Der Aufstand ist abgeblasen
Die Gründungsversammlung der „Bekenntnisbewegung Kein anderes Evangelium“ im Jahre 1966 gilt als Beginn der neueren Geschichte des deutschen Pietismus. Ausgehend von diesem Treffen, bei dem er selbst als Kind dabei war, beschreibt und analysiert der Journalist Wolfgang Thielmann die vergangenen Jahrzehnte und blickt auf neuste Entwicklungen in der Szene.
Die Westfalenhalle in Dortmund war gefüllt wie noch nie seit ihrem Neubau acht Jahre zuvor. 20 000 Menschen, 3 000 mehr als die Halle Sitzplätze hatte, waren gekommen. Im ovalen Parkett, wo sonst die Prominenz der Sechstagerennen speiste und tanzte, saßen am 6. März 1966 schlichte evangelische Christen. Sie besetzen die Tribünenklappstühle aus Formholz auf den beiden Rängen bis hoch an die sanfte Wölbung der freitragenden Stahlbetonkuppel und drängten sich in Gängen. Mitten im Parkett stand eine Bühne mit einem großen weißen Kreuz. Ein kleiner Kreis von Männern, die in der evangelischen Kirche Autorität besaßen, hatte zu einer Protestkundgebung gegen die „moderne Theologie“ eingeladen. Begleitet von 1 000 Bläsern aus den Posaunenchören des CVJM „brausten Glaubenslieder durch den Raum“, erinnerte sich der Hauptredner Walter Künneth.
Der alte Glaube probte den Aufstand. Schlüsselfigur der „modernen Theologie“ war damals der Marburger Theologe Rudolf Bultmann. Der wollte die Botschaft der Bibel aus ihrem antiken mythologischen Kleid befreien und sie neu interpretieren im Zusammenhang der Wirklichkeitserfahrung der Existenzphilosophie. Bultmann beschrieb die Auferstehung Jesu als Erfahrung der frühen Christen. Wofür er stand, das hatte an Universitäten Fuß gefasst und begann, den Pfarrernachwuchs zu begeistern. Kirchenleitungen dagegen brachte die moderne Theologie in Verlegenheit. Denn die Mehrheit der Kirchenmitglieder, die die Gotteshäuser füllte, war kleinbürgerlich, konservativ, pietistisch fromm und engagiert. Der allgegenwärtige CVJM und die vielen Missions- und Evangelisationswerke der Zeit hatte die „Morgenwache“ etabliert: zwischen Aufstehen und Frühstück eine Viertelstunde Bibel lesen, meditieren und beten. Die Bibel und ihre Erzählungen, das waren für sie Tatsachen. Bultmann war der personifizierte Angriff auf den Glauben, der Guru eines anderen Evangeliums.
Walter Künneth, der Erlanger Professor für Systematische Theologie, gehörte zu den Autoritäten der alten Lehre. Im „Dritten Reich“ hatte der damals junge Leiter der „Apologetischen Centrale“ (aus ihr ging später die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen hervor) ein Schlüsselwerk der nationalsozialistischen Ideologie zerlegt, den „Mythus des 20. Jahrhunderts“ aus der Feder des NS-Chefindoktrinators Alfred Rosenberg. Nun stand der 65-Jährige auf dem Podium der Westfalenhalle und verurteilte die Theologie Rudolf Bultmanns und seiner Schüler. „Gibt es noch eine christliche Verkündigung“, fragte Künneth die 20 000, „wenn die Realität der Auferstehung Jesu als tatsächlich geschehenes Ereignis in Zweifel gezogen, wenn sie in vieldeutbare, nicht verständliche Vokabeln umgeschmolzen wird?“ Die alte Lehre galt als „bibeltreu“. Bibeltreue war die Grundlage der persönlichen Frömmigkeit und der missionarischen Orientierung in der Bewegung. Sie bedeutete mit der Zeit auch: ein konservatives Eheverständnis, ein Nein zu gelebter Homosexualität und zur Frauenordination und kein Sex vor der Ehe.
Gewaltige Folgen
Der Aufstand in der Westfalenhalle zeitigte gewaltige Folgen. Bis in die Nachwendezeit in den 1990er-Jahren wurde die Bewegung, die er auslöste, zu einer kirchenpolitischen Macht und stellte den großen Teil der lebendigen Mitte evangelischer Gemeinden mit Schwerpunkten in Württemberg, Baden, dem Rheinland, Ostwestfalen und der südlichen Lüneburger Heide. Aus dem Treffen in Dortmund ging die „Bekenntnisbewegung Kein anderes Evangelium“ hervor. Sie verband sich durch personelle Überschneidungen mit der einflussreichen „Evangelischen Allianz“. Die Allianz hatte in der Nachkriegszeit Massenevangelisationskampagnen mit dem amerikanischen Prediger Billy Graham in Zelten für mehrere tausend Personen veranstaltet. Das verschaffte ihr Ansehen an der kirchlichen Basis, in den Freikirchen und im CVJM. Graham kam wenige Monate nach der Dortmunder Kundgebung zu einem Weltevangelisationskongress nach Berlin.
Konservative Parallelorganisationen
Doch auch die Spannung in den Kirchen wuchs. Die Studentenproteste der Jahre um 1968 erfassten die theologischen Fakultäten. Zudem konnte sich die neue Theologie in den kirchlichen Werken weiterentwickeln. Darauf reagierte die Bewegung mit einem beispiellosen Aufbau konservativer Parallelorganisationen. Als Konkurrenz zum Evangelischen Pressedienst (epd) rief die evangelikale Initiative 1971 den „Informationsdienst der Evangelischen Allianz“ (idea) ins Leben, als Alternative zum Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) die „Konferenz evangelikaler Publizisten“ (KEP), als Parallele zum evangelischen Missionswerk (EMW) die „Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen“ (AEM) und neben „Brot für die Welt“ das Spendenwerk „Hilfe für Brüder“. Als evangelikaler Wettbewerber zum Evangelischen Entwicklungsdienst machten die „Christlichen Fachkräfte International“ (CFI) der Kirche das Monopol auf staatliche Entwicklungsgelder streitig.
In Basel und Gießen entstanden „bibeltreue“ Hochschulen. Und weil die „moderne Theologie“ auf den damals kriselnden, besucherschwachen Kirchentagen heimisch wurde, die überdies den als pluralistisch verdächtigten „Markt der Möglichkeiten“ erfanden, antwortete die evangelikale Bewegung mit der Organisation von „Gemeindetagen unter dem Wort“ mit Frontalverkündigung.
Die ersten Gemeindetage zogen mehr Teilnehmer an als die Kirchentage, die erst ab 1977 wieder ansehnlichere Besucherzahlen gewannen. Die Angst vor einer Kirchenspaltung ging um. Der Cheftheologe des Kirchentages, Heinz Zahrnt, nannte die Bewegung in Anspielung auf den Vietnamkrieg den „Pietkong“. Die Bewegung selbst legte sich den Namen „evangelikal“ zu. Das versprach Einheit und Kampfkraft. Gegen die evangelikale Fraktion in der Synode der EKD, die „Lebendige Gemeinde“, war keine Wahl zu gewinnen. Seit 1979 gehörte den Evangelikalen ein Sitz im Rat der EKD, zuerst besetzt von der Stuttgarter Germanistin Erika Kimmich, dann vom Journalisten Peter Hahne und seit 2015 vom pfälzischen Pfarrer Michael Diener.
In den 1980er-Jahren integrierte der Evangelikalismus die charismatische Bewegung. Vor allem aber der Aufstieg des Nachrichtendienstes idea seit 1978 verschaffte ihm Einfluss und einte ihn nach innen, auch wenn idea wegen seiner rechten Ausrichtung zugleich polarisierte. Doch blieb die Bewegung ein Zweckbündnis dreier Gruppen: der Bekenntnisevangelikalen, die sich gegen Kirchenleitungen positionierten, der evangelisationsorientierten Allianz und der Charismatiker mit ihrer enthusiastischen, individuellen Frömmigkeit. Die Gesamtzahl der Evangelikalen in Deutschland wird heute auf 1,5 Millionen Menschen geschätzt.
Kritiker staunten, wie modern die konservative Bewegung agierte: 1970 organisierten Billy Graham und die Evangelische Allianz in der Westfalenhalle eine Evangelisation in unvorstellbaren Dimensionen. Die Deutsche Bundespost übertrug die sieben Abende aus Dortmund live per Satellit zu Veranstaltungshallen in 35 europäische Städte mit insgesamt 100 000 Besuchern. Normale Bundesbürger kannten solche Reichweiten nur aus den zwei Fernsehanstalten ARD und ZDF. 1976 initiierte der Essener Jugendpfarrer und spätere CVJM-Generalsekretär Ulrich Parzany einen Jugendkongress mit dem Namen „Christival“ mit mehr als 12 000 Teilnehmern. Bis jetzt erlebte das Format sieben Auflagen mit bis zu 30 000 Besuchern. Das achte Christival ist für 2028 in Magdeburg geplant. In den frühen 1980er-Jahren knüpften die Evangelikalen Kontakte zu den neu aufkommenden privaten Hörfunk- und Fernsehanbietern. Die Kirchen hielten lange kritisch Abstand zum Privatfernsehen. In den Pionierjahren des Internets erfand die Bewegung die Tele-Evangelisation „ProChrist“ mit Übertragungen in Gemeinden oder auch private Wohnzimmer. Großveranstaltungen gehören zu ihrer Identität. 1996 begann die Chicagoer Megachurch „Willow Creek“ in Deutschland und Europa mit Kongressen für moderne Gemeindearbeit. Seit 1999 besetzt idea mit einer Serie von Kongressen für christliche Führungskräfte eine Marktlücke. Über die Kongresse etablierte die Bewegung auch eine christliche Rock-, Pop- und Liedermacherszene, Jahrzehnte bevor die evangelische Kirchenmusik das Genre entdeckte.
Doch trotz aller strukturellen Modernität geriet die Bezeichnung „evangelikal“ in Kirche und Gesellschaft zum Stigma, zur intellektuellen No-Go-Area, zum Begriff für ein intolerantes, gestriges und kleinbürgerliches Christentum. Ihr missionarischer Impetus wurde nie verstanden, auch, weil die angelsächsische Theologie, in der er gepflegt wurde, jenseits des Gesichtskreises deutscher Fakultäten lag. Der Greifswalder Theologe Michael Herbst sprach von einer „Ekelschranke“ gegenüber den Evangelikalen. Der Wiener Islamwissenschaftler Rüdiger Lohlker nutzte das Negativimage des Begriffs und bezeichnete muslimische Salafisten als „Evangelikale des Islams“.
Mit dem allgemein sich beschleunigenden Bedeutungsverlust der Kirchen seit den 1990er-Jahren begann auch der Rückgang der Bewegung. Jüngere Generationen verstanden die Abgrenzung zur modernen Theologie und zur verfassten Kirche nicht mehr. Die wachsende Bedeutung von Bildung, der gesellschaftliche Wandel und die Digitalisierung lösten festgefügte Überzeugungen auf, etwa das Nein zur gleichgeschlechtlichen Ehe, die in der Gesellschaft mittlerweile selbstverständlich ist, oder das Dogma „Kein Sex vor der Ehe“. Der kulturelle und gesellschaftliche Wandel nagte an der Prägekraft von Gemeinden und frommen Kreisen und an der Autorität von Autoritäten. Innere Differenzen traten zutage. Und die finanzielle Freigebigkeit jüngerer Generationen ließ nach. Das traf die Bewegung wirtschaftlich, denn spendenfinanzierte freie Werke sind eine ihrer ökonomischen Säulen. Die durch die Konjunktur weiter wachsende Kirchensteuer glich dagegen noch jahrelang alle Mitgliederrückgänge aus und wirkte als Stützkorsett für den Einfluss der Kirchen.
Beispielhaft für Aufstieg und Fall der evangelikalen Bewegung steht die Karriere von Michael Diener. 2009 wurde der Pfarrer aus Pirmasens Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, des größten Teils der Allianz-Evangelikalen, die sich zeitweise auch den Bekenntniskreisen angeschlossen hatten. 2011 übernahm Diener auch den Vorsitz der Evangelischen Allianz. Deren Generalsekretär Hartmut Steeb hatte Verbindungen geknüpft zu Anti-Abtreibungsorganisationen, dem „Marsch für das Leben“, der rechtskonservativen „Demo für alle“ und zu konservativen Repräsentanten der Bundespolitik. Vergeblich versuchte Diener, die Engführung aufzubrechen. Früh kritisierte er die Fixierung der Bewegung auf konservative sexualethische Positionen. 2015 wurde er in den Rat der EKD gewählt.
Nach Dieners Wahl titelte die Zeitung Die Welt nach einem Gespräch mit ihm: „Chef der Evangelikalen will Homo-Verdammung stoppen“. Das Interview löste ein Erdbeben in der Bewegung aus. Ein schon angekündigtes Buch Dieners wurde zurückgezogen. Der Titel sollte lauten: „Wenn Christus für uns ist, weshalb sollten wir dann gegeneinander sein?“ Der inzwischen 75-jährige Ulrich Parzany kritisierte, Diener liefere die Bibel „der Beliebigkeit subjektiver Sichten aus“. Kurz darauf rief Parzany ein „Netzwerk Bibel und Bekenntnis“ ins Leben. Schon vor der Kontroverse hatte Diener seinen Rücktritt als Vorsitzender der Evangelischen Allianz angekündigt, sollte er in den Rat der EKD gewählt werden. Jetzt sah es wie ein Rückzug aufgrund der Kritik aus. Dann erodierte selbst die Unterstützung seiner Hausmacht, der Landeskirchlichen Gemeinschaften. Nach elf Jahren gab Diener 2020 auch dort den Vorsitz ab und kritisierte ein „toxisches theologisches Erbe, welches das Heil einseitig in der Distanz zur Welt suchte und das Festhalten an überkommenen Inhalten und Formen als Bekennermut überhöhte". Bei der Wahl zum Rat der EKD 2021 präsentierte sich Diener dann als Vertreter der mittleren Ebene in der Kirche. Der evangelikale Sitz im Rat war unwichtig geworden.
Unterhalb der Wahrnehmungsschwelle
Zugleich wurde die Bewegung vielfältiger. Die Freie Theologische Hochschule in Gießen lehnt immer noch ab, was früher die „moderne Theologie“ hieß, und wächst zur größten theologischen Fakultät in Deutschland heran, während überall die Zahlen der Theologiestudierenden dramatisch zurückgehen. Die Absolventen gehen lieber in neue, dynamische Gemeinden, die zu keiner Kirche mehr gehören, als in alternde und schrumpfende Verbände. Wenn das Lebenszentrum Adelshofen oder die Liebenzeller Mission zum Pfingstjugendtreffen einladen, kommen immer noch tausende. Aber die Evangelische Allianz fristet ein Nischendasein. Die 1966 in Dortmund aufgekommene Bekenntnisbewegung agiert unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Idea bekam interne Konkurrenz durch ein Magazin namens Pro. Von den Einbrüchen durch Corona hat der Evangelikalismus sich kaum erholt. In den pluraler gewordenen Freikirchen sind eigene Bekenntnisbewegungen aufgekommen.
Im Mai 2025 wählte der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, die mitgliederstärkste evangelische Freikirche, die Pastorin Natalie Georgi zur ersten Präsidentin, nach 33 Jahren Frauenordination. Im Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur sagte Georgi, dass sie in einem Drittel der Mitgliedsgemeinden nicht predigen dürfe. Die Ablehnung der Frauenordination wächst wieder. Manche Gemeinden haben ihr früheres Ja zurückgenommen. 135 Gemeinden haben sogar angekündigt, die Kirche zu verlassen und einen eigenen Verbund zu gründen. Ein Vorwurf lautet: Die Kirche stelle die Auferstehung Jesu infrage.
Wolfgang Thielmann
Wolfgang Thielmann ist Pastor und Journalist. Er lebt in Bonn.