Anders katholisch sein

Der Synodale Weg in Deutschland will aus der katholischen Kirche keine protestantische machen
Foto: Wir sind Kirche

Werdet doch evangelisch, da habt ihr alle Forderungen erfüllt, aber die Kirchen sind auch nicht voller“, das hören wir als katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ seit dem Jahr 1995. Seit dem damaligen KirchenVolksBegehren, das eine Antwort auf die sexualisierte und geistliche Gewalt in unserer Kirche war, setzen wir uns für Reformen wie die Aufhebung klerikaler Macht, gleiche Ämter in der Kirche für Frauen, Heiratsmöglichkeit für Priester und eine menschenfreundliche Sexualmoral ein. 1995 waren diese Reformthemen für viele noch ein Tabu, seit drei Jahren werden sie endlich und auf hohem theologischen Niveau im sogenannten Synodalen Weg behandelt. In diesem vielbeachteten, aber kirchenrechtlich unverbindlichen Format gehen die deutschen Bischöfe gemeinsam mit der katholischen Laienvertretung, dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken, die wissenschaftlich erkannten Risikofaktoren von Missbrauch und Vertuschung an.

Doch obwohl seit mehr als zwanzig Jahren Missbrauchsskandale die Kirchen – nicht nur die katholische – in vielen Ländern erschüttern, fällt es dem Vatikan und auch Papst Franziskus schwer, die Notwendigkeit von grundlegenden Reformen und auch den Synodalen Weg in Deutschland anzuerkennen. Mehrfach warnten Franziskus und Kardinäle im Vatikan vor einer Abspaltung von Rom. Der im Vatikan für die Ökumene zuständige Kardinal Kurt Koch verstieg sich gar zu einem Nazi-Vergleich („Deutsche Christen“).

Bei ihrem „Ad-limina“-Besuch Mitte November im Vatikan erhielten die deutschen Bischöfe endlich die Möglichkeit, die vatikanischen Ämter und auch den Papst ausführlich über den Synodalen Weg in Deutschland zu unterrichten. Doch die Gespräche müssen ungewohnt undiplomatisch und sehr kontrovers verlaufen sein. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, die Nummer Zwei im Vatikan, warnte vor „Reformen der Kirche, aber nicht innerhalb der Kirche“.

Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, weist dagegen den Vorwurf weit von sich, mit dem synodalen Prozess nördlich der Alpen sei die Gefahr einer Protestantisierung der katholischen Kirche in Deutschland verbunden – und wäre das überhaupt eine „Gefahr“, von unseren evangelischen Schwestern und Brüder zu lernen?! „Wir wollen katholisch sein“, meinte Bätzing, „aber eben anders katholisch.“ Auf jeden Fall ist es den deutschen Bischöfen gelungen, ein Moratorium für den Synodalen Weg in Deutschland zu verhindern. Doch jetzt muss der offene Dialog zwischen Vatikan und der katholischen Kirche in Deutschland kontinuierlich weitergeführt werden, um eine Reformation 2.0 zu vermeiden.

Statt einen Papst in Rom haben die Kirchen der Reformation Synoden als oberste Entscheidungsgremien und damit gute Erfahrungen gemacht. Aber Synoden gibt es auch in der römisch-katholischen Kirche sowohl auf Bistumsebene wie auf Weltebene. Papst Paul VI., mit dem man nicht nur die unrühmliche Enzyklika „Humanae vitae“ und das Verbot künstlicher Empfängnisverhütung verbinden sollte, hat kurz nach dem II. Vatikanischen Konzil (1962-65) die Bischofssynode als dauerhafte Vertretung der Bischöfe aus aller Welt in Rom eingesetzt. Doch unter Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. fristete diese Institution ein Schattendasein. Erst Papst Franziskus hat dieses weltweite Beratungs- und Entscheidungsgremium wieder lebendig gemacht mit der Familiensynode 2014/2015, der Bischofssynode über die Jugend 2018, der Amazonassynode 2019 und jetzt der Weltsynode zur Synodalität. Durch Befragungen und die Aufteilung in diözesane Phase, kontinentale Phase und globale Phase soll die aktuelle Synode zu einem gesamtkirchlichen Prozess werden und etwas von ihrem einmaligen, exklusiven und allein bischöflichen Ereignischarakter verlieren. Man will Dialog durch Zirkularität schaffen.

Für die katholische Weltkirche mit derzeit fast 1,4 Milliarden Mitgliedern ist das ein höchst ambitioniertes Projekt, das auch in kurzer Zeit eine große Dynamik entfaltet hat. Während der deutsche Synodale Weg die konkrete Zielstellung hat, Risikofaktoren sexualisierter und geistlicher Gewalt zu reduzieren, verfolgt der weltweite synodale Prozess das grundlegendere Ziel, ein Bewusstsein für Synodalität zu entwickeln. Also gemeinsam zu beraten und zu entscheiden. Bemerkenswert ist jetzt, dass in der Synthese des Vatikans aus den Rückmeldungen des weltweiten synodalen Prozesses ebenfalls genau die Reformthemen zur Sprache kommen, mit denen der Vatikan beim Synodalen Weg in Deutschland so große Probleme hat.

Was nun? Der päpstliche Absolutheitsanspruch des I. Vatikanischen Konzils (1869/70) wirkt auch heute noch nach. Zwar kann und will der deutsche Synodale Weg der Weltkirche keine bindenden Vorgaben für die Weltkirche machen. Aber er darf erwarten, dass seine fundierten exegetischen, theologischen und menschenrechtlichen Überlegungen und Vorschläge nicht mit rein autoritären Argumenten abgewiesen werden. 

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