Wie Gott in Frankreich?

Säkularisation ist auch nicht immer das, woran alle denken

Kürzlich habe ich mit meiner Frau in einem vorzüglichen Restaurant in Toulouse gegessen. Das wäre an und für sich eigentlich kein Thema für eine Kolumne, zumal das Essen ebenso himmlisch war wie das Ambiente exquisit und der Service dazu äußerst zuvorkommend. Gelungener Urlaub, ganz und gar privat. Wie gesagt: Eigentlich kein Thema für eine Kolumne. Wäre da nicht der Name des Lokals, die Speisekarte und die Einrichtung der Räume. Die sind nicht ohne Grund heute einmal ein Thema für eine Kolumne, ein naheliegendes. Denn das Lokal heißt „Le Cénacle“, und „cénacle“ ist nach einem großen französischen Lexikon, dem „Larousse“, zunächst einmal „der Ort, in Jerusalem gelegen, wo Jesus das Pessach mit seinen Jüngern feierte, am Vortag seines Todes“. 

Das auch im Internet greifbare Wörterbuch, das im Bücherregal meiner Eltern und Großeltern noch ganz prominent aufgestellt war, bietet noch eine zweite Bedeutung, die ins Deutsche übersetzt lautet: „kleiner Ausschuss, Kreis von Literaten und Künstlern mit gemeinsamen Vorstellungen“. Als ich in Jerusalem studierte, nannten wir den neben dem Studienhaus auf dem Zionsberg gelegenen spätantik-kreuzfahrerzeitlichen Bau, in dem Jesus das letzte Abendmahl gefeiert haben soll, meist „Abendmahlssaal“, aber der alte lateinische Ausdruck coenaculum (oder seltener das eingedeutschte „Zönakel“) wurde auch immer mal verwendet. Das lateinische Wort bedeutet aber nicht nur „Speisesaal“, sondern auch „Obergemach“ und so bezeichnet schon das Neue Testament den festlich dekorierten Raum, in dem Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl feierte, ganz gleich, ob es von den Evangelisten als Pessach-Mahl oder als Mahlzeit vor dem eigentlichen Pessach-Fest gestaltet ist.

"Abendmahl in Emmaus"

Wenn man nun das Lokal in Toulouse betritt, könnte man ja denken, dass da ein gebildeter Mensch sein Restaurant mit einem Namen im Sinne der zweiten Bedeutung bei „Larousse“ benannt hat, den die humanistisch Gebildeten unter den Gästen einfach mit einer eleganten Räumlichkeit zum Speisen verbinden und die Ortskundigen mit der nahe gelegenen Kunsthochschule und den festlichen Mahlzeiten der dort Lehrenden und Studierenden. So kann man aber nur denken, bis man sich in den Hauptraum des Restaurants gesetzt hat. Denn auf der einen Seite befindet sich ein riesengroßer, beeindruckend geschmückter Renaissance-Kamin und dem Kamin gegenüber ein auf Wandlänge vergrößertes Gemälde des italienischen Barock-Malers Caravaggio. Auch wer es nicht genau zu identifizieren vermag, ahnt, dass in der Mitte Christus sitzt (übrigens ein Selbstportrait des Malers), zur Rechten und zur Linken zwei seiner Jünger – offenbar eine Szene wie beim letzten Abendmahl.

In der Speisekarte des Lokals steht zu lesen, dass es sich um das 1601 vollendete „Abendmahl in Emmaus“ handelt, normalerweise in der Nationalgalerie in London zu Hause, gegenwärtig gerade zu sehen in der großen Caravaggio-Ausstellung in Rom. Das Bild zeigt den im Lukasevangelium beschriebenen wunderbaren und bei Lukas so beeindruckend charakterisierten Moment, als sich der angeblich ganz uniformierte Weggenosse beim Abendessen als der Gekreuzigte und Auferstandene zu erkennen gibt. Fassungsloses Entsetzen, ungläubiges Staunen – Caravaggio hat alles wie gewohnt unglaublich präzise und lebensnah in seinem Bild eingefangen.

Merisi da Carravaggio, Das Abendmahl in Emmaus (1601), Öl auf Leinwand 141 × 196,2 cm National Gallery (London)

Michelangelo Merisi da Caravaggio: Das Abendmahl in Emmaus (1601), Öl auf Leinwand, 141 × 196,2 cm, National Gallery (London)

Da das eigentlich knapp zwei Meter lange und anderthalb Meter hohe Bild in Toulouse auf riesige Dimensionen vergrößert wurde, sieht man beim Essen mitten auf das Gesicht eines älteren Jüngers (Cleophas heißt er bei Lukas), der seine Arme ausbreitet und etwas wie „Das gibt es doch gar nicht“ zu rufen scheint, während Jesus mit einer beruhigenden Handgeste und niedergeschlagenen Augen zu sagen scheint: „Das siehst Du doch, das es das gibt“. Der Name des Restaurants, „Le Cénacle“, hat also sehr wohl etwas mit dem letzten Abendmahl Jesu zu tun, das noch einmal reale Gegenwart für die Jünger in Emmaus wird, die beim Brechen des Brotes den Herren in leiblicher, wenn auch verwandelter Gestalt unter sich erleben dürfen und nun wissen, dass er lebt.

In der Speisekarte des Lokals in Toulouse steht von all’ dem nichts; „Cénacle“ wird als Ort erklärt, in dem geistreiche Menschen bei exzellentem Essen einen wunderbaren Abend verbringen. Was machen aber Name und der riesig vergrößerte Caravaggio mit denen, die in dem Lokal essen? Werden sie doch in die alte Geschichte vom Abendmahl hereingezogen, in die alte Erzählung vom Triumph des Auferstandenen über Angst und Unwissen? Oder schauen die meisten Essenden uninformiert auf das riesige Bild und fragen sich, was eine Abendmahlzeit in Emmaus wohl für ein merkwürdiges Sujet sein mag? Googlen viele und informieren sich? Oder wird einfach gegessen und das genossen, was Herrliches auf die Teller kommt?

Die Gebeine des Thomas von Aquin

In Toulouse liegen auch die sterblichen Überreste des Thomas von Aquin, genauer unter dem Hauptaltar der großen zweischiffigen gotischen Kirche des Dominikanerkonventes in einem Reliquienschrein. Thomas, der 1323 heiliggesprochen wurde, ist auch der Namenspatron der beeindruckenden, hoch aufragenden Klosterkirche. 1369 transferierte man die Gebeine aus Italien, wo der Theologe 1274 gestorben war, nach Toulouse, wo er zu Lebzeiten niemals war – aber das Kloster galt als Gründungsbau des ganzen Dominikanerordens und man wollte offenbar den wichtigsten Ordensheiligen nach Dominikus und den bedeutendsten Theologen beherbergen, wenn schon Dominikus selbst in Bologna ruhte und bis auf den heutigen Tag ruht. Kirchen- und Universitätskonkurrenz zwischen Bologna und Toulouse. Das Kloster, zu dem die Kirche gehört, trägt den Namen „Jakobinerkonvent“, wobei sich der Name natürlich nicht auf die Mitglieder eines Pariser Klubs während der französischen Revolution bezieht (die man auch Robespierristen nennt), sondern auf eine in Frankreich übliche Bezeichnung für ein Mitglied des Dominikaner- oder Predigerordens. Und die Pariser Jakobiner trafen sich in einem heute verschwundenen Dominikanerkloster der Innenstadt.

Trotzdem ist die Assoziation nicht ganz falsch: Der Jakobinerkonvent in Toulouse, das Dominikaner- oder Predigerkloster, wurde im Rahmen der schroff antichristlichen Maßnahmen der Jakobiner während der französischen Revolution verstaatlicht und als Kaserne wie Lager verwendet. Die herrliche zweischiffige Kirche diente als Pferdestall und das Grabmonument für Thomas von Aquin wurde abgebrochen. Seine Gebeine wurden zunächst verborgen und später in einer anderen Kirche gezeigt. Erst 1974, anlässlich des 600. Todestages des Thomas, wurde die säkularisierte Kirche wieder dem christlichen Kultus zurückgegeben, ein neuer Reliquienschrein angefertigt und der Heilige wieder an seinen einstigen Begräbnisort zurückgebracht.

Präsenz des Christentums

Ein beeindruckendes Zeichen in einem Staat, in dem die Trennung zwischen Staat und Kirche höchsten Verfassungsrang genießt und die „Laicité“, das Verfassungsprinzip des Säkularismus, an vielen Stellen sehr prominent inszeniert wird. Bundespräsidenten auf Kirchentagen kann man sich in Frankreich keinesfalls vorstellen und die feierliche Öffnung des Hauptportals der restaurierten Kathedrale Notre Dame in Paris nahm nicht etwa der Staatspräsident, der den Staat als Eigentümer des Gebäudes repräsentierte, vor, sondern der Erzbischof von Paris mit Mitra und Krummstab vor, während der Staatspräsident dezent im Hintergrund wartete. Natürlich wird in Frankreich immer wieder einmal und gerade auch in den vergangenen Jahren wie Jahrzehnten über den Laizismus diskutiert, aber gerade deswegen halten viele an ihm sehr engagiert fest. Eine staatlich genutzte Kirche feierlich an die römisch-katholische Kirche zurückgegeben, um dorthin einen großen Heiligen umzubetten, ein elegantes Restaurant mit dem Abendmahl von Emmaus im Zentrum – wirklich politisch korrekt im Sinne der strengen Laicité ist das eher nicht. Eher ein Signal dafür, diesen Begriff nicht nur negativ als Trennung von Staat und Kirche, sondern positiv als neue Basis für eine erneuerte Präsenz des Christentums in der Gesellschaft zu verstehen. Vor dem Schrein mit den Gebeinen des Heiligen Thomas saß übrigens eine Viertelstunde lang eine Frau, die durch einen Hijab als fromme Muslima gekennzeichnet war. 

In Deutschland stehen die Zeichen auf Entkirchlichung vieler öffentlicher und privater Zusammenhänge. Wenn man gerade in Frankreich im Urlaub das Leben genießt, wie Gott in Frankreich leben darf, dann kann man lernen, sich darüber nicht zu sehr zu besorgen. Auch unter einer sehr strengen Laicité mit Verfassungsrang, von der die Bundesrepublik nun wirklich sehr weit entfernt ist, bleibt das Christliche beeindruckend präsent. Viele Menschen saßen vor dem Schrein mit den Gebeinen des Thomas von Aquin und manche werden überlegt haben, was wohl das „Abendessen von Emmaus“ meint und warum die Gäste dieses Essens so aufgeregt und entsetzt schauen. Gottes Geist wirkt auch dort, wo die christlichen Kirchen nicht mehr so selbstverständlich ihren Platz in der Öffentlichkeit einnehmen können, wie uns das unter bundesrepublikanischen Verhältnissen der „hinkenden Trennung“ vertraut ist.

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