Ein sonniger Moment
Neben dem Jubiläum des Konzils zu Nicäa vor 1 700 Jahren wird in diesem Jahr ein weiteres zentrales ökumenisches Ereignis gefeiert: Im August 2025 jährt sich die Stockholmer Weltkirchenkonferenz zum 100. Mal. Nachdem sich Ursula Thomé im Juli den Teilnehmerinnen der Konferenz widmete, blickt Katharina Kunter, Professorin für kirchliche Zeitgeschichte in Helsinki, nun auf das politische Umfeld der Konferenz, das Parallelen zur Gegenwart aufzeigt.
Die Welt am Vorabend des 100-jährigen Jubiläums der Stockholmer Weltkirchenkonferenz von 1925 könnte kaum unfriedlicher, brutaler und unmenschlicher erscheinen: In Europa führt Russland seit über drei Jahren einen grausamen Aggressionskrieg gegen die Ukraine, im Mittleren Osten vollzieht sich eine humanitäre Katastrophe mit unermesslichem Leid und zugleich verstärken sich weltweit Nationalismus und Rassismus und schwächen die liberale Demokratie. Die Hoffnung auf Frieden wirkt vor diesem Hintergrund wie eine Erinnerung aus der Vergangenheit.
Als sich vom 19. bis zum 29. August 1925 protestantische, anglikanische und orthodoxe Kirchenvertreter und -vertreterinnen aus 37 Ländern in Stockholm zur ersten Weltkonferenz für Praktisches Christentum versammelten, sah die Welt jedoch kaum weniger bedrohlich aus. Der Erste Weltkrieg lag erst sieben Jahre zurück, und da die Mehrheit der Delegierten aus Europa und Nordamerika kam, waren sie unmittelbar von der territorialen Neuordnung Europas als Gewinner oder Verlierer des Ersten Weltkrieges betroffen. Sie hatten die Russische Revolution von 1917/1918, Bürgerkriege und den Zusammenbruch des alten, kollektiv und monarchisch organisierten Europas miterlebt. Österreich-Ungarn, das Deutsche Reich, das Russische Reich und das Osmanische Reich gab es nicht mehr. Stattdessen gründeten sich neue unabhängige Staaten wie Estland, Lettland, Litauen, Österreich, Ungarn, die Tschechoslowakei, Jugoslawien oder Polen, zeitweilig auch die Ukraine und Belarus. Auch im Nahen Osten waren mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches neue Staaten, wie der Irak, Jordanien, Syrien und der Libanon, entstanden, jetzt unter britischer oder französischer Kolonialherrschaft.
Zur selben Zeit waren die Teilnehmer von Stockholm Zeugen von gewaltigen innenpolitischen Umwälzungen geworden, von Armut, Krankheit, Hunger, Desorientierung und Arbeitslosigkeit – aber auch von wirtschaftlichen Boomphasen und neuer sozialer Mobilität. Die Frauenbewegung hatte in ganz Europa politische Erfolge erzielt, wobei Schweden, das Gastgeberland, eines der letzten Länder war, das 1921 das Frauenwahlrecht eingeführt hatte. Erstmals bei einer internationalen Kirchenkonferenz waren also weibliche Kirchenvertreterinnen anwesend, die politisch gleichberechtigt waren, selbstbewusst auftraten und unterschiedliche frauenpolitische Perspektiven in die Diskussionen einbrachten (siehe auch dazu den Artikel von Ursula Thomé in der vorigen Ausgabe). Zu ihnen gehörte Carola Barth aus Frankfurt, eine der fünf Frauen der deutschen Delegation. Sie war nicht nur die erste Frau, die 1907 in Deutschland promoviert hatte, sondern auch die erste Frau überhaupt, die 1908/09 das Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts erhalten hatte und mit ihm mehrere Monate lang Griechenland, Kleinasien, Ägypten und den Vorderen Orient bereiste.
Die Welt war also in Bewegung, als der schwedische König Gustav V. die Weltkonferenz für Praktisches Christentum am 19. August 1925 in Stockholm eröffnete. Konnten die Kirchenvertreter in dieser Situation etwas kirchlich und theologisch Sinnvolles sagen, zumal ein Großteil von ihnen den Eliten entstammte, deren alte europäische Ordnung zusammengebrochen war? Der Schweizer Theologe Karl Barth hatte bereits 1918 mit seinem Buch Der Römerbrief seine eigene Antwort auf diese Frage gegeben – doch weder er noch andere Repräsentanten der dialektischen Theologie waren in Stockholm vertreten. Stattdessen dominierten Vertreter und Gedanken der amerikanischen „Social Gospel“-Theologie die Versammlung, die für eine positive Beziehung zwischen Kirche, sozialer Verantwortung, dem Reich Gottes und der Moderne warben. Integraler Bestandteil ihrer Theologie war zudem ein expliziter Internationalismus, mit dem sie sich gegen den amerikanischen Nachkriegsisolationismus wandten. Dazu gehörte der ökumenische Einsatz für den 1920 in Genf gegründeten Völkerbund, für den auch der Hauptorganisator und ökumenische Inspirator der Weltkirchenkonferenz, der schwedische Erzbischof Nathan Söderblom, leidenschaftlich warb.
Isolierte Deutsche
Doch die Überzeugung, dass sich das Christentum der Nachkriegszeit für eine internationale Friedensordnung engagieren müsse, wurde in Stockholm längst nicht von allen Teilnehmern geteilt. Zu den lautstarken Gegnern des Völkerbundes gehörte die Mehrheit der deutschen Delegation, die auf Teilnehmer aus anderen Ländern isoliert und wie ein Fremdkörper wirkte. Ihre Beiträge erschienen innerlich und verkopft, sie hatten den verlorenen Krieg nicht überwunden, litten an den als ungerecht empfundenen Sanktionen und reagierten traurig, bitter und zynisch. So jedenfalls schilderte es Lynn Harold Hough in seinem Bericht für das breit gelesene evangelische Magazin Christian Century am 24. September 1925.
Aufgebrochen aus einer instabilen Republik trafen sie nun in Stockholm auf Kirchenvertreter der Alliierten, auf die Sieger des Ersten Weltkrieges und auf ihnen feindlich gesinnt erscheinende Nachbarn wie Frankreich, das 1923 mit 60 000 französischen und belgischen Soldaten das Ruhrgebiet besetzt und gerade erst Ende Juli 1925 seine Truppen abgezogen hatte. Es war das erste Mal seit dem Ende des Ersten Weltkrieges, dass deutsche und französische Protestanten bei einem ökumenischen Treffen zusammensaßen. Fünf Jahre zuvor, bei einem ersten Nachkriegstreffen 1920 in Genf, hatten die französischen Kirchenvertreter eine gemeinsame Tagung noch abgelehnt, mit der Forderung, erst müssten die Deutschen ihre Kriegsschuld bekennen. Das war zwar immer noch nicht passiert. Doch dass man jetzt immerhin in einer zivilisierten Art zusammen essen, beten und sprechen konnte, interpretierten die Teilnehmer als ein Zeichen dafür, dass die Ära des Nationalismus überwunden werden könne.
Geist von Locarno
Dieses Fenster, das in Stockholm einen Blick in eine friedliche Zukunft öffnete, korrespondierte mit zeitgleichen außenpolitischen Aufbrüchen. Mit der Ernennung von Gustav Stresemann zum deutschen Außenminister 1923 hatte eine neue Ära der Diplomatie in Mitteleuropa begonnen, die an der Perspektive des anderen interessiert war und einen kooperativen Ausgleich zwischen Deutschland und Frankreich mit einer neuen europäischen Sicherheitsordnung suchte. Die Grundzüge dieses Systems wurden auf verschiedenen Außenministertreffen diskutiert und fanden schließlich am 1. Dezember 1925 in den Locarno-Verträgen Gestalt. In ihnen verzichteten Deutschland, Frankreich und Belgien auf jede gewaltsame Änderung ihrer Grenzen. Die Stockholmer Weltkirchenkonferenz war bereits vom Geist von Locarno geprägt, auch wenn die deutschen Delegierten sich diesem noch mehrheitlich verweigerten. Ein Jahr nach der Weltkirchenkonferenz, am 8. September 1926, trat Deutschland dem Völkerbund bei.
Kurz darauf predigte Nathan Söderblom in der Genfer St.-Pierre-Kathedrale anlässlich der VII. Generalversammlung des Völkerbundes über Salz und Frieden (Markus 9,49) und forderte eine christliche Seele für den Völkerbund. Jetzt änderte sich auch die Einstellung der deutschen Kirchenvertreter. Adolf von Harnack, der mit Söderblom und der Stockholmer Weltkonferenz 1925 verbunden war, unterstützte zu Weihnachten 1926 öffentlich die neue, auf Verständigung mit den Westmächten ausgerichtete Außenpolitik Stresemanns. Otto Dibelius, der 1925 in Stockholm dabei gewesen war – und wie von Harnack ein entschiedener Gegner von Versailles –, setzte sich nun leidenschaftlich für den Völkerbund ein und gründete sogar sein eigenes Völkerbundskommittee. Für einen kurzen Moment war der Frieden in Europa ökumenische und politische Realität.
Die territorialen Neuordnungen nach dem Ersten Weltkrieg betrafen jedoch auch eine weitere Gruppe der Stockholmer Teilnehmer, nämlich die östlich-orthodoxen Kirchen, die noch wenige Jahre zuvor im Osmanischen Reich beheimatet waren und nun in Stockholm zum ersten Mal offiziell auf protestantische Kirchen trafen. Jetzt gehörte das Osmanische Reich, das mit dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn verbündet gewesen war, zu den Verlierern des Ersten Weltkrieges. Der Vertrag von Sèvres vom August 1920 teilte seine Gebiete unter den Siegern, darunter Griechenland, auf. Er setzte aber zugleich einen neuen Imperialismus in Gang, der seinen grausamen Ausdruck im griechisch-türkischen Krieg fand. Die türkische Eroberung der griechischen Stadt Smyrna am 9. September 1922, ihre brutale Zerstörung und damit einhergehende Massaker markierten das Ende der dreitausendjährigen griechischen und auch christlichen Besiedlung Kleinasiens. Für Griechenland endete der Krieg 1922 mit der „kleinasiatischen Katastrophe“, mit ethnischer Säuberung und dem 1923 unterzeichneten Vertrag von Lausanne, der die Zwangsumsiedlung der überlebenden 1,25 Millionen Griechen aus Kleinasien nach Griechenland regelte.
Vor allem die englische und amerikanische Presse und Öffentlichkeit hatte ausführlich und mit viel Empathie über die „kleinasiatische Katastrophe“ berichtet; die grausamen Geschehnisse an den ältesten Orten des Christentums schockierten auch Vertreter der Ökumenischen Bewegung. 1921 war aus Nizäa, der Stadt des ersten ökumenischen Konzils, die türkische Stadt İznik geworden; seine christlichen Bewohner waren ermordet oder vertrieben, zahlreiche historische Gebäude des Christentums zerstört. Das Ende des christlichen Nizäas bedeutete auch einen Angriff auf die neue Vision der christlichen Einheit, den das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel, vor allem inspiriert durch Metropolit Germanos (Strenopoulos), im Januar 1920 in seiner Enzyklika „An alle Kirchen Christi, wo immer sie sein mögen“ zum Ausdruck gebracht hatte. Jetzt musste das Patriarchat von Konstantinopel um sein Überleben kämpfen – zwischen 1922 und 1925 gab es vier Patriarchen – und war in seiner Bedeutung minimiert.
All das schwang in Nathan Söderblom und in zahlreichen westlichen Kirchenvertretern mit, als sie die orthodoxen Teilnehmer, unter ihnen die Patriarchen Photios (Peroglu) von Alexandria und Patriach Damianos (Kasiotes) von Jerusalem, in Stockholm begrüßten. Beide Patriarchen befanden sich mit ihrer großen Entourage auf Europareise, suchten internationale Unterstützung und hatten bereits Ende Juni 1925 in London Station gemacht. Dort hatte die anglikanische Kirche in Westminster Abbey die Jubiläumsfeier für das ökumenische Konzil von Nizäa 1 600 Jahre zuvor ausgerichtet, in Stellvertretung und in Erinnerung an den historischen Ort Nizäa. Es war deshalb eine besondere Vergegenwärtigung an das erste ökumenische Konzil, an die verlorenen kleinasiatischen Gebiete des griechisch-orthodoxen Christentums und die hunderttausend toten und geflüchteten Christen und Christinnen, als Patriarch Photios am Hochaltar der Kathedrale von Uppsala das Nizäische Glaubensbekenntnis auf Griechisch sprach. Es war zugleich der letzte öffentliche Auftritt des Patriarchen, er starb auf seiner Rückreise aus Schweden drei Wochen später in Zürich. Doch der Moment, als das Nizäische Glaubensbekenntnis in Uppsala gesprochen wurde, gehörte für alle Teilnehmer zu einem der ergreifendsten der Konferenz.
Ökumene der Distanz
In der historischen Perspektive war es gerade dieses zeitliche Zusammenkommen von einer Ökumene der Distanz, von Kriegsfolgen und zarter Hoffnung auf einen international gesicherten Frieden, das der Weltkirchenkonferenz von Stockholm eine Ahnung davon gab, wie mit Hilfe der Kirchen Ruhe, Würde und Zivilisation in die kriegsgeschädigten Länder und Gesellschaften ihrer Delegierten zurückkehren könnten. Es war, wie wir wissen, nur ein kurzer sonniger Moment in dieser Zwischenkriegszeit. Genau einen Monat vor Beginn der Stockholmer Weltkirchenkonferenz hatte Adolf Hitler den ersten Band seines Mein Kampf veröffentlicht, acht Jahre später trat Deutschland aus dem Völkerbund aus.
Katharina Kunter
Prof. Dr. Katharina Kunter, geboren 1968, ist seit 2020 Professorin für Contemporary Church History specifically Nordic Countries and Europe an der Theologischen Fakultät der Universität Helsinki. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte der Ökumenischen Bewegung sowie die Kirchliche Zeitgeschichte Osteuropas.