Austrittsrekordhoch

Nie verließen so Viele die evangelische Kirche wie 2022

Ein Schock ist es schon: Im vergangenen Jahr haben rund 380 000 Menschen ihren Austritt aus der evangelischen Kirche erklärt (siehe auch Seite 71). Warum? Gab es Skandale? Nein. Glauben die Menschen nicht mehr an Gott? Zunehmend weniger. Doch auch das ist kein neuer Trend, der den aktuellen Rekord erklären könnte. Wurde die Kirchensteuer 2022 erhöht? Blödsinn, natürlich nicht.

Die Wahrheit ist, dass es den einen Grund nicht gibt. Denn dass sich die Zahlen der Austritte so summieren, resultiert aus einem Bündel von Ursachen. Zum einen gibt es die Megatrends der Säkularisierung und Individualisierung. Immer mehr Menschen – zumindest in unseren Breiten – bedeuten Glaube und Religion nicht viel oder stehen zumindest nicht zwangsläufig mit Kirchenmitgliederschaft in Verbindung. Auch andere gesellschaftliche Großorganisationen verlieren stetig Mitglieder. Und da ist zum anderen der spätestens seit 2018 (MGH-Studie der Deutschen Bischofskonferenz) verstärkt ins öffentliche Bewusstsein gerückte Missbrauchsskandal in der katholischen und im Gefolge auch in der evangelischen Kirche. Die Tatsache, dass dies seitdem die mediale Wahrnehmung von Kirche dominiert, löst sicherlich bei vielen schlussendlich den innerlich längst vollzogenen Austritt aus. Und immer wieder ärgern sich Leute über einzelne Pfarrer oder politische Äußerungen von Kirchenoberen. Aber solche Austritte fallen statistisch wohl kaum ins Gewicht oder gleichen sich aus. Denn platt gesagt, ist dem einen die Kirche zu „woke“ respektive „rot-grün“ geprägt und der anderen zu wenig. Aber das ist sowieso etwas für Insider, denn die meisten tragen ein Kirchenbild in sich, das schon lange nicht mehr der Wahrheit entspricht, sondern über Generationen tradiert wurde.

Die bittere Wahrheit ist: Viele Menschen wissen nicht, wozu sie Mitglied einer Kirche sein sollen. Sie gehen seit langem, seit Generationen, nicht mehr in die Gottesdienste oder nehmen kirchliche Angebote in Anspruch (manchmal Amtshandlungen, aber auch das wird in Deutschland immer weniger). Hat also endgültig die kirchliche Kernschmelze begonnen? Müssen wir uns nun jedes Jahr solcher Zungenbrecher befleißigen wie in der Überschrift dieses Artikels? Eine Weile lang wohl schon. Möglicherweise. Der Religionssoziologe Detlef Pollack sagt sogar: „Ich gehe davon aus, dass die Prognosen der Freiburger Studie, wonach sich die Mitgliederzahlen der beiden großen Kirchen bis 2060 halbiert haben werden, zu optimistisch sind.“ Das ist bitter.

Was ist zu tun, um das zu ändern? Das weiß niemand. Aber sicher wäre es nicht ratsam, den Kontakt zu Kindern und Jugendlichen auszudünnen. Und auch die Bedeutung des Religionsunterrichts wird immer noch von vielen unterschätzt. Ansonsten sind wir zur Hoffnung und zum Liebesdienst berufen (Galater 5,13). Und es gilt Martin Luthers güldener Satz: Wir sind es doch nicht, die da die Kirche erhalten könnten. Unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen. Unsere Nachkommen werden’s auch nicht sein: sondern der ist’s gewesen, ist’s noch und wird’s sein, der da sagt: ‚Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.‘ Amen. 

 

Lesen Sie zu diesem Thema auch ein Interview mit dem Münsteraner  eligionssoziologen Detlef Pollack auf

www.zeitzeichen.net/node/10338.

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