Ein Markenzeichen evangelikaler Theologie ist die Musik. Der Theologe und Kirchenmusiker Jochen Arnold leitet seit 2024 das Dezernat „Kirchliches Leben“ der Evangelischen Kirche von Westfalen. Der Experte für Systematische und Praktische Theologie stellt seinem Text über christliche Popularmusik im evangelikalen Kontext einen kurzen historischen Abriss voran, benennt zentrale theologische Inhalte und wirft dann exemplarisch einen Blick auf fünf besondere Lieder der Lobpreisszene.
Bis in die 1970er-Jahre zurück finden sich im europäischen Raum Spuren, welche die Ursprünge der heutigen Worship-Musik markieren. In Deutschland lassen sich grob zwei Richtungen unterscheiden, zum einen eine „pfingstlich-charismatische“ und zum anderen eine „neupietistisch-evangelikale“. Zur ersten gehören zahlreiche evangelische Freikirchen und international vernetzte Missionswerke wie „Jugend mit einer Mission“, zur zweiten besonders die Gemeinschaftsbewegung, die unter dem Motto „Kein anderes Evangelium“ ein Zeichen für eine „bibeltreue“ Theologie und Frömmigkeit innerhalb der Volkskirche setzen wollte. Eine wichtige flankierende Rolle spielten dabei evangelische Kommunitäten wie die Christusträger, die Jesus-Bruderschaft Gnadental, die Christusbruderschaft Selbitz und andere. Die Liederbücher Jesu Name, nie verklinget wurden ebenso zu Trägern der Verbreitung wie Du bist Herr oder später Feiert Jesus. Hier findet sich Liedgut, das bis in die Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts zurückreicht, vermischt mit Liedern amerikanischer Popkultur, vereinzelt auch African-amerikanische Spirituals und Chorusse.
Wichtig für die öffentliche Wirkung waren große Festivals wie etwa das Christival 1976 in Essen, bei dem unter anderem Billy Graham als Prediger auftrat. Die Jesus-People- und die Jesusbewegung aus den USA, die mit Großveranstaltungen wie dem Festival „Explo 72“ in Dallas ihren Anfang genommen hatte, schwappte damit auf den europäischen Kontinent über. Ihre musikalisch-hymnologische Keimzelle war unter anderem die Calvary Chapel in Kalifornien. In der charismatischen Erneuerungs- und Gemeindegründungsbewegung Vineyard entstanden melodisch einprägsame, biblisch orientierte Lieder wie etwa „Seek ye first the kingdom of God“ (Karen Lafferty), das mit dem deutschen Text „Suchet zuerst Gottes Reich in dieser Welt“ bereits Eingang in das Evangelische Gesangbuch (Nummer 182) fand. Später kamen wesentliche Impulse von der australischen Hillsong-Church, die 1983 gegründet wurde.
Prägende Liedermacher
Zur selben Zeit schufen in Deutschland Liedermacher wie Manfred Siebald, Peter Strauch, Jürgen Werth, Christoph Zehendner und Klaus & Hella Heizmann Lieder und Arrangements, die bis heute einen Teil des Liedrepertoires in Freikirchen und Landeskirchen bilden. Neben ihnen entwickelte sich – unterstützt etwa durch den Deutschen Evangelischen Kirchentag – ein Liedgut, das geistlich-theologische und politische Inhalte stärker miteinander verbindet. Namen wie Piet Janssens, Fritz Baltruweit, Eckhart Bücken, Eugen Eckert, Thomas Laubach, Gregor Linssen und viele andere stehen für eine Stilistik, die fast über zwei Generationen hinweg die deutschsprachige kirchliche Musikszene prägte und die besonders mit der Gattung des Neuen Geistlichen Liedes (NGL) verbunden ist.
Ab den 1980er-Jahren öffnete sich die pietistisch-freikirchliche Szene langsam für die Musik der charismatischen Bewegung: Bands mit E-Gitarren, Drumsets und aufwändiger Technik bestimmten zunehmend das Bild auch in den Gottesdiensten. In Deutschland ist diese Phase mit Namen wie Albert Frey, Lothar Kosse, Martin Pepper und Arne Kopfermann verbunden. Sie stehen für eine reflektierte Theologie zum einen und eine „authentische deutsche Ausdrucksform von Worship-Musik“ (Guido Baltes) zum anderen. Gegenüber klassisch gereimter Poesie, wie sie etwa im NGL noch vorherrschend ist, treten schlichte, assoziativ gereimte Texte mit bewusstem Rückgriff auf die Alltagssprache.
Primär in englischer Sprache
Von den späten 1990er-Jahren an kamen starke Impulse für die deutsche Lobpreis- und christliche Popszene zunehmend aus der Church of England, unter anderem geprägt durch die so genannten Fresh expressions of Church (Fresh X). Damit verbunden gaben Musiker wie Matt Redman wesentliche Impulse, die besonders Jugendkirchen und Jugendkultur erreichten. Die Rezeption und Adaption von Liedern wurden durchaus kritisch begleitet. Deutsche Lobpreistexte empfanden manche als kitschig oder gar peinlich, der Rückgriff auf englische Texte war oft die Folge. Zugleich zeichnete sich allerdings auch ab, dass ein authentischer Umgang mit aktueller Popkultur, ganz gleich welcher Prägung, primär über die englische Sprache funktioniert. Damit einher ging eine Professionalisierung der musikalischen Performance im Sinne einer bühnenfähigen „Eventkultur“. So wuchsen Ansprüche, die bis heute von gemeindlichen Möglichkeiten oft weit entfernt sind.
In den vergangenen zwei Jahrzehnten lässt sich neben einer erheblichen Ausdifferenzierung der christlich geprägten Popmusikszene ein doppelter Trend beobachten: Es gibt weiterhin ein bewusstes Ja zu einer emotional berührenden, oft „gefühlvoll-langsamen“ und gerade darin spirituell wirksamen Praise- and Worship-Musik. Deren erstes Ziel ist es, den dreieinigen Gott zu loben und sich im gesungenen Gebet Gott zu öffnen. Zugleich benennen Komponist:innen bewusst ihre eigenen geistlich-theologischen Wurzeln. Neben der Verherrlichung Gottes wollen sie auch Akzente im Bereich von Klage und kontextueller Verkündigung setzen. Wichtig ist ihnen die persönliche Verbindung mit ihrer Musik im Sinne eines „gestalteten Ausdrucks eigener Frömmigkeit“ (Guido Baltes), die besonders für die jüngere Generation prägend wird. So ist eine ganz eigene Form von Lobpreis-Spiritualität entstanden, die mit neuer Intensität von einer „Liebesbeziehung zu Jesus“ spricht, die Tobias Faix und Tobias Künkler 2018 in ihrer Studie Generation Lobpreis und die Zukunft der Kirche untersucht haben.
Betrachten wir in einem zweiten Schritt theologische Schwerpunkte internationaler (pentekostaler) Lobpreismusik: Der malaysischen baptistischen Theologin Sooi Ling Tan zufolge ist es sowohl das Bekenntnis zu einem allmächtigen Gott (Chris Tomlin, How great is our God) wie zu einem persönlichen Herrn (Darlene Zschech, Shout to the Lord), die viele Lieder auszeichnen. Zentrales Motiv ist die Liebe Gottes, verbunden mit der Vergebung der Sünden, das am Wirken Jesu Christi festgemacht wird. Damit ist eine christologisch-soteriologische Mitte des Liedguts erkennbar, die mit dem Kern der neutestamentlichen Botschaft (vergleiche Johannes 3,16) kongruent ist. Ebenso überraschend wie irritierend ist jedoch, dass Christusattribute wie König, Löwe oder Lamm gleichsam ohne Erläuterung oder Einordnung gebraucht werden. Wichtig scheint freilich auch, dass zumindest in einzelnen Liedern auch Aussagen über persönliche Trauer- und Verlusterfahrungen vorkommen. Die Rede von einem „Gott, der gibt und nimmt“ findet sich etwa in „Blessed be Your Name“ (Matt und Beth Redman), das unter dem Eindruck des Nine Eleven 2001 entstanden ist.
Die besonders an der Hillsong-Bewegung (vergleiche das Album Blessed, 2002) vielfach kritisierte „prosperity doctrine“ (Wohlstandstheologie) scheint eher im Rückgang zu sein. Tan schreibt: „Mit den Jahren hat man die wohlverdiente Kritik beherzigt und sich von kontroversen theologischen Inhalten wie Wohlstand und der Unmittelbarkeit der Antworten Gottes wegbewegt, hin zu einer ausgewogeneren Entwicklung, die Gottes Gegenwart im Leid und in gesellschaftlichen Umbrüchen thematisiert.“ Allerdings ist in jüngster Vergangenheit auch in Deutschland ein Trend hin zu einer neuen Theologie der Allmacht und Königsherrschaft Gottes erkennbar, die zum Teil mit ultrakonservativen politischen Positionen und Machtphantasien verbunden wird. Darauf wird besonders kritisch zu achten sein.
Zuletzt werfe ich ein Blick auf eine kleine Auswahl von fünf Liedern, die – zumindest für mich – vier Jahrzehnte von Lobpreismusik im internationalen und deutschen Kontext repräsentieren. Die Links zu diesen Liedern finden Sie am Ende dieses Textes.
Rick Founds Lord, I lift Your name on high entstand schon 1979 und ist damit gleichsam Urgestein der Worshipmusik. In den Jahren 1997 bis 2003 war das Lied der meistgespielte Titel auf CCLI und blieb seither unter den Top 10. Der Liedtext (vergleiche freiTöne 88) beschreibt Jesu Kommen in die Welt und ihre Rettung durch seinen Tod am Kreuz. Zentral ist die Aussage, dass Jesus „persönlich für mich bezahlt hat“ und dann zum Himmel erhoben wurde. Der lutherisch geprägte Founds folgt damit der in Philipper 2,6-11 angelegten Drei-Stufen-Christologie beziehungsweise den Stationen Weihnachten, Karfreitag und (Ostern) Himmelfahrt unter Betonung einer persönlichen Glaubens-Aneignung.
Brenton Browns Lord, Reign in Me (Vineyard 1998, freiTöne 65) spiegelt in eindrücklicher Weise das Staunen über die Schönheit der Schöpfung, die von Gottes Majestät kündet, verbindet sie aber zugleich mit der Erfahrung, dass dieser große Gott in „mir“ regiert. So werden pointiert die schöpferische Allmacht und persönliche Nähe Gottes im christlichen Leben besungen, wie sie auch schon Psalm 8,5 („Was ist der Mensch?“) anklingen lässt. Brown schließt mit Bekenntnis und Bitte: „You are the Lord in all I am – so won’t you reign in me again.“
Albert Freys viel gesungenes Anker in der Zeit (freiTöne 112) ist vielleicht der Worship-Klassiker aus dem deutschsprachigen Kontext. Das Lied nimmt in Strophe 1 große Worte biblischer Tradition auf: „bedingungslose Liebe“, „unerschütterliche Hoffnung“ und „Gewissheit unseres Glaubens“ (1. Korinther 13). In Strophe 2 werden sie als „Versöhnung selbst für Feinde“ oder „echter Friede nach dem Streit“ konkretisiert. All dies kulminiert in einem Refrain, der Musik Gottes Sohn als „Zentrum der Geschichte“ und „Anker in der Zeit“ preist. Das Lied feiert Jesus Christus als A und O in Zeit und Ewigkeit (Hebräer 13,8). Ein eingängiges rhythmisches Muster von zwei Takten (mit vielfach durchgehenden Synkopen) zieht sich durch und macht das Lied zum Ohrwurm, der auch nach 25 Jahren noch emotionale Berührung auslöst.
Bewusst kontextuell und emotional operiert Tobi Wörner in seinem Song Du tust (freiTöne 89). Das lyrische Ich sucht nach Heimat, Glück und Frieden und findet in einem göttlichen Du (ohne konkrete Namensnennung) Liebe und Vergebung. Der Song, der mit zahlreichen Klingern vor dem Vokal „u“ spielt, kulminiert in einer Stafette von (männlichen) Prädikationen für das göttliche Gegenüber: „Mein Freudeschenker, mein Glücklichmacher, mein Friedensbringer und mein Worteinhalter, mein Liebesspender bist du. Du tust im Innern meiner Seele gut, und du tust, was Balsam auf den Wunden tut, und du suchst mich, wenn ich mich in mir verlier.“ Ob mit diesem Text die Grenze zum Kitsch überschritten ist, beziehungsweise diese Grenzüberschreitung problematisch ist, muss wohl jede und jeder selbst entscheiden. Mir persönlich bleiben die männlichen Attribute in eigens dafür kreierten Kunstwörtern eher fern. Über die gemeindliche Singbarkeit wäre gewiss auch zu diskutieren.
Zuletzt ein Blick auf die Musikgruppe Urban Life Worship in Ludwigsburg. Anthea Fuchs präsentierte 2022 unmittelbar nach der Pandemie den Song Schaffe Raum: „Vor dir leg ich alles hin / Was mich quält und was ich bin / Alles geb ich dir Herr. / Ich schaffe Raum für dich / Tu was auch immer du willst Herr. Reiß Mauern ein / Die mich von dir trennen / Brich alles auf / Dass dich in mir eingrenzt / Dein Plan ist größer.“ Der einfache Gebetstext drückt eine Lebenshaltung vor Gott aus, die sowohl fasziniert wie befremdet. Denn können Menschen wirklich selbst Gott in ihrem Leben Raum schaffen? Und ist die völlige persönliche Hingabe an Gott Ziel unserer Existenz? Aber auch: Braucht es womöglich eine neue Radikalität der Gottesbeziehung, für die nur Gott selbst sich Raum bei uns schaffen kann? Mit der Anspielung auf das „Deus semper maior“ (in Anthea Fuchs’ Liedtext heißt es: „Dein Plan ist größer“) schließt der Song, der sich in entwaffnender Schlichtheit Gott ausliefert. Ob das in komplexen Zeiten wie heute ausreicht?
Ein reiches Feld
Fazit: Der Durchgang durch die historischen Wurzeln, theologischen Kernaussagen und konkreten Beispiele christlicher Worshipmusik zeigt ein reiches Feld. Ohne diesen Aspekt evangelikalen Christentums wäre unsere kirchliche Landschaft definitiv ärmer. Es wäre daher definitiv falsch, bei der Liedauswahl, wie sie aktuell etwa für ein neues Evangelisches Gesangbuch zu treffen ist, am musikalisch-spirituellen Reichtum dieser Lieder vorbeizugehen.
Angesichts des Reichtums unserer kirchenmusikalischen Tradition und der Vielzahl aktueller Musikstile und ihrer theologischen Akzente wäre es allerdings auch eine erhebliche Engführung, wenn wir in kirchenmusikalischer Ausbildung, liturgischer Gestaltung und gemeindlicher Arbeit nur noch auf diese Stilistik setzen würden.
Jochen Arnold
Jochen Arnold ist Professor für Evangelische Theologie an der FH Hannover.