Es geht nur exemplarisch

Warum die traditionelle Ortsgemeinde keine Zukunft hat
Schild Vergangenheit Zukunft
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Ist das Prinzip der Kirchengemeinde vor Ort am Ende? In gewisser Weise schon, meint Uta Pohl-Patalong. Die Kieler Professorin für Praktische Theologie ist davon überzeugt, dass die Kirche ihr Angebot breiter und exemplarischer organisieren muss, um mehr Menschen zu erreichen und nicht nur traditionell kerngemeindliche Milieus zu bedienen.

Ob die Ortsgemeinde gegenüber anderen möglichen wirklich die sinnvollste kirchliche Organisationsform ist, wird schon seit langem diskutiert. Schon Friedrich Schleiermacher (1768–1834) forderte, dass nicht länger Menschen einer bestimmten Gemeinde und damit einem bestimmten Prediger zugeordnet werden sollten: „Nicht [...] in Reihe und Glied, wie sie ihm zugezählt sind nach einer alten Verteilung, nicht wie ihre Häuser nebeneinander stehen oder wie sie verzeichnet sind in den Listen der Polizei, muß der heilige Redner seine Zuhörer bekommen, sondern nach einer gewissen Ähnlichkeit der Fähigkeiten der Sinnesart.“

In den 1950er-Jahren analysierte Trutz Rendtorff (1931–2016), „daß die Kirchengemeinden als Raum des kirchlichen Handelns und Lebens problematisch geworden sind“, da sie eine „quantitative Überlastung und räumliche Fehlentwicklung“ zeigten, wichtige Lebensbereiche nicht mehr integrierten und „diese Organisationsform der Kirche von keiner tiefreichenden theologischen Sinngebung getragen wird“. Und Reinhard Köster meinte 1969, dass in der Ortsgemeinde „Elemente vorsubjektivistischer Epochen“ dominant seien, die wenig Eignung besäßen, ein breiteres Spektrum von Menschen anzusprechen.

Entsprechend gab es immer wieder Bemühungen um andere kirchliche Sozialformen. Vertrat Friedrich Schleiermacher die Personalgemeinde als Ideal, wurde in der Kirchenreform der 1960er-Jahre in verschiedene Richtungen gedacht: Die „Paragemeinden“ als kleine Gruppen von Christ*innen sollten zur Ortsgemeinde hinführen, die Gründung von Diensten, Werken und Einrichtungen sollte sie ergänzen und die Orientierung an der Region sollte sie verändern. Argumentiert wurde damals: „Die Kirche kann sich heute an keiner Stelle mehr Provinzialismus und Selbstbescheidung auf den Kirchturmshorizont leisten [...]. Sowohl die pfarrgemeindliche Eifersucht wie die kirchenbehördliche Aufsicht sollten von der Schablone einer blühenden Gemeinde Abstand nehmen, nach welcher möglichst jede alles haben sollte, vom Kirchenchor bis zum Gustav-Adolf-Nähkreis, von der Combo im Gemeindehauskeller bis zur Handballmannschaft im Eichenkreuz-Wettbewerb.“

Ein halbes Jahrhundert später ist heute das Denken gemeindlicher Arbeit in Regionen in fast allen Reformüberlegungen und -umsetzungen präsent, teilweise ist es auch leitend. Und auch im Modus der Ergänzung zur Ortsgemeinde mit neuen Formen wird weiterhin agiert, heute vor allem mit kontextuellen Gemeindeformen wie den Fresh Expressions of Church (Fresh X)  oder den Erprobungsräumen. Nach anglikanischem Vorbild wird damit eine „mixed economy“ angestrebt, die konkurrenzfrei andere Formen neben die Ortsgemeinde stellt. Die digitalen Formen von Kirche geben zusätzliche Anstöße, Kirche in neuen Formen zu denken.

Gesicht vor Ort

In allen diesen Debatten wird die Frage nach dem Für und Wider ortsgemeindlicher Strukturen dabei explizit oder implizit immer gestellt. Betonen die einen die Chancen des persönlichen Kontakts (vor allem zur Pfarrperson) im Wohn-Nahbereich oder die Verlässlichkeit des „Gesichtes vor Ort“ in der biografischen Begleitung, weisen die anderen auf die begrenzte Reichweite dieser Organisationsform hin: Mit ihren typischen Formen erreicht sie nur einen kleinen Prozentsatz der evangelischen Kirchenmitglieder, und zwar vorrangig die älteren und an Geselligkeit orientierten Menschen. Der Zugang zur Ortsgemeinde ist milieuabhängig – für Angehörige bestimmter Bevölkerungsgruppen sind die ortsgemeindlichen Kontaktflächen zu „Kommunikation des Evangeliums“ mit einer hohen Wahrscheinlichkeit deutlich attraktiver als für andere. Dies ist nicht nur (insbesondere aufgrund der Altersstruktur) für die Zukunft der Kirche problematisch, sondern auch ein theologisches Problem angesichts des Auftrags der Kirche, das Evangelium mit „aller Welt“ (Matthäus 28,19) zu kommunizieren. Viele Gemeinden reagieren darauf auch längst mit Projekten für andere Zielgruppen, sozialräumlicher Orientierung, kreativen Formen et cetera. Sie stehen jedoch häufig in dem Spagat einer parochialen „Grundversorgung“ und des „Besonderen“, was vielerorts wie „Pflicht“ und „Kür“ wirkt. Den traditionellen Angeboten und Zugängen wird damit faktisch ein normativer Vorrang zugeschrieben.

Wie immer man dies bewertet – die inhaltlichen Diskussionen werden offensichtlich gerade überholt von den Konsequenzen der zurückgehenden finanziellen und vor allem personellen Ressourcen. Denn die klassische Ortsgemeinde ist eine extrem finanz- und vor allem personalaufwendige Form von Kirche. Bereits jetzt kommt sie an ihre Grenzen und angesichts des deutlich vor Augen stehenden Schwundes an Ressourcen vor allem personeller Art dürfte sie in der bisherigen Form nicht mehr weiterzuführen sein.

Territoriale Logik

Denn diese Form von Gemeinde entsteht durch die Kombination von zwei Charakteren, deren Verflechtung für die Ortsgemeinde charakteristisch ist. Das ist zum einen die Orientierung an der „Flächendeckung“, also die Einteilung des gesamten Landes in Kirchengemeinden und die Zuweisung jedes Kirchenmitglieds über seinen ersten Wohnsitz zu einer Gemeinde. Diese „territoriale Logik“ wurde bereits im 4. Jahrhundert angebahnt, als die noch junge „Reichskirche“ damit ihren Anspruch auf das gesamte Land deutlich machen wollte. Ausgebaut wurde sie einige Jahrhunderte später, weil mit ihr kontrolliert werden konnte, ob die Bevölkerung ihren kirchlichen Pflichten nachkam, ihre Gebühren für die Sakramente ordnungsgemäß entrichtete und den Zehnten zuverlässig an die Kirche ablieferte. „Ortsgemeinde“ war damals ein kirchlicher Verwaltungsbezirk zur flächendeckenden kirchlichen Versorgung und Kontrolle der Bevölkerung.

Ende des 19. Jahrhunderts kamen für die Gemeinde eine neue Aufgabe und ein ganz anderer Charakter hinzu. In der wachsenden Anonymität der Großstadt in der Industrialisierung, in der der Kontakt zur Kirche weitgehend verloren gegangen war, sollte sie jetzt persönliche Beziehungen und soziale Gemeinschaft am Wohnort gestalten. Möglichst viele der Kirchenmitglieder sollten in eine aktive Beteiligung am kirchlichen Leben inte­griert werden, um ihnen moralischen Halt, diakonische Unterstützung und vor allem eine christliche Sozialisation zu vermitteln. Es entstand das Gemeindehaus mit Freizeitangeboten in Form von kontinuierlichen Gruppen, gegliedert nach Alter und Geschlecht. Die aktive Beteiligung an diesen vereinsähnlichen Aktivitäten wurde zum Maßstab für das „richtige“ Christsein. Gleichzeitig wurde der Pfarrberuf emotional aufgeladen. Der Pfarrer sollte möglichst alle Gemeindeglieder persönlich kennen und biografisch begleiten, aber auch im (eigentlich ehrenamtlich organisierten) Gemeindeleben präsent sein. Seine Aufgaben erweiterten sich um soziale, kommunikative und organisatorische Tätigkeiten. Die Beziehung zur Pfarrperson wurde als wesentlicher Zugangsweg zur Kirche und damit auch zum christlichen Glauben verstanden.

Ab den 1960er- und 1970er-Jahren und noch einmal verstärkt seit den 1990er-Jahren wurden die Angebote in der vielfältiger werdenden Gesellschaft, aber auch aufgrund der gewachsenen Aufmerksamkeit für die Erwartungen und Wünsche der Kirchenmitglieder stark erweitert. Die Zahl der Gruppen und Kreise wuchs, hinzu kamen Initiativen und Projekte, teilweise (aber nicht immer) zeitlich begrenzt. Die Pfarrpersonen und andere Hauptamtliche erweiterten ihre Fähigkeiten und wurden zu Expert*innen in unterschiedlichen Bereichen. Gleichzeitig vermehrte die fortschreitende Demokratisierung die Zahl der Gremien und Ausschüsse. In jüngerer Zeit sind noch die Ansprüche an neue Formen von Kirche, die auch Menschen ohne christliche Sozialisation ansprechen, hinzugekommen.

Kippendes System

In Verbindung mit der territorialen Logik bedeutet dies ein flächendeckendes Netz von Gemeinden, die jeweils ein möglichst großes Spektrum von Angeboten mit einem Beziehungsangebot der Pfarrperson für möglichst viele Menschen vor Ort verbinden. Ein solches Netz lässt sich aber nur begrenzt dehnen in größere Gemeinden mit weniger Pfarrpersonen. Irgendwann „kippt“ das System – und es muss entweder das Prinzip der Flächendeckung oder der Anspruch auf vielfältige Angebote und persönlichen Kontakt zur Pfarrperson aufgegeben werden. Hinzu kommt, dass die Situation bereits jetzt für Hauptamtliche und Gemeinde als strukturell überlastend erlebt wird und dass die Erfüllung der „Quadratur des Kreises“ nicht nur gesundheitsschädigend wirkt, sondern auch negative Auswirkungen auf die weitere Zukunft der Kirche hat: Die künftige Anzahl von Hauptamtlichen ist gerade in der „Generation Z“, das sind die ab 1995 bis 2010 Geborenen, in einem hohen Maße von der Attraktivität der Arbeitsbedingungen abhängig. Und wenn Menschen, die hauptberuflich mit der Kommunikation des Evangeliums befasst sind, vorrangig Überlastung ausstrahlen, dann macht es die Zugänge zur Kirche nicht attraktiver.

Insofern scheint es mir alternativlos zu sein, sich von dem ortsgemeindlichen Prinzip im Sinne der Verbindung von Flächendeckung, Angebotsspektrum und persönlichem Kontakt zur Pfarrperson zu verabschieden. Die digitalen Formen von Kirche stärken ja bereits die Entkoppelung von persönlicher Beziehung und territorialer Orientierung von Kirche. Wenn es künftig noch eine „Flächendeckung“ in dem Sinne geben soll, dass jedes Wohngebäude in Deutschland einer kirchlichen Einheit zugewiesen wird (zum Beispiel als erste Anlaufstelle für kirchliche Anliegen), dann müsste dies von den kirchlichen Angeboten entkoppelt und von der finanziellen Zuweisung gelöst werden. Dies bedeutet einen Abschied von der Idee eines möglichst breiten Spektrums von Angeboten am gleichen Ort und dem Gedanken einer räumlich bestimmten Zuständigkeit für Menschen (beziehungsweise umgekehrt deren Verständnis als „eigene“ Gemeindeglieder). Will man mit weniger Ressourcen mehr Menschen als bisher erreichen, dann ist dies nur mit einem konzeptionellen exemplarischen Arbeiten möglich. Das bedeutet, an bestimmten Orten bestimmte Zugänge und Kommunikationswege zum Evangelium anzubieten, die für bestimmte Menschen attraktiver sind als andere.

Nüchtern betrachtet ist dies im Grunde gar nicht so neu. Auch bisher werden in jeder Gemeinde immer nur bestimmte Zugänge gestaltet, die attraktiv für bestimmte Zielgruppen sind – allerdings überproportional für bestimmte Zielgruppen auf Kosten anderer: Kann es schon anspruchsvoll sein, in regionaler Nähe Angebote für Grundschulkinder zu finden, sind Zugänge für zum Beispiel Alleinerziehende, bi-religiöse Familien oder transidente Menschen eher selten. Wenn es sie gibt, dann sind sie von individuellen Schwerpunkten und Konstellationen vor Ort abhängig und nur selten in einem Kirchenkreis oder Dekanat miteinander abgestimmt. Möchte die Kirche jedoch künftig ernsthaft Evangelium mit „aller Welt“ kommunizieren, ist ein theologisch grundierter Abstimmungsprozess in einem größeren Rahmen (zum Beispiel auf Kirchenkreis- oder Dekanatsebene) erforderlich, der Stärken, Traditionen und Talente vor Ort in Beziehung setzt zu der Entscheidung, in welchem Verhältnis die Ressourcen für welche Arbeitsbereiche eingesetzt werden sollen: Wie stark soll beispielsweise Kinder- und Jugendarbeit gewichtet werden, wie stark diakonische Arbeit, musikalische, spirituell orientierte, interreligiöse Arbeit, Arbeit mit Familien, Alleinerziehenden, älteren Menschen, Trans*menschen, Menschen im Krankenhaus, im Gefängnis, Geflüchtete et cetera? Welche Bedarfe signalisiert der Sozialraum und welche Kooperationen sind sinnvoll?

Profilierte Stellen

Und ebenso muss gefragt werden, in welchen Formen von Gemeinde diese Arbeitsbereiche sinnvoll zu gestalten sind. Erscheinen beispielsweise Jugendkirchen sinnvoll? Welche Formen von diakonischer Arbeit sind sinnvoll? Welchem Modell soll die Konfi-Zeit in der Region folgen? Sollen Kasualien künftig vorrangig in Kasualagenturen angesiedelt sein? Welches Verhältnis und welche digitalen Formen bieten sich wo an, und wie kann dies für künftige Entwicklungen flexibel gehalten werden? Welche Orte und Formen sind für welche Zielgruppe sinnvoll? Welche sind sinnvoll, an einem Ort miteinander zu verbinden – weil sie sich ähnlich sind oder auch gerade, weil sonst wenig Kontakt zwischen diesen Bevölkerungsgruppen besteht, von dem aber alle profitieren könnten? Dabei wären andere Formen kirchlichen Lebens wie Familienzentren, Beratungsstellen oder Akademien mit ihren Wegen der Kommunikation des Evangeliums gleichberechtigt miteinzubeziehen.

Hauptamtliche würden sich dann gezielt auf profiliert ausgeschriebene Stellen bewerben, für die sie bestimmte Talente und Kompetenzen mitbringen beziehungsweise durch sehr gute Fortbildungsmöglichkeiten diese erwerben. Sie würden die Arbeitsbereiche gemeinsam mit Ehrenamtlichen gestalten, die in gut organisierten „Ehrenamtsbörsen“ – kirchlich oder gemeinsam mit kommunalen Trägern – beraten werden, wo sie am sinnvollsten ihre Talente einbringen, neu erwerben und ihre Vorstellungen verwirklichen können.

Attraktiv und lebensrelevant

Die menschlichen Beziehungen sowohl untereinander als auch zu den Hauptamtlichen wären dabei bleibend wichtig. Persönlicher Kontakt wäre aber weniger ein Wert an sich (was sich zum Beispiel in Formulierungen wie „das Gesicht vor Ort“ spiegelt), sondern stände in engerer Beziehung zu den christlichen Inhalten. Die bislang nicht selten geteilte Erfahrung, dass Zugänge zur Kirche über Personen und vor allem über Pfarrpersonen laufen, wird dann als Konsequenz der bisherigen Formen verstanden und nicht als gegebener Sachverhalt. Möglicherweise kann damit auch das Vertrauen wachsen, dass das, was die Kirche inhaltlich vertritt und gestaltet, an sich attraktiv und lebensrelevant ist.

Ein solches Vertrauen ist auch nötig angesichts der nicht selten geäußerten Bedenken, mit einer solchen Neuorientierung würde man auch noch diejenigen verlieren, die bisher der Kirche treu geblieben sind. Darin spiegelt sich die ganz sicher zutreffende Erkenntnis, dass die bisherigen Formen für manche Menschen einen hohen emotionalen Wert haben und ihre Veränderung Enttäuschung und Verletzung auslösen wird. Dies scheint mir allerdings eher auf seelsorglicher Ebene bearbeitet werden zu müssen als auf der Ebene von Kirchengestaltung. Denn die Zukunft der Kirche davon abhängig zu machen, erscheint mir weder möglich noch sinnvoll.

Noch sind Zeit und genügend Ressourcen vorhanden, um die notwendigen Neuorientierungen aktiv zu gestalten und die Voraussetzungen zu schaffen, dass die Kirche mit ihren Sozialformen plausibel und relevant wird für deutlich mehr Menschen als bisher – diese Chance sollte genutzt und nicht vertan werden.

 

Buchempfehlung:
Uta Pohl-Patalong: Kirche gestalten. Wie die Zukunft gelingen kann. Gütersloher Verlagshaus 2021, 256 Seiten, Euro 20,–.

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