Romanhaft

Bonhoeffers Theologie

Ralf Frisch hat mit seinem Buch Alles gut. Warum Karl Barths Theologie ihre beste Zeit noch vor sich hat einen neuen Ton in die Debatte über Karl Barths Theologie eingebracht. Kurze Zeit später versucht er Vergleichbares mit einem Buch über Dietrich Bonhoeffer. Doch während er im Fall von Karl Barth dessen Theologie in einem weiteren Zusammenhang skizziert, der sich vor allem an der zweiten Fassung der Römerbriefauslegung sowie an einigen ausgewählten Teilen der Kirchlichen Dogmatik orientiert, konzentriert sich das Buch über Bonhoeffer ganz und gar auf bestimmte Aspekte seiner Gefängnistheologie, wie sie in einer Reihe von Briefen an Eberhard Bethge aus dem Jahr 1944 niedergelegt ist.

In seinem Buch über Barth verdeutlicht Frisch das Verständnis der Ethik bei Karl Barth noch durch ein ausgedehntes Zitat aus Bonhoeffers „Ethik“. In dem Buch über Dietrich Bonhoeffer dagegen wird Barths berühmter Brief an Walter Herrenbrück vom 22. Dezember 1952 wieder und wieder zitiert. Doch über Barths Klärungsbedarf gegenüber den „änigmatischen“ Zügen der Gefängnistheologie geht Frisch weit hinaus. Apodiktisch erklärt er, Bonhoeffers Theologie habe im Jahr 1944 „die Fassung verloren“. Wohlgemerkt nicht Bonhoeffer, sondern dessen Theologie. Entsprechend spekulativ bleibt, wie sie diese Fassung möglicherweise wiedergefunden hat.

Während Frisch die Theologie Karl Barths aus entscheidenden Krisenerfahrungen zu erklären versucht, nämlich der Selbstpreisgabe weiter Teile des Protestantismus in der Kriegsbegeisterung von 1914 einerseits und der Hitlerhörigkeit von 1933 anderseits, sieht er im Fall von Bonhoeffers Gefängnistheologie von einer vergleichbaren Kontextualisierung vollkommen ab.

Dass die theologischen Briefe in einer Zeit existentieller Gefährdung zu Papier gebracht werden und der Autor über das „Ende der Religion“ zu einer Zeit nachdenkt, in der er sich zugleich auf ein nie stattfindendes Gerichtsverfahren vorbereiten muss, ist dem Autor keine Erwähnung wert. Stattdessen verleiht er seiner kritischen Auseinandersetzung mit den theologischen Briefen aus dem Tegeler Gefängnis den Anschein des Erstmaligen, ja des Sensationellen, indem er behauptet, er müsse sich gegen eine Betrachtungsweise aufbäumen, die „den Gefangenen von Berlin“ mit einer „Aura der Unberührbarkeit und Unfehlbarkeit“ umgibt.

Sein Korrekturversuch erfolgt durch die Behauptung, dass „Bonhoeffers Theologie im Jahr 1944 aus der Fassung geriet, aber diese Fassung am Ende womöglich wiederfand“. Er will Bonhoeffers Nachdenken in seinem letzten Lebensjahr als „Versuchungsgeschichte“ erzählen. Um das plausibel zu machen, behauptet er, dass Bonhoeffer „sich nicht nur für erwählt hielt, sondern sich als eine Art Stellvertreter in einem soteriologischen, heilgeschichtlichen Zusammenhang sah“. Das Buch läuft auf eine romanhafte Zuspitzung zu, die in zwei Traumerzählungen kulminiert. In der einen wird Bonhoeffers Auslegung der Gethsemane-Szene in einen Traum verwandelt. Er begegnet einem Fremden, küsst ihn und ruft ihm beim Weggehen zu: „Ich segne das Zeitliche.“ Im zweiten Nachtgesicht wird enthüllt, dass es sich in beiden Fällen um Begegnungen mit Friedrich Nietzsche handelt. Wenn dieser Bonhoeffer im Traum begegnet, kommt es auf so banale Fragen wie diejenigen, was wir von Bonhoeffers Einstellung zu Nietzsche wissen oder ob es Indizien für eine neue Beschäftigung mit dem Philosophen in der Zeit der Inhaftierung gab, überhaupt nicht an.

Stattdessen heißt es zum Schluss: „Dietrich Bonhoeffer segnet Friedrich Nietzsche. Und kein höhnisches Lachen gellt durch die Stille, die sich auf einmal um Dietrich Bonhoeffer breitet.“

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Foto: epd

Wolfgang Huber

Dr. Dr. Wolfgang Huber ist ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender, Bischof i. R. und Herausgeber von "Zeitzeichen." Er lebt in Berlin.


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