Realistisch

Der Auftrag der Soldaten

Der Evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg versicherte in seinem Bericht zur EKD-Synode 2022, in der Militärseelsorge stünden im „Alarmierungsfall“ zwölf Militärgeistliche parat, die Truppenverlegungen an die NATO-Ostflanke kurzfristig begleiten können. Was er nicht schrieb: Die Seelsorgenden nehmen schon lange Teil an Einsätzen deutscher Kampfverbände. Sie begleiten Soldaten nach lebensbedrohlichen Situationen. Der Historiker Sönke Neitzel hat nun in seiner epochalen Studie Soldaten als das beschrieben, was sie auch sind: Krieger. Der Bestseller von 2021 ist mit einer Einleitung zur sicherheitspolitischen Zeitenwende jetzt neu publiziert. Neu ist die Herangehensweise des an der Universität Potsdam lehrenden Autors: Er verfolgt den Auftrag der Soldaten – heute auch Soldatinnen – als Kämpfer, die im Kriegsfall auch töten müssen.

Das Selbstbild der deutschen Armee im Kaiserreich ist das einer Schule der Nation, die zu Kaisertreue, Vaterlandsliebe, Gottesfurcht, Gehorsam und Pflichttreue erzog – immer als Gegner der Sozialdemokratie. Als unter den Soldaten die Sympathie für die SPD stieg, setzte man gar Militärpfarrer ein, um die Streitmacht vor Veränderungen zu schützen. Im Bewusstsein einer Friedensarmee blieben Töten und der Tod ein Abstraktum. Das änderte sich schlagartig mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs: Sturmtruppen erzeugten einen enormen Mythos, der einen Oberst 1916 an seine Frau schreiben ließ: „Jedenfalls hat der Herrgott unserm Volk so gute Soldaten beschert, wie’s wohl noch nie gegeben hat.“ Doch ließ er auch die Realität sprechen: „Sie wissen doch alle, daß ein Korps nach dem anderen erst hier verbluten muß wie eine Zitrone in der Presse, bis es wieder abreisen darf.“ Die Wehrmacht im Nationalsozialismus erfährt im Urteil von Neitzel eine „Selbstgleichschaltung“. Allerdings bildet sich hier schon eine Mentalität aus, die nicht mehr „Treue“ als höchste Soldatentugend sieht, sondern „kämpferische[n] Mut“. Dass der Autor in den Kapitelüberschriften mit dem Begriff „Die Wehrmacht im Dritten Reich“ operiert, der heute wegen der Selbstbezeichnung im Nationalsozialismus kritisch gesehen wird, darf hier als Unschärfe gesehen werden.

Das Kapitel „Die Bundeswehr der Bonner Republik“ zeigt dann, die Armee war besser aufgestellt, als sie das heute ist. Mit der „Inneren Führung“ wurde neues Terrain beschritten. Die „Himmelroder Denkschrift“ – in einem katholischen Kloster in der Eifel entstanden – befasste sich mit der Legitimation einer Wiederbewaffnung im Kalten Krieg, dem Ethos wie der Motivation der Truppe. Der Staatsbürger in Uniform war auch hier vom Krieg her gedacht. Generalinspekteur Adolf Heusinger erklärte: „Wer lernen muss, Gewalt anzuwenden bis zum Töten, übt keinen Beruf wie jeder andere aus.“ Der international geachtete Wissenschaftler widmet sich auch kurz der Nationalen Volksarmee der DDR: Traditionsbelastet durch die Nazis sah diese sich nie. Der Bundeswehr in der Berliner Republik (1990 – heute) haben sich dann sehr bald neue Aufgaben gestellt, so im Kosovo, ein „Meilenstein in der Geschichte der Bundeswehr“, so Neitzel.

Schon bald nach dem 11. September 2001 startete die deutsche Beteiligung am Einsatz in Afghanistan. Es sah so aus, als könne das Land tatsächlich von den Taliban befreit werden. Die Deutschen sicherten den Norden des Landes in Kunduz. Doch aus der Mission Wiederaufbau wurde nur wenig. Der Theologe Gottfried Küenzlen (Bundeswehr-Universität München) sprach vom „Kämpfer in postheroischer Zeit“. Neitzel ist ein Meister wissenschaftlicher Belege: Fast zweitausend Anmerkungen finden sich im Anhang. Schade bleibt: Auf die Rolle der Militärseelsorge beider Konfessionen ist kaum eingegangen. Bei der viel zitierten Zeitenwende zweifelt Neitzel: Es sei fraglich, ob es gelinge die Bundeswehr „kriegsbereit“ zu machen. Die von Kanzler Olaf Scholz versprochenen einhundert Milliarden Euro für Rüstungsbeschaffung seien nur ein erster Schritt. Deutsche Krieger ist ein Beleg der archaischen Herkunft des Soldatenberufs, eine Raison d‘être, die in friedenspolitischen Kirchengremien hoffentlich noch debattiert werden wird. Unter den Militärgeschichten der Neuzeit wird Deutsche Krieger einen ersten Platz erhalten.

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Foto: privat

Roger Töpelmann

Dr. Roger Töpelmann ist Pfarrer i.R. Er war bis 2020 u.a. Pressesprecher des Evangelischen Militärbischofs in Berlin.


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