Gesunde Selbstliebe

Über die Schattenseiten von Macht, Autorität und Charisma
August Macke (1887-1914): Spiegelbild im Schaufenster, 1913.
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August Macke (1887-1914): Spiegelbild im Schaufenster, 1913.

Kirchliche Ämter, besonders das Pfarramt, sind geeignet, persönliche narzisstische Tendenzen zu verstärken und damit Schwächen zu kompensieren und zu überdecken. Warum das so ist, erläutert der evangelische Pastoralpsychologe Michael Klessmann.

Wir leben in einer selbstbezogenen, narzisstisch geprägten Kultur, diese These hat der amerikanische Historiker Christopher Lasch schon vor fast fünfzig Jahren im Blick auf die westlichen Gesellschaften vertreten: Einzelne, Gruppen, Institutionen, Politik und Wirtschaft kämpfen ständig um öffentliche Anerkennung und Beifall, präsentieren in der Werbung glanzvolle Bilder von ihren Leistungen, mit denen sie die Menschen angeblich beglücken können: Gesehen und bewundert werden, erfolgreich sein, Umfragewerte, Verkaufs- und Mitgliederzahlen steigern, mehr „likes“ bekommen, möglichst einzigartig erscheinen, darauf richtet sich die Aufmerksamkeit, die durch social media beinahe unbegrenzte Möglichkeiten der Erfüllung findet. Sich dagegen mit Grenzen individueller wie institutioneller Fähigkeiten auseinanderzusetzen, einen offenen Umgang mit Einschränkungen und Scheitern, mit Krankheit, Altern und Sterben, Fragmenthaftigkeit und Endlichkeit zu praktizieren, wird tunlichst vermieden.

Im gegenwärtigen populären Sprachgebrauch hat der Begriff des Narzissmus ausgesprochen negative Konnotationen angenommen, ist geradezu zum Schimpfwort geworden: Man denkt an extrem selbstgefällige, eitle und machtgeile Männer wie Donald Trump oder Elon Musk, die ihr Handeln vorrangig an der Steigerung ihrer Macht beziehungsweise an der Vergrößerung ihres Egos ausrichten, wenig Bereitschaft und noch weniger Fähigkeit zeigen, andere Menschen, deren Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen und ernsthaft auf sie einzugehen.

Prahlerischer Narzissmus

Diese Sichtweise ist jedoch verkürzt und einseitig: In der neueren Psychoanalyse (hier sind Namen wie Heinz Kohut, Otto F. Kernberg, Alice Miller, Martin Altmeyer zu nennen), die vor dem Hintergrund einer komplexen Begriffsgeschichte zu sehen ist, bezieht sich der Begriff Narzissmus auf Formen der Selbstwertregulation, also auf Wege der Entstehung und Entwicklung eines Selbstwertgefühls, das jeder Mensch im Zusammenleben mit anderen in je individueller Weise ausbildet (und nicht, wie es der antike, von Ovid erzählte Mythos von Narziss nahelegt, in einem einsamen Prozess der Selbstbespiegelung). Unterschieden wird zwischen einem normalen, gesunden und einem gestörten, überzogenen, prahlerischen Narzissmus. Ein gesunder Narzissmus bedeutet, dass ein Mensch – grundgelegt durch die kontinuierliche, verlässliche und liebevolle Zuwendung der Eltern – Selbstvertrauen, Selbstachtung und Selbstliebe entwickeln kann. Die Konstitution des Selbst geschieht durch viele Empathieerfahrungen, durch gelingende Intersubjektivität; in dieser These berühren sich neuere Psychoanalyse und theologische Anthropologie. Eine gesunde Selbstliebe bildet die innere Voraussetzung, um reife Liebesbeziehungen einzugehen, während die christliche Tradition lange unterstellt hat, dass Selbstliebe und Nächsten- beziehungsweise Gottesliebe einander ausschlössen. „Ich bin im Großen und Ganzen mit mir selbst einverstanden“, „Ich vertraue meinen Fähigkeiten und kenne auch meine Grenzen“ – in diesem Sinn ist ein gesunder Narzissmus sowohl für Einzelne wie für die Institution Kirche von Bedeutung: Die Kirchen brauchen Personen, die sich mit glaubwürdigem Auftreten und differenzierender Überzeugungskraft für die anspruchsvolle Kommunikation des Evangeliums engagieren, die in der Lage sind, andere für bestimmte Projekte zu begeistern, die bereit sind, auch schwierige Führungsaufgaben zu übernehmen.

Ein stabiles Selbstwertgefühl im Auftreten und in der Überzeugung ist als Korrektiv gerade im Bereich der Kirchen wichtig: Wir kommen aus einer langen christlichen Tradition, in der Demut, Selbstverleugnung und Dienen als zentrale christlich-diakonische Werte propagiert wurden. Jesu Mahnung an seine Jünger „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein“ (Markus 10, 43), die sich zunächst kritisch auf die aus dem römischen Reich bekannten Herrschaftsstrukturen bezieht, hat die Kirchengeschichte tiefgehend geprägt: Die Folge war, dass die realen Macht- und Hier­archieverhältnisse in kirchlichen Handlungszusammenhängen fast immer als Dienst verschleiert und damit einer notwendigen Kritik entzogen wurden. Selbstliebe und Selbstachtung galten als sündig: Menschen fühlten sich von dieser Annahme klein gemacht und erniedrigt, weil sie ihre Fähigkeiten und Stärken nicht angemessen wahrnehmen, entfalten und darauf auch stolz sein durften – aus heutiger Sicht eine falsche und destruktive Alternative.

Anders verhält es sich beim pathologischen Narzissmus: Er zeichnet sich dadurch aus, dass die Akteure selbstbezogen, selbstsüchtig und eigennützig agieren und kaum in der Lage sind, andere Menschen, deren Gefühlslagen und Wünsche zur Kenntnis zu nehmen und angemessen auf sie zu antworten. In der frühen Sozialisation haben sie als Kinder emotional unzuverlässige, sprunghafte Eltern erlebt, die ihr Kind vor allem, wenn es besondere Begabungen besitzt de facto, zu ihrer eigenen Bestätigung missbrauchen: Die Kinder lernen früh, die Stimmungen der Eltern zu erspüren, sich nach ihnen auszurichten, um auf diese Weise deren Anerkennung und Bewunderung zu erreichen. Sie entwickeln dadurch ein „falsches Selbst“ (Donald Winnicott), bei dem nicht die eigenen Bedürfnisse im Vordergrund stehen, sondern die Erwartungen und Vorgaben anderer. Auf diese Weise ist pathologischer Narzissmus von einer tiefen Ambivalenz gekennzeichnet: Grandiose, übersteigerte Vorstellungen über die möglichen Fähigkeiten des eigenen Selbst bei gleichzeitig großen Selbstzweifeln, Unsicherheit, Ängsten und hoher Kränkbarkeit. Man spricht auch von einer narzisstischen Maske, also einer Maske der Großartigkeit und Macht, der Kompetenz und Selbstsicherheit, hinter der sich Gefühle von Ohnmacht, Unsicherheit und emotionaler Bedürftigkeit verbergen.

Neben einem persönlichen Narzissmus ist im Blick auf die Kirchen auch ein institutionell-theologischer zu nennen: Kritiker beklagen, dass sich in den gegenwärtigen Krisenphänomenen der Kirchen sehr viel Aufmerksamkeit auf die Transformationsprozesse fokussiert, das heißt, Kirchen und ihre Vertreter:innen kreisen um sich selbst, um den Erhalt von Strukturen und Finanzen. Der Fokus darauf, was Kommunikation des Evangeliums in der heutigen säkularen Gesellschaft jedoch konkret bedeutet und wie sie gelingen kann, tritt eher in den Hintergrund. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft der Kirchen. Glaubwürdigkeit ist aber für eine Institution, die keine äußeren Machtmittel zur Durchsetzung ihrer Ansprüche besitzt, die entscheidende Währung, um Menschen für ihre Sache zu gewinnen.

Kirchliche Ämter, besonders das Pfarramt, sind zweifellos geeignet, persönliche narzisstische Tendenzen zu verstärken und damit Schwächen zu kompensieren und zu überdecken. Pfarrpersonen üben ein geistliches Amt aus, das heißt einen überpersönlichen Auftrag, der sich letztlich aus einer göttlichen Beauftragung herleitet und ihnen auch in der Gegenwart und auch in der evangelischen Kirche noch einen gewissen priesterlichen Nimbus (oder Amtsbonus) verleiht: Im Gottesdienst agieren sie am Altar quasi im Bereich des Heiligen, in der Predigt legen sie das Wort Gottes mit der Macht der öffentlichen Rede aus (Vollmacht, Deutungsmacht!), amtieren bei Bestattungen an der Grenze von Leben und Tod, sollen zu allen Themen und Gelegenheiten des Lebens öffentlich etwas zu sagen haben, sind durch den Talar deutlich von den anderen Gläubigen unterschieden, repräsentieren eine immer noch sehr große Institution mit Millionen von Mitgliedern: Gibt es Größeres?

Zwar liegt die Leitung einer Gemeinde beim Kirchenvorstand, jedoch durch ihre Positions- und Expertenmacht als akademisch gebildete, beamtete Theolog:innen und durch ihre Repräsentanz der Kirche in der Öffentlichkeit kommt ihnen de facto deutlich mehr Aufmerksamkeit und Macht zu als anderen in der Gemeinde. Wer diesen Auftrag zusätzlich durch persönliches Charisma, überzeugende und glaubwürdige Ausstrahlung, durch Kommunikationsfähigkeit und (charmante) Eloquenz unterstreichen und vergrößern kann, erlebt Zuwendung, Anerkennung und Bewunderung gerade von Menschen, die nach Orientierung und Vorbildern suchen, sich auch gerne von anderen abhängig machen (besonders Kinder, Jugendliche oder ältere Menschen), aber gerade diese Beziehungsstruktur nicht durchschauen. Als Geistliche haben sie durch Predigt und Seelsorge Macht über die Gewissen, über die Lebensorientierung von Menschen. Michel Foucault hat von „Pastoralmacht“ gesprochen: eine subtile, durch Freundlichkeit, Anteilnahme und Fürsorge getarnte und damit immer potentiell übergriffige Form der Machtausübung, die Ausdruck eines persönlichen Narzissmus sein kann und diesen weiter verstärkt.

Gelebte Authentizität

Einerseits braucht die Kirche Menschen, die bereit sind, das geistliche Amt mit ihrer Persönlichkeit auszufüllen, denn diese Rolle besitzt nicht mehr wie in früheren Jahrhunderten aus sich selbst heraus Autorität, sondern lebt von der persönlichen Authentizität und Ausstrahlung derer, die sie ausüben; andererseits öffnen sich gerade an diesen Stellen Tore zum geistlichen, finanziellen und sexuellen Missbrauch, zu sexualisierter Gewalt. Die Verschwiegenheit, die von Amtsträger:innen mit Recht gefordert wird, ermöglicht gleichzeitig, dass die eigene Tätigkeit kaum transparent gemacht werden muss, zumal externe Kontrolle durch Vorgesetzte (Dienst- und Fachaufsicht!) in den Kirchen eher locker, um nicht zu sagen, nachlässig gehandhabt wird.

Narzissmus und Macht sind Zwillinge: Aus der Anerkennung und Bewunderung Anderer erwächst Macht und Einfluss (im Sinn der Fähigkeit zu gestaltendem Handeln und überzeugendem Reden); wer Orientierung und Hilfe anbieten kann, gewinnt Autorität und Renommee. Grandioser Narzissmus will mit offenen und subtilen Machtmitteln das erreichen, was er für sich zu brauchen meint; umgekehrt soll die Ausübung von Macht Selbstwert und Ansehen steigern, nicht primär die anstehende Sache voranbringen. Aber darüber wird selten offen geredet in der Kirche. Die genannte Warnung Jesu vor der Macht und das von dem Soziologen Max Weber verbreitete Verständnis von Macht als Fähigkeit, den eigenen Willen gegenüber anderen „auch gegen Widerstreben“ und mit welchen Mitteln auch immer durchzusetzen, haben dem Phänomen der Macht fast ausschließlich negative Konnotationen verliehen und die notwendigen kreativen oder produktiven Seiten von Machtausübung ausgeblendet. Erst Machtkonzepte von Michel Foucault oder Norbert Elias haben verstehen lassen, dass personale und strukturelle Beziehungen immer von „Machtbalancen“ (Norbert Elias), also wechselseitigen Beeinflussungen und Abhängigkeiten, geprägt sind. Machtfreie Interaktionen gibt es nicht, auch nicht in den Kirchen, auch da nicht, wo man sich mit „Bruder und Schwester“ anredet und der freundlichen Illusion anhängt, alle seien miteinander „auf Augenhöhe“. Als Konsequenz ist es notwendig, persönliche und strukturelle Machtphänomene zu unterscheiden, sie im Detail und zunächst ohne Wertung zu beobachten, um sie dann bewusst bewerten und gestalten zu können, statt sie unter dem Dienstbegriff zu verschweigen und zu verleugnen.

Verurteilung und Unterdrückung von Narzissmus und Macht in den Kirchen hat sich wiederholt als Fehler erwiesen: Sigmund Freuds These von der „Wiederkehr des Verdrängten“ lässt sich auch hier vielfältig beobachten: Dienst und Hilfe können in verschiedensten Facetten sehr machtvoll daherkommen, Freundlichkeit und Nächstenliebe fördern nebenbei und oft unbewusst das eigene Selbstwertgefühl.

Moralisierende Wertungen

Die Auseinandersetzung um Phänomene von Narzissmus und Macht in der Kirche beginnt zu spät, wenn sie erst im Zusammenhang mit den gegenwärtig verbreiteten Schulungen zur Prävention sexualisierter Gewalt einsetzt. Bereits in der regulären Berufsausbildung sollte für die Wahrnehmung solcher Impulse, die Bestandteil jeder Persönlichkeit sind, sensibilisiert werden (wie das zum Beispiel in pastoralpsychologischen Weiterbildungen geschieht). Moralisierende Wertungen lösen Beschämung aus, verhindern dadurch gerade offene Wahrnehmungen und Auseinandersetzungen über diese Teile der Persönlichkeit. Kirchliche Berufe sind Beziehungsberufe, also sollte das, was in allen Beziehungen zu beobachten ist – verschiedene Abstufungen von Narzissmus und Machtausübung – möglichst früh thematisiert und produktiv bearbeitet werden. 

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Michael Klessmann

Dr. Michael Klessmann ist Professor em. für Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel.

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