„Keine Anleitung zum Widerstand“, sondern eine „Analyse und Anklage des digitalen Kolonialismus“ haben Ingo Dachwitz und Sven Hilbig mit ihrem im Frühjahr erschienenen Buch darüber, „wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen“, vorlegen wollen. Tatsächlich entlastet ihr Buch nicht durch die Präsentation einfacher Lösungswege aus den Dilemmata der Digitalisierung, in die wir uns hineinmanövriert haben, oder besser: in die wir hineinmanövriert wurden. Die Lektüre führt allerdings aus der Bequemlichkeit heraus, in die uns die digitalen Helferlein in unseren Hosentaschen und Wohnzimmern gegenwärtig einlullen.
Dachwitz’ und Hilbigs Buch gelingt zweierlei: Es klärt umfassend darüber auf, wer von der Digitalisierung, wie sie sich heute darstellt, profitiert – und auf wessen Kosten die immensen Profite erwirtschaftet und ergaunert werden. Im aufgeklärten Kopf des Lesers erwacht dann im besten Fall ein wenig Revoluzzergeist, der zum „Schmieden von Bündnissen“ und „Üben praktischer Solidarität“ führen kann.
Uneingeschränkte Fans der Digitalisierung und Tech-Jünger wird Digitaler Kolonialismus nachhaltig verstören, denn Dachwitz und Hilbig sehen in der Digitalisierung im Fahrwasser des Silicon Valley eine Fortschreibung des europäischen Kolonialismus. Man muss nicht in post-kolonialen Studien geschult sein, um der Diagnose der Autoren zustimmen zu können, dass die Profiteure des digitalen Welthandels vor allem im globalen Norden, vor allem im Westen, vor allem in den bereits reichen Industrienationen und dort vor allem in den zuvor privilegierten Schichten zu finden sind. „So oft haben wir die großen Versprechen vom digitalen Fortschritt durch Digitalisierung gehört – von Befreiung, Nachhaltigkeit und Wohlstand für alle –, dass viele sie nicht mehr hinterfragen“, klagen Dachwitz und Hilbig. „Doch nicht alles, was Veränderung bringt, ist eine Revolution. Oder hat die Digitalisierung der Welt etwa Freiheit, Gleichheit und Solidarität gebracht?“
Die zum Teil verheerenden Auswirkungen, die unser Leben mit Smartphones, Social-Media-Plattformen und Tech-Giganten nicht nur für die Demokratien des Westens, sondern vor allem für den Globalen Süden haben, beschreiben die Autoren, indem sie einen Reigen der Ausbeutung vorstellen, der vom Geschäft mit unser aller Daten und dem Raub an menschlicher Arbeitskraft bei der Content-Moderation auf Social-Media-Plattformen über den Abbau von Rohstoffen für innovative Technik (auch solche, die uns als „grüne Technologie“ gilt) bis hin zur Sicherheits- und Rüstungspolitik reicht. Die Autoren schildern, wie die Digitalisierung heute schon in den Dienst von Despoten und leider auch der inhumanen Flüchtlingspolitik von Demokratien gestellt wird. Das Buch ist daher en passant auch eine notwendige Korrektur eines im Zuge der „Zeitenwende“ eskalierenden Festungsdenkens.
Digitaler Kolonialismus verabreicht seinen Leser:innen eine notwendige und heilsame Ent-Täuschung. Mit ihrer Kritik machen die Autoren auch vor dem Projekt einer europäischen Digitalisierung des „Dritten Weges“ nicht Halt. Aber was bleibt dann eigentlich noch? Wie kann eine Umkehr in der Digitalisierung ausschauen? Am Ende ihres Buches lassen Dachwitz und Hilbig die guatemaltekische Menschenrechtlerin und Vorsitzende der Open Knowledge Foundation Renata Ávila Pinto ein Programm für den Sieg über den digitalen Kolonialismus vorlegen. Eine Zukunft ohne Big Tech „liegt näher, als wir denken“, ist sie sich sicher. Es gibt also Hoffnung. Der Weg in eine bessere digitalisierte Welt wird unbequem, ihn dennoch zu gehen, liegt in der Verantwortung derjenigen, die bisher von der Digitalisierung vor allem profitiert haben.
Philipp Greifenstein
Philipp Greifenstein ist freier Journalist sowie Gründer und Redakteur des Magazins für Kirche, Politik und Kultur „Die Eule“: https://eulemagazin.de