Wider den Generationalismus
Es war mucksmäuschenstill im Saal, als der Mann redete. Er sprach mit langsamer und leiser, aber umso eindringlicherer Stimme. Pfarrer Dr. Semisi Turagavou von den Fidschi Islands beschrieb bei der Sitzung des Zentralausschusses des Weltkirchenrats im Juni in Johannesburg, wie die Inseln im Pazifik schon jetzt im Ozean zu versinken beginnen. In 20 Jahren – so sagte er – werden 20 Inseln im Pazifik versunken sein. „Der Ozean ist Teil unseres Seins, wir hoffen, dass der Weltkirchenrat an unserer Seite steht.“ Alle im Saal spürten die himmelschreiende Ungerechtigkeit, die darin besteht, dass diejenigen die ersten Opfer der Erderwärmung sind, die am wenigsten dazu beigetragen haben.
Martin Luther hat einmal das, was wir mit dem oft missbrauchten, aber bis heute hochaktuellen Wort „Sünde“ meinen, als Beziehungsstörung beschrieben. Der Mensch ist „verkrümmt in sich selbst“. Auch Gemeinschaften können in sich selbst verkrümmt sein. Nationalismus etwa ist Sünde, weil ein Volk sich in sich selbst verkrümmt. Aber auch eine Generation kann sich in sich selbst verkrümmen, wenn sie die Interessen der Menschen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, schlicht ignoriert. Man könnte es „Generationalismus“ nennen. Mein jüngster Enkelsohn ist jetzt zwei Monate alt. Ich freue mich sehr an ihm. Er wird im Jahr 2090 so alt sein wie ich jetzt. Ohne grundlegende Veränderungen sind die Voraussagen der Wissenschaft für all die Enkelkinder der Großeltern, die jetzt diesen Text lesen, aber desaströs.
Weil das so ist, haben wir bei der Sitzung in Johannesburg eine Dekade des Handelns für Klimagerechtigkeit ausgerufen. Alle Mitgliedskirchen haben sich verpflichtet, die Klimagerechtigkeit in ihren Ländern in den nächsten zehn Jahren immer wieder zum Thema zu machen. Die spirituelle Meditation unseres Bekenntnisses zu Gott dem Schöpfer gehört ebenso zu den nötigen Handlungsformen wie konkrete und messbare Schritte auf dem Weg zur Klimaneutralität, hinterlegt mit den dazu notwendigen Finanzen in den kirchlichen Haushalten, aber auch öffentliche Anwaltschaft für das Anliegen in den politischen und zivilgesellschaftlichen Diskussionen.
Manchmal hilft es, mit einem Gedankenexperiment in Distanz zur eigenen Zeit zu gehen: Was werden die Historiker einmal über unsere Zeit sagen? Werden sie unsere Schuld aufzuarbeiten haben, weil wir genau wussten, welche desaströsen Konsequenzen unser Lebensstil für die späteren Generationen haben würde, und trotzdem daran festhielten? Oder werden sie beschreiben können, wie technologische Innovation gepaart mit innerer Veränderungsbereitschaft zu einem neuen Wirtschaftsmodell geführt hat, das gutes Leben und ökologische Verantwortung miteinander zu verbinden vermochte? Und werden sie vielleicht den Kirchen eine unerwartet starke Rolle dabei bescheinigen, weil sie nicht nur Köpfe, sondern auch die Herzen, ja die Seelen erreichen konnten und erfolgreich dafür warben, dass weniger auch mehr sein kann? Es liegt heute in unserer Hand, ziehen wir endlich die Konsequenzen!
Heinrich Bedford-Strohm
Heinrich Bedford-Strohm ist Vorsitzender des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen und einer der Herausgeber von "zeitzeichen". Zuvor war er Bischof der bayerischen Landeskirche und EKD-Ratsvorsitzender