„Wir brauchen den Müll“

Warum arme Menschen in Guatemala-Stadt gegen organisiertes Recycling kämpfen
„Wir haben nichts gegen das Recyclen“, sagte eine der Protestiererinnen. „Wir machen das seit über fünfzig Jahren.“
Foto: Andreas Boueke
„Wir haben nichts gegen das Recyclen“, sagte eine der Protestiererinnen. „Wir machen das seit über fünfzig Jahren.“

In vielen Ländern Europas ist Mülltrennung in Privathaushalten seit Langem eine Selbstverständlichkeit. Doch in anderen Teilen der Welt wird das Thema nach wie vor kontrovers diskutiert. Etwa in Guatemala-Stadt, wo strengere Gesetze für eine saubere Umwelt sorgen sollten. Doch das brachte gerade arme Menschen auf die Barrikaden. Warum, erläutert der Journalist Andreas Boueke.

Müde Passagiere in rostigen Bussen wischen sich Schweiß von der Stirn. Alte Motoren brummen im Stau. Motorräder zwängen sich durch Lücken, die kaum breit genug für ihre Lenker sind. In der Mittagshitze der Zone 3 von Guatemala-Stadt trägt eine sanfte Brise den Geruch der nahegelegenen Mülldeponie herüber. Abgase mischen sich mit dem Gestank verrottender Lebensmittel und brennenden Gummis. Schwarzer Rauch steigt von den Resten verkohlter Autoreifen auf, die noch vor kurzem lodernd brannten.

Ein Mann mit rußverschmiertem Gesicht verbietet die Durchfahrt zur Mülldeponie. Barrikaden aus gestapeltem Abfall blockieren die Straße. Eine Frau mit einem langen grauen Zopf erklärt, warum die demonstrierenden Anwohner wütend sind: „Wenn wir nicht mehr auf der Müllhalde arbeiten können, dann bekommen unsere Kinder nicht genug zu essen. Die Behörden wollen uns den wertvollsten Teil des Abfalls wegnehmen. Aber davon leben viele alleinstehende Frauen, junge Leute, Großeltern. Wir alle brauchen den Müll.“

Doña Maria ist vor einer Woche 65 Jahre alt geworden. Doch über ein Leben als Rentnerin hat sie noch nie nachgedacht. „Seit ich sieben Jahre alt bin, arbeite ich auf der Müllhalde. Wenn hier wirklich bald nur noch Restmüll geliefert wird, verliere ich mein Einkommen. Was sollen meine Enkel dann essen? Wir sind auf das Recycling angewiesen. Aber den Politikern ist das egal. Die haben ihre Einkommen und interessieren sich nicht für unser Schicksal.“

Der guatemaltekische Staat will eine neue Recyclingvorschrift durchsetzen: Die Bevölkerung soll ihren Müll bereits zu Hause in drei Kategorien trennen – organisch, recycelbar und Restmüll. Dieses Vorhaben macht Doña Maria große Sorgen: „Ich verstehe nicht, warum die Behörden sich da einmischen. Sie haben sich doch sonst nie um uns gekümmert. Der Müll ist die Voraussetzung dafür, dass unsere Kinder essen können. Er ist die Quelle für das Einkommen der Armen. Mit dem, was wir auf der Müllhalde finden, sichern wir unser Überleben.“

Kämpferischer Blick

Bereits 2021 hat das guatemaltekische Umweltministerium ein Dekret zur Mülltrennung erlassen. Doch erst in diesem Jahr sollte die Vorschrift tatsächlich umgesetzt werden. Offenbar haben die Behörden nicht mit einem solch heftigen Widerstand gerechnet. Seit dem letzten Streik der Müllsammler in Guatemala-Stadt sind dreißig Jahre vergangen. Zu der Zeit hatte ein japanisches Unternehmen Pläne für den Bau einer Recyclinganlage vorgelegt. Doch die Verhandlungen mit den städtischen Behörden brachten kein Ergebnis. Damals sah Doña Maria darin einen Erfolg. Jetzt schaut sie wieder mit kämpferischem Blick auf die Barrikaden. „Wir haben die Zufahrtsstraße versperrt, so dass die Müllwagen nicht mehr durchkommen können. Wir fordern, dass der gesamte Müll weiterhin auf die Deponie gebracht wird. Müllwagen, die kein Plastik und Glas bringen, brauchen gar nicht erst zu kommen. Dafür streiken wir.“

In Guatemala-Stadt und Umgebung leben rund zweieinhalb Millionen Menschen, die Tag für Tag mehr als 4 000 Tonnen Müll produzieren. Normalerweise wird ein Großteil dieses Abfalls von 775 Lastwagen über eine abschüssige Straße zur Deponie der Zone 3 gebracht. Doch während des Streiks fährt dort kein einziger dieser Mülltransporter. So konnten ein paar Jungs vier Plastikflaschen auf den Asphalt stellen, die als Fußballtore dienen. Am Rand des provisorischen Spielfelds stehen mehrere Väter mit einer Bierflasche in der Hand und schauen zu. Don Guayo sitzt auf einer ausgedienten Bank aus einem Buswrack. Er ist wütend. „Hier soll ein Monopol entstehen“, schimpft er. „Das Recyclinggeschäft soll von einer großen Firma übernommen werden, die bestimmt keine Leute ohne Schulabschluss einstellen wird. So kann das nicht funktionieren.“

Die größte Mülldeponie Guatemalas ist seit dem Jahr 1953 in Betrieb. Damals lag die Schlucht des Rio La Barranca weit abseits von den Wohngebieten der Hauptstadt. Heute stehen zahlreiche eng bewohnte Siedlungen direkt neben dem Müll. Doch der Abfall wird noch immer fast ausschließlich von informellen Arbeitern sortiert – ohne Werkzeug, ohne Ausbildung und nahezu ohne Schutzmaßnahmen. Viele Frauen, Männer und Kinder durchstöbern den Müll mit bloßen Händen, auch Don Guayo. Sobald ein Lastwagen abgeladen hat, sucht er nach recycelbaren Materialien und Gegenständen, die noch einen Wert haben: „Wir haben zwar nicht studiert, aber wir sind nicht blöd. Wir wissen, dass reiche Unternehmer das Recyclinggeschäft an sich reißen wollen. Das dürfen wir nicht zulassen. Aber der Kampf wird schwer. In Guatemala gibt es so viel Korruption.“

Don Guayo ist Vater von fünf Kindern. Zwar wäre er froh, wenn sie in einer sauberen Umwelt aufwachsen würden, aber er schimpft: „Die Umweltschützer interessieren sich nicht dafür, ob unsere Familien genug zu essen haben. Wenn wir kein Geld verdienen, werden unsere Kinder krank und unterernährt.“

Unterdessen hat sich Doña Maria hinter einen wackeligen Holztisch gestellt. Davor steht eine Warteschlange von mehreren Dutzend Personen. Mit einem langen Löffel schöpft Doña Maria heißen Kaffee aus einem großen Aluminiumtopf und füllt ihn in Becher aus Styropor. „Wir geben den Leuten Kaffee, weil sie Hunger haben und weil sie heute kein Geld verdienen können.“

Eine andere Frau wickelt Brote in Papierservietten: „Der Kaffee, süßes Brot und ein paar Sandwichs mit Hühnerfleisch sind eine Spende für all die Leute, die sonst jeden Tag im Recycling arbeiten. Viele haben heute noch nichts gegessen, weil sie gegen das neue Müllgesetz demonstrieren.“

Eine der Frauen, die geduldig auf ihren Kaffee warten, ist Doña Patricia: „Wir machen uns Sorgen. Jeder Streiktag ist ein Tag ohne Einnahmen. Wie sollen wir morgen etwas zu essen kaufen? Es ist ja schön, dass wir hier zusammen sind, aber es ist auch traurig, weil wir jeden Tag ärmer werden.“

Improvisierte Lösungen

An manchen Tagen muss Doña Patricia mit weniger als zehn Euro auskommen. Damit versorgt sie sieben Personen und hält den Haushalt am Laufen. Sie streckt Mahlzeiten, verzichtet auf den Kauf von Medizin und findet immer neue improvisierte Lösungen. „Unser Einkommen hängt von der Qualität des Abfalls ab, den die Lastwagen liefern. Wenn der Müll demnächst wirklich schon in den Häusern getrennt wird, dann kommen die besten Sachen nicht mehr hier an. Was bleibt dann für uns? Deshalb streiken wir. Wir bleiben hier, auch nachts, tagelang, oder die ganze Woche. Die Regierung muss uns eine Lösung anbieten.“

Derweil hat Doña Maria den Kaffeetopf leer geschöpft. Jetzt geht sie zu einer Straßenecke und setzt sich auf einen Bordstein im Schatten. „Ich warte auf jemanden. Sie wird mir Geld bringen, weil ich ihr ein paar Kleidungsstücke gegeben habe. Dafür schuldet sie mir noch etwas Geld. Sie hat die Sachen auf einem Markt verkauft. Fast jeden Tag gebe ich ihr dafür Küchengeschirr, Elektrogeräte und Kleidung.“

Nach wenigen Minuten taucht Doña Luisa auf. Auch sie ist 65 Jahre alt, genauso wie Doña Maria. Die beiden Frauen sind seit Jahrzehnten befreundet. Die eine verkauft auf einem Markt die Sachen, die ihr die andere für wenig Geld überlässt. Töpfe, Pfannen, Stofftiere, Spielzeug, Puppen und vieles mehr. „Vieles aus dem Müll kann man für gutes Geld verkaufen“, sagt Doña Luisa. „Für mich ist das eine große Hilfe.“ Eine Weile lang tauschen die beiden Frauen Neuigkeiten aus ihren Familien aus, doch dann geht es ums Geschäft. Doña Luisa muss eine Schuld begleichen. Sie kramt vierzig Quetzales hervor, das entspricht etwa fünf Euro. „Plüschtiere verkaufe ich für fünf Quetzales“, erklärt Doña Maria. „Die sind noch richtig hübsch. Wenn sie neu wären, würden sie das Zwanzigfache kosten. Aber die meisten Leute hier kaufen lieber billige Sachen, sonst könnten sie sich das nicht leisten.“

Nachdem sich die beiden Frauen verabschiedet haben, verschwindet Doña Maria in den engen Gassen ihrer Siedlung.

Zwei Tage später taucht sie wieder auf, bei einer großen Demonstration vor dem Gebäude des Umweltministeriums, ein paar hundert Meter vom Flughafen entfernt. „Wir sind hierhergekommen, um zu protestieren. Wir wollen den Müll weiterhin so recyceln, wie wir es immer gemacht haben. All die Menschen, die heute demonstrieren, sind auf diese Arbeit angewiesen – auch die Lastwagenfahrer und ihre Helfer. Aber das will die Umweltministerin nicht verstehen.“

Während Beamte des Ministeriums und Vertreter der Müllsammler drinnen um einen Konsens ringen, machen die Demonstrierenden draußen Lärm. Nach und nach treffen auch Dutzende Müllwagen ein. Angeblich wollen sich die Fahrer mit den Müllsammlern der Deponie solidarisch zeigen. Tatsächlich aber sind es die Transportunternehmen, die seit Jahrzehnten eine Modernisierung der Abfallentsorgung verhindern. Für sie ist die Müllabfuhr eine unerschöpfliche Einkommensquelle, die sie verteidigen. Im Dialog mit den Behörden verweigern sie sogar die Herausgabe so grundlegender Informationen wie den Verlauf ihrer Routen. Sie haben keine feste Zeitplanung, so dass auch zu Stoßzeiten Hunderte Müllwagen das Verkehrschaos der Hauptstadt verschlimmern.

Mit der Zeit wird die Demonstration immer größer und lauter. Guatemaltekische und internationale Journalisten machen Fotos und Interviews. Der TV-Reporter Rainer Ruis berichtet live: „Jetzt drohen sie damit, den Abfall tagelang liegen zu lassen. Heute gab es keine Müllabfuhr in den Wohngebieten. Viele Straßen sind verschmutzt.“

Ruis hat schon oft über die ineffiziente Abfallwirtschaft in Guatemala berichtet. Er weiß, dass das Thema viele Facetten und eine lange Vorgeschichte hat: „Regierungen sind gekommen und gegangen, ohne dass sie der Problematik die notwendige Aufmerksamkeit gewidmet haben. Es ist ja nicht so, dass die Familien, die im Abfall arbeiten und vom Müll leben, dies aus freien Stücken tun. Sie finden schlichtweg keine andere Einkommensmöglichkeit. Längst ist offensichtlich, dass es so nicht weitergehen kann. Die Müllentsorgung braucht dringend eine geordnete Lösung.“

Während vor dem Umweltministerium immer mehr Müllwagen vorfahren, drängen sich einige Presseleute um die Sprecherin der Vereinigung „Recicladores Unidos“. Die junge Frau Marlyn Loarca setzt sich für die Rechte der Müllsammler ein: „Recyceln ist eine gute Sache. Wir machen das seit über fünfzig Jahren. Wir haben nichts gegen das Recyclen.“

Die engagierte Müllsammlerin bemüht sich seit Jahren, ihre Kolleginnen und Kollegen zum Beitritt in die Vereinigung zu bewegen, um gemeinsam bessere Arbeitsbedingungen zu erkämpfen. Ihrer Ansicht nach liegt die eigentliche Ursache des Konflikts um das neue Gesetz darin, dass ihre Leute nicht in den Entscheidungsprozess einbezogen wurden. Marlyn Loarca ist Tochter und Enkelin von Müllsammlern. Sie ist wütend, dass der Gesetzgeber einmal mehr die Realität des Landes ignoriert. „Zum Beispiel schreibt das Dekret vor, dass jeder Lastwagen nach dem Abladen des Mülls gereinigt werden muss. Wie soll das funktionieren? In der Umgebung der Deponie gibt es ja nicht einmal genug Wasser.“

Schließlich wird bei den Verhandlungen ein Kompromiss erreicht: Zumindest in der Hauptstadt soll der Müll vorerst nicht mehr in drei, sondern nur noch in zwei Kategorien getrennt werden – organische Abfälle und sonstiger Müll. Daraufhin beenden die Lastwagenfahrer und Müllsammler ihren Streik. Doch ein entscheidender Punkt bleibt ungelöst: Es gibt weiterhin keinen Plan, wie verhindert werden könnte, dass sich die beiden Müllsorten während des Transports in den Lastwagen wieder vermischen. 

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