Wird die Schallgeschwindigkeit gebrochen, dann donnerts, wussten wir bereits als Kinder. Da übten Starfighter und Phantom noch über uns. Später lernten wir, Maß dieser Grenzüberschreitung ist die Machzahl. Hymn, das Debütalbum der Bassposaunistin Maxine Troglauer, reiche von anmutig Kontrapunktischem und tief Kehligem bis zu Mach-geschwinden Episoden sowie Schall darüber hinaus, schreibt die gestandene kanadische Jazztrompeterin Ingrid Jensen in den Liner Notes. Die klangsatten Abenteuer lobt sie ebenso wie die mit 30 Jahren gerade mal halb so alte Maxine Troglauer als Leaderin, risikofreudige Komponistin und Weltklasseposaunistin mit tief verwurzeltem, umwerfendem Sound – „balanced intellectually with creative ideas built to endlessly fly around the world with“.
Es kann also losgehen, was es auch tut! In einer Zeit, da immer mehr Menschen Nachrichten meiden oder mit KI-Chatbots kommunizieren, als seien es Freunde, Therapeuten und Liebespartner, kommt darum dieses zwischen Barock, Jazz und zeitgenössischer Musik keine Grenzen ziehende Album gerade recht. Zwar knallt es hier nicht und stürzen auch keine Jericho-Mauern ein, doch es hat viel Wucht und ist zugleich kosmisch-zart raffiniert. Das Prelude spielt Troglauer solo: sonor, sprechend, selbstgewiss. Danach kommt Robert Lucaciu am erst mal gestrichenen Kontrabass hinzu. Später klingt er oft präpariert. In Perpetuum Mobile setzt Schlagzeuger Wouter Kühne ein. Tastend, tickend. Die Spannung ist fiebrig, trotzdem einnehmend, bergend, fesselt und gibt Halt. Ein Effekt, der sich auf Hymn oft und stupend facettenreich findet. Die Komposition, Wechsel von Generalbass, Kammermusik-Disziplin und lyrischen Partien zu wilder Free-Jazz-Jagd und famos Seriellem sowie intensive Kommunikation greifen da Hand in Hand. Mit Julius Windisch am Klavier und dem notorischen Grenzenquerer-Trompeter Peter Evans aus New York auf drei der neun Stücke ist das Ensemble darüber dann zwischenzeitlich zum Quintett angewachsen. Den Epilogue spielt Troglauer wieder solo. Ausgerechnet beim eigentlich wenig geschätzten Stream-Abhören erschließt sich die geniale ringförmige Struktur des Albums besonders deutlich, denn die Promojukebox springt gleich auf erneutes Abspielen.
Deshalb die Empfehlung: Wiederholt anhören! Immer sind neue Details, Anklänge sowie auch komplettes Neuland zu entdecken. Was manchmal grooved und gar swingt, mitunter überdreht hechelt oder tief in sich selber ruht, leise ist, zwinkert, sucht und forscht, überwältigend wie filigran und virtuos auf Konventionen gar nichts gibt, dabei indes die Traditionen meisterhaft beherrscht, kulminiert so zum Fest glaubhafter wohltuender Anderwelt. Eskapistisch ist das nie, vielmehr immens dicht am Leben. Faszinierender Klang und packende Dynamik machen Stille erfahrbar, als sei die spirituelle Machzahl tricky frisiert. Das knallt also doch. Versprochen.
Udo Feist
Udo Feist lebt in Dortmund, ist Autor, Theologe und stellt regelmäßig neue Musik vor.