Ein Lob der Faulheit
Gerade habe ich eine Einladung bekommen. Ein Professor soll in den „wohlverdienten Ruhestand“ verabschiedet werden. Ich schätze den Mann und seine Forschung und habe ihn auch noch nie für arbeitsscheu gehalten. Aber ich habe mich schon gefragt, warum in der Einladung der Fakultät extra auf den „wohlverdienten“ Ruhestand verwiesen wurde. Nach über 40jähriger Berufstätigkeit wird jemandem erlaubt, fortan gar nichts zu tun. Dieser paradiesische Zustand ist ihm nicht per Alter zugefallen, er hat sich das Ganze hart erarbeitet.
Wohlverdienter Ruhestand: eine Floskel für Beamte. Aber was bedeutet sie? Offenbar gibt es sowohl für die Mitarbeiterin im Finanzamt als auch für einen evangelischen Professor nichts Schlimmeres, als für untätig oder gar faul gehalten zu werden. Der Abschied von der Arbeit muss entschuldigt werden. Wahrscheinlich wird aber unmittelbar nach dem Pensionseintritt oder schon auf der Verabschiedungsfeier gefragt, was es denn an „Projekten für den Ruhestand“ gibt. Einfach so die Füße hochlegen geht nicht. Protestantisches Arbeitsethos bis zum Übertritt ins ewige Jerusalem. Und eigentlich erwarten wir dort statt ewigem Nichtstun eine himmlische To-do-Liste. Ärmel hochkrempeln, Wolke putzen.
Eigentlich fände ich es cool, wenn der Professor auf die Frage nach den Projekten antworten würde: Füße hochlegen und „Shoppinig Queen“ gucken, danach grillen. Ich würde ihn dafür feiern! Aber das wird, ganz sicher, nicht passieren. Viel wahrscheinlicher schreibt der Mann ein Buch. Oder gründet eine Stiftung.
Was die Vorgesetzte wohl sagt?
Ich möchte daher heute ein Lob der Faulheit singen. Nicht falsch verstehen! Ich singe ein Lob der echten Faulheit. Das ist nicht eine Auszeit von der Arbeit, die schon wieder verzweckt wird. Im Urlaub regeneriert man sich für das Arbeitsleben. Man nimmt sich ein Sabbatical, um die eigene Resilienz zu stärken. Man wandert nicht, um einfach so durch die Landschaft zu schlendern, sondern man hält sich dadurch fit und arbeitet mit Bewegung gegen die drohende Demenz an. Ich dagegen plädiere für das Faulsein als Rebellion gegen die Verzweckung und Enteignung der eigenen Lebenszeit.
Schon während ich diese Zeilen schreibe, grübele ich darüber nach, was meine Vorgesetzte wohl zu dieser Kolumne sagen wird. Glücklicherweise hat sie mir bisher nicht den Eindruck vermittelt, dass sie mich für faul hält. Eher das Gegenteil. Mir macht meine Arbeit ja auch Spaß. Wirklich. Ich gehöre zu den Leuten, die gerne länger arbeiten würden und nicht auf den Ruhestand hinfiebern. Arbeiten und Schaffen kann ungemein befriedigend sein. Dennoch riskiere ich heute mein Plädoyer für die Faulheit, weil ich es inzwischen – mag sein, aus Altersweisheit, mag sein, aus Trotz – genieße, ab und an wirklich und echt faul zu sein.
„Müßiggang ist aller Laster Anfang“ hat mir meine Großmutter eingebläut, die bis in hohe Alter als Steuerberaterin tätig war. „Von nichts kommt nichts“ war ihr Credo. Mit Omis Warnungen im Ohr muss ich mich schon ein wenig zwingen, meine faulen Zeiten zu genießen. Früher habe ich im Urlaub Bücher geschrieben und abends die Familie bekocht, ein mehrgängiges Menü war Ehrensache. Heute hänge ich mit der Enkelin am Pool rum und lasse mir ein All-inclusive-Buffet schmecken, für das ich keinen Schlag getan habe. Das mit den Büchern kam nach außen sehr viel besser rüber, wenn ich gefragt wurde, was ich denn im Urlaub so getan habe. Faulheit erfordert Mut. Es ist nicht leicht, offen zu gestehen: Ich bin gerne faul! Sehr gerne sogar.
Angela Rinn
Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.