Intensiver Clubabend

Kösters verwandelte Stufen

Seit Hermann Hesses Stufen inflationär zum Trost verabreicht werden, wohnt jedem Ende auch ein Hauch von Peinlichkeit inne. Dass dessen Weltgeist „Stuf‘ um Stufe heben, weiten“ will, gefällt nämlich längst nicht jedem.

Mancher spürt im harmonistischen Aufstiegstrott gar die Forderung, dies gefälligst ebenfalls so zu sehen. Und wer das nicht tue, sei letztlich selber schuld. Dass der Trompeter und Komponist Frederik Köster diesen Weitermachen!-Impuls dem Vernehmen nach gerade hilfreich fand, ist indes zu achten.

Die Befürchtung, das „Stufen“-Album sei süßlich geraten, verfliegt schon mit den ersten Tönen des eröffnenden Titelstücks: Bass (Joscha Oetz) und Schlagzeug (Jonas Burgwinkel) erkunden stilvoll, bis die Trompete einsetzt. Voll, wehmütig, mal gequetscht oder röhrend, verwirrt, selbstbewusst. Sebastian Sternals Pianofiguren kommen erst verhalten, dann als kräftige Kommentare hinzu. Dieses Quartett bestreitet tiefe, engagierte Kommunikation, man merkt, dass sie bereits zehn Jahre zusammenspielen und zu Recht als herausragende „Workingband“ gelten: Köster schreibt, doch der Zauber entsteht in ihrer Begegnung, hier besonders intensiv, da sechs der sieben Stücke im Kölner Loft live eingespielt sind. Nur das Gedicht Further In Summer Than The Birds der erlösungsskeptischen Emily Dickinson nahmen sie ohne Publikum auf. Den Text singt Köster auch. Eindringlich, zart, überzeugt und warm wie die hellsichtig melancholische Kraft ihrer Zeilen.

Die Stufen sind damit ausbalanciert. Aber ihre stärkste Sprache ist die Musik, mit allen Wassern getaufter Jazz, der anders als auf dem viel gelobten Vorgängeralbum Golden Age hier ganz ohne Elektro-Effekte auskommt. Die Ideen, sagt der gebürtige Sauerländer, habe er sich auf Waldspaziergängen im ersten Lockdown geholt. Dem angenehm erdigen Grübeln überlassen sie sich jedoch immer nur so lange, wie es guttut. Dann übernehmen Spielwitz, das Schöpfen aus immens breitem Inspirations­arsenal mit gehörigem Klassikanteil, Intensität des Austauschs und frappante rhythmische Verdichtung, auch mit Pianomotor etwa in „Rhyme Or Reason“. „Until I Find You“ ist sogar ausgesprochen groovy und heiter wie ein ausgelassenes Tanzen über den Hang.

Und doch kommt Stufen eher als Indoor-Album mit der Essenz des intensiven Clubabends daher, den von Ritualen bloß Mangel an Erwartbarem unterscheidet. Experience, Erlebnis oder Erfahrung, wäre der passende Begriff, klänge er nur nicht so nach Drogen. Mit Virtuosität, faszinierender Aufmerksamkeit für Dynamik, Linien wie Brüche, und vor allem füreinander erschaffen sie Räume, in denen sich gern sein und auch feiern lässt, etwa im Derwisch-Kraftwerk „Roadtrip“. Wenn dann Köster einsetzt, beginnen sie zu fliegen. Das Album schließt elegisch-herzvoll mit „Stella“ – und sattem Animal-Triste-Wunsch, dass es noch nicht zu Ende sei.

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