Ringen um Gottes Wort

Zur Frage der Frauenordination in Lettland und weltweit
Dace Balode ist Dekanin der theologischen Fakultät der Universität von Lettland und hat eine dezidiert andere Auffassung in Sachen Frauenordination als Erzbischof Vanags.
Foto: Toms Grinbergs
Dace Balode ist Dekanin der theologischen Fakultät der Universität von Lettland und hat eine dezidiert andere Auffassung in Sachen Frauenordination als Erzbischof Vanags.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Lettland ordiniert seit 1993 keine Frauen mehr. In diesem Zusammenhang scheinen viele grundsätzliche Fragen im ökumenischen Miteinander auf, meint Oberkirchenrätin Uta Andrée, Leiterin des Dezernats für Theologie, Ökumene und Diakonie der Nordkirche in Kiel. Sie antwortet auf einen Beitrag von Johannes Fischer zum Thema und auf das zeitzeichen-Interview mit Erzbischof Jānis Vanags.

Für die Frauenordination an sich, die an der sichtbaren Oberfläche des Konflikts in Lettland liegt, kann man biblische Argumente finden, wie Wilfried Härle es 2017 in seinem Buch Von Christus beauftragt als Beitrag zu ebendieser Debatte aufgezeigt hat. Beeindruckend sind Härles Studien, weil sie im biblischen Zeugnis eine ebenso breite Spur ausmachen, die für eine Ordination von Frauen sprechen kann, wie es Belege für das Gegenteil geben mag. Dennoch wird man fragen müssen, ob dieses Verfahren nicht deshalb an seine Grenzen stößt, weil uns bei unserem Umgang mit der Heiligen Schrift die Einsicht leitet, dass nicht nur unsere kirchliche Praxis kontextgebunden ist, sondern auch das jeweilige biblische Zeugnis das Wort bestimmter Zeiten und Kulturen ist.

Im Grunde geht es bei diesem Konflikt um die Art der Auslegung. Muss die Bibel auf der einen und der anderen Seite für irgendetwas herhalten? Kann man überhaupt allgemein gültige Antworten auf gegenwärtige ethisch-moralische Fragen aus der Bibel erwarten? Es wird wohl nur eine fundamentalistische Bibelauslegung die Auffassung vertreten, man könne die Frauenordination aufgrund biblischer Referenzen eindeutig befürworten oder ablehnen.

Über das Phänomen des Fundamentalismus wurde im Blick auf die ausgesetzte und nun abgeschaffte Frauenordination in Lettland viel nachgedacht. Zum Beispiel von Dace Balode. Sie ist Theologin und ordinierte Pastorin der Lettischen Evangelisch-Lutherischen Kirche Weltweit, also der von Erzbischof Vanags unabhängigen lutherischen Kirche. Balode hält fest, dass „Fundamentalismus eine krisenbedingte Fluchtbewegung aus der überfordernden Moderne und Suche nach Halt und Orientierung“ ist. Dieses Phänomen „kommt überall dort vor, wo Veränderungen zur Öffnung der kulturellen, sozialen und politischen Systeme stattfinden.“

Dace Balode markiert damit, woher die fundamentalistische Haltung der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands und ihres Erzbischofs kommen mag. Seit 1993 ist Jānis Vanags in diesem Amt und steht einer Kirche in Zeiten gewaltigen gesellschaftlichen und weltpolitischen Wandels vor. Die Analyse, wo der Fundamentalismus herkommen mag, ist gut. Aber zu verstehen, was einen anderen zu seinem Urteil bewegt, muss weder dazu führen, sein Urteil zu akzeptieren, noch dazu, seinen Standpunkt in nachsichtiger Weise als beschränkt und noch nicht ausgereift zu bewerten – nach dem Motto „Er ist noch nicht so weit.“ Diese paternalistische Argumentation ist Johannes Fischer unterlaufen, als er in seinem Beitrag zur Frauenordination in Lettland als Vergleich das Beispiel von Volksgruppen in entlegenen afghanischen Bergregionen und deren Verständnis von Menschenrechten bemühte (vergleiche zz 2/2023).

Das biblische Zeugnis als Steinbruch für die eigene Position zu benutzen, kann auf beiden Seiten zu einer fundamentalistischen Bibelinterpretation tendieren. Lutherische Theologie zeichnet sich seit ihren Anfängen dadurch aus, dass sie das Zeugnis der Schrift gewichtet und in einen hermeneutischen Horizont stellt. „Was Christum treibet“ hat Luther als Metrum genannt. Dieses ist ergänzungs- und erklärungsbedürftig. Solche Ergänzungen oder Erklärungen können beispielsweise lauten: „Was dem Leben dient, weil Gott ein Gott des Lebens ist.“ und „Was im Geist der Liebe geschieht, weil Gott Liebe ist.“ oder „Was nicht zur Logik der Macht passt, weil das rettende Kreuz ein Symbol der Schwachheit ist.“ Aber auch unter Anwendung des genialsten hermeneutischen Schlüssels wird das biblische Zeugnis häufig uneindeutig bleiben, und es muss im Dialog mit der Schrift um die je eigene christliche Antwort gerungen werden. Damit kommt ein anderes Kriterium in die Diskussion, nämlich, dass wir als Christen Auseinandersetzungen einzig und allein mit dem Wort führen und keine anderen Machtinstrumente einsetzen als unsere Argumente (sine vi sed verbo). Unsere historische Verflochtenheit und die vielfältigen Abhängigkeiten von Kirchen, die aus der Mission oder aus den Wanderungsbewegungen von Christen oder anderen politischen welthistorischen Umständen hervorgegangen sind, stehen diesem Ideal allerdings im Weg.

Wenn der Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands, Jānis Vanags, behauptet, dass Entscheidungen wie die zur Frauenordination, keine echten Mehrheiten im Lutherischen Weltbund (LWB) darstellten, sondern aufgrund äußeren Drucks entstünden, weil es immer auch um die Gewährung oder Nichtgewährung von Finanzhilfe ginge (vergleiche zz 12/2022), dann spielt er genau darauf an. Auch wenn der Einschätzung des Erzbischofs zu den Mehrheitsverhältnissen im Lutherischen Weltbund zu ethischen Fragen nicht zuzustimmen ist, legt er doch den Finger in die Wunde. Diese Debatte wird seit langem unter anderem in der Internationalen Vereinigung für Missionsstudien (IAMS) unter dem Stichwort „Mission und Macht“ oder „mission and money“ geführt. Die Geldtransfers, mit denen Kirchentümer weltweit unterstützt und erhalten werden, kommen in den Blick. Sie sind eine Fortsetzung des ursprünglichen Enthusiasmus und des Sendungsbewusstseins, mit dem Missionare und Missionarinnen über Jahrhunderte in die „weite Welt“ gezogen sind, um dort in Wort und Tat Christus zu predigen. Es sind Missionsstationen entstanden, die zum einen bis heute für humanitäre Hilfe durch reichere Geschwister in der Welt stehen, aber auch für eine Art, Kirche zu sein, die sich nicht mit den Mitteln der Gläubigen vor Ort finanzieren lässt. Zum anderen gibt es Kirchwerdungen in der sogenannten Diaspora, wo Menschen ihr Christsein in einem sich wandelnden Kontext bewahrt haben oder in einen fremden Kontext eingetragen haben. Auch viele dieser Kirchen können ohne Hilfe der Geschwister kaum ihre kirchliche Organisation aufrechterhalten. Der Lutherische Weltbund ist in beiden Kontexten aktiv und verteilt Gelder der reichen Mitgliedskirchen an die ärmeren auf unterschiedliche Art und Weise und zu unterschiedlichen Zwecken um.

Religionspolitisch aufgeladen

An dieser Stelle nun entsteht ein gravierendes Problem: Immer spielt Geld eine Rolle, wenn Religionsverbände ihre Einflusssphären erhalten oder ausweiten wollen. Man wird unterstellen können, dass dies meist besten Wissens und Gewissens und nicht mit einem Gestus der Überheblichkeit geschieht. Immerhin geschieht all dies in einer weltweit religionspolitisch aufgeladenen, wenn nicht heißen Situation. Der Lutherische Weltbund als Gemeinschaft von 149 Mitgliedskirchen, die 77 Millionen lutherische Christen weltweit vertreten, sieht sich dem Internationalen Lutherischen Rat aus der Tradition der Missouri-Synode gegenüber, der zwar noch weit weniger Kirchen und Mitglieder umfasst, sich allerdings intensiv und invasiv um Mitglieder auch unter den Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes bemüht. Doppelmitgliedschaften werden derzeit von beiden Weltbünden (LWB und ILR) anerkannt, obwohl die Überzeugungen, zu denen sich Mitgliedskirchen in beiden Bünden bekennen, voneinander abweichen beziehungsweise einander ausschließen. Die Frage der Frauenordination ist einer dieser Widersprüche.

Angesichts sehr unterschiedlicher kultureller, politischer und gesellschaftlicher Kontexte ist die Liste der Punkte, an denen das Evangelium unterschiedlich verstanden wird, lang. Dass dennoch Gemeinschaft im Lutherischen Weltbund möglich ist, zeugt von Weite und Freiheit in der Gemeinschaft, die damit ihrem Ursprung in der Reformation die Ehre gibt. Der Lutherische Weltbund tut gut daran, diese Weite und Freiheit nicht durch Ausschlussbestrebungen zurückzunehmen, auch wenn Vielfalt in vielen Fragen schmerzhaft ist und die Doppelmitgliedschaft in LWB und ILR die Gemeinschaft der Kirchen im LWB aufgrund mancher sich widersprechender Überzeugungen erschüttert.

Ökumene ist eben nicht nur ein wunderbares buntes Treiben unter Gottes Regenbogen, sondern zuweilen auch ein schrilles, zum Zerreißen gespanntes Ringen um Gottes Wort für die Welt. Gleichzeitig wird man diejenigen ziehen lassen müssen, die von sich aus keine Heimat mehr im LWB finden. Und man wird die Kompromissbereitschaft nicht bis zu dem Punkt überdehnen, an dem der Eindruck entsteht, dass es auch dem LWB nur um Mitgliederzahlen und nicht um das Evangelium gehen könnte.

In Lettland gibt es inzwischen neben der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands eigene Gemeinden der Lettischen Evangelisch-Lutherischen Kirche Weltweit. Diese Lettische Auslandskirche ist in den 1940er-Jahren entstanden, als Lutherische Christen aus Lettland vor der Roten Armee flohen. Nach der Wende kehrten lettische Christen Anfang der 1990er-Jahre in ihre Heimat zurück, und es kam zur Annäherung zwischen der Auslandskirche und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Lettland. Doch mit dem Streit vor allem um die Frauenordination droht die Entzweiung in ein klares Gegenüber dieser beiden Lutherischen Kirchen in Lettland zu geraten. Beide haben Gemeinden gegründet im Einflussbereich der jeweils anderen. Einzelne Menschen und eine Gemeinde sind in Lettland selber in die Auslandskirche übergetreten.

Im September wird der Lutherische Weltbund seine Vollversammlung in Krakau abhalten (vergleiche zz 3/2023). Wie wird man mit diesem exemplarischen Konflikt umgehen? Wie wird man überhaupt das Verhältnis zu den Lutheranerinnen und Lutheranern des Internationalen Lutherischen Rates fassen? In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und der NS-Diktatur hat auch die Missouri-Synode, die Vorgängerin des Internationalen Lutherischen Rates ILR, den lutherischen Kirchen in Deutschland geholfen, sich theologisch zu orientieren und eine Generation von Leitenden Geistlichen und Pastoren bei ihrem Neuanfang zu fördern. Das wäre ein positiver Anknüpfungspunkt für den Dialog.

Wenn wir es ernst meinen mit unserem Ringen um den einen Leib Christi, dann muss die Tür offen gehalten werden, vor allem zwischen Kirchen, die einander konfessionell so nahestehen.

Rote Linien überschritten?

Nicht nur das Thema Frauenordination trennt uns, letztlich sind es alle Fragen um Gender und Sexualität, zu denen wir (nicht nur im Gegenüber zum Internationalen Lutherischen Rat, sondern auch innerhalb der Gemeinschaft der Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbunds, aber natürlich auch in der weltweiten Ökumene) zu unterschiedlichen Auffassungen kommen. Die verschiedenen Standpunkte liegen quer zu den klassischen konfessionellen Grenzen. So hat sich vor ungefähr einem Jahr die methodistische Kirche auf Weltebene unter anderem aufgrund der unterschiedlichen Bewertung der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare gespalten. Auch Erzbischof Vanags wirft dieses Thema in die Debatte und meint, andere lutherische Kirchen hätten rote Linien überschritten, indem sie gleichgeschlechtlich Liebende segnen und zum pastoralen und bischöflichen Amt zulassen.

Der Lutherische Weltbund hat demgegenüber immer die Weite und die Freiheit an erste Stelle gesetzt. Die lutherische Tradition kennt die Unterscheidung von Dingen, die zum Kern des Glaubens gehören, und den sogenannten Adiaphora, also Praktiken und Gewohnheiten, deren Beachtung und spezifische Ausgestaltung auch bei unterschiedlicher Handhabung nicht kirchentrennend sind. Das Problem verschiebt sich an dieser Stelle allerdings nur geringfügig, weil sofort der Streit darüber entbrennen muss, was zu den Adiaphora gehört und was nicht. Hochumstrittene Fragen der Ethik werden oft einem Moratorium zugeführt, damit sie nicht kirchenspaltende Wirkungen entfalten. Der eine Preis für die große Weite und Großzügigkeit im Umgang mit umstrittenen Fragen innerhalb des Lutherischen Weltbundes sind Abendmahlsfeiern, bei denen einige meinen, nicht teilnehmen zu können, Kanzeln, die einander verwehrt werden, bilaterale Partnerschaften, die auf Eis gelegt sind. Der andere Preis kann sein, dass eine Konfessionsfamilie ihre Erkennbarkeit verliert und zu aktuellen, die Welt bewegenden Fragen aus dem Glauben heraus keine Position mehr beziehen kann.

Am Ende wird man ehrlicherweise nur füreinander beten können und um die Klarheit des Herrn, um die Gabe des Heiligen Geistes zur gegenseitigen Verständigung und zur Geduld im gegenseitigen Aushalten bitten können. Wir (alle!) sehen jetzt durch einen dunklen Spiegel, das ist das Signum des Lebens im Vorletzten. Und deshalb kann ich zum Schluss nur festhalten: Ich bin als ordinierte Frau überzeugt, dass Gott mich und viele andere Frauen als Pastorinnen in seinen Weinberg ruft. Und ich bin dankbar, dass meine Kirche uns diesen Weg nicht verwehrt. Wir bereichern das Leben der Gemeinden und der Kirche – wie auch die neun Schwestern, die vor einem Jahr in der Dreifaltigkeitskirche in Warschau als erste Frauen für das Pastorinnenamt in der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Polen ordiniert wurden. Manches bewegt sich eben doch, und dann ist es gut, beieinander geblieben zu sein. 

 

Auf dem Portal www.evangelisch.de können Sie ein Gespräch mit der lettischen Theologieprofessorin Dace Balode zum Thema hören: bit.ly/3K2aAT0.

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