Sehnsucht nach Christen und Jesiden

Damit Mossul wird, wie es war, braucht es mehr als wiederaufgebaute Häuser
Father Ra‘ed in der seit kurzem wiederaufgebauten syrisch-katholischen Tahera- Kirche: „Ich war der letzte Christ, der Mossul verlassen hat, und der erste, der wieder zurückgekommen ist.“
Fotos: Katja Dorothea Buck
Father Ra‘ed in der seit kurzem wiederaufgebauten syrisch-katholischen Tahera- Kirche: „Ich war der letzte Christ, der Mossul verlassen hat, und der erste, der wieder zurückgekommen ist.“

Im irakischen Mossul, der einstigen Hauptstadt des Islamischen Staates (IS), hat religiöser Extremismus zu Tod und Zerstörung geführt. Doch acht Jahre nach der Befreiung vom IS ist der Wiederaufbau in vollem Gange. Damit Mossul aber heilen kann, müssen die geflohenen Christen und Jesiden zurückkehren, meint Katja Dorothea Buck. Die Journalistin und Religionswissenschaftlerin hat die Stadt vor kurzem besucht.

Mossul hat einen schlechten Ruf. Die Stadt am Tigris steht für Terror, Tod und Vertreibung. Im Juni 2014 überrannte der IS die Stellungen der irakischen Armee und nahm ohne viel Widerstand die zweitgrößte Stadt des Irak ein. Den 30 000 Christen in Mossul wurden drei Möglichkeiten in Aussicht gestellt: Ihr konvertiert zum Islam, ihr verschwindet, oder wir bringen euch um. So gut wie alle Christen flohen Hals über Kopf aus der Stadt, teils nur mit den Kleidern auf dem Leib.

Von Mossul aus startete der IS wenige Wochen später seinen Genozid an den Jesiden im kaum hundert Kilometer entfernten Sinjar-Gebirge. 10 000 Männer, Frauen und Kinder fielen dem Morden binnen weniger Tage zum Opfer. Tausende von Frauen und Mädchen wurden missbraucht, verschleppt oder versklavt. In Mossul zeigte die Terrorgruppe auch, wie sie sich das zivile Leben vorstellt. Frauen wurden auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter an den Herd und hinter den Gesichtsschleier verbannt. Sport, Musik und Tanz wurden als angeblich nicht gottgefällig verboten. Wer sich nicht daran hielt, bezahlte mit dem Leben.

Die Islamisten machten auch nicht vor den Zeugnissen der jahrtausendealten Geschichte der Stadt Halt. Wo heute Mossul liegt, lag einst das biblische Ninive. Die Jona-Moschee mit dem Grab des Propheten sprengten sie in die Luft. Das Heiligtum des Propheten Daniel schändeten sie. Die Statue des Abu Tammam, eines abbassidischen Dichters aus dem 8. Jahrhundert, zerstörten sie genauso wie das Grabmal des in der islamischen Kulturgeschichte berühmten Historikers Ibn al-Athir aus dem 12. Jahrhundert. Aus dem Nationalmuseum stahlen sie jahrtausendealte Artefakte aus assyrischer und parthischer Zeit sowie aus den Kirchen uralte Handschriften. Im Darknet verscherbelten sie vieles davon und füllten damit ihre Kriegskasse. Was sie nicht zu Geld machen konnten, wurde unwiederbringlich und öffentlichkeitswirksam zerstört. Die neuen Herrscher hatten Mossul in nur wenigen Monaten seiner jahrtausendealten Identität als Treffpunkt der Kulturen und Religionen beraubt.

Ein Trümmerhaufen

Gut zwei Jahre herrschte der IS in Mossul, bevor im Oktober 2016 eine Koalition aus der irakischen Armee, den kurdischen Peschmerga und der US-Luftwaffe mit der Rückeroberung begann. Neun Monate dauerten die Kämpfe. Danach waren 80 Prozent der Altstadt zerstört. Bis heute gleicht das historische Zentrum von Mossul einem Trümmerhaufen.

Father Ra’ed steht auf einer Großbaustelle und empfängt freundlich seine Gäste. Um ihn herum liegen die Trümmer von drei Kirchen, der armenisch-apostolischen, der syrisch-orthodoxen und der chaldäischen Kirche Mossuls. Die vierte Kirche auf dem sogenannten Vier-Kirchenplatz ist die seit kurzem wiederaufgebaute syrisch-katholische Tahera-Kirche. Sie ist Father Ra’eds Kirche und wurde ebenfalls bei der Rückeroberung Mossuls vor acht Jahren vollständig zerstört. In den vier Kirchen hatte der Islamische Staat seine Zivilverwaltung eingerichtet. Von hier aus organisierte er das gesamte gesellschaftliche Leben. Heute erstrahlt die Tahera-Kirche in neuem Glanz. Innerhalb von vier Jahren wurde sie aus ihren Trümmern wieder aufgebaut. Finanziert haben das die UNESCO, die Vereinigten Arabischen Emirate, Unternehmen aus Mossul und die irakische Regierung. Dieses finanzkräftige Joint Venture steht hinter zahlreichen anderen Wiederaufbauprojekten in der Altstadt und trägt den visionären Namen „Revive the Spirit of Mosul“.

„Ich war der letzte Christ, der Mossul verlassen hat, und der erste, der wieder zurückgekommen ist“, erzählt Father Ra’ed vor dem Kircheneingang. Er ist stolz auf seine Herkunft. Geboren und aufgewachsen in Mossul. Seine Familie lebt hier seit Generationen. Wie von einer guten Freundin spricht er über seine Heimatstadt. „Mossul ist etwas ganz Besonderes. Mossul hat eine ganz eigene Geschichte.“

Stolz führt er in den großen, dreischiffigen Kirchenraum mit den dicken Säulen. Schlichte, aber große Kronleuchter hängen von der Decke. Die bunten Ikonen einer Mossuler Künstlerin bringen Farbe an die Wände. In einer Kapelle im hinteren Teil steht ein steinernes Taufbecken, eine Neuanfertigung. Getauft wurde hier noch niemand. Aber das kann ja noch kommen, wer weiß. Father Ra’ed ist da zuversichtlich. Eine Glocke hat die Kirche mittlerweile auch wieder, und sie darf jederzeit geläutet werden. Unter dem IS war das verboten.

Für wen aber wurde die Kirche nun aufgebaut? Von den geflohenen Christen sind die wenigsten zurückgekommen. Father Ra’ed nickt. In Mossul würden heute etwa 300 Christen wohnen. „Tagsüber kommen aber Tausende wieder in die Stadt zum Arbeiten, Studieren oder Einkaufen.“ Sie seien damals in umliegende Dörfer oder nach Erbil in der autonomen Region Kurdistan geflohen, trauten sich jetzt aber noch nicht, wieder ganz nach Mossul zu ziehen.

Gutes Zeichen

Der Gottesdienst am Sonntag sei sehr gut besucht, fährt der Geistliche fort. „Unsere Kirche steht allen Denominationen offen.“ Auch Muslime kämen immer wieder vorbei. Sie wollten wissen, wer die Christen eigentlich sind. Ein gutes Zeichen, wie er findet. Vor 2014 hätten ihn nur die Christen mit „Abuna“ angesprochen. „Abuna“ ist die arabische Anrede für einen Priester und bedeutet „Unser Vater“. „Heute sagen auch die Muslime in Mossul Abuna zu mir. Wir gehören dazu“, sagt Father Ra’ed und kommt auf einen wichtigen Punkt zu sprechen. Nicht nur Christen und Jesiden seien vor den Islamisten geflohen. Auch eine halbe Million Muslime habe damals die Stadt verlassen, weil sie nicht unter einem islamistischen Regime leben wollten. „Wenn Mossul heilen soll, müssen all diejenigen, die damals geflohen sind, wieder zurückkommen. Wir brauchen sie hier“, sagt der Geistliche. „Die Menschen müssen wieder an Mossul glauben.“

Doch dafür braucht es mehr als wiederaufgebaute Kirchen. Keine hundert Meter weiter liegt das neu eröffnete Kulturzentrum Al-Khaima. Der Name bedeutet „Zelt“ auf Deutsch. Finanziert wurde der mehrstöckige Neubau von Kirchengeldern. Al-Khaima sei aber keine kirchliche Einrichtung, betont Father Ra’ed. „Ich will nicht, dass wir als erstes fragen, ob jemand Muslim ist oder Christ oder Jeside oder was auch immer. Wir sind zuallererst Menschen. Und dies ist ein Ort für alle“, sagt er. Es gehe darum, einen gemeinsamen Spirit in Mossul zu entwickeln. Und dafür brauche man vor allem Bildung. Al-Khaima biete Raum für Konzerte, Vorträge, Diskussionen und Fortbildungen. „Die Menschen brauchen wieder geistige Nahrung. Das alles hat unter dem IS gefehlt.“

Einer der zwölf Säle in Al-Khaima ist nach Faidi al-Faidi, einem lokalen muslimischen Scheich benannt. Islamisten brachten ihn um, weil sie seine Kritik an ihrer extremistischen Auslegung des Islam nicht hören wollten. Ein anderer Saal trägt den Namen von Bischof Farah Rahho aus Mossul, der 2008 von Islamisten in seiner eigenen Kirche umgebracht wurde. Das alles war Jahre bevor der IS Mossul zu seiner Hauptstadt erklärte. „Das Schicksalsjahr war nicht 2014, sondern 2003“, sagt Father Ra’ed. Mit der US-Invasion habe der Niedergang der christlichen Präsenz und der kulturellen Vielfalt im Irak begonnen.

Nach dem Sturz von Langzeitdiktator Saddam Hussein 2003 atmeten zwar viele im Irak auf. Doch die Amerikaner hatten das Land in ein Machtvakuum gestürzt. Von solchen Situationen profitieren extremistische Bewegungen gerne. Und Minderheiten, die sich in Religion oder ethnischer Abstammung von der Mehrheit unterscheiden, werden schnell zu einem Spielball in einem Machtkampf, auf den sie keinen Einfluss haben. Die Christen im Irak hatten zudem den Nachteil, dass sie der gleichen Religion wie die verhassten amerikanischen Besatzer angehörten. Ab 2006 nahmen Entführungen und Morde an Christen zu. Hunderttausende verließen damals schon das Land für immer.

Drei Farben

In Mossul ist es Konsens, dass der IS 2014 nicht vom Himmel fiel. Eine Stadt so groß wie Hamburg können nicht wenig hundert Mann einfach so einnehmen. Es muss zahlreiche Schläfer innerhalb der Stadt gegeben haben, die ihren persönlichen Vorteil witterten. Als der IS die Macht übernahm, markierten sie die Häuser der christlichen Nachbarn mit dem arabischen Buchstaben „n“ für „Nasreen“, was auf Arabisch „Christen“ heißt. Der IS konnte ganz einfach das Eigentum der Christen beschlagnahmen.

Heute stehen die Mossuler vor der Frage, wie ihre Stadt wieder wird, wie sie war: weltoffen und tolerant. Als einen Schatz, den man nicht aus der Hand geben dürfe, bezeichnet Walid as-Sarraf das historische Erbe der Stadt. Der ältere Herr stellt sich als Arzt und Poet vor und deutet auf eine mannshohe Wandnische im Innenhof der großen Nuri-Moschee. Eines seiner Gedichte über Mossul ist dort in schöner arabischer Kaligraphie verewigt. Dass kein Koran-Vers die Nische ziert, sagt viel über das neue Mossul aus. Unter dem IS war die Nuri-Moschee das geistliche Zentrum. Hier hatte sich im Juni 2014 Abu Bakr al-Baghdadi selbst zum Emir ausgerufen. Bei der Rückeroberung wurde die Moschee mitsamt ihrem Stadtbild prägenden schiefen Minarett aus dem 12. Jahrhundert zerstört. Wie die Tahera-Kirche wurde alles in den letzten vier Jahren wieder mühsam aufgebaut.

„Die Menschen in Mossul haben über die Jahrtausende eine gemeinsame Identität ausgebildet“, sagte as-Sarraf. Mossul sei wie ein buntes Gemälde gewesen. Jede Gruppe habe ihre eigene Farbe gehabt, und alles sei miteinander verbunden gewesen. Doch peu à peu seien einzelne Farben verloren gegangen. „Nach der Terrorzeit des IS müssen wir feststellen, dass nur noch drei Farben übrig sind: Rot für das viele vergossene Blut, Weiß für die Leichentücher und Schwarz für die Trauer.“

Wieder weltoffen

Walid al-Sarraf kommt gerade von einer Diskussionsrunde im Cultural Heritage Museum gleich gegenüber der Großen Nuri-Moschee. Vertreter der Mossuler Zivilgesellschaft hatten hier über die Zukunft der Stadt diskutiert. Wie konnte es passieren, dass eine Stadt wie Mossul, die eine 1 000-jährige Geschichte als Treffpunkt der Religionen und Kulturen hat, sich so leicht von Extremisten hatte einnehmen lassen? Wie hatten es all die Generationen vor ihnen geschafft, sich trotz aller Unterschiede nicht auseinanderdividieren zu lassen? Und was braucht es, damit Christen und Jesiden wieder zurückkommen? Denn sie wird es brauchen, damit Mossul wieder weltoffen wird.

Scheich Rami al-Abadi, der das Büro gegen terroristisches Gedankengut in der Provinz Ninive leitet, gibt in der Diskussionsrunde ein kleines Beispiel dafür, wie die ersten Schritte aussehen können: „In diesem Jahr haben wir das Fest am Ende des Ramadans gemeinsam in einer Moschee gefeiert: Sunniten, Schiiten, Christen, Jesiden, Kurden und Araber. Wir sind ein Volk. Das ist unsere kollektive Identität.“

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Katja Dorothea Buck

Katja Dorothea Buck ist Religionswissenschaftlerin und Politologin und arbeitet seit vielen Jahren zu religiösen Minderheiten und Religionsfreiheit im Nahen Osten.   

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