Mein Weg zur Theologie begann bereits in der Schulzeit in Schleswig durch meine Begeisterung für alte Sprachen. Latein war mein absolutes Lieblingsfach. Ich weiß noch genau: Aeneis, sechstes Buch, das war Thema in der Oberstufe. Den entscheidenden Impuls erhielt ich jedoch durch meine Konfirmationspastorin am Schleswiger Dom. Sie hat mich besonders bei einer Fahrt nach Lutherstadt Wittenberg beeindruckt, da war ich 14 Jahre alt. Die Pastorin hatte mir zuvor ein Buch über Melanchthon ausgeliehen, und als wir dann abends in Wittenberg in der Cranach-Herberge zusammensaßen, dachte ich zum ersten Mal: „So wie die – das könnte auch etwas für mich sein.“ Allerdings wollte ich dann vor dem Abitur eigentlich Medizin studieren. Ich habe ein Praktikum in einem Krankenhaus gemacht und rückblickend gemerkt, dass mir wohl doch die Beschäftigung mit Sprachen, Geschichte und Glaube fehlen würde.
So begann ich nach dem Abitur 2015 mein Theologiestudium in Leipzig. Von Anfang an haben mich auch hier die alten Sprachen wieder begeistert – Hebräisch, Griechisch und später auch Akkadisch und Aramäisch. Für mich sind diese Sprachen wie Rätsel, und ich finde es immer wieder faszinierend, sie zu lösen und zu entschlüsseln, die systematische Struktur der Sprachen zu erarbeiten und zum Beispiel etwas darüber zu lernen, welche Zeitformen es gibt oder wie bestimmte Aspekte ausgedrückt werden. Im vierten Semester wurde mir in der Übung „Einführung ins Aramäische“ von Professor Andreas Schüle eine Stelle als studentische Hilfskraft im Fach Altes Testament angeboten, die ich sehr gerne angenommen habe. Über mein Villigst-Stipendium konnte ich dann 2018/19 ein einjähriges Masterstudium „Classics and Ancient Civilizations“ an der Universität Leiden in den Niederlanden absolvieren. Dort habe ich die Spezialisierung „Hebrew and Aramaic Studies“ belegt und konnte in diesen Fächern binnen eines Jahres einen Masterabschluss machen. Meine Masterarbeit habe ich über die Garten-Metapher in der Hebräischen Bibel geschrieben.
Nach einem kurzen Aufenthalt in Erlangen für ein homiletisches Hauptseminar bei Professor Martin Nicol kehrte ich nach Leipzig zurück und legte 2021 dort mein erstes theologisches Examen ab. Um die Wartezeit auf die Assistenzstelle zu überbrücken, habe ich dann zunächst vier Monate als Hilfskraft an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften lateinische Texte übersetzt. Seit 2022 habe ich nun eine halbe Assistenzstelle bei Professor Schüle. Dazu gehört auch das Unterrichten von Proseminar und Bibelkunde, was mir viel Freude macht.
Das Promotionsthema ist langsam in mir gewachsen. Ich wollte, dass es möglichst an der Schnittstelle von Exegese und Theologie des Alten Testaments angesiedelt ist, weil mich diese Verbindung sehr interessiert. Ich war schon in meinem Studium fasziniert von dem Phänomen der Intertextualität. Intertextualität bezeichnet das Verhältnis zwischen Texten. Man geht davon aus, dass ein Text nicht isoliert für sich existiert, sondern dass er auf verschiedenste Weise mit anderen Texten verwoben ist.
Meine Dissertation widmet sich dem Buch Rut aus dem Alten Testament. Meine These lautet, dass dieses Buch als Intertext zu lesen ist. Das heißt, ich untersuche, wie sich das Rutbuch intertextuell vernetzt und wie dieses Textgewebe nachgezeichnet werden kann. In meiner Arbeit versuche ich, ein weites Verständnis von Intertextualität (Texte sind grundsätzlich mosaikartig und generieren sich aus Elementen, die schon da waren) mit einem engeren Verständnis (konkret nachweisbare Zitate oder Anspielungen) zusammenzuführen. Das Buch Rut eignet sich besonders dafür, da es sich einerseits eigenständig als „lieblichstes kleines Ganzes“ (wie Goethe sagte) präsentiert, andererseits aber auch vielfältig in andere biblische Texte verstrickt ist. Manchmal habe ich das Gefühl, beim Schreiben der Promotion schaue ich Rut über die Schulter und beobachte, wie sie sich in der Hebräischen Bibel umsieht und mit verschiedenen anderen Texten umgeht. Methodisch verwende ich einen systemtheoretischen Ansatz basierend auf Niklas Luhmann, um diesen Beobachtungsprozess von Intertextualität zu beschreiben. Luhmann arbeitet in seiner Systemtheorie mit der Unterscheidung von Medium und Form. Ein Medium ist nach seiner Definition eine lose verbundene Menge von Elementen. Durch die Verdichtung dieser Elemente werden Formen gebildet.
Mit dieser Unterscheidung kann man gut beschreiben, wie das Rutbuch verschiedene Kontexte, also Medien, intertextuell verarbeitet, indem es Formen kreiert. Eine Form kann zum Beispiel die Einspielung eines Namens sein, ein Medium der dahinterliegende Text oder Diskurs. Das Konzept kombiniert so Konkretion mit Offenheit. In der Analyse von Text und Kontext entsteht ein spannender Zwischenraum. Es fasziniert mich zu beobachten, was da hermeneutisch passiert und wie Theologie in diesem komplexen Vernetzungsprozess entsteht – mit solcher Kunstfertigkeit und Kreativität im Umgang mit dem biblischen Material. Ein konkretes Beispiel: Das Rutbuch beginnt mit einem Auszug nach einer Hungersnot, genau wie Genesis 12,10. Während Abram in der Preisgabeerzählung nur befürchtet umzukommen, sterben im Rutbuch zu Beginn tatsächlich alle drei Ehemänner. Man merkt, wie Rut sich intertextuell bekannte Strukturen aneignet, diese Kontexte aber auch umformt und mit Unschärfen arbeitet – teilweise werden zum Beispiel Genderrollen fluide. Rut wird von Boas dafür gelobt, dass sie ihr Land, Vater und Mutter verlassen hat – ein Motiv, dessen Elemente aus Abrams Berufung, aber auch aus Genesis 2,24 bekannt sind. Am Ende wird Rut, die Moabiterin, mit den Erzmüttern Rahel und Lea sowie mit Tamar in Verbindung gebracht. Und natürlich freue ich mich dabei auch immer wieder, wenn ich merke, wie oft Rut in aktuelle Diskurse, etwa über Heimat, Fremdsein oder Migration, hineinspricht.
Meine Dissertation gliedert sich in mehrere Teile: Nach Forschungsüberblick und Methodenteil folgt der Materialteil mit Abschnitten zu „Rut und die Erzeltern“, „Rut und Gesetzesdiskurse“ sowie „Rut und Weisheit“. Vermutlich kommt noch „Rut und David/Vordere Propheten“ dazu – da bin ich mir noch nicht ganz sicher, aber das wird sich ergeben, ich habe ja noch bis 2027 Zeit.
Aufgezeichnet von Reinhard Mawick
Anne Herzig
Anne Herzig ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Alttestamentliche Wissenschaft der Universität Leipzig.