„Das bedeutet lange harte Arbeit vor Ort“

Ein Gespräch mit dem Religionssoziologen Detlef Pollack über die aktuellen Kirchenaustrittszahlen und wie die evangelische Kirche darauf reagieren sollte.
„Ich mache das als Antwort auf das, was passiert ist.“ Petronella Helm bei ihrer Taufe in der Hanauer Neuen Johanneskirche, gleich mit zwei Geistlichen, Miriam Weiner und Horst Rühl.
Foto: Moritz Göbel
"Drop-In"-Taufe in Hanau: "Taufen, Konfirmationen und Trauungen liebevoll und in einem den Menschen zugewandten Sinne zu gestalten, das kann darüber entscheiden, ob jemand Kirchenmitglied bleibt oder nicht."

zeitzeichen: Herr Prof. Pollack, 2022 sind 380.000 Menschen aus der evangelischen Kirche ausgetreten, so viele wie noch nie zuvor. Hat Sie diese Nachricht überrascht?

DETLEF POLLACK: Der Trend ist ja kein neuer, insofern war ich nicht wirklich überrascht. Aber ich bin schon erschrocken über diese hohe Zahl.

Erstmals sind mehr Menschen ausgetreten als durch Tod ausgeschieden, wir reden also nicht mehr über demographische Trends, oder? 

DETLEF POLLACK: Man muss von beidem reden, sowohl von der Austrittswelle als auch vom demographischen Trend, der nicht weniger wichtig ist als die Austrittszahlen. Wir müssen konstatieren, dass mehr Kirchenmitglieder sterben als durch Taufe von Kindern nachkommen. Selbst in den Familien, in denen noch mindestens ein Elternteil Kirchenmitglied ist, werden nur vier von fünf Kindern getauft. Bei den Konfirmationen ist es ähnlich. Zu diesem demographischen Schwund kommen nun diese exorbitant hohen Austrittszahlen hinzu.

Wird die evangelische Kirche in Mithaftung genommen für die Fälle von sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche und den problematischen Umgang damit?

DETLEF POLLACK: Ein Kirchenaustritt ist oft das Ende eines längeren Prozesses und geprägt von persönlichen Erfahrungen. Aber auch das Image von Kirche ist wichtig, und da spielen die Missbrauchsfälle durchaus eine Rolle. Beide Kirchen haben in den letzten Jahren noch einmal an Vertrauen verloren. Das hängt nicht nur mit den Missbrauchsfällen selbst, sondern auch mit der abwertenden Berichterstattung in den Medien zusammen. Es gibt ja kaum noch positive Berichte über die Kirche, wobei sich die Presse vor allem an der katholischen Kirche abarbeitet. Aber die evangelische Kirche wird hier mit in Haft genommen und kann nicht gegensteuern – zumal das Thema sexualisierte Gewalt ja auch die evangelische Kirche betrifft.

Seit der letzten Tagung der EKD-Synode wird über ein freiwilliges Tempolimit in kirchlichen Zusammenhängen und die gesuchte Nähe zur „Letzten Generation“ diskutiert. Treten die Menschen auch aus der evangelischen Kirche aus, weil sie ihnen zu politisch und zu linksliberal agiert?

DETLEF POLLACK: Das ist ein Faktor, aber man sollte ihn in seiner Bedeutung nicht überschätzen. In der Kirchenaustrittsstudie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD haben 18 Prozent der Befragten angegeben, dass das Engagement der EKD für ein kirchliches Rettungsschiff für Geflüchtete der Grund für ihren Austritt war. Wichtiger waren aber andere Gründe, etwa die Fälle von Kindesmissbrauch oder die Verschwendung finanzieller Mittel in der Kirche. Aber wir wissen, dass dezidiert politische Stellungnahmen von der Mehrheit der Mitglieder der evangelischen Kirche nicht erwartet werden. Sie tut es trotzdem, auch um öffentlich Aufmerksamkeit zu erzeugen. Für einen kleinen Teil der Kirchenmitglieder ist das ein Austrittsgrund, aber eben kein wichtiger.

Ist das Hauptproblem nicht, dass Kirche und Glauben den Menschen gleichgültig geworden ist?

DETLEF POLLACK: Beides ist der Fall – Distanzierung von der Kirche und vom Glauben –, und man sollte nicht so tun, als ob die Menschen glauben und nur mit der Kirche fremdeln. Viele können nach ihren eigenen Angaben auch mit dem Glauben nichts mehr anfangen und treten deshalb aus der Kirche aus.

Laut Bertelsmann-Religionsmonitor, an dem Sie ja mitwirken, hat selbst in der Corona-Krise die Religion nur den sowieso schon religiösen Menschen geholfen. Glaube als Kontingenzbewältigung, also als Halt in den Unwägbarkeiten des Lebens, funktioniert also auch nicht mehr

DETLEF POLLACK: Eine Krise allein führt die Menschen nicht zum Glauben und die Kirche. Glaube kann dann zur Kontingenzbewältigung beitragen, wenn er bereits verinnerlicht ist. Man muss entsprechend sozialisiert sein, die religiöse Sprache verstehen, Glaubenserfahrungen gemacht haben. Dann kann der Glaube in schwierigen Situationen helfen. Von außen erschließt sich die Sinnhaftigkeit des Glaubens nur schwer.

Kann der Trend nochmal gedreht werden?

DETLEF POLLACK: Der Trend ist nicht umzukehren. Es gibt säkulare Trends – Individualisierung, Pluralisierung, Modernisierung –, die über die Kirche hinweglaufen und denen sie weitgehend machtlos gegenübersteht. Aber vollkommen machtlos ist sie nicht. Da, wo der Pfarrer eine charismatische Ausstrahlung hat, gehen Menschen oft gerne in den Gottesdienst. Auch intensive Seelsorge in der Gemeinde kann die Verbindung zur Kirche stärken. Dazu muss die Kirche nahe bei den Menschen sein. Bei vielen Menschen aber herrscht das Bild von Kirche als einer quasi staatlichen und zum Teil autoritären Institution vor. Die Kirche wird die Menschen nur erreichen können, wenn sich das ändert. Doch das bedeutet lange harte Arbeit mit den Menschen vor Ort.

Das ist ein Plädoyer für die Bedeutung der Ortsgemeinde?

DETLEF POLLACK: Ja, es kommt auf den unmittelbaren Kontakt zu den Menschen an. Manchmal muss man auch einfach nur da sein und zuhören. Die Begleitung in persönlichen Umbruchssituationen, Trauerfeiern, Taufen, Konfirmationen und Trauungen liebevoll und in einem den Menschen zugewandten Sinne zu gestalten, das kann darüber entscheiden, ob jemand Kirchenmitglied bleibt oder nicht. Und natürlich dürfen wir die religiöse Bildung im Kindesalter nicht unterschätzen, sei es im Kindergarten, im Schulgottesdienst oder im oft stiefmütterlich behandelten Religionsunterricht. Im Kindesalter muss die religiöse Sozialisierung stattfinden, als Erwachsene finden nur sehr wenige zum Glauben.

Offenbar gibt es bei vielen Menschen eine „Kosten-Nutzen-Analyse“, die sie zum Austritt bringt. Könnte eine Mitgliedschaft „light“ mit weniger Kosten für jüngere Menschen eine Lösung sein?

DETLEF POLLACK: Die Kosten werden dann zum Grund für den Austritt, wenn man den Nutzen nicht mehr sieht. In solchen Fällen dürfte es wenig helfen, die Kosten zu senken, weil die Menschen, die so denken, schon sehr distanziert von der Kirche leben. In der erwähnten Kirchenaustrittsstudie wurde direkt danach gefragt, und das Ergebnis war klar: Die meisten Menschen wären auch ausgetreten, wenn sie weniger Kirchensteuern bezahlen müssten.

Und wenn man den Nutzen steigert? Etwa durch Plätze in der Kita, in evangelischen Schulen oder im Pflegheim speziell für Kirchenmitglieder

DETLEF POLLACK: Diese Leistungen werden allen angeboten, nicht nur den Kirchenmitgliedern, und das ist auch richtig so. Das Evangelium ist allen zu verkünden, nicht nur einer auserwählten Schar. Insofern ist das kein gangbarer Weg.

Bei allem Mitgliederschwund: Die Kirchensteuereinnahmen waren 2021 wieder auf Rekordniveau. Wie lange wird dieser Trend noch anhalten?

DETLEF POLLACK: Das vermag genau niemand zu sagen, aber er wird bald enden. Noch werden die sinkenden Mitgliederzahlen durch steigende Einkommen und die entsprechende Steuer darauf überkompensiert. Aber das wird nicht mehr lange so sein. Ich gehe davon aus, dass die Prognosen der Freiburger Studie, wonach sich die Mitgliederzahlen der beiden großen Kirchen bis 2060 halbiert haben werden, zu optimistisch sind. Wir sind an einem Kipppunkt. Die Kirchenmitglieder werden zur Minderheit, und wenn dann noch das Image der Kirchen so schlecht ist wie im Augenblick, wird sich der Abwärtstrend noch beschleunigen.

 

Das Gespräch führte Stephan Kosch am 15.März via zoom.

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Foto: epd-bild / Brigitte Heeke

Detlef Pollack

Dr. Detlef Pollack ist Professor für Religionssoziologie an der Universität Münster und Sprecher des dortigen Exzellenzclsuters "Religion und Politik".

Foto: Rolf Zöllner

Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens.


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