Nicht erst durch den massiven Backlash, welchen Donald Trump in den USA auf dem Gebiet der Gleichstellung queerer Lebenswirklichkeiten aktuell vollzieht, ist das Thema der Sexual- und Geschlechterethik eines der prominentesten ethischen Gebiete geworden. Umso wichtiger erscheint es, dass dieses auch durch die evangelische Ethik intensiv bearbeitet und erschlossen wird durch eine „Karte“ – hier ganz im Sinne der Autoren des vorliegenden Bandes als Orientierungsmöglichkeit durch Schrift und Tradition verstanden.

Thorsten Dietz und Tobias Faix nehmen sich daher dem Gebiet der Sexual- und Geschlechterethik in ihrem zweiten gemeinsam verfassten Band der „Transformativen Ethik“ an und leisten hiermit nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Thema, sondern bieten – nicht nur, aber eben auch Studierenden wie theologisch-ethisch Interessierten – eine ebenso profunde, umfassende wie abwägende Orientierung an.

Die Autoren verhandeln nach einer ausführlichen Einleitung, welche in die Problemfelder der Sexual- wie Geschlechterethik einführt, zunächst anthropologische Grundlagen ihrer Beschäftigung mit den multiplen Gebieten des Themas. Hier stehen Relationalität, Verkörperung, Offenheit und Transformation im Zentrum des Nachdenkens. An dieses erste grundlegende Kapitel schließen sich ausführliche Auseinandersetzungen mit den Themen „Gender“, „Sexualität“, und „Lebensformen“ an. Abgeschlossen wird der Band durch eine Reflexion zur „Bearbeitung von sexualethischen Konflikten“.

Den Autoren, die an der CVJM-Hochschule in Kassel und in der Schweiz tätig sind, gelingt es durchgehend, sowohl einer diskriminierungskritischen, progressiven und auf Emanzipation ausgerichteten Position wie auch eher konservativen, freikirchlich geprägten Haltungen gerecht zu werden. Sie nehmen Bedenken und Argumente, welche sich gegen die Anerkennung von Homosexualität, trans* oder inter Geschlechtsidentitäten aussprechen, zunächst ernst und entkräften sie im Folgenden mit fundierten, sachlichen und überzeugend theologisch vorgetragenen Argumenten. Die Autoren nehmen hierfür jeweils zunächst den Stand der fachlichen Diskussion wahr, erläutern die historischen Hintergründe theologisch-kirchlicher Debatten zum Thema und führen diese abschließend produktiv zusammen.

So steht am Ende eine theologisch klar orientierte, an den Leitsätzen der Relationalität, Verkörperung, Offenheit und Transformation ausgerichtete ethische Position, welche bestrebt ist, nicht nur die ohnehin bereits progressiv Gesinnten auf dem Weg hin zu einer intersektional verstandenen Emanzipation mitzunehmen, sondern auch all jene zu überzeugen, welche bislang den genannten Themen kritisch gegenüberstanden. So erläutern die Autoren nicht nur Fragen der Geschlechtlichkeit, sondern vertiefen auch sexualethische Themen. Hierzu lassen sie sich von den Kriterien der „Freiheit, als Selbstbestimmung und Einvernehmlichkeit“, „Liebe als Fürsorge und Gemeinschaft“ und „Gerechtigkeit als Zeugnis- und Entwicklungsgerechtigkeit“ leiten.

Erfreulich breit fällt die Auseinandersetzung im Gebiet der Ethik der Lebensformen aus, die nicht nur Familien, sondern auch Singles, gleichgeschlechtliche Beziehungen und – in dieser Tiefe herausragend in der evangelischen Ethik – Polyamorie umfasst.

Besonders zu betonen sind die an verschiedenen Stellen eingeschalteten Erfahrungsberichte, welche von Menschen verfasst wurden, welche selbst „betroffen“ sind. Durch sie wird eine allzu homogene, durch zwei weiße Cis-Männer vermittelte Perspektive gekonnt aufgebrochen.

Allein der Titel ist an dieser Stelle doch zu kritisieren. Wege zur Liebe schließt, auch gegen die Intention des Bandes, Sexualität und Liebe – zwei Themen, welche nicht zwingend unmittelbar miteinander in Verbindung stehen – kurz.

 

Einzelartikel kaufen

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

z(w)eitzeichen Abonnement

Sie erhalten Zugang zur Rubrik z(w)eitzeichen.

4,00 €

monatlich

Monatlich kündbar.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Printausgabe als PDF.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.
Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.
Foto: Rolf Zöllner

Lukas Johrendt

Lukas Johrendt ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Evangelische Theologie an der Universität der Bundeswehr in Hamburg.

Weitere Beiträge zu „Gesellschaft“

Weitere Rezensionen

Foto: Rolf Zöllner

Lukas Johrendt

Lukas Johrendt ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Evangelische Theologie an der Universität der Bundeswehr in Hamburg.