„Einspruch, Euer Ehren!“

Ist Schöpfungstheologie zu romantisch? Eine Erwiderung auf Günter Thomas
Krokusse in Schleswig-Holstein
Foto: picture-alliance
Krokusse in Schleswig Holstein

Die Texte von Günter Thomas zur Ökotheologie auf zeitzeichen.net rufen weiter Widerspruch hervor: Der Theologe Hubert Meisinger, Referent für Umweltfragen der Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, führt aus, warum er zwar in Einigem zustimmen kann, aber Entscheidendes ganz anders sieht.

Blicken wir knapp 100 Jahre zurück: Anfang der 1930er-Jahre war ein großer Streit zwischen den beiden Schweizer Theologen Karl Barth und Emil Brunner entbrannt. Brunner, evangelisch-reformierter Systematischer Theologe, hatte in seiner Schrift „Natur und Gnade“ im Jahr 1934 Grundzüge einer natürlichen Theologie entwickelt. Das hieß für ihn, dass Gott sich nicht alleine aus der Offenbarung heraus mitteilt, sondern Gottes Existenz auch über die Vernunft des Menschen und über die Natur mit ihren Wundern erkannt werden kann. Im gleichen Jahr noch antwortete Karl Barth mit einer Schrift, die mit „Nein!“ überschrieben war und in der er diesen Zugang Brunners verwarf. Eine lange währende Freundschaft zwischen diesen beiden Theologen kam damit zu einem Ende.

Der Beginn der 2020er-Jahre ist erneut durch eine theologische Kontroverse gekennzeichnet, in der ich am liebsten mit einem „Nein!“ dem Bochumer Systematischen Theologen Günter Thomas entgegnen würde. Allerdings in einer Umkehr der theologischen Positionen, denn Thomas steht deutlich in der Tradition Karl Barths, während ich mich nicht unbedingt in der Tradition Emil Brunners sehe, sondern stärker von Paul Tillich und der Prozesstheologie in Gefolge des Philosophen Alfred North Whitehead geprägt bin. Schon gar nicht möchte ich diese großen Theologen der Vergangenheit mit uns beiden theologischen Epigonen gleichsetzen. Das wäre vermessen. Und – es wäre auch kein eindeutiges „Nein!“, denn nicht alle Überlegungen von Thomas betrachte ich so kritisch, dass es zu einer Aufkündigung einer alten theologischen Freundschaft führen müsste. Aber der Reihe nach. Und zwar mit Blick auf zwei Themen, die meinen Dialog mit Thomas betreffen und auf die ich mich in meinem Beitrag konzentrieren werde.

1. Der Vorwurf einer Blühwiesenromantik der deutschen ökotheologischen Landschaft

Zur Sache: Günter Thomas hat um Weihnachten 2021 eine Diskussion bei www.zeitzeichen.net ausgelöst, als er mit drei Artikeln die „Blühwiesenromantik“ der deutschen ökotheologischen Landschaft schonungslos aufzudecken meinte. Sein Argument: Wer immer sich insbesondere in der evangelischen Kirche mit dem Thema Schöpfung beschäftige – und er adressierte hier unter anderem die Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten (AGU) in den Gliedkirchen der EKD, der ich angehöre –, die/der lasse vollkommen aus dem Blick, dass die Natur, von der wir theologisch als Schöpfung sprechen, nicht nur „sehr gut“ sei, sondern auch Anlass zur Bekämpfung biete. Wie anders sei es sonst zu erklären, dass Ärzt*innen sich um die Heilung von Krankheiten kümmerten und damit das auslösende Virus bekämpften, wie es beispielsweise bei Corona der Fall sei. Die „gefallene Schöpfung“ sei in keinem paradiesischen Zustand, das „sehr gut“ ihr gegenüber eine Verkennung der Realität und damit „Blühwiesenromantik“.

Nun ja, er hat es damit geschafft, eine breite Diskussion auszulösen, in der Theolog*innen unterschiedlichster Couleur entweder auf ihn reagierten, weil sie den Eindruck hatten, dass dies nicht so (unwidersprochen) stehen bleiben sollte, oder schlicht ihre eigenen Überlegungen zu einer heute angemessenen Schöpfungstheologie formulierten. Im Sommer 2022 hat Thomas dann in 13 Thesen seine Kritik an einer zu vereinfachenden Schöpfungstheologie weiter ausgebaut.

Hier mit einem eindeutigen „Nein!“ zu antworten, fällt mir schwer. Denn so ganz Unrecht hat Thomas nicht mit seiner Wahrnehmung, dass in der Schöpfungstheologie das „sehr gut“ und die Integrität der Schöpfung betont werden im Gegenüber zu einer ambivalenten Betrachtung, die das „Sehr gut“ abwägt auch mit Blick auf die immer noch existierenden Bedrohungen, die menschliche Natur durch nichtmenschliche Natur in unserer Situation „außerhalb“ des Paradieses ausgesetzt ist.

Utopie versus visionäre Hoffnung

Es stimmt, dass von einer von Menschen unberührten Natur ohnehin fast nicht die Rede sein kann. Wer Natur bisher durch eine rosarote Brille sah, die es, wie sie ist, zu bewahren gälte, darf sich angesprochen fühlen. Schon die Schöpfung im ureigentlichen Sinne gilt es nach alttestamentlicher Aussage schließlich nicht alleine zu bewahren, sondern auch zu bebauen. Und da wird das Unkraut unter dem Weizen eben herausgezupft – auch wenn das nach einer „radikalen“ neutestamtlichen Überlieferung alleine Gottes Aufgabe wäre. Allerdings sehe ich bei Thomas die Gefahr, die Güte der Mitschöpfung, die uns liebend umfängt, zuungunsten einer Mitschöpfung, gegen die wir uns zur Wehr zu setzen haben, aus dem Blick zu verlieren, also sozusagen auf der anderen der von ihm kritisierten Seite vom Pferd zu fallen. Die Anfälligkeit und Bedrohtheit des menschlichen Lebens „außerhalb“ des Paradieses so stark zu machen, dass Kampf und Beherrschung, ja „Vernichtung“ in den Vordergrund treten, obwohl Kooperation und Altruismus ebenso vorkommen. Für ihn ist das Paradies nur ein „romantischer Traum“, eine U-topie. Während es in den biblischen Schriften meines Erachtens eindeutig ein visionäres Hoffnungsbild der Zukunft ist.

Zudem – und das lässt sich auch am Corona-Virus zeigen, den Thomas als Paradebeispiel der Gefährdung des Menschen durch die Natur anführte – hängt das Auftreten von sogenannten Zoonosen, also Infektionskrankheiten, die von Bakterien, Parasiten, Pilzen oder Viren verursacht und wechselseitig zwischen Tieren und Menschen übertragen werden können, auch damit zusammen, dass der Mensch immer weiter in die Bereiche ehemals unberührter nichtmenschlicher Natur eindringt. Und so verwundert es nicht, dass Krankheitserreger aufgrund der evolutionären gemeinsamen Abstammung von menschlichen und nichtmenschlichen Tieren existieren, die sowohl Tiere als auch Menschen infizieren können. An dieser Entwicklung tragen wir Menschen mit unserem unbegrenzten Expansionismus mit bei. Nichtmenschliche Natur ist nicht Feind der Natur des Menschen und auch nicht als solche moralisch zu bewerten, sondern wird geradezu „herausgefordert“, auch den Menschen in ihre Interaktionen mit einzubeziehen.

Damit will ich Thomas gerne widersprechen, der diesen ursächlichen Zusammenhang so nicht herausarbeitet. Ja, der Mensch ist ein „gefährdeter Gefährder“ (Thomas). Allerdings kommen die Gefährdungen nicht unabhängig vom Menschen von einem Außen, sondern sind von Menschen mit verursacht. Insofern bringt der „gefährdete Gefährder“ sich selbst in Gefahr. Er ist der „sich gefährdende gefährdeter Gefährder“. Damit enden wir weder in „religiösem Kitsch“ und auch nicht im „Antihumanismus“, wie Thomas in einem Beitrag in „DIE WELT“ vom 24. November 2022 der Ökotheologie vorwirft. Sondern wir enden in einer differenzierten Wahrnehmung des Verhältnisses zwischen nichtmenschlicher und menschlicher Natur. Das ist noch ein Stück weiter realistisch als Thomas meint realistisch zu sein.

2. Von der „theologische Geduld von hoffenden Langstreckenläufern“ und dem JETZT! der Ungeduld der menschlichen Existenz

Unter dieser zweiten Überschrift sage ich nun ein komplettes „Nein!“ gegenüber Günter Thomas. Die „theologische Geduld von hoffenden Langstreckenläufern“ mag zwar eine feine theologische Formulierung sein, für die Thomas immer wieder gut ist – sie wird allerdings den Erkenntnissen der Klimawissenschaftler*innen im Weltklimarat und in vielen anderen wissenschaftlichen Einrichtungen weltweit nicht gerecht. Diese prognostizieren nur noch ein Zeitfenster bis etwa zum Jahr 2030, das „der Menschheit“ – ich bin mir bewusst, ein großes Wort – zur Verfügung steht, um der Klimakrise aktiv begegnen zu können und schon jetzt Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel in die Wege zu leiten. Leider, leider ist das keine „apokalyptische Dramatisierung“, die „in eine gefährliche moralische Atemlosigkeit“ führe, wie Thomas meint, und es geht auch nicht um eine „Totalisierung“ einer ökotheologischen „endzeitlichen Sekte“. Es geht schlicht um eine international wissenschaftlich abgesicherte, akzeptierte Erkenntnis mit zunehmend höherer Wahrscheinlichkeit. Da wird nichts dramatisiert, sondern nüchtern den Tatsachen, der Realität in die Augen geschaut. Also genau das getan, was Thomas eigentlich fordert.

Wollen wir Menschen unseren Enkelkindern eine Welt mit den Lebensmöglichkeiten, wie wir sie haben – auch mit ihren Gefährdungen -, überlassen, dann sind JETZT! Entscheidungen zu treffen, also von der Langstrecke ist auf die Kurzstrecke zu wechseln, um im Bild von Thomas zu bleiben. Das Hoffen auf Gott gibt nicht nur einen langen Atem, sondern auch die Einsicht und den Mut zu im Jetzt anstehenden Entscheidungen einer menschlichen Existenz, die langsam ungeduldig, nicht aber unverantwortlich und schon gar nicht hoffnungslos einen Blick auf die Klimakrise wirft.

Widerspruch nötig

Der „hoffnungsvolle Realismus“ steht nicht auf Thomas‘ Seite, sondern auf der Seite derer, denen er einen naiven Idealismus, ja sogar ökotheologisches Sektierertum vorwirft. Das mag auch in unterschiedlichen Vorstellungen von Gott begründet sein. So beklagt Thomas einen „Verlust der rettenden Transzendenz“, wenn Luisa Neubauer 2021 in ihrer Rede im evangelischen Berliner Dom sagt: "Gott wird uns nicht retten" und niemand ihr widersprochen habe. Doch, ich habe innerlich widersprochen. Aber anders, als es Thomas mit seiner „rettenden Transzendenz“ im Blick hat. Ich gebe die Hoffnung auf einen „rettenden Advent“ nicht auf, eine Zukunft, die wir nicht selbst gestalten können, sondern die als Kairos, als sich offenbarender Moment, ohne unser Zutun eintrifft. Was für Thomas ein romantischer Traum ist, nährt meine Hoffnung und stärkt mein Handeln. „Vorher“ halte ich es aber lieber mit Dietrich Bonhoeffer, leicht abgewandelt: „„Mag sein, dass morgen das Reich Gottes [Bonhoeffer nennt an dieser Stelle das Jüngste Gericht] anbricht. Dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen – vorher aber nicht.“

Epilog: Eigentlich dachte ich, gar kein streitbarer Mensch oder Theologe zu sein. Günter Thomas liefert allerdings ein Momentum von außen, das nicht unwidersprochen bleiben darf. Denn letztlich liefert seine Darstellung der Kirche als einer zur Radikalisierung und zum Sektierertum neigenden Organisation, insbesondere Thomas‘ Kontextualisierung dieser Kirche mit der RAF, ihren inneren „Widersachern“ Perspektiven, aus der Kirche auszutreten, und ihren äußeren „Widersachern“ Argumente, die Existenz einer Kirche in Frage zu stellen. Thomas sieht die Kirche als einen „gefährdeten Gefährder“ Und da er selbst Mitglied dieser Kirche ist und gerade weil er diese seine Mitgliedschaft in einem offenen Brief an die EKD-Präses Nicole Heinrich in Frage stellt, sind seine Äußerungen letztlich als von innen heraus gefährdende Äußerungen zu betrachten, die nicht wirklich konstruktiv zu einem Dialog auch über die Zukunft der Kirche beitragen.

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Hubert Meisinger

Hubert Meisinger ist Pfarrer und Referent für Umweltfragen im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelische Kirche in Hessen und Nassau. Er engagiert sich für Klima- und Umweltschutz in seiner Landeskirche und für eine moderne  Schöpfungstheologie


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