Zeitdiagnosen sind derzeit in Mode. Sie reichen von Entfremdung (Hartmut Rosa) über Unbehagen (Armin Nassehi) bis zu Triggerpunkten (Steffen Mau) und Verlusten (Andreas Reckwitz). Die Widersprüche unserer Zeit verdichten sich teils so sehr, dass sich töricht vorkommt, wer hoffnungsvoll in die Zukunft blickt. Obwohl einzelne Aspekte wie diese auch heuristische Kraft und diskursive Macht besitzen, fällt auf, dass sie diagnostisch einseitig und tendenziell pessimistisch sind. Auch deshalb scheint bei Modernetheorien Skepsis geboten, wird doch oft eine starre Gegenwart konstruiert, die schicksalhafte Entwicklungen erwarten lässt.
Der Soziologe Detlef Pollack, Seniorprofessor am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster, hat sich jüngst daran gemacht, gegen so manche verzerrte Darstellung einen Kontrapunkt zu setzen. Sein erklärtes Ziel in seinem neuesten Buch ist die stichhaltige Unterscheidung der westlichen Moderne von vormodernen Gesellschaften. Eine Theorie der Moderne will er sozialwissenschaftlich versachlicht „so einfach wie möglich“ und „so komplex wie nötig“ anlegen, um Klarheit zu schaffen.
Im Zentrum des Buches klärt Pollack anhand charakteristischer (Niklas Luhmannscher) Sinndimensionen über das spezifisch Moderne auf. Die Beispiele überzeugen: In zeitlicher Hinsicht etwa fallen Erfahrung und Erwartung der Menschen im Laufe der Zeit immer weiter auseinander. Der Fortschritt wird zur Chiffre für eine mögliche bessere Zukunft. Wenn die Zukunft offen ist, spornt sie Menschen an, sich zu entwickeln. Das kann in Maßlosigkeit ausarten, muss es aber nicht; schließlich wurden allein in den vergangenen 100 Jahren Ungleichheiten und Arbeitszeiten deutlich vermindert. Ein weiteres Beispiel: Ergebnisoffene Wettbewerbsformen in Wissenschaft und Politik mobilisieren uns zu reichlich Konkurrenz. Die Wahl zu haben, ist bekanntlich gut für das Geschäft. Hieraus wiederum entstehen Konflikte und Polarisierung, die im besten Fall die Demokratie beleben können. All dies passiert innerhalb der engen Verflechtungen der autonomen gesellschaftlichen Teilbereiche wie Religion, Politik, Wirtschaft. Die Welt ist komplexer denn je, einfache Lösungen gibt es ebenso wenig wie unumstößliche Wahrheiten. Das führt alle Populismen ad absurdum.
Der Autor fragt durchgängig, was auf der Habenseite der Gegenwart steht, ohne dabei ihre Krisen und Verirrungen auszusparen. Glasklar stellt er die Dilemmata unserer Zeit vor Augen: Trotz umsichtiger Zurückhaltung und Kompromissbereitschaft werden westliche Staaten als potenzielle Aggressoren militärisch bedroht. Trotz des wachsenden Wissens um die Möglichkeiten, den Klimawandel einzudämmen, kommt individuelles und politisches Handeln oft zu spät, da unsere Gesellschaften viel zu träge sind, um das Blatt zu wenden. Und letztlich: Trotz der Einsicht, dass die liberale Demokratie durch das Ressentiment des Rechtspopulismus bedroht ist, kann sie selbst nicht garantieren, dass sie funktioniert und Bestand hat.
Ein realistischer Blick ist das insgesamt, aber eben auch ein optimistischer. Andernfalls würden alle modernen Erfolge zu Verbrechen oder Irrtümern, und niemand mehr bräuchte „große Versprechen“. Tatsächlich: So erfolgreich die aktuellen Zeitdiagnosen und Sozialstudien auch sein mögen, in Zeiten, in denen der Fortschrittsgedanke dermaßen im Zweifel steht, hat es Sinn, sich die Errungenschaften unserer Zeit vor Augen zu stellen – zumal nach dem Ende der „Fortschrittskoalition“ im politischen Berlin. Das Besondere an Detlef Pollacks Ansatz ist seine optimistische Sicht auf unsere dynamische Gegenwart in ihrem Gewordensein. Es ist ein wirklich liberales Buch, das vor dem Hintergrund aktueller Aussichten und Debatten wohltut. Durchaus positional ist auch sein Bekenntnis zum Westen als „Ort von Freiheit, Frieden, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“ – wahrlich große Versprechen sind das.
Julian-Christopher Marx
Dr. phil. Julian-Christopher Marx ist Referent in der Abteilung Kirchliche Handlungsfelder der
Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover.