Diagnose per Meerschweinchen

Eine Entdeckungsreise in die Heiler- und Glaubenswelt Perus
Meerschweinchen
Foto: Martin Glauert

Nach der Eroberung Perus durch die spanischen Konquistadoren im Jahr 1535 waren 90 Prozent der ursprünglichen Einwohner tot. Den Überlebenden wurde der katholische Glaube aufgezwungen. Doch über all die Jahrhunderte haben sich viel ältere Glaubensvorstellungen und Rituale erhalten, die oft auch medizinischen Zwecken dienen. Der Arzt und zeitzeichen-Autor Martin Glauert hat sie sich angeschaut.

Die Juan-Manuel-Itúrregui-Straße in Chiclayo, einer Großstadt am Pazifischen Ozean, ist eine eher langweilige Seitenstraße mit kleinen Geschäften, wenig Grün und viel Bauschutt. Durch einen schmalen dunklen Hausflur gehen wir in ein kleines Zimmer. Es ist dämmrig hier drin, nur ein paar brennende Kerzen verbreiten warmes Licht. An der Wand hängt eine mit Gitter gesicherte Vitrine. Allmählich werden darin menschliche Schädel erkennbar, die alle eine goldbestickte Kappe tragen. Zwei Frauen beten andächtig, immer wieder treten Menschen für ein kurzes Gebet in die „Kapelle der 13 gesegneten Seelen“. Die Geschichte dahinter: 1908 überschwemmten Regenfluten den Friedhof von Chiclayo, die Skelette wurden aus ihren Gräbern an die Oberfläche gespült. Dreizehn Schädel hat man eingesammelt, mit Goldkappen geschmückt und in dieser improvisierten Kapelle ausgestellt. Sie stehen für 13 „arme Seelen“, die nach jahrelanger Qual dem Fegefeuer entkommen sind und seither als „ánimas benditas“, „gesegnete Seelen“, angebetet werden. Denn sie erfüllen Wünsche, wie die zahlreichen Dankestafeln an den Wänden bezeugen, vom allgemeinen Seelenheil bis zur bestandenen Führerscheinprüfung.

Egal, ob in der alten Wohnhöhle in Ollantaytambo (links und Seite 54 ) oder auf dem „Hexenmarkt“ in Chiclayo: An vielen Orten in Peru begegnet man den Utensilien und Zeugnissen schamanischer Heilkunst.
Foto: Martin Glauert

Egal, ob in der alten Wohnhöhle in Ollantaytambo oder auf dem „Hexenmarkt“ in Chiclayo: An vielen Orten in Peru begegnet man den Utensilien und Zeugnissen schamanischer Heilkunst.

Nicht immer reicht beten aus. Manchmal muss man sich auch selbst helfen, gerade bei Krankheiten. Das peruanische Gesundheitssystem ist mangelhaft, ärztliche Behandlung für viele Menschen unerschwinglich. Aber irgendein Familienmitglied weiß immer Rat. Bei unserer Gastfamilie ist es die Tante. Sie wird gerufen, wenn jemand in der Familie sich unwohl fühlt und an Chucaque erkrankt ist. Dieses Wort aus dem altperuanischen Quechua der Inka beschreibt einen Zustand mit Kopfschmerzen, Bauchweh, Übelkeit, Unbehagen und Angst. Die Krankheit kann verursacht werden durch den bösen Blick, einen Fluch und Verwünschungen, aber auch durch zu viele Komplimente, die im Körper zu Verwirrung und Beschämung führen. Die American Anthropological Association formuliert es nüchtern: „Chucaque ist die Folge eines traumatischen Ereignisses und steht in signifikantem Zusammenhang mit häuslichem sozialem Stress.“ Das Gegenmittel der Tante: Sie nimmt ein rohes Ei und führt es in kreisenden Bewegungen über den Bauch, dann über den gesamten Körper und um den Kopf des Befallenen herum. Das Ei soll dabei die Schmerzen und die krankmachende Energie des Körpers aufnehmen. Dann wird es aufgeschlagen, und siehe da: Das Eigelb ist fest geworden. Ein untrügliches Zeichen des Therapieerfolgs!

Besuch beim Schamanen

Wenn die familiäre Heilkunst aber an ihre Grenzen stößt, führt der Weg zum Schamanen. So wie damals, als die kleine Esthefany mitten im Sommer kalte Hände und kalte Füße hatte, blass wurde und dunkle Ringe um die Augen bekam. Der Schamane fuhr mit einer gelben Kerze den ganzen Körper ab. Danach wurde die Kerze in einer Pfanne geschmolzen und das Wachs in Wasser gegossen. Es erstarrte und ergab skurrile Formen. An denen erkannte der Schamane die Ursache der Erkrankung: Beim Friedhofbesuch war das Kind mit einem Fuß in ein Grab getreten. Dabei hatte der Tod nach ihm gegriffen, und es wurde krank. Die Zeremonie mit der Kerze wiederholte der Schamane noch zweimal, danach war das Kind wieder warm, rosig und gesund!

Hexenmarkt
Foto: Martin Glauert

Nach diesen Schilderungen möchten wir selbst einmal einen Schamanen kennenlernen und fahren gemeinsam zum „Mercado de las Brujas“, dem „Hexenmarkt“ an der Plaza de Armas in Chiclayo. In den überfüllten Gassen schwebt der Geruch von aromatischen Kräutern, Lärm und Stimmengewirr stürmen auf den Besucher ein. Kräuter, Salben und Tinkturen der traditionellen Volksmedizin werden hier angeboten. Das verwirrende Repertoire umfasst getrocknete Schlangenhäute und Affenschädel, Stinktierfelle, Rehfüße, Tukanköpfe, Zauberstäbe, Schrumpfköpfe und Heiligenbilder – das komplette therapeutische Arsenal der Curanderos und Schamanen.

Wie ein Schamane sieht Vicente Alejandria nicht gerade aus in seinem grellen Fußballtrikot und der Zigarette im Mund, aber tatsächlich entstammt er einer alten Heilerfamilie, wie ein verblichenes Diplom über „Etnomedicina Andina“ an der Wand beweist. Nach kurzem Handeln entscheiden wir uns für eine rituelle Reinigungszeremonie. In einer blickgeschützten Nische hinter seinem Stand wedelt der Schamane zuerst den Körper rundum mit Kräutern ab, um schädliche Geister zu vertreiben. Das Gleiche wiederholt er mit zwei Holzstäben, dann noch einmal mit zwei langen Messern, die er aneinander klirren lässt. Eine hölzerne Heiligenfigur wird mit Desinfektionsmittel eingesprüht und der Probandin auf den Kopf gesetzt. Sodann wird sie selbst mit Spray eingenebelt mit der Aufforderung, dabei tief einzuatmen. Vicente steckt sich eine Zigarette an und pustet den Rauch in alle Richtungen und auf die Kundin zu. Mit einer halben Schädelkalotte wird abermals der Körper abgestrichen. Dabei murmelt er eine beschwörende Litanei. Nach nicht einmal zehn Minuten ist alles vorbei. Gereinigt fühlt die kritische Klientin sich nicht, die Haare sind noch lange verklebt und riechen nach Zigarettenrauch. Wenn wir tiefer in die Geheimnisse der peruanischen Glaubenswelt eintauchen wollten, rät Vicente, müssten wir viel tiefer ins Land fahren.

Die Stadt Iquitos liegt im Amazonasgebiet, im Urwald und ist nur mit dem Flugzeug zu erreichen. Von hier aus bringt uns ein schmales Holzboot tiefer in den Dschungel. Nach zweistündiger Bootsfahrt erreichten wir unsere Lodge. Das Laub der Bäume ist so dicht, dass auch tagsüber nur grünes Dämmerlicht herrscht. Vogelstimmen und undeutbare Tiergeräusche erfüllen den Wald mit einem Echo wie in einer Kathedrale.

Ranke der Seelen

David ist hier am Amazonas geboren. Abends sitzen wir in der Hütte zusammen und lauschen seinen Legenden über die Dämonen des Dschungels. Man kann den Geistern im Urwald begegnen, aber auch in der eigenen Seele. Seit Jahrhunderten kennen die Ureinwohner des Amazonasbeckens spirituelle Rituale, um Verbindungen zwischen den Lebenden und den Toten herzustellen oder auf mystischem Weg göttliche Gegenwart zu erfahren. Dazu benutzen sie den Saft einer Liane, Ayahuasca. Der Name aus dem Quechua bedeutet so viel wie „Ranke der Seelen“ oder auch „Pflanze des Todes“. Curanderos und Schamanen verwenden sie, um Geister und Ahnen zu treffen, in die Zukunft zu blicken oder Heilung von Krankheiten zu bewirken. Wie eine solche Sitzung abläuft, schildert David aus eigener Erfahrung. Aus einem Lianengewächs wird ein Sud gekocht, den der Proband im Beisein des Schamanen trinkt. „Nach 20 bis 30 ereignislosen Minuten wird man plötzlich von einem starken Schwindel erfasst und taumelt“, erzählt David, „es beginnt ein starkes und langes Erbrechen.“ Dadurch sei man gereinigt von allem Schlechten und Bösen, das man in sich trug.

Bilder aus der Vergangenheit

Es folgt der Rausch, in dem zunächst Bilder aus der Vergangenheit vorüberziehen, dann Bilder aus der Gegenwart auftauchen, danach Bilder aus der Zukunft erscheinen. Die Rückschau in die Vergangenheit kann unerwartet sehr konkrete Bedeutung erlangen, wie David weiß. Sein Vater hatte die Kreditkarte verloren. Im Verlauf der Ayahuasca-Prozedur sah er bei den Bildern aus der Vergangenheit, dass der Nachbar die Karte gestohlen hatte. Daraufhin stellte er ihn zur Rede, und nach anfänglichem Leugnen gestand der Nachbar die Tat und gab ihm die Karte zurück. 2008 erhielt Ayahuasca in Peru offiziell den Status eines nationalen Kulturerbes. In der Santo-Daime-Kirche, die traditionell-indigene und christliche Elemente miteinander verbindet, ist der Gebrauch von Ayahuasca ein fester Bestandteil des Gottesdienstes.

Abendmahl mit Cuy: ein Gemälde aus der Kathedrale von Cusco.
Foto: Martin Glauert

Abendmahl mit Cuy: ein Gemälde aus der Kathedrale von Cusco.

Jeder Ort hat seine eigene Droge. In Ollantaytambo kaut man Cocablätter oder trinkt sie als Tee, auch die Touristen, denn sie helfen gegen die Höhenkrankheit. Der Ort liegt in den Anden auf 2 850 Metern Höhe, nur eine Stunde von Macchu Pichu entfernt, dem letzten Rückzugsort der Inkas vor den Konquistadoren. Die Häuser bestehen aus groben Feldsteinen, die Gassen sind schmal, ein Bach läuft am Weg entlang. Manchmal öffnet sich der Blick in einen Innenhof mit Gerümpel, Werkzeug und Hühnern. Über einen solchen Hof gelangen wir in einen großen, dunklen Raum. Als sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen, wissen wir nicht, ob wir in einen Voodootempel, ein Heimatmuseum oder einen Souvenirshop geraten sind. An der rußgeschwärzten Wand hängen mumifizierte Gürteltiere, mittendrin ein getrocknetes Lama-Baby. Ein riesiger Condorkopf mit Schnabel und Gefieder droht, sich auf uns herabzustürzen. Zwischen den gruseligen Objekten liegen immer wieder buntbemalte Puppen und Spielzeuge verteilt, daneben handgewebte Mützen und farbenfrohe Ponchos wie auf dem Wochenmarkt.

In einer Ecke des Raums befindet sich eine Feuerstelle mit benutzten Töpfen und Tassen, und allmählich wird uns klar: Hier wohnt jemand. Maria ist etwa 60 Jahre alt und lebt inmitten dieser skurrilen Sammlung. In der entlegenen Ecke tummeln sich Meerschweinchen im frischen Grünfutter. Das ist keine Seltenheit in peruanischen Haushalten. Doch das Cuy – so der peruanische Name – dient auch religiösen und medizinischen Zwecken. Shoqma heißt etwa ein altes Ritual aus der Andenregion, bei dem das Tier zum Zweck der „Reinigung“ und der Diagnose gesundheitlicher Probleme eingesetzt wird. Dabei reibt der Heiler das lebendige Cuy langsam von Kopf bis Fuß über den Körper des Patienten. Wenn das Nagetier beim Reiben schreit, bedeutet das, dass die Krankheit bereits fortgeschritten ist, aber noch heilbar. Anschließend wird das lebende Tier gehäutet, der Bauch aufgeschnitten und seine Eingeweide untersucht. Aus deren Zustand liest der Heiler ab, woran der Patient leidet und welche Medizin ihm hilft. Das Cuy allerdings überlebt die Prozedur nicht.

Sehr viel geläufiger aber ist die Verwendung des Meerschweinchens als Mahlzeit. Seit vielen Jahrhunderten werden sie zum Verzehr gezüchtet und sind nach wie vor eines der Hauptgerichte in peruanischen Familien zu besonderen Anlässen. In jedem traditionellen Lokal bekommt man es als Braten serviert. Bis in höchste religiöse Ränge hat das kleine Tier es geschafft: In der Kathedrale von Cusco hängt ein Gemälde des letzten Abendmahls. Auf dem Teller vor Jesus liegt – ein Meerschweinchen! 

 

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