Der falsche Stallgeruch

Eine Hinführung zum Thema Klassismus in der Gesellschaft
Klassismus
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Der Begriff ist älter als das Kommunistische Manifest von Karl Marx, das Phänomen selbst hat nicht an Aktualität verloren. Klassismus und die Frage nach der Diskriminierung bestimmter Milieus werden derzeit viel diskutiert. Eberhard Pausch, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Frankfurt, gibt einen Überblick über das Thema.

Der Begriff klingt fremd, künstlich und sperrig – dabei bezeichnet er ein Phänomen, das viele Menschen in ihrem Alltag bestens kennen: „Klassismus“ meint den „Kampf“ höherer sozialer Klassen gegen Arbeiter:innen oder arme Menschen überhaupt. Dieser Kampf umfasst die Etablierung und Verteidigung sozialer Ungerechtigkeiten, Unterdrückung, Diskriminierung und Verachtung. „Klassismus“ ist kein Kunstbegriff, der erst kürzlich in Analogie zu „Rassismus“ entstanden wäre. Im Gegenteil. In England und Frankreich war „classism(e)“ schon vor dem Erscheinen des „Kommunistischen Manifests“ (1848) in Gebrauch. Wenn im Manifest vom Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie die Rede ist, dann kann man diesen durchaus als Reaktion auf den „Klassenkampf von oben“ und somit auch auf Klassismus verstehen. Dass in der gegenwärtigen Gesellschaft nicht mehr von „Klassen“, sondern von „Schichten“ oder „Milieus“ gesprochen wird, macht die Verwendung des Begriffs nicht sinnlos. Von „Rassismus“ zu sprechen ist ja ebenfalls berechtigt, auch wenn es innerhalb der Gattung „Mensch“ definitiv keine Rassen gibt.

Erfolgreich verdrängt

Obwohl der Klassismusbegriff also eine längere Vorgeschichte hat, wurde er erst in den 1970er-Jahren wieder aufgegriffen. Schwarze Feministinnen und eine lesbische Gruppierung namens „The Furies“ in den USA bedienten sich des Begriffs, um eine spezifische Form der Unterdrückung und Diskriminierung zu kennzeichnen. Seit 1989 bekam er im Anschluss an Kimberlé W. Crenshaw einen festen Platz in der Debatte um „Intersektionalität“. Crenshaw stellte sich ein Verkehrsopfer vor, das von Fahrzeugen aus verschiedenen Richtungen angefahren und verletzt wird. Anhand dieses Bildes definierte sie „Intersektionalität“ als Mehrfachdiskriminierung (was das reale Geschehen anbetrifft) oder multiple Vulnerabilität (was das Erleben der Opfer anbetrifft). Ein Mensch kann zugleich hinsichtlich seines Geschlechts, seiner sexuellen Orientierung, seiner Hautfarbe und seiner sozialen Herkunft diskriminiert werden. Damit sind vier „Masterkategorien“ der Intersektionalitätsdiskurse benannt. Dass es weitere Formen von Diskriminierung gibt, etwa die Benachteiligung aufgrund des Behindertenstatus, wird hierbei nicht bestritten.

In der Gegenwart kommt es immer wieder vor, dass Personen, die in spezifischer Weise unterdrückt werden, die Leiden anderer ignorieren und nur die jeweils eigenen Verletzungen zum Maßstab erheben. Sie fordern Gerechtigkeit für sich selbst, haben die anderen aber nicht im Blick. So wurden in den vergangenen Jahren vorrangig geschlechtliche oder sexuelle Diskriminierungen oder der Rassismus thematisiert. Die Benachteiligung aufgrund des Klassenstatus wurde hingegen oft übersehen oder erfolgreich verdrängt. Kurz: Diskriminierungen nach Geschlecht, Sexualität oder Hautfarbe „deklassieren“ den Klassismus.

Es gibt aber auch die umgekehrte Tendenz, die dem klassisch marxistischen Ansatz entspricht und politisch etwa von Sarah Wagenknecht vertreten wird. Ihr zufolge ist der Klassismus Ausdruck des ökonomisch zu definierenden Hauptwiderspruchs, die anderen Kategorien repräsentieren dagegen bloße Nebenwidersprüche. Dahinter steht das Marxsche Narrativ: „Alle bisherige Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen“. Diese Sicht hat wegen ihrer Monokausalität jedoch heute viel an Deutungskraft eingebüßt.

Die Sozialphilosophin Nancy Fraser schreibt dem Klassismus im Rahmen der „Masterkategorien“ eine Sonderrolle zu. Zum einen beruht er wesentlich auf ökonomischen Faktoren, die drei anderen Kategorien aber auf vorwiegend natürlich-biologischen, mit der Körperlichkeit des Menschen verbundenen Faktoren. Zum anderen besteht der ethische Anspruch im Blick auf die Klassendifferenz darin, diese zum Verschwinden zu bringen: Gleichheit ist das Ziel. Dagegen besteht der ethische Anspruch im Blick auf die anderen drei Kategorien darin, die mit ihnen verbundenen Differenzen ausdrücklich anzuerkennen und zu würdigen. Daher hat der Klassismus ein klares eigenes Profil.

Soziales Gefälle

Daraus folgt aber nicht zwingend, dass er die fundamentale Kategorie darstellt. Möglicherweise besteht die Leistungsfähigkeit des Konzepts der Intersektionalität genau darin, dass sie zwar von heterogenen, aber dennoch gleichermaßen bedeutsamen Kategorien ausgeht. Keinesfalls aber ist die Perspektive der Klassendifferenz (sei sie auch zur Schichten- oder Milieu-Differenz ermäßigt) unbedeutend. Denn Klassismus ist eine Weise, wie sich in unserer Gesellschaft ein soziales Gefälle massiv zum Nachteil vieler Menschen manifestiert.

Ob es einen ideologisch geplanten oder gesteuerten Klassismus gibt, ist anders als im Fall des Rassismus fraglich. Wenn Menschen aus bürgerlichen Schichten oder Bildungsbürgermilieus Menschen aus Arbeiterfamilien mit Vorurteilen begegnen, sie aktiv diskriminieren oder bekämpfen, dann hat das oft mit der berühmten „Chemie“ zu tun, von der man sagt, dass sie stimmen müsse, wenn Menschen zueinanderfinden sollen. Das fängt beim Körpergeruch an und führt zum „Stallgeruch“ hin. Pierre Bourdieu sprach in diesem Zusammenhang vom „Habitus“. Wobei dessen Definition als „… als Gesamtheit von Haltungen, Dispositionen, Gewohnheiten und Einstellungen eines Individuums gegenüber der Welt“ abstrakt wirken mag. Konkret gemeint ist ein Bündel von Aspekten, unter denen Menschen von anderen Menschen wahrgenommen werden: Kleidungsstil, Manieren oder Benehmen allgemein, „elaborated vs. restricted code“ ihrer Sprache, optimistische Lebenseinstellung, Körpersprache, souveränes Auftreten et cetera. Menschen erkennen einander anhand dieser Aspekte als Angehörige derselben „Klasse“ und empfinden sich als „ähnlich“. Klassismus besteht demnach darin, Angehörige anderer Klassen als „fremd“ zu identifizieren und abzulehnen.

Am Thema „Bildung“ illustriert: Geht man von den seit Anfang der 2000er-Jahre veröffentlichten PISA-Studien aus, dann sind in unserem Bildungssystem (trotz dessen quantitativer Ausweitung seit den 1960er-Jahren und der Einführung des „Bafög“) die Kinder aus Arbeiterfamilien oder armen Familien nach wie vor erheblich benachteiligt. Forschungen aus dem Jahr 2017 zeigen: Von 100 Kindern aus diesen Familien beginnen nur 21 Prozent ein Studium. 15 Prozent machen ihren „Bachelor“, acht Prozent schließen mit dem „Master“ ab, nur ein Prozent schafft eine Promotion. Dagegen brechen etwa 30 Prozent ihr Studium vorzeitig ab. Der Grund liegt in der „institutionellen Diskriminierung“, die den Kindern aus „Nicht-Akademikerfamilien“ widerfährt. Chancengleichheit ist hier also eine Illusion. Eine Organisation wie „ArbeiterKind.de “ versucht nicht ohne Erfolge, gegenzusteuern. Sie braucht aber politische und – was die Kirchen anbetrifft – kirchliche Partner, damit dies gelingen kann. Die Friedrich-Ebert-Stiftung und das Evangelische Studienwerk (e. V. Villigst) etwa sind in dieser Hinsicht gut aufgestellt.

Am Thema „Wirtschaft“ illustriert: Der Elitenforscher Michael Hartmann hat in jahrzehntelangen Forschungen gezeigt, dass Führungskräfte in der Wirtschaft keineswegs nach Leistung ausgewählt werden, sondern nach dem „Stallgeruch“ und dem „Habitus“, der ihre Herkunft anzeigt. „Bewerber aus der Oberschicht werden bevorzugt, weil sie, geprägt von den Codes ihrer Schicht, die quasi natürliche Selbstsicherheit haben, die sich Sprösslinge der unteren Schichten nur schwer zulegen können,“ so Hartmann. Ein Ergebnis seiner Untersuchungen: Rund 80 Prozent der Vorstandsvorsitzenden stammen aus der Oberschicht. Hartmann weist nach, dass der Habitus und innerhalb desselben vor allem die „persönliche Souveränität“ für die Auswahlentscheidung den Ausschlag geben.

Alle Aspekte des Habitus aber sind Merkmale, die in der Kindheit angelegt und vorgeprägt werden und die Menschen sich in der Regel später kaum noch aneignen können. Man kann also sagen: Kinder aus der Oberschicht oder der oberen Mittelschicht haben bei Karrieren einen erheblichen Startvorteil – ganz abgesehen davon, dass sie ohnehin durch Erbschaft am Reichtum und an den Privilegien ihrer Eltern profitieren.

Was für das Wirtschaftssystem gilt, gilt auch für andere Funktionseliten der Gesellschaft: für die Politik, für die Wissenschaft – und auch für die Kirche. Summa summarum: Arbeiterinnen und Arbeiter, Arbeitslose und Bürgergeld-Empfänger:innen haben in aller Regel weder Sitz noch Stimme in denjenigen Institutionen und Gremien, die (auch) über ihr Geschick entscheiden. Im Blick auf die Milieus, die geneigt sind, die AfD zu wählen, spielt der Klassismus erst recht eine unheilvolle Rolle: Denn sie fühlen sich oft ausgegrenzt und verachtet von den „links-grünen, urbanen Intellektuellen“. Das bringt der AfD innerhalb der Arbeiterschaft viele Stimmen, die früher eher bei der SPD oder anderen demokratischen Parteien gelandet wären. Für die Akzeptanz einer Demokratie aber ist entscheidend, dass sie Menschen reale Möglichkeiten der Beteiligung und Mitbestimmung bietet. Das gilt auch für die Subsysteme des demokratischen Gemeinwesens. Erst recht aber für die evangelische Kirche, die zwar immer schon das „Priestertum aller Gläubigen“ proklamiert, aber bei weitem zu wenig praktiziert.

Selbstreproduzierende Elite

Seit Yorick Spiegels Buch Kirche und Klassenbindung (1974) gibt es viele empirische Nachweise dafür, dass die Führungskräfte der evangelischen Kirche sich überwiegend aus höheren Schichten rekrutieren. Wer aus der Oberschicht, der bürgerlichen Mittelschicht oder aus einem Pfarrhaus kommt, hat zahlreiche Vorteile und ist in Synoden, Leitungsämtern oder auch in der Professorenschaft eher willkommen. Kurz gesagt: Auch die kirchliche Elite reproduziert sich zumeist selbst. Allerdings muss im Blick auf die Gegenwart das Ergebnis etwas differenzierter formuliert werden: Das Bürgertum ist insgesamt quantitativ größer und mächtiger geworden. Es gibt neben dem klassischen Bürgertum noch ein neues (grünes) progressives Bürgertum. Gleichwohl: „Arbeiter bzw. Menschen mit einfacher Schulbildung spielen in den Synoden der evangelischen Kirche keine Rolle“ (Johannes Rehm, KDA Bayern). Sie haben wohl – aus der Sicht der Eliten und Etablierten – den falschen Stallgeruch.

Auf Faktoren wie Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Status wird in Gesellschaft und Kirche – völlig zu Recht – zunehmend geachtet. „Klassismus“ als Unterdrückungs- und Diskriminierungsform kommt dagegen viel zu wenig in das Blickfeld. In der Theologie und in kirchenleitenden Gremien und Institutionen muss die Sensibilität für dieses Phänomen noch geschärft werden. Das mag überraschen, denn wer, wenn nicht die Kirche, sollte einen Sinn für den „Stallgeruch“ haben? Immerhin stellt der Stall von Bethlehem einen Ausgangspunkt für ihr Wirken dar. Ernst Bloch erinnerte einst an diesen Umstand, und jedes Weihnachtsfest sollte uns daran erinnern. Und doch haben Menschen aus armen Familien und/oder der Arbeiterschaft es immer noch sehr schwer, in Gesellschaft und Kirche ihren Platz zu finden. Offenbar hat bei uns, wer im Stall geboren ist, eher den falschen Stallgeruch. Dabei sind wir doch alle aus Sternenstaub gemacht, egal aus welchen Ställen wir stammen. 

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