Wiederentdeckt

Die Dichterin Margarete Susman

Schon seit einiger Zeit ist eine Wiederentdeckung der deutsch-jüdischen Dichterin und Religionswissenschaftlerin Margarete Susman (1872 – 1966) zu beobachten. Zu ihrer Zeit war sie eine vielbeachtete Autorin, die bis 1914 mit Gedichten, in den 1920er-Jahren mit großen Essays zur geistigen Situation der Zeit viel Aufmerksamkeit fand. Ein intensiver Gedankenaustausch verband sie unter anderen mit Ernst Bloch, Georg Simmel, Karl Wolfskehl und Georg Lukacs. Der Jüdische Verlag in Frankfurt hat bereits Essays und Briefe von ihr herausgebracht, der Göttinger Wallstein Verlag bereitet eine fünfbändige Edition ihrer Schriften vor.

Auf ihrem Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof in Zürich steht „Dichterin, Denkerin, Deuterin“. Das trifft ihr Lebenswerk ganz gut. Geboren in Hamburg lebte sie bis 1933 abwechselnd in Hannover, Zürich, Berlin und Frankfurt. 1933 gelang ihr rechtzeitig die Emigration wieder nach Zürich, wo sie bis zum Ende lebte. Ihre ältere Schwester hatte sich vor der drohenden Deportation das Leben genommen.

Auf ihre vor 1914 veröffentlichten Gedichte war Stefan George aufmerksam geworden. Unter dem Eindruck der Kata­strophe des Ersten Weltkrieges hatte sie sich aber dann auf das Zeitgeschehen konzentriert, sich für den (gewaltlosen) Sozialismus eines Gustav Landauer eingesetzt und mehr noch für die Rechte der Frauen. Ihr 1929 erschienenes Buch über Franz Kafka war die erste größere religiöse Deutung des Prager Dichters. Zugleich hatte sie sich noch stärker auf das Verhältnis zwischen Juden und Christen konzentriert. Schon 1921 hatte sie in Die Brücke zwischen Judentum und Christentum gesagt, „dass der Jude … in keiner Gestalt des geschichtlichen Lebens sein letztes Ziel haben und darum in keinem realen Staat und Land seine endgültige Heimat finden kann“.

So sah sie es wohl immer. Unter dem Eindruck des Holocaust hatte sie 1945 das heute als ihr Hauptwerk angesehene Buch Das Buch Hiob und das Schicksal des jüdischen Volkes veröffentlicht. Es ist ein hochemotionales Buch, in dem sie verzweifelt und drängend ihr jüdisches Volk aufruft, sich seiner Ursprünge, seines göttlichen Auftrags zu erinnern und dadurch beispielhaft in einer inhuman gewordenen Welt versöhnend zu wirken. Als Gleichnis für die durch die Shoa scheinbar so deutlich gewordene Verlassenheit von Gott wählte sie das Buch Hiob – Hiob, der von Gott in die äußerste existenzielle Not gestürzt wird, der fragt, tobt, verzweifelt ist, aber in seiner „rasenden Gottesgewissheit“ nicht nachlässt: „Nur die an ihre äußersten Grenzen geschleuderte Existenz erfährt etwas von der dunklen, unerfassbaren Macht jenseits ihrer Grenzen.“

Das jüdische Volk, schreibt sie weiter, ist von der Welt durch seine Nicht-Staatlichkeit ausgesondert und ihr zugleich tief verbunden. Es ist „Zentrum und Zeiger des Weltschicksals“, seine Gefährdung steht gleichnishaft für die Gefährdung der Menschheit insgesamt. Und weiter: Der Auftrag Gottes galt einem Volk, das keinen Staat baut; es ist ausgesondert von allen anderen Völkern, um „in seinem Volksein selbst die Menschheit zu vertreten“. Das aber könne am Ende nur gelingen durch eine Rückbesinnung auf die Ursprünge, auf eine Unterwerfung unter das göttliche Gebot.

Es ist ein fast unzumutbarer Anspruch, den Margarete Susman nach der Katastrophe an die Juden stellt. Sie hat das Buch vor der Gründung des Staates Israel geschrieben; 1948, nach dessen Gründung, hat sie ihre Auffassung leicht korrigiert und ihn aus historischer Notwendigkeit zögernd bejaht, an der grundsätzlichen Einzigartigkeit des Judentums aber festgehalten.

In Kapiteln zu Schuld und Verfolgung, zur Schöpfung und zur Hoffnung geht sie ihrer These im Einzelnen nach und kommt, doch etwas überraschend, am Ende zu einem hoffnungsvollen Ausblick: „Das Buch Hiob, das Schicksalsbuch unseres Volkes, ist ein Buch des Lebens und des Vertrauens zum Leben, jenseits von allem Gut und Böse, in dem Gott sich selbst, den Satan und den Menschen in seinem schweigsamen Liebesgeheimnis umfängt“, worauf der Mensch immer hoffen kann.

Die Frankfurter Rabbinerin Elisa Klap­heck hat ein sensibles Nachwort verfasst. Als Lehre des Buches nannte sie einmal auf einem Podium in Zürich: Du musst kämpfen mit Gott, nicht dich unterwerfen, nur das könne die Beziehung zu ihm im 21. Jahrhundert sein. Und ja, das Judentum ist eine Vertretung des Lebens in einer Welt des Todes. Hiob, der so furchtbar Alleingelassene, sei beispielhaft eine Figur der Moderne und darin höchst aktuell.

Ungeachtet mancher Einwände etwa zum Thema Staat – Israel ist heute ein Staat in der Welt wie andere, will es zumindest sein – liest man dies erhebliche Konzentration verlangende Buch gleichermaßen betroffen und angeregt. So unmittelbar wird nicht nur ein jüdischer, sondern jeder Leser nach seiner Orientierung in dieser Welt gefragt; die Radikalität der Frage fordert auch eine offene und ehrliche Antwort.

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