen in Gruben und Hüttenwerke, um die Erzausbeute zu steigern. Die Kombination von Darlehensgeschäften mit dem Vertrieb von Silber und Kupfer erwies sich vor diesem Hintergrund als außerordentlich profitables Geschäftsmodell. Bereits 1488, nur drei Jahre nach ihrem ersten Darlehen an Sigismund, kontrollierten die Fugger einen großen Teil der Tiroler Silberproduktion, und als der überschuldete Erzherzog 1490 zugunsten seines Verwandten Maximilian auf seinen Thron verzichten musste, liefen die Geschäfte unvermindert weiter.

Einzigartige Symbiose

Zwischen dem Habsburger Maximilian, der sich 1508 in Trient zum Kaiser krönte, und seinem Augsburger Bankier entwickelte sich eine einzigartige Symbiose: Jakob Fugger war immer wieder zur Stelle, wenn der Herrscher Geld für seine glanzvolle Repräsentation, seine zahlreichen Kriege und seine ehrgeizige dynastische Politik benötigte. Umgekehrt ebneten Gunsterweise des Kaisers dem Augsburger Unternehmer den Weg zu einem beispiellosen Aufstieg. 1507 konnte er mit der Grafschaft Kirchberg und der Herrschaft Weißenhorn erstmals größeren Territorialbesitz in Schwaben erwerben; 1511 wurde er in den Freiherren- und drei Jahre später in den Grafenstand erhoben. Damit waren die Weichen für den Aufstieg der Familie in den Adelsstand gestellt.

Noch dominanter wurde die Position der Fugger auf dem europäischen Kupfermarkt, als Jakob sich 1494 gemeinsam mit seinem Krakauer Partner Hans Thurzo auch die Ausbeute der Gruben von Neusohl in Oberungarn (heute Banská Bystrica/Slowakei) sicherte und die Produktion durch innovative Schmelzverfahren enorm gesteigert werden konnte. Für diesen „Ungarischen Handel“ baute Fugger eine Vertriebsorganisation auf, die das Neusohler Revier mit Venedig sowie mit den Ostseehäfen Danzig und Stettin verband und von dort aus große Teile Europas umspannte. Zum wichtigsten Absatzmarkt avancierte nach 1500 die niederländische Handelsmetropole Antwerpen, wo sich die portugiesische Krone mit Silber, Kupfer und Messingwaren für den Asien- und Afrikahandel eindeckte. Im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts waren die Fugger die Hauptlieferanten von Bunt- und Edelmetallen für den Überseehandel Portugals und spielten damit eine maßgebliche Rolle in der frühen Globalisierung.

Rund drei Jahrzehnte lang gehörte das Augsburger Handelshaus auch zu den wichtigsten Bankiers der Päpste in Rom. Diese Geschäftsbeziehung begann Ende des 15. Jahrhunderts mit der Überweisung von Geldern aus den mittel- und nordeuropäischen Bistümern nach Rom, umfasste nach 1500 aber auch Darlehen und die Pacht der päpstlichen Münze. Besonders bekannt geworden sind die Finanzierung der Anwerbung von Schweizer Söldnern für den Papst – die Ursprünge der bis heute bestehenden Schweizergarde im Vatikan – sowie die Beteiligung am Ablassgeschäft, gegen das der Wittenberger Augustinermönch Martin Luther 1517 seine Stimme erhob.

Marktschreierischer Vertrieb

Die Details der Kooperation zwischen den Fuggern und Albrecht von Brandenburg, dessen Bestätigung als Erzbischof von Mainz durch die Kurie in Rom mithilfe von Darlehen des Augsburger Hauses erfolgte, blieben Luther zwar verborgen; doch der marktschreierische Vertrieb von Ablassbriefen in Albrechts Kirchenprovinzen Mainz und Magdeburg war ihm ein Dorn im Auge. Luthers theologisch fundierte Kritik am Ablasshandel brachte bekanntlich den Stein ins Rollen, der zur Entstehung der evangelischen Bewegung und zur Spaltung der abendländischen Christenheit führte. Jakob Fugger selbst blieb zeitlebens ein treuer Anhänger der römischen Kirche und versuchte, die Verbreitung lutherischer Schriften in seiner Heimatstadt zu unterbinden. Umgekehrt prangerte der Reformator die aus seiner Sicht wucherischen und monopolistischen Geschäftspraktiken der großen Handelshäuser mehrfach scharf an.

Der Kaisermacher: Als Kaiser Maximilian I. Anfang 1519 starb, ohne seine Nachfolge geregelt zu haben, war die anstehende Kaiserwahl für Jakob Fugger eine riesige Herausforderung, aber auch eine einzigartige Chance. Wäre der französische König Franz I. von den Kurfürsten zu Maximilians Nachfolger gewählt worden, hätte Fugger sein Unternehmen wohl völlig umstrukturieren müssen, da er dieses ganz auf den Machtbereich der Habsburger zugeschnitten hatte und über keine festen Niederlassungen in Frankreich verfügte. Setzte sich hingegen Maximilians Enkel, der junge burgundische Herzog und spanische König Karl, durch, dann stand einer Fortführung der symbiotischen Beziehung zwischen Habsburgern und Fuggern nichts im Wege. Von daher stand für Jakob Fugger außer Frage, dass er seine Finanzkraft zugunsten Karls in die Waagschale werfen musste. Von den Wahlgeldern, die sich auf enorme 852 000 Gulden beliefen, brachte Jakob Fugger mit 543 585 Gulden rund zwei Drittel auf und sicherte damit dem erst neunzehnjährigen Habsburger die einstimmige Wahl zum Kaiser. Während der gesamten Regierungszeit Karls V., die erst mit seiner Abdankung 1555/56 endete, blieben die Fugger seine wichtigsten Geldgeber.

Ein populäres Sachbuch über die Fugger heißt zwar Kauf dir einen Kaiser, aber dieser einprägsame Titel ist letztlich irreführend. Denn zum einen wurde bereits angedeutet, dass die Wahl eines Habsburgers für Jakob Fugger angesichts der Struktur und geografischen Ausrichtung seines Unternehmens letztlich ohne Alternative war. Zum anderen – und dies ist noch wichtiger – brauchte nicht nur der Kaiser seinen Bankier, sondern letzterer war ebenso auf den Herrscher angewiesen. So hielt Karl V. seine schützende Hand über die großen Augsburger Handelshäuser, als zahlreiche Reichsstände in den 1520er-Jahren ihre Zerschlagung forderten, weil sie deren marktbeherrschende Stellung für wirtschaftliche Missstände verantwortlich machten. In Spanien, das ebenfalls zu Karls Machtbereich gehörte, eröffnete die Pacht der Ländereien der Ritterorden den Fuggern ein lukratives neues Geschäftsfeld. Und wie sein Großvater Maximilian I. förderte auch Karl V. den sozialen Aufstieg seiner Augsburger Bankiers, indem er ihnen Adelstitel und Privilegien verlieh.

Der Stifter: Waren die Menschen an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert allgemein von tiefer Sorge um ihr Seelenheil erfüllt, so galt dies für Kaufleute ganz besonders. Dem immer wieder erhobenen Vorwurf, sie hätten ihren Reichtum auf Kosten des Gemeinwohls erworben, traten sie durch wohltätige Stiftungen entgegen und finanzierten Spitäler, Armenhäuser, Pilgerherbergen und andere karitative Einrichtungen. Damit versuchten sie nicht nur, Gott gnädig zu stimmen, sondern auch ihre Memoria, also ihr Andenken bei den Zeitgenossen und der Nachwelt, positiv zu beeinflussen.

Kinderlose Ehe

Solche Gedanken beschäftigten auch Jakob Fugger, der nach dem Tod seiner Brüder Georg (1506) und Ulrich (1510) die Geschicke des Handelshauses der Familie alleine lenkte und dessen Ehe mit Sibylla Artzt kinderlos geblieben war. In seinen letzten 15 Lebensjahren rief er drei Stiftungen in seiner Heimatstadt ins Leben. Eine Prädikaturstiftung in der Pfarr- und Stiftskirche St. Moritz diente der Verbesserung der Predigt und belegt, dass dem Luthergegner Jakob Fugger das Thema Kirchenreform keineswegs gleichgültig war. Eine Begräbnisstiftung sollte die Memoria der Brüder Ulrich, Georg und Jakob Fugger dauerhaft sichern; dazu wurde mit großem finanziellen Aufwand eine Grabkapelle in der Karmeliterkirche St. Anna errichtet, an der bedeutende Künstler wie Albrecht Dürer mitarbeiten und die als eines der ersten großen Renaissancekunstwerke nördlich der Alpen gilt. Am stärksten im kollektiven Gedächtnis verankert ist jedoch die seit über fünf Jahrhunderten bestehende Fuggerei, eine Wohnstiftung für arme katholische Augsburgerinnen und Augsburger. Dafür ließ Jakob Fugger zwischen 1516 und 1523 52 Reihenhäuser mit insgesamt 102 Wohnungen errichten, die für eine Jahresmiete von einem rheinischen Gulden vermietet wurden. Dieser Mietzins wurde seither nie erhöht und beträgt in heutiger Währung 0,88 Euro-Cent. Die Fuggerei ist heute sowohl Heimstatt für rund 150 Bewohner als auch Touristenmagnet. Wenn Augsburg nicht nur auf seinen Fußballclub (der seit 2011 nicht mehr abgestiegen ist), sondern auch auf seinen größten Unternehmer stolz ist, so hat das entscheidend mit dieser visionären Stiftung zu tun. 

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Foto: privat

Mark Häberlein

Dr. Mark Häberlein ist Professor am Lehrstuhl für Neuere Geschichte unter Einbeziehung der Landesgeschichte an der Universität Bamberg.

 

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