Das Paradies in unserer Hand

Was beim 38. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Nürnberg zu erwarten ist
Gelbe Schrift auf grünem Grund: das Kampagnenmotiv zum Deutschen Evangelischen Kirchentag 2023 mit der Losung „Jetzt ist die Zeit“ vor der Nürnberger Lorenzkirche.
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Gelbe Schrift auf grünem Grund: das Kampagnenmotiv zum Deutschen Evangelischen Kirchentag 2023 mit der Losung „Jetzt ist die Zeit“ vor der Nürnberger Lorenzkirche.

Wenn vom 7. bis 11. Juni 2023 der 38. Deutsche Evangelische Kirchentag in Nürnberg stattfindet, erwarten die Besucherinnen und Besucher Diskussionsrunden, Bibelarbeiten, Konzerte und Begegnungen. Aber es erwartet sie auch eine Kirche, die um ihren Platz in der Gesellschaft, um Mut in unsicheren Zeiten und um Mündigkeit ringt. Kristin Jahn, Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, formuliert eine Zeitansage.

Jetzt könnte hier stehen: spannende Debatten, bewegende Musikerlebnisse, Bibelarbeiten und Gebete – und dann geht schon die Luft raus, aus dem Luftballon, denn all das beschreibt nicht die Zeit und die Sehnsucht, in der wir stehen und zusammenkommen beim 38. Deutschen Evangelischen Kirchentag.

Wir werden in Nürnberg zu Gast sein, in einer Stadt, die uns wie keine andere mit ihrer ganzen Geschichte von der Freiheit und Verantwortung erzählt, in der wir stehen. Wir werden zusammenkommen in Zeiten, die von Krieg und unserer Sehnsucht nach Frieden gezeichnet sind. Wir werden mit all unseren Fragen unter einem Himmel zusammenkommen, inmitten eines Klimas, das brennt, mit einem Gott, der uns zusammendenken und zusammenlieben kann. Und wir werden uns auf die Suche begeben nach Antworten auf die großen und kleinen Fragen: Wo finde ich Halt? Welchen Frieden wollen wir? Was ist noch möglich in Zeiten von Krieg und Klimakrise?

Der Kirchentag wird keine fertigen Antworten liefern. Er ermöglicht das gemeinsame Gespräch angesichts der kontroversen Positionen. Er fordert und fördert Dialog. Gerade weil es keine einfachen Antworten gibt. Das macht diesen 38. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Nürnberg so besonders. Wir kommen zusammen in unsicheren Zeiten, und wir begeben uns auf die Suche nach Halt, nach dem, was jetzt zu tun am Tage ist. Wir haben Himmel und Hölle in der Hand. Wisława Szymborska hat mal ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Hand“. Sie zählt darin auf, wie viele Knochen eine menschliche Hand hat, wie viele Muskeln und Nervenzellen; detailliert und konkret. Sie beschreibt staunend, was man mit dieser Hand alles so anstellen kann: „Das reicht vollkommen, um ‚Mein Kampf‘ zu schreiben oder ‚Pu, der Bär‘.“

Antwort auf die Freiheit

Die Güte liegt in meiner Hand. Es liegt an mir, wofür ich mich entscheide. Für Güte oder Hass. Für Gespräch oder Alleingänge. Für Kampfansagen oder für Worte der Hoffnung und Phantasie. Es liegt in meiner Hand. Wenn der 38. Deutsche Evangelische Kirchentag in Nürnberg am 7. Juni 2023 eröffnet wird, dann werden wir zunächst an genau diese Freiheit und Verantwortung erinnern. Mit dem Gedenken zu Beginn startet der Kirchentag am Frauentorgraben. Gegenüber der Oper, in der Adolf Hitler alle Reichsparteitage in dieser Stadt mit einer Aufführung der Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ eröffnen ließ.

Wir gedenken zu Beginn der Opfer und all derer, die mutig andere Wege gegangen sind. Wege des Widerstands, Wege des Aufstands für die Menschlichkeit. Es ist ein Erinnern an unsere Freiheit und Verantwortung. Das ist schön und manchmal auch ein Schmerz. Denn keiner und keine entkommt dieser Verantwortung. Ich kann meine Verantwortung nicht delegieren. Es liegt an mir, ob es mein und dein Leben gibt. Deshalb schreibt der Kirchentag den Politikern auch nicht das Hausaufgabenheft voll, sondern ermuntert, das eigene Handeln auszuloten und die eigenen Möglichkeiten zu erkennen. Er befähigt zum Hoffen und Handeln. Er weiß: Jetzt ist die Zeit. Jetzt ist die Zeit. Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Kehrt um und glaubt an das Evangelium! (Markus 1,15) – als diese Worte aus dem Markusevangelium als Losung für den 38. Deutschen Evangelischen Kirchentag ausgewählt wurden, hat mancher gesagt, was für eine langweilige Losung. Diese Losung lässt mehr Fragen offen, als dass sie uns hilft, uns im Hier und Jetzt zu orientieren. Für irgendwas ist ja immer gerade die Zeit. Dann kam der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und die Energiekrise inmitten einer Klimakrise. Dann kam alles, worin wir jetzt (?) stehen, auch das Wort „Zeitenwende“ – und auf einmal stehen wir mitten drin in Jesu Ansage von Gottes Reich und Zeit. Denn „Jetzt ist die Zeit“ sind Worte des Widerstands und des Aufstands für Mitmenschlichkeit. Jesus sprach diese Worte, kurz nachdem Johannes der Täufer von Herodes’ Leuten ins Gefängnis geworfen wurde. Jetzt ist die Zeit, rief Jesus seinen Freunden angesichts der Taten dieses Herrschers zu. Jetzt bloß nicht einknicken vor den Herrschern dieser Welt. Jetzt ist die Zeit. Gottes Reich bricht an. Glaubt daran. Er sagte es zu seinen Freunden. Er sagte es auch zu Herodes und zu sich selbst. Jetzt ist die Zeit für einen Herrscher, der uns beide am Leben erhält. Eine Mahnung und eine Erinnerung, für Jesus, für Herodes und Jesu Weggefährten. Jesus ließ sich nicht einschüchtern. Mitten in den Drohgebärden eines Herrschers wie Herodes verwies Jesus auf Gott: „Der hat uns alle erschaffen. Der herrscht über uns, nicht ich, nicht Du, lieber Herodes, sondern allein dieser Gott, Urgrund allen Lebens! Und dieser Gott sorgt auch für uns. Er hat uns beide gewollt.“

Bloß nicht einknicken

Für Herodes war das ein Affront, aber Jesus ließ es sich nicht nehmen, von dem zu reden, der das Leben fördert und will. Er wusste, von wem er kommt und wohin er geht. Jesus hat auf den Goldgrund hinter all der Finsternis geschaut. Mitten in der bedrohlichen Kulisse von Verfolgung und Tod wurde der Himmel wieder ganz weit. Dass Gott uns alle erschuf, wohin führt uns das in unserem Denken? Wie sieht diese Welt aus mit dem Glauben an einen Gott als Herr über uns allen? Wohin bringt uns dieser Glaube? Fragen, die wir uns beim Kirchentag stellen werden und denen wir uns stellen. Was macht mir Angst? Vor wem knicke ich ein? Wo finde ich inmitten der Krisen noch Halt? Wir leben wieder in einer Zeit, die ihre Diktatoren hat. Wladimir Putin hat die Ukraine überfallen. Ein Angriffskrieg von grauenhaftem Ausmaß. Die Kriegsverbrechen sind noch nicht gezählt, geschweige denn all die Leidensgeschichten aufgeschrieben. Wir ahnen nur das Ausmaß.

Wir leben in einer Zeit, in der Oppositionelle in China, Iran und Weißrussland mundtot gemacht werden, weggesperrt wie Johannes der Täufer. Trotzdem stehen dort Tag für Tag Menschen auf. So nicht, sagen sie, über uns herrscht doch etwas anderes. Wir leben in einer Zeit, in der wir in Deutschland unsere Abhängigkeiten von fremden Ländern und Regierungen erkannt haben. Wir hängen mit unserer Wirtschaft am Tropf Chinas. Die Wärme unserer Wohnungen ist im Winter zu einem Politikum geworden. Woher kommt unsere Energie und zu welchem Preis kaufen wir sie ein und vor allem, bei wem? Welche Abhängigkeiten gehen wir ein? Wir leben in einer Zeit, wo leitende Geistliche wie Patriarch Kyrill I. Kriege befürworten und Soldaten freisprechen von jeder Schuld vor Gott. Wir erleben, wie Kyrill I. dem Staate Putins dient und das Evangelium missbraucht. Wir Deutsche wissen, wohin so etwas führt. Denn wir leben in einem Land, in dem die Amtskirchen unter Hitlers Regime bei der Verfolgung jüdischer Mitbürger mitmachten. Wir leben in einem Land, wo Geistliche Waffen schon einmal gesegnet und Krieg heiliggesprochen haben. Wir leben in einem Land, wo unter den Nationalsozialisten Andersdenkende mundtot gemacht wurden. Wir in Deutschland wissen, wohin so etwas führt.

Nürnberg mit seiner ganzen Geschichte erzählt von dieser Schuld. Aber Nürnberg erzählt auch von Umkehr und von Neuanfang. Denn Nürnberg, das ist auch die Stadt der Erkenntnis. Die Stadt, in der Albrecht Dürer einst ganz genau hinschaute und uns einen Hasen vor Augen malt, detailgetreu bis ins letzte Haar. Jahrhunderte später schauten Menschen in Nürnberg wieder ganz genau hin und hielten alles fest, jedes Unrecht, jede einzelne Missetat: die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Die Erkenntnis von Schuld und bis heute der Ruf zur Umkehr, all das verbindet sich mit Nürnberg. Wer heute vom Frauentorgraben in Nürnberg Richtung Kornmarkt geht, steht auf der Straße der Menschenrechte. 33 Stelen und auf jeder die Erinnerung: Achtet miteinander das Leben. In Nürnberg bündelt sich alles, was wir Menschen einander sein können im Guten wie im Bösen und es gibt eigentlich keine bessere Stadt in diesen bedrängenden Zeiten, um all das zu feiern, wozu Glaube uns bringt und befreit. Es gibt keine bessere Stadt, um auch deutlich zu machen, wozu der Kirchentag 1949 gegründet wurde und warum es ihn bis heute braucht als Herberge derer, die sich mündig machen im Glauben und in der Welt und eintreten für Mitmenschlichkeit. Wir sind frei, unseres Nächsten Beschützerin und Beschützer zu sein. In dieser Freiheit stehen wir, davon erzählt Jesus mit seinem Leben und seinem Ruf: Jetzt ist die Zeit! Dialog. Kürzlich fragte mich eine Journalistin, warum mir Dialog so wichtig ist. Ja, warum eigentlich? Weil ich noch nicht fertig bin: mit mir, mit dir, mit der Welt. Ohne Dialog ist alles tot. Das Schöne am Dialog sind die Neugier und der mögliche Erkenntnisgewinn.

Dialogbibelarbeiten werden ein Kennzeichen von Nürnberg sein. Wir werden den Dialog und die kontroverse Debatte feiern und wagen: mit den Podien und Dialogbibelarbeiten. Wer weiß, welche Erkenntnis wir alle dabei gewinnen, wenn Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender Deutsche Bank, mit dem Präses der Rheinischen Kirche, Thorsten Latzel, gemeinsam in die Bibel blickt. Wir werden die Kontroverse wagen um die Grenzverschiebungen in der Friedensethik. Welchen Frieden wollen wir, was sage ich als Christin, als Christ mit Blick auf die Waffenlieferungen in die Ukraine? Wie geht Frieden, wenn einer sich bedroht fühlt von Freiheit und Demokratie? Wie geht Frieden, wenn Putin den Krieg bis heute will? Wir werden ringen um Lösungen angesichts eines Klimas, das unter uns brennt. Wie gehen wir gut miteinander um, wenn Regierende inmitten von Krisen so schnell entscheiden müssen? Wie krisenfähig ist unsere Demokratie? Welche Lösungen haben wir noch angesichts der Klimakrise, die wir verursacht haben? Gibt es noch ein Recht auf Zukunft und wenn ja, wer klagt das wie ein?

Tausende Hände und ein Herz

Wir dürfen morgen noch besser sein als heute. Deshalb wagen wir den Dialog. Immer in der Haltung, dass auch der andere Recht haben könnte. Vorurteilsfrei auf der Suche sein. Genau das ist Kirchentag. Kirchentag fordert und fördert den Dialog mit seinem gesellschaftspolitischen und theologischen Programm. Und wir eröffnen Horizonte, so Gott will, auch mit den Mitteln der Kunst. Wir laden zum Mitsingen, Mitbeten ein. Halleluja. Händel meets Rutter, und ich kann ein Teil davon sein: Beim Mitsingkonzert bleibt keiner mit seinem Lied allein. Wir werden das Kyiv Symphony Orchestra zu Gast haben und seine Zeitendeutung hören, die Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit gebannt in Musik, bis der Abendsegen erklingt. Wir wissen heute noch nicht, welches Zeichen wir mit dem Kirchentag in Nürnberg hinterlassen werden. Denn das Zeichen sind wir immer auch selbst, all die tausende Mitwirkenden und Besuchenden mit ihrer Sehnsucht und Hoffnung. Es ist offen, was daraus entsteht, wenn wir uns in Nürnberg versammeln zu Gebet und Dialog.

Kirchentag ist die Bewegung von vielen. Von Leuten, die sagen: Ich pack mit an. Er ist Ort für Engagement und zivilen Protest. Er ist die Bewegung der Menschen, die sagen: Wir legen Hand an, wir verbinden die Wunden. Wir senden ein Schiff. Wir erwarten nicht, dass der Staat alles tut. Wir wissen, es ist auch an uns. Denn wir sind frei, aufzustehen und zu handeln und wir vertrauen auf diesen Gott, der Mensch geworden ist. Das ist waghalsig und riskant, aber en vogue schon seit fast 2000 Jahren.

Abseits der großen Bühnen und Podien stehen sie und begrüßen auch den 5 893. Gast in der Messehalle mit 6 000 Plätzen noch mit einem Lächeln: unsere ehrenamtlich Helfenden. Auch das ist Kirchentag. Wir sind zu Gast in der Fremde und wir begrüßen unsere Gäste aus nah und fern mit Herz. Wir tun dies, weil wir an einen glauben, der uns auch willkommen geheißen hat in der Fremde und uns begleitet. Unsichtbar, leise und still. Das ist das kleine Wunder abseits der großen und kleinen Bühnen. Wir leisten uns das als Kirchentagsbewegung. Schon seit Jahren. Tausende Hände packen zu, wir schaffen Raum und Herberge für Menschen, die uns auf Bühnen und Podien das zeigen, was sie lieben und wofür sie stehen mit all ihrem Kunst- und Sachverstand. Aber möglich wird all dies nur durch tausende Hände und ein Herz. Menschenfreundlichkeit ist unsere Marke und unser aller Beginn. Wenn die Besucherinnen und Besucher am 11. Juni, so Gott will, wieder glücklich zu Hause angekommen sind, dann ist die Welt noch nicht heil. Dann wird die evangelische Kirche immer noch in der Minderheit sein in diesem Land. Aber wir werden vielleicht gespürt haben: Nicht die Mehrheit ist wichtig, sondern das, was mich tröstet und trägt, und mit dieser Hoffnung steh ich nicht allein. Kirchentag macht die Welt nicht heil. Wenn er vorbei ist, dann werden in Nürnberg immer noch viele Menschen auf der Straße leben, so wie jetzt schon. Wer aufmerksam durch die Stadt geht, sieht sie: obdachlose Menschen. Menschen, die nicht auf dem Podium stehen. Deren Geschichten wir nicht kennen. Sie sind da, ohne Zelt und Herberge. Nicht nur am Bahnhof. Armut wird immer noch ein Thema sein.

Ja, klar: Wir sammeln Kollekten. Die Kollekten stopfen hier und da ein Loch. Aber Gott gebe, dass all unser Reden, Singen und Tun unseren Blick verändert auf die Not vor der Haustür Europas und in unserer Stadt. In Demut begehen wir deshalb diesen 38. Deutschen Evangelischen Kirchentag. Wenn wir gehen, ist nicht alles gut, aber wir wissen: Nichts geht allein und deshalb kommen wir zusammen und verbinden uns im Hoffen und Machen. 

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