Lob der Landeskirche

Klartext
Foto: Privat

Die Gedanken zu den Sonntagspredigten für die nächsten Wochen stammen von Jürgen Wandel. Er ist Mitarbeiter von zeitzeichen.

Glaube mit Datum

9. SONNTAG NACH TRINITATIS, 17. AUGUST

Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist. (Philipper 3,13)

Paulus hat die entscheidende Weiche dafür gestellt, dass sich das Christentum zur Weltreligion entwickeln konnte. Denn er ermöglichte Nichtjuden den Zugang zur christlichen Gemeinde, ohne dass sie zuvor zum Judentum übertreten und sich beschneiden lassen mussten. Zu dieser Einsicht kam Paulus durch eine Erfahrung, die man als „Damaskuserlebnis“ bezeichnet. Es ließ aus dem Pharisäer und Christenverfolger einen Völkermissionar werden.

Ähnliche Bekehrungserlebnisse, Erfahrungen, die das Leben plötzlich so verändern, dass es nur noch ein Vorher und Nachher gibt, hat es in der Kirchengeschichte immer wieder gegeben. Berühmt ist das „Turmerlebnis“ Martin Luthers, das ihn zum Reformator werden ließ. Beim Lesen des Römerbriefs wurde dem Augustinermönch schlagartig bewusst, dass man sich Gottes Liebe nicht verdienen kann und muss, indem man religiöse Vorschriften erfüllt. Im Rückblick schrieb Luther: „Da fühlte ich mich wie ganz und gar neugeboren. Und durch offene Tore trat ich in das Paradies ein.“ Im Pietismus, der Frömmigkeitsbewegung, die im Protestantismus des 18. Jahrhunderts entstand, legte man Wert darauf, dass Christen Tag und sogar Uhrzeit ihrer Bekehrung angeben konnten. Und heute kann jemand in manchen Freikirchen nur dann Mitglied werden, wenn er im Gottesdienst darlegt, wann, wie und warum er Christ geworden ist. Davor habe ich Respekt, aber ich bin froh, dass ich das als Mitglied und Pfarrer einer Landeskirche nie tun musste. In Württemberg wurde ich gelegentlich von Pietisten gefragt, ob ich „ein Datum“ hätte, sprich: ob ich bekehrt sei. Gut lutherisch nannte ich meinen Tauftag. Aber das irritierte die Fragenden. Schließlich war ich schon eine Woche nach meiner Geburt getauft worden. Seither hat sich mein Glaube entwickelt. Im Kern ist er weitgehend gleich geblieben. Aber manche Perspektiven haben sich verändert.

Ich hatte keine Bekehrungserlebnisse wie Paulus und Luther, aber religiöse Erfahrungen, die sich mir eingeprägt haben. Als ich einmal auf der schottischen Insel Iona die Kirche besichtigte, spielte jemand auf einem Flügel „Jesus bleibet meine Freude“ aus Bachs Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“. Das löste bei mir ein Gefühl von Geborgenheit aus. Und ähnlich berührte mich an einem Sonntagmorgen während meines Auslandssemesters in Edinburgh eine Andacht der Quäker. Dabei wurde eine Stunde lang geschwiegen. Und mich erfüllte ein tiefer innerer Friede.

Ohne Goldrand

10. SONNTAG NACH TRINITATIS (Israelsonntag), 24. AUGUST

Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen …“ Das andere ist dies: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Es ist kein größeres Gebot als diese. (Markus 12,29–31)

Landläufig spricht man vom „christlichen Gebot der Nächstenliebe“. Und diese Redeweise hat positive und negative Aspekte. Zum einen erinnert es Christen daran, dass die Liebe des Nächsten in der Nähe und Ferne zum Kern ihres Glaubens gehört und daher ein kritischer Maßstab ist, der an ihr Reden und Handeln angelegt wird.

Zum anderen wird verdrängt und vergessen, dass das Gebot der Nächstenliebe keine Erfindung des Christentums ist, sondern diesem und der Menschheit – mit dem ethischen Monotheismus – vom Judentum geschenkt wurde. Der Jude Jesus beantwortet die Frage eines Glaubensgenossen nach dem höchsten Gebot, indem er aus der Tora zitiert. In 3.Mose 19,18 werden die Israeliten ja aufgefordert, den Nächsten wie sich selbst zu lieben.

Spätestens hier wird deutlich, dass die Entgegensetzung eines „alttestamentarischen“ Gottes der Rache und eines neutestamentlichen Gottes der Liebe nicht nur Unsinn ist, sondern Verleumdung unserer jüdischen Nächsten. Aber was ist, wenn Juden vor aller Augen das Recht und das Gebot der Nächstenliebe verletzen (wie durch die Besetzung des Westjordanlands)? Wie können oder sollen Nichtjuden darauf reagieren?

Der Schriftsteller Robert Neumann (1897–1975) war vor den Nazis nach England geflohen, kehrte aber in den Fünfzigerjahren aus dem Exil zurück. 1965 erwähnt er in einem Essay, dass er für einen Rundfunkbeitrag honoriert wurde, obwohl dieser nicht gesendet worden war. Auf seine Nachfrage antwortete der zuständige Redakteur, dass er einen Beitrag, den ihm „ein Jude und Naziopfer“ schicke, „unter allen Umständen annehme und honoriere“. In seinem Essay betont Neumann, Juden wollten „keine Sonderbehandlung – nicht die Himmlersche noch jene, die uns wie rohe Eier behandeln und in Gold fassen will“. Wenn ein Jude zum Beispiel falsch parkt, jemandem ein mangelhaftes Auto andreht oder einen Raub oder Totschlag begeht, solle man sagen: „Der Meier hat es getan, nicht der Jude Meier hat es getan, alle Juden haben’s getan, alle Juden sind …

Schwierige Frage

11. SONNTAG NACH TRINITATIS, 31. AUGUST

Auch heute lehnt sich meine Klage auf; seine Hand drückt schwer, dass ich seufzen muss. (Hiob 23,2)

Obwohl Hiob fromm ist und Gottes Gebote einhält, verliert er seinen Besitz, sterben die zehn Kinder, und es sucht ihn eine schwere Krankheit heim. Das Hiob-Buch kreist letztlich um die Frage, die auch heute Menschen bewegt: „Wie kann ein gerechter Gott Leid zulassen?“

In einem der Bozen-Krimis, die die ARD in ihrem Fernsehprogramm ausstrahlt, ging es kürzlich um den Mord an einem Mädchen. Der junge Ortspfarrer sagt zu ihren Eltern einfühlsam, dass er ahnt, was der Verlust eines Kindes bedeutet. Aber da bricht es aus dem Vater heraus: „Wo war Ihr Gott, als meine Tochter umgebracht worden ist?“ Nach einer Atempause antwortet der Geistliche ruhig: „Bei Lisa.“ Aber kurz darauf sagt der Vater mit gepresster Stimme, ohne den Pfarrer anzublicken: „Es ist besser, wenn Sie jetzt gehen.“

Auf die Theodizee-Frage, die Frage, warum Gott Leid zulässt, hat es in der Geschichte viele unterschiedliche und gegensätzliche Antworten gegeben: Der Schriftsteller Georg Büchner, der 1837 mit 23 Jahren an Typhus starb, bezeichnete die Frage nach dem Leid in der Welt als den „Fels des Atheismus“. Der liberalkonservative US-Rabbiner Harold Kushner (1935–2023) veröffentlichte 1981, nachdem sein Sohn mit 14 Jahren einer Krankheit erlegen war, ein viel gelesenes Buch. Der deutsche Titel, der den englischen wörtlich wiedergibt, lautet: Wenn guten Menschen Böses widerfährt. Kushner betont, dass er an Gott glaubt. Aber für ihn liegen dessen „Grenzen in den Naturgesetzen, in der Entwicklung der menschlichen Natur und der menschlichen Freiheit“. Und der Rabbiner kann „leichter einen Gott verehren, dem Leiden verhasst sind, der sie aber nicht verhindern kann, als einen Gott, der Kinder leiden und sterben lässt, aus welchen Gründen auch immer“.
Holm Tetens (76), der bis 2015 an der Freien Universität Berlin Philosophie lehrte, war nach dem Abitur aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Und lange verstand er sich als Atheist.

Aber in seinem Werk mit dem Titel Gott denken (erschienen als Reclam-Büchlein, 96 Seiten, ISBN: 978-3-15-019295-5) vertritt Tetens einen vernünftigen Theismus, der die Hoffnung auf eine ausgleichende Gerechtigkeit im Jüngsten Gericht bekräftigt. Angesichts der unzähligen Menschen, denen in der Geschichte „unglaubliches Unrecht“ geschah, müsse man „sehr gute Gründe haben“, um sich mit der Welt abzufinden, wie sie ist, betont der Philosoph. Für ihn ist „einer der stärksten Gründe für den Gottesgedanken“, dass man „angesichts der ungetröstet und ungesühnt verstorbenen Opfer der Weltgeschichte“ darauf hoffen kann, dass Gott „nichts und niemanden endgültig verloren gibt“.

Heil und heil

12. SONNTAG NACH TRINITATIS, 7. September

Es wurde ein Mann herbei­getragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte 
man täglich vor das Tor des Tempels, das da heißt das Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. (Apostelgeschichte 3,2)

Die Redewendung „auf Augenhöhe“ wird heutzutage so inflationär gebraucht, dass sie zur modischen Phrase geworden ist und sich als nichtssagend erweist. Bei Petrus und Johannes verhält es sich anders. Denn sie belassen es nicht bei Worten. Die meisten Tempelbesucher dürften den Gelähmten, der am Schönen Tor liegt, nicht weiter beachtet haben, selbst wenn sie ihm ein Almosen gaben. Petrus und Johannes wenden sich dem Gelähmten dagegen zu und fordern ihn auf: „Sieh uns an“ (Vers 5). Er tut das, erhält aber nicht wie erwartet ein Almosen. Vielmehr sagt Petrus dem Gelähmten ein Wort der Ermutigung und berührt ihn. Und er „sprang auf, konnte stehen und gehen“ (Vers 8).

„Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“, heißt es in Goethes Faust. Aber wer sich nun (apologetisch oder skeptisch) auf die Frage fixiert, ob Wunder im Sinn von Mirakeln möglich sind und ob der Gelähmte an der Schönen Pforte wirklich gesund wurde, übersieht meines Erachtens etwas Wichtiges. Denn die Wundererzählung aus der Apostelgeschichte, die heute auf den Kanzeln der deutschen Landeskirchen ausgelegt wird, enthält eine Botschaft, die auch für Christen im 21. Jahrhundert von Bedeutung ist, unabhängig davon, ob sie Wunderheilungen für möglich halten.

Petrus und Johannes speisen den Gelähmten nicht mit Almosen ab. Und sie wenden auch nicht ihren Blick von seinem körperlichen Gebrechen, aus Ekel oder aus Angst vor der eigenen Hinfälligkeit. Und sie fragen nicht nach den Ursachen der Lähmung. Sie spekulieren auch nicht, ob die Krankheit eine Strafe Gottes für eigenes Fehlverhalten oder die Sünden der Vorfahren ist. Petrus und Johannes sorgen vielmehr für die körperliche und seelische Gesundung des Gelähmten. Sie nehmen ihn mit in den Tempel und eröffnen ihm somit den Zugang zum Glauben und damit zu einer Gemeinschaft.

Aber auch in materieller Hinsicht wird dem Mann von nun an ein neues Leben ermöglicht. Er ist nicht mehr auf Almosen angewiesen, sondern kann für sich (und andere) sorgen. So etwas erhöht auch das Ansehen in der Gesellschaft und stärkt das Selbstbewusstsein. Die Geschichte, die die Apostelgeschichte erzählt, macht also deutlich: Heil und heil werden gehören zusammen. 

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