Schreiblust und Spielfreude

Sehnsucht, Macht und Religion bei der Autorin Felicitas Hoppe
Felicitas Hoppe bei der Arbeit in dem mittelalterlichen Walliser Städtchen Leuk in der Schweiz.
Fotos: Thomas Brose
Felicitas Hoppe bei der Arbeit in dem mittelalterlichen Walliser Städtchen Leuk in der Schweiz.

Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe ignoriert souverän in ihren Texten den von manchen Intellektuellen gepflegten Vorbehalt gegenüber allem, was mit Glauben und Konfession zu tun hat. Die Büchner-Preisträgerin folgt vielmehr einer christlich geprägten Wirklichkeitsauffassung. Danach besitze das menschliche Leben immer den Charakter einer ungeschuldeten Gabe sola gratia, erklärt der Theologe Thomas Brose.

Wie kann man sich dem Werk der preisgekrönten Schriftstellerin Felicitas Hoppe am besten nähern? Vielleicht, indem man sich zuerst auf den Weg macht, um jenen Sehnsuchtsort zu erkunden, an dem die in Berlin-Mitte lebende Autorin eine zweite Heimat gefunden hat: in den Schweizer Alpen. Aber dazu muss man, mit Der beste Platz der Welt (Dörlemann-Verlag, Zürich 2009) in der Hand, erst einmal einen sagenhaft langen Eisenbahntunnel durchqueren.

Dass Reisen gefährlich sind, weiß Felicitas Hoppe. Wie bei Dürrenmatt („Der Tunnel“) rast nämlich auch in ihrem Text der Zug durch die Bergwelt. Allerdings kommt es dabei nicht zum finalen Absturz: „Aber dann, ich hielt uns längst für verloren, erblickten wir in der Ferne ein Licht und erreichten doch noch das Ende des Tunnels.“

Tatsächlich kennt sich die weitgereiste Autorin aus mit Grenzsituationen und Hängepartien – wie etwa in einem heruntergekommenen Moskauer Hotel, wo der altersschwache Aufzug plötzlich irgendwo zwischen Himmel und Erde hängen bleibt. Die Erzählerin steckt fest inmitten einer Meute von Pelzmänteln: „Ich schwitzte entsetzlich, aber anstatt mir den Mantel vom Leib zu reißen, was wegen der Enge unmöglich war, begann ich zu beten.“ Doch Felicitas Hoppe lässt ihre Leser­innen und Leser nicht einfach hängen. Indem sie auf Märchen, Mythen und Heiligenlegenden zurückgreift, macht sie immer wieder auf „Höhlenausgänge“ (Hans Blumenberg) aufmerksam. Aber solche Wege und Übergänge in eine tiefere Wirklichkeit sind nie gefahrlos zu haben: Menschen müssen, das weiß Hoppe aus eigener Anschauung, Abenteuer bestehen, Schrecken ertragen, durch Röhren kriechen und mutig den Ariadnefaden ergreifen, um endlich ans Licht zu gelangen.

Das kristalline Licht der Schweizer Bergwelt hat die Berliner Autorin im Jahr 2004 durch den Spycher-Literaturpreis entdeckt, der seinen Preisträgern jeweils fünf Jahre freies Wohnrecht in dem mittelalterlichen Walliser Städtchen Leuk gewährt. Hoppe quartierte sich umgehend in der barocken Ringackerkapelle, einer ehemaligen Pestkirche, ein, an deren Rücken sich eine kleine Einsiedelei befindet, deren Gebetsstube unmittelbar mit der Kirche verbunden ist, „eine warme hölzerne Wabe, Menschenhütte am Gotteshaus, ein etwas zu tief gehängter Mastkorb, der kleine Buckel des Kirchenkörpers, ihm zu Füßen der Weinberg.“

Schon bald wurde die Schriftstellerin nicht mehr als zugereiste Fremde, sondern selbst als eine Art Einsiedlerin betrachtet – und Hoppe macht das Spiel seither mit. Schließlich wurde ihr zum Schweizer Nationalfeiertag 2019 die seltene Ehre zuteil, als erste Nicht-Einheimische die Festrede zum 1. August zu halten; denn, so erklärte Hoppe in ihrer Ansprache, „eigentlich bin ich gar keine Einsiedlerin, sondern eine Aussiedlerin oder eine eingesiedelte Ausländerin, die eines der schönsten Walliser Denkmäler von innen bewohnt.“

Kein Religionstabu

Felicitas Hoppe – das ist klar – hätte es kaum länger als eine Woche in der an die Kirche „geklebten“ Einsiedelei ausgehalten, wenn Religion für sie tabu wäre. „Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?“ Rechenschaft über die altbekannte „Gretchenfrage“ legt die Autorin in Fährmann, hol über! (Herder, Freiburg/Basel/Wien 2021) ab. Souverän ignoriert sie darin mit Texten, Einsprüchen und fixen Einfällen den von manchen Intellektuellen gepflegten Vorbehalt gegenüber allem, was mit Glauben und Konfession zu tun hat.

Nach ihrem poetologischen Meisterwerk Sieben Schätze (Fischer, Frankfurt/M. 2009) setzt die Büchner-Preisträgerin mit ihrer aktuellen Essaysammlung dazu an, Bewegung in das eingefrorene Gespräch zwischen Literatur und Religion zu bringen. So hell wie schnell geht die Schriftstellerin daran, zwei gegenüberliegende Ufer zu verbinden; sie scheut keineswegs davor zurück, sich zu diesem Zweck – rudernd und die Fähre vorantreibend – literarisch ins Zeug zu legen und dabei Rechenschaft von ihrem eigenen Lesen, Schreiben und Welt-Anschauen zu geben.

So lässt sich ihr Aufsatz „Das aufgespannte Ohr Gottes“ als Bekenntnis, als Konfession im eigentlichen Sinn des Wortes lesen. In diesem Stück erfahren wir auch, dass sich bereits die Vorschülerin, die nach eigenem Bekunden einer Familie von „Vielrednern“ entstammt, in ihrem gläubigen Umfeld als ausgebuffte Erzählerin positionierte. Denn „die Möglichkeit einer persönlichen Beichte erschien mir geheimnis- und verheißungsvoll und der Beichtstuhl als ein Ort, an dem alles gesagt, aber nichts verraten wurde: das aufgespannte Ohr Gottes, dem ich straffrei anvertraute, was ich mir ausgedacht hatte.“

In einem weiteren Aufsatz des „Fährmann“-Buches mit dem Titel „Und schrieb in den Sand“ berichtet die studierte Literatur- und Religionswissenschaftlerin Folgendes über ihre Herkunft aus der niedersächsischen Dias­pora: Geboren als drittes von fünf Kindern schlesischer Flüchtlinge, komme sie aus einer katholischen Familie, in der unaufhörlich nicht nur gesprochen, sondern auch gezeichnet wurde. „Unsere Mutter las vor, wir zeichneten mit. (…) Meine ersten Erinnerungen an die Bibel sind also, vom Alten bis zum Neuen Testament, nicht nur durchweg mündlich, sondern auch durchweg bebildert: eine unmittelbare, intuitive und unzensierte Umsetzung vom Wort in die Zeichnung.“

Den titelgebenden Ausgangspunkt von „Und schrieb in den Sand“ bildet die entwaffnende Geste Jesu: Fast spielerisch gebraucht der Messias seine schreibende Hand, um die „beim Ehebruch ertappte Frau (Joh 8,4)“ durch eine Symbolhandlung vor Schimpf und Schande, aber vor allem vor der Steinigung zu bewahren. Diese im Johannes-Evangelium zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit angesiedelte Rettungsaktion hat für die Essayistin nichts mit Stummsein zu tun, sondern mit der Fähigkeit, auf überflüssige Worte zu verzichten und sich stattdessen ganz auf die Sprache der Zeichen zu verlassen. „Das Bild zieht gleich mit der Schrift und die Schrift mit dem Bild, mit der Geste, dem Zeichen, die Innenwelt mit der Außenwelt.“

Auch in „Das rote Seil“ – einem Text, der von der Schriftstellerin ursprünglich bei einer Fachtagung für alttestamentliche Exegese vorgetragen wurde – bringt sie einmal mehr die Bilder ins Spiel, wenn sie davon spricht, dass das Buch Josua in ihrer Erinnerung „an einem einzigen Faden, genauer an einem roten Seil“ direkt an der Mauer der berühmten Stadt Jericho hing. Gemeint ist damit ihre lebendige Erinnerung an die berühmte, von Hermine Schäfer illustrierte Kinderbibel von Anne de Vries, „von dem ich seit meiner Kindheit bis noch vor wenigen Wochen glaubte, er sei, seinem Namen nach, eine Frau.“

Spiel und Gnade

Es ist offensichtlich, dass die Schriftstellerin mit einem unbändigen Spieltrieb ausgestattet ist, der – zur nicht geringen Frustration mancher Fachleute – nicht einmal davor zurückschreckt, sich in ihrer Quasi-Autobiografie Hoppe (Fischer, Frankfurt/M. 2012) gleich die eigene Literaturkritik mit zu erfinden: etwa in Form des Kulturwissenschaftlers Kai Rost, der bei der Verfasserin eine „verzweifelt ortlose Prosa“ konstatiert. Er wird an Schärfe bloß noch von seinem – ebenfalls fiktiven – Kritikerkollegen namens Reimar Strat übertroffen. Der setzt noch fundamentaler an und macht im Werk der Autorin „altmodische Schnitzeljagden im Gewand dürftiger postpsychoanalytischer Spielereien“ aus.

Wie soll echte Literaturkritik darauf reagieren? „Wo ‚Spiel‘ ausgemacht wird“, bemerkt dazu die Literaturwissenschaftlerin Julika Griem, „stehen häufig Vorstellungen von befreiendem Probehandeln und entlastender Kompensation im Raum.“ („Bleibt alles im Spiel?“, in: „Felicitas Hoppe. Text + Kritik“, München 2015). Tatsächlich positioniert sich die Schriftstellerin mit ihrem gesamten Werk gegen eine Überbewertung des Instrumentellen, Machtvollen und Am-Fließband-Produzierten. Gemäß einer solchen Logik des „Fordismus“ – beeindruckend dazu Hoppes Betrachtungen in ihrem Roman Prawda. Eine amerikanische Reise – könne nämlich nur das, was mit einem eisernen Arbeitswillen vom homo faber hervorgebracht werde, als wirklich gültiges Werk gelten. Dagegen sei alles, was sich nicht mühevoller Plackerei, sondern einem spielerischen Umgang mit Wirklichkeit verdanke, mit größter Skepsis zu betrachten.

Bei Hoppes Einsatz für den homo ludens, den spielenden, nicht instrumenteller Vernunft unterworfenen Menschen, geht es ihr nicht um Marginalien, sondern um Grundsätzliches: um eine Entscheidung von ethisch-literarischer Tragweite. Sie erliegt keineswegs der Faszination, die in exemplarischer Weise von Ernst Jüngers machtvoller Vision „Der Arbeiter“ ausgeht, wonach der Einzelne jeden Tag neu in den Kampf ziehen müsse, um sein Dasein in pausenloser, vierundzwanzigstündiger Aktivität – ohne jeden Sabbat – zu behaupten. Die Autorin folgt vielmehr einer christlich geprägten Wirklichkeitsauffassung. Danach besitze das menschliche Leben – Vorsicht, hier wird es theologisch – immer den Charakter einer ungeschuldeten Gabe und sei ein Geschenk sola gratia.

Sehnsucht und Unterwerfung

In dem soeben erschienenen kleinen Band Gedankenspiele über die Sehnsucht (Droschl, Graz/Wien 2022) enthüllt die theologisch versierte Autorin das durchaus ambivalente Potential, das mit dem Begriff „Sehnsucht“ angesprochen wird. Unter „Habsucht“ notiert sie dazu: Auch „Sehnsucht ist auf Haben und Sättigung aus, auch dann, wenn sie nie an ihr Futter kommt. Sie lebt von der Aussicht auf ihre Erfüllung, und, ganz egal, wie dezent und privat sie sich gibt, sie ist grundsätzlich auf Unterwerfung aus.“

Damit nimmt die Essayistin ein Motiv auf, das ihren Leserinnen und Lesern bereits aus dem eingangs erwähnten „Besten Platz der Welt“ vertraut ist. In dem Kapitel „Die Engländer kommen“ erzählt Hoppe nämlich vom macht- und unterwerfungsgetriebenen Wettlauf um die Erstbesteigung des Matterhorns. Aber in ihrer Version der Geschichte, einer alten Walliser Sage entlehnt, werden die eroberungshungrigen Kolonisatoren der Schweizer Bergwelt schwer frustriert, weil sie auf dem Gipfel bereits gipfelerprobte „Einsiedler“ vorfinden und sich darum niemals wie echte Eroberer fühlen können: „Ist es möglich, dass sie nicht die Ersten sind und auch niemals die Ersten sein werden, weil, wohin sie auch kommen, der Einsiedler immer schon vor ihnen da ist?“

Hoppe schildert das Hereinbrechen einer machtförmigen Zivilisation, die nicht mehr fähig zu sein scheint, ihre Sehnsucht zu kultivieren und das eigene, für Unendliches offene „Desiderium naturale“ auf das ganz Andere auszurichten. Vielmehr vermögen die umgetriebenen Eroberer in allen Weltwinkeln nur Spiegelungen und Echos ihrer selbst zu entdecken; diese Eindringlinge werden auch ins Wallis wiederkehren: „Mit besserem Schuhwerk, einer englischen Jacke, echtem englischen Tee und ein paar englischen Büchern, denn auf viereinhalb tausend Metern werden dem, der keine Gebete kennt, die Abende lang.“

Keine Frage, dass Felicitas Hoppe hier nicht zum ersten Mal Partei ergreift und, zwischen Spiel und Kontemplation, für alle, die zu lesen verstehen, auf poetische Weise politisch wird. 

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