Evangelikale mit Rechtsdrall?
Driftet der Evangelikalismus nach rechts? Parallel zum Aufstieg der AfD stehen konservative Christen in Deutschland verstärkt im Verdacht, rechtspopulistischen oder gar rechtsextremen Politikentwürfen Vorschub zu leisten. Aber stimmt das? Der Theologe Martin Fritz, Referent für wissenschaftliche Grundsatzfragen bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin (EZW), sieht durchaus Anhaltspunkte dafür. Doch er warnt vor Übertreibung.
Seit einiger Zeit steht der Evangelikalismus in Deutschland verstärkt unter öffentlicher Beobachtung. Die ungebrochene Unterstützung einer breiten Front US-amerikanischer Evangelikaler für Donald Trump, aber auch gewisse Erscheinungen hierzulande haben Besorgnis ausgelöst. Sind Entwicklungen wie in Amerika auch in Deutschland denkbar? Welche Rolle spielen konservative Christen beim hiesigen Aufschwung des Rechtspopulismus, und wohin wird sich die Szene bewegen? Drohen uns am Ende Verhältnisse wie in den USA, wo ein gleichermaßen enthusiastischer wie reaktionärer Glaube die Wissenschaft verdrängt und die Demokratie beschädigt? Die mediale Berichterstattung der vergangenen Zeit spiegelt diese Sorgen – und dürfte sie beträchtlich verstärkt haben. In einer Vielzahl von Beiträgen wurde der Eindruck vermittelt, ungeachtet aller Diagnosen vom Niedergang des Glaubens seien starke religiöse Gegenkräfte am Werk, die auf die politische Lage in Deutschland einen gefährlichen Einfluss nehmen könnten. Drei Beispiele: Im Sommer 2024 fand in München zeitgleich zum Christopher-Street-Day eine neocharismatisch-evangelikal dominierte Glaubenskonferenz (UNUM24) statt. Kommentatoren erblickten darin eine kalkulierte Provokation „rechtsradikaler“ Christen, um politische Herrschaftsansprüche für ein homophobes, antipluralistisches und undemokratisches Christentum anzumelden.
In einer Pro7-Doku vom Herbst 2024 wurden einige deutsche Akteure recht unvermittelt neben extreme Auswüchse des US-Evangelikalismus gestellt, unter dem dramatischen Titel „Radikale Christen und ihr Griff nach der Macht“. Die Botschaft: Der christliche Extremismus aus Amerika wurde längst nach Deutschland importiert, das amerikanische Szenario ist eine reale Gefahr. Als dann im Frühjahr das evangelikale Hip-Hop-Duo „O’Bros“ an der Spitze der deutschen Album-Charts stand, waren erneut warnende Stimmen zu vernehmen. Songs über Glaubenskraft und Gottesmacht: „Einfach nur ‚christlich‘“, so wurde gefragt, „oder ein Einfallstor für das reaktionäre Gedankengut der religiösen Rechten?“ Ist die verbreitete Hermeneutik des politischen Verdachts gegenüber dem Evangelikalismus in Deutschland gerechtfertigt? Oder haben wir es mit einem Fall von Medienhysterie zu tun? Eine sachgemäße Antwort kann nicht eindeutig ausfallen. Schon deshalb, weil der Begriff „evangelikal“ unscharf ist. Er beschreibt eine Spielart konservativen Christentums protestantischer Herkunft, gekennzeichnet durch wörtliches Bibelverständnis (Biblizismus), eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus (Christozentrismus), einen Fokus auf Bekehrung und Heiligung (Konversionismus) sowie ein hohes Evangelisierungsengagement (Aktivismus). Hinzu kommt eine charakteristische Opposition zur modernen „Welt“ und ihrem liberalen „Zeitgeist“ (Dualismus). Diese Kennzeichen treten aber in sehr unterschiedlichen Ausprägungen auf. Daraus folgt zweierlei: Die Grenzen nach außen sind fließend. Schon aus diesem Grund kann niemand beziffern, wie viele Evangelikale es gibt, in Deutschland oder weltweit. Zudem ist die fragliche Strömung in sich hochgradig divers, und zwar religiös, theologisch, kulturell und politisch. Aussagen über „den Evangelikalismus“ sind daher ähnlich problematisch wie solche über „den Protestantismus“ oder „das Christentum“.
Was etwa die Bindung an den Wortlaut der Bibel angeht, gibt es beweglichere und rigorosere Richtungen, bis hin zum Extrem des genuinen Bibelfundamentalismus. Nicht alle Evangelikalen glauben an die Erschaffung der Welt in sechs Tagen! Wichtig ist außerdem die Differenz zwischen dem „klassisch“ biblizistischen und dem pfingstlichen Evangelikalismus, dessen jüngste Erscheinungsform als „(neo-)charismatisches Christentum“ bezeichnet wird. Die dort gepflegte Frömmigkeit mit ihrer Fixierung auf den Heiligen Geist und seine Wundergegenwart wird von manchen Vertretern eines nüchternen „Bibelevangelikalismus“ nicht weniger entschieden abgelehnt als der gemeinsame Hauptgegner des liberalen Christentums mit seinen verpönten Anpassungen an den weltlichen Geist der Gegenwart. Politisch ist das Spektrum ebenfalls breiter als viele denken. Selbst in den USA gibt es einen linken Flügel, der sich intensiv gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit einsetzt. Des ungeachtet dürfte die Mehrheit der Evangelikalen in Deutschland einem gesellschaftspolitischen Konservativismus zuneigen. Beobachtungen in diesem Feld werfen nun die Frage auf: Vollzieht sich hier eine politisch erhebliche Verschiebung in Richtung rechtspopulistischer oder rechtsradikaler Haltungen?
Für eine seriöse Antwort kann man sich nicht ohne Weiteres auf die Medienberichterstattung stützen. Zwar gibt es inzwischen durchaus sachgemäße Beiträge zum Thema, aber ein Hang zur Pauschalisierung und Dramatisierung ist immer noch verbreitet. Das hat mit journalistischen Zuspitzungszwängen zu tun, gesteigert in Social-Media-Formaten, häufig außerdem mit mangelnden Kenntnissen in Sachen Religion und mit einem spürbaren Vorbehalt gegenüber allem Konservativen.
Anfälligkeit für politische Abwege
Man sollte sich vor genereller Medienschelte hüten, weil man damit ein Element unserer demokratischen Kultur untergräbt. Konkrete Medienkritik ist bei diesem Thema dennoch angebracht. Denn immer noch wird der Evangelikalismus allzu oft unkundig und einseitig behandelt. Das hat unerfreuliche Folgen: Es wird dadurch ein Zug an ihm verstärkt, der tatsächlich eine Anfälligkeit für politische Abwege birgt. Und es wird den wirklich bedenklichen Figuren und Netzwerken leicht gemacht, sich gegen Kritik zu immunisieren.
Evangelikale streben nach einem möglichst „bibelwortgetreuen“ und „jesusnahen“ Glauben, was sie in einen prinzipielleren Gegensatz zu ihrer Umweltkultur bringt als andere Christen. Dieser oppositionelle Einschlag intensiviert die Frömmigkeit und den inneren Zusammenhalt, woraus auch wertvolle Impulse für die Gesellschaft hervorgehen können. Aus dem Bewusstsein, „nicht von dieser Welt“ zu sein, erwachsen aber mitunter auch Gefühle kultureller Isolation und sozialer Marginalisierung. Zumal dann, wenn sich die Gesellschaft weiter von ehemals geteilten Wertvorstellungen entfernt. Wird man dann auch noch regelmäßig Ziel öffentlicher Diskreditierung – „Evangelikale sind menschenfeindlich und rechts!“ –, können sich diese Gefühle noch einmal vertiefen. Um sie zu verarbeiten, inszenieren sich manche gerne als Opfer einer großen Christenverfolgung. Teils verwandelt sich die Ablehnung aber auch in Gegenaggression: Die Abgrenzung zur „Welt“ wird dann schroff, die Abqualifizierung der Ungläubigen verächtlich, das Misstrauen gegenüber den weltlichen Institutionen unerbittlich. Von der Dauerkränkung ist es nicht weit zur populistischen Wut. Darum hat die pauschale Herabwürdigung konservativer Christen das Zeug zur self fulfilling prophecy.
Grobe Kritik am Evangelikalismus hat aber noch einen anderen Nachteil: Die Betroffenen können sich ihr mühelos entziehen. Sie müssen nur auf das Überzogene hinweisen, um auch die berechtigten Aspekte zu entkräften: „Alles antievangelikale Vorurteile!“ Als Beobachter fragt man sich oft: Wie kann man Leuten, die man für gefährlich hält, eine derart bequeme Ausflucht bieten? Denn es gibt ja gute Gründe für Kritik. Auch bei den angeführten Beispielen. Hauptredner auf der UNUM24 war Bill Johnson, der Gründer der kalifornischen Bethel Church. Er vertritt ein steil supranaturalistisches, forciert irrationalistisches und auf „geistliche Kriegsführung“ gebürstetes Pfingstchristentum, verbreitet die Verschwörungstheorie von der „gestohlenen“ US-Wahl 2020 und befürwortet nach wie vor Konversionstherapien. Wenn man einen solchen religiösen Phantasten hofiert, muss man sich die Frage gefallen lassen, was man selber im Schilde führt, religiös wie politisch. Aber die gesamte Konferenz eine „menschenfeindliche“ Veranstaltung und ein Signal für einen „christlichen Gottesstaat“? Schon konnte man die Kritik spöttisch weglächeln.
Offenkundige Übertreibung
In der Pro7-Dokumentation wurde Leonard Jäger (@ketzerderneuzeit) vorgestellt, der als YouTuber seit Jahren reichsbürgernahe Verschwörungsmythen verbreitet. Auch nach seiner Bekehrung und Taufe im Jahr 2024 betätigt er sich weiter als unzweifelhaft rechtspopulistischer Influencer, nun aber mit „christlichen“ Einsprengseln, stärker queerfeindlicher Ausrichtung – und rasant ansteigenden Followerzahlen. Wer weiter öffentlich seine Freundschaft mit ihm inszeniert und gemeinsam ein „christliches“ Modelabel mit ihm führt wie die Influencerin Jasmin Friesen (früher Neubauer, @liebezurbibel), muss sich die Frage gefallen lassen, ob sie seine politischen Ziele teilt. Aber Christen kurz vor dem „Griff nach der Macht“ wie in den USA? Die offenkundige Übertreibung erlaubte es ihr, sich mit einem „Wundert euch nicht, wenn die Welt euch hasst!“ aus der Affäre zu ziehen.Wer schließlich wie die „O’Bros“ bei der UNUM24 auftritt oder sich mit Jäger ablichten lässt, darf sich zumindest nicht wundern, wenn Anspielungen auf die Herrschaft Gottes in den eigenen Texten mit der aggressiven Herrschaftstheologie eines Bill Johnson oder mit den Umtrieben christlicher Rechtspopulisten assoziiert werden. Aber „ein Einfallstor für das reaktionäre Gedankengut der religiösen Rechten“? Gemessen an ihren harmlosen Songs ist das so steil, dass man sich wiederum nicht wundern dürfte, würden die Brüder unbekümmert weitermachen wie bisher – nur vielleicht eine Spur aggressiver gegen die Instanzen der „Welt“.
Es gibt gute Gründe, Entwicklungen im Evangelikalismus zu kritisieren. Die Kritik muss nur kundig sein, differenziert und zielgenau. Jedenfalls dann, wenn man mehr erreichen will als moralische Selbstbestätigung auf der eigenen und Empörung auf der anderen Seite. Kritik ist nötig, weil sich tatsächlich rechtspopulistische Tendenzen innerhalb der evangelikalen Sphäre erkennen lassen. Wie kommt es dazu? Viele Evangelikale fühlen sich von einer sich pluralisierenden und liberalisierenden Gesellschaft in die Defensive gedrängt. In der Folge glauben sich manche von ihnen zur Gegenoffensive gegen den „linken Mainstream“ gerufen. Dazu werden konservativ-christliche Grundmotive wie „Schöpfungsordnung“ oder „christliches Abendland“ direkt auf Themen wie „Homoehe“, „Genderismus“ oder „Islamisierung“ bezogen und dabei in Form und Inhalt verschärft. Das Engagement für sexuelle Minderheiten wird dann zum „Genderwahn“ und „der Islam“ zum „Feind Europas“ erklärt.
Einer der lautesten Aktivisten dieser kulturkämpferischen Erhitzung ist Peter Hahne, ehemals ZDF-Journalist und EKD-Ratsmitglied. Inzwischen hat der prominente Pietist seine Berufung darin gefunden, auf den einschlägigen Medienkanälen aus allen Rohren gegen die „irren Altparteien“ und die „atheistischen Amtskirchen“ zu feuern. Seine Invektiven garniert er stets mit Bibelworten, im erhebenden Selbstgefühl, dem systemverdrossenen Publikum damit nebenbei auch noch das Evangelium zu bringen. Und in Anerkennung dieses unermüdlichen „Straßeneinsatzes“ wird der christliche Meisterpopulist von manchen kirchlichen wie freien Werken und Gemeinden ganz unverdrossen eingeladen, um bei ihnen besucherstarke Hochfeste frommer Weltopposition zu zelebrieren.Wie groß ist die Anfälligkeit von Evangelikalen für solche polarisierenden Stimmen und ihre AfD-Vorfeld-Propaganda? Niemand kann das beziffern. Aber Indizien erlauben den Schluss: Ganz unerheblich kann die Rolle des Evangelikalismus beim Aufstieg des Rechtspopulismus in Deutschland nicht sein. Das Phänomen ist also ernst zu nehmen. Daraus ergeben sich verschiedene Aufgaben. Für Journalisten: mehr Religionskunde, mehr Toleranz für Konservative, mehr Treffsicherheit im Urteil! Damit steht und fällt das Gewicht der Beiträge. Für die Kirche: das Gespräch mit den Evangelikalen pflegen, ohne plakative Abgrenzungen, aber nicht ohne respektvolle Kritik! Solch kritische Dialoge sind im gereizten Klima von heute zwar schwierig, aber besonders wichtig.
Warnendes Beispiel
Vor der schwierigsten und dringlichsten Aufgabe dürften jedoch die Evangelikalen selber stehen: Sie haben einen kritischen Dialog untereinander zu führen. Auch hierbei ist eine Gratwanderung zu meistern. Zum einen ist Mut zu innerevangelikaler Kritik gefragt. Zu selten hört man aus der gemäßigten Mitte klaren Widerspruch gegen die Radikalen. Bei vielen scheint eine Art Wagenburgmentalität zu herrschen: Man fühlt sich im gemeinsamen Abwehrkampf gegen die gottferne Welt zu kritikloser Einheit verpflichtet, deshalb wird bei den eigenen Leuten alles toleriert. Aber die USA sind ein warnendes Beispiel: Wenn sich die Mitte nicht wehrt, wird das Ganze von den Extremen übernommen – und dadurch zutiefst beschädigt. Zugleich besteht die Herausforderung darin, das innerevangelikale Gespräch aufrecht zu erhalten, trotz aller internen Spannungen. Der Kontakt zwischen den Gemäßigten und den Wütenden darf nicht abreißen, sonst versinken viele ganz in den Erhitzungsblasen der Gleichgesinnten. Und was sich hier an dumpfem Zorn zusammenbraut, ist tatsächlich gefährlich. Es bedroht das Miteinander in unserer Gesellschaft. Und es bedroht die Integrität des Glaubens, unter dessen Panier sich die erhitzten Gemüter zum Kulturkampf sammeln.
Literaturhinweis
Eine Langfassung dieses Artikels wird im November in der „Zeitschrift für Religion und Weltanschauung“, Heft 6/2025, erscheinen. (www.nomos.de/zeitschriften/zrw/)
Martin Fritz
Dr. Martin Fritz ist Wissenschaftlicher Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin und Privatdozent für Systematische Theologie an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau.