Verflechtungen

Juden, Christen und Muslime

Michael Wolffsohn, ausgewiesener Fachmann für internationale Beziehungen sowie israelische und deutsch-jüdische Geschichte, legt ein Buch über die vielfältigen Verflechtungen von Judentum, Christentum und Islam vor. Nah seien sich die drei monotheistischen Religionen „in ihrer religiösen Ursubstanz“, so heißt es gleich zu Beginn, um dann durch verschiedene Filter hindurch die Problematik dieser vermeintlichen Nähe zu thematisieren. Im Wesentlichen kreisen die Gedanken und Thesen um das Verhältnis von Judentum und Christentum seit den Anfängen bis in die Gegenwart. Neu sind die Überlegungen in Form einer „szenischen Lesung“ am Ende des Bandes mit dem Titel „Über den 7. Oktober hinaus – Israel und Palästina“, in der die Folgen des Hamas-Massakers trialogisch dargestellt werden: zunehmender Antisemitismus, mangelnde Solidarität und unreflektiertes Urteilen sind wichtige Stichworte. Klar ist auch: „Schluss mit der Berufung auf Gott beim wechselseitigen Töten.“

Dass der Militär-Historiker mit einem besonderen Fokus auf die Entstehungsgeschichte von Christentum und rabbinischem Judentum in den ersten Jahrhunderten schaut, ermöglicht spannende Einblicke in eine von Wendungen und auch Irrungen reiche Geschichte. In dem Kapitel „Die Bergpredigt als Militärgeschichte“ wird deutlich, wie sehr Jesus und seine Gefolgsleute mit ihrem gewaltlosen Ansatz auf den Widerstand Roms und gewaltbereiter jüdischer Kräfte stoßen mussten.

Spätestens mit der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem wendet sich das Blatt. Während das Christentum sich allmählich vom Judentum entfernt und schließlich zu einer auch politischen Macht wird, geht es für das Judentum in die andere Richtung. Dass der jüdische Widerstand gegen die römische Weltmacht zwecklos war, erkannten am Ende des „Jüdischen Krieges“ Rabbiner wie Jochanan Ben-Sakai, der sich von Kaiser Vespasian ein Rabbinerseminar in Jaffne erbat – die Geburtsstunde des Talmud-Judentums. In diesem Modus blieb das Judentum über viele Jahrhunderte, während sich das Christentum (trotz grundsätzlicher Gemeinsamkeiten) entfernte und zu einer Religion mit Macht- und Staatsmonopol entwickelte („Mehr Christen, weniger Jesus“ – so die griffige Formel).

Wolffsohn vergleicht diese neue Form der Aristokratie mit dem Machtapparat des Judentums vor der Zerstörung des Tempels in Jerusalem 70 nach Christus. Die bis dahin herrschende Tempel-Aristokratie verlor ihren Status (und die Staatlichkeit). Ein neues Selbstverständnis stellte sich ein, symbolisiert durch die Entwicklung des Talmud-Judentums und die damit verbundene Synagogen-Gemeindepraxis. „Bildung“ rückte in den Mittelpunkt, es musste eine transportierbare Religion entwickelt werden. Denn nur so konnte es gelingen, die Gemeinschaft zu erhalten. Wolffsohn nennt es das „quasi-demokratische Bürgertum“ mit dialogischer Orientierung. Dagegen verlor das Christentum seinen Bezug zum Ursprung, zur Lehre Jesu – die erst allmählich seit 1945 wiederentdeckt werde.

Ein entscheidendes Datum sei die Gründung Israels 1948: Erstmals gibt es nun einen jüdischen Staat. Das verändert das Selbstverständnis der Jüdinnen und Juden weltweit und die Perspektive auf das Judentum in den christlichen und muslimischen Kontexten. Israel sei „die Quittung für die Judenverfolgung in Okzident und Orient“. Heftig ist die Kritik am Vatikan: „Nostra Aetate“ stehe auf „wackeligen theologischen Beinen“. Zwar sei durch diesen Text „schreiendes Unrecht korrigiert“ worden, doch abrahamisch-trialogisch sei noch viel zu tun.

In einem wichtigen Detail muss man dem Autor widersprechen: Das orthodoxe Judentum hat sich in den vergangenen zehn Jahren verstärkt in dem Dialog engagiert. Dazu zählen „To Do the Will of Our Father in Heaven” (2015) und das Papier „Zwischen Jerusalem und Rom“ von 2017. Ein wichtiges Fazit des lesenswerten Buches: Es sei wünschenswert, wenn sich die „feindliche Nähe“ in eine „freundschaftliche“, vielleicht sogar in eine „liebende“ verwandelt: Hoffnung und Auftrag zugleich.

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