Herberge unter dem Kirchturm

Die rheinische Kirchengemeinde Niedergirmes bietet Hilfe und Unterstützung für Menschen in Not
Die diakonische Arbeit der Kirchengemeinde fußt auf zwei Säulen: den bedürftigen Menschen Hilfe anbieten – und Langzeitarbeitslosen eine Perspektive vermitteln.
Fotos: Rolf K. Wegst
Die diakonische Arbeit der Kirchengemeinde fußt auf zwei Säulen: den bedürftigen Menschen Hilfe anbieten – und Langzeitarbeitslosen eine Perspektive vermitteln.

Die diakonische Arbeit der Kirchengemeinde fußt auf zwei Säulen: den bedürftigen Menschen Hilfe anbieten – und Langzeitarbeitslosen eine Perspektive vermitteln.

Eine Viertelstunde vor Öffnung der Wetzlarer Tafel stehen schon die ersten Kundinnen und Kunden auf dem Hof. Eine Frau räumt Äpfel aus einem Pappkarton in ihre grüne Einkaufstasche. „Die sehen ja super aus.“ Äpfel sind genug da.

Drinnen im Nachbarschaftszentrum der Evangelischen Kirchengemeinde Wetzlar-Niedergirmes laufen die Vorbereitungen für die Lebensmittel-Ausgabe. Sechs Mitarbeitende packen die Körbe voll; Mandarinen, Radieschen, Brot, Salat, Orangensaft. „Wollen wir auch Pizza reintun?“ Draußen bilden die Kunden eine Schlange.

Die Kirchengemeinde ist Trägerin der Wetzlarer Tafel mit ihren zwei Läden im Stadtteil Niedergirmes und in der Innenstadt von Wetzlar. Die Tafel entstand als Initiative von Privatleuten. Im Jahr 2000 gegründet, ging sie ein Jahr später zunächst an die Diakonie und 2009 offiziell an die Gemeinde. Die Ausgabestelle in Niedergirmes befindet sich im Nachbarschaftszentrum, das früher das Gemeindehaus war. Es liegt direkt gegenüber der Christuskirche und wurde ab 2004 zum Nachbarschaftszentrum umgebaut.

Die evangelische Kirchengemeinde habe sich schon immer des Themas Armut angenommen, erklärt der Diakon und Leiter der Tafel, Christof Mayer. Sie setzt das Konzept „Gemeinde als Herberge“ um, was für sie heißt: „Wir wollen eine einladende, gastfreundliche Gemeinde sein, in der die Menschen sich ernst genommen fühlen.“ Als Grundlage diente das gleichnamige Buch des niederländischen Theologen Jan Hendriks. Das Presbyterium arbeitete es im Jahr 2002 in mehreren Sitzungen durch und beschloss auf dessen Grundlage dann das Konzept. Darin heißt es unter anderem: „So muss zum Beispiel die gerechte Verteilung von Arbeit ein zentrales Anliegen der Kirche sein.“ Auch diejenigen, die keiner bezahlten Arbeit nachgehen, müssten „am Gestaltungsprozess unserer Gesellschaft teilhaben“ können.

Vor kurzem habe man das Konzept überarbeitet und angepasst, berichtet Pfarrerin Ellen Wehrenbrecht. Die Idee von „Gemeinde als Herberge“ laute, dass man offen sei „für Leute, die auf ihrem Weg Unterstützung und Hilfe brauchen“. Man wolle hinsehen, „wo Not ist“ bei Menschen, „die hier wohnen und die hier ankommen“, erläutert die Pfarrerin.

Diakon Christof Mayer öffnet die Tür der Christuskirche. Im Foyer sitzen ein paar Leute und reden, nebenan wird später der tägliche Mittagstisch „Gesegnete Mahlzeit“ serviert, zu dem regelmäßig zwischen zehn und fünfzehn Menschen kommen. Der eigentliche Kirchenraum befindet sich im ersten Stock, wo Andachten gefeiert werden, sich aber auch Tafel-Beschäftigte zu Versammlungen treffen. In der Kirche gibt es gar keine Türen, alles wirkt offen.

Mayer hält es für ausgesprochen wichtig, dass die Tafel bei der Kirchengemeinde angesiedelt ist. Es sei zu spüren, dass man „unter dem Kirchturm“ arbeite, es herrsche „eine heilsame Atmosphäre“. Die Gemeinde zieht mit ihrem Konzept viele besondere Menschen an. Javad zum Beispiel ist einer der insgesamt vierzig ehrenamtlichen Helfer. Der Iraner wird in Deutschland nur geduldet und darf nicht arbeiten. Deutsch hat er sich allein beigebracht, jetzt besucht der ausgebildete Anlagenmechaniker eine Berufsschule. Nebenbei unterstützt er eine ukrainische Familie. Javad ist herzlich, nett, zugewandt, seine Kollegen loben ihn sehr. Bei der Tafel gefalle ihm alles, sagt der 34-Jährige: die Kollegen, das Klima untereinander, „dass ich helfen kann“.

Die diakonische Arbeit der Kirchengemeinde fußt auf zwei Säulen: den bedürftigen Menschen Hilfe anbieten – und Langzeitarbeitslosen eine Perspektive vermitteln. Deshalb sind fünfzig Menschen über das Jobcenter in verschiedenen Maßnahmen beschäftigt. Viele schaffen dadurch den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt. Vierzig Plätze sind sogenannte Arbeitsgelegenheiten, die umgangssprachlich als Ein-Euro-Jobs bezeichnet werden. Teilnehmende erhalten eine „Mehraufwandsentschädigung“ von 1,50 Euro pro Stunde, wie Mayer erläutert.

Neue Perspektive für Bedürftige

Eine zweite Maßnahme ist die „Teilhabe am Arbeitsmarkt“ (nach Sozialgesetzbuch II Paragraf 16 i). Diese Beschäftigten bekommen einen Arbeitsvertrag über zwei bis fünf Jahre. Für sie bedeute das eine jahrelange Sicherheit, verdeutlicht Mayer. Die Mitarbeitenden werden in den Tafelläden, im Lager, in der Küche – sie beliefert unter anderem die örtliche Grundschule –, in den Kleiderläden oder als Fahrer eingesetzt. Bei der Tafel arbeiten außerdem sieben Hauptamtliche. Die Tafel Wetzlar betreibt auch das Zentrallager für die 57 hessischen Tafeln, verfügt über ein Kühlhaus und verteilt Großspenden.

Florian Müller war lange arbeitslos, bevor er im April zur Tafel kam. „Die Arbeit gefällt mir auf jeden Fall, ich habe Spaß daran gefunden. Man hilft anderen Leuten.“ In dieser Woche kümmert sich Müller um die Lebensmittelausgabe. „Es ist momentan sehr knapp mit Waren.“ Im April, als er anfing, gab es noch mehr zu verteilen, „jetzt sind die Körbe nicht mehr so voll“. Es kommen mehr bedürftige Menschen, gleichzeitig erhalten die Tafeln immer weniger Lebensmittel von Supermärkten oder Bäckereien, die enger kalkulieren müssen. Parallel zu den Öffnungszeiten der Tafel öffnet im Nachbarschaftszentrum eine Kleiderkammer. Die Kleidung spendet die Bevölkerung, „wir geben sie für einen kleinen Betrag an die Bedürftigen“, erklärt Mayer. In der „Kruschelbude“ bekommen die Kunden gebrauchtes Geschirr, Besteck oder Kinderspielsachen. „Die neuen Flüchtlinge“, berichtet Mitarbeiterin Natalia Eschler und meint die Geflüchteten aus der Ukraine, „haben nichts und brauchen alles.“

Niedergirmes ist ein Arbeiterstadtbezirk. Früher prägte die Schwerindustrie mit Firmen wie Buderus samt ihren Hochöfen den Ort. Wichtiger Arbeitgeber in Wetzlar war und ist die Optikindustrie. In den 1950er- und 1960er-Jahren kamen die sogenannten Gastarbeiter, dann die Spätaussiedler. Heute lebe ein „buntes Sammelsurium an Migrationsfamilien“ im Stadtteil, erzählt der Diakon, die aus Russland, Syrien, der Türkei, Afghanistan, Bulgarien, dem Iran oder Polen stammen. Der Migrationsanteil in Niedergirmes beträgt etwa sechzig Prozent. Mit den Umbrüchen in der Industrie wuchs im Laufe der Jahrzehnte die Armut. Ein Viertel der Bewohnerinnen und Bewohner bezieht Arbeitslosengeld II. Der alte Dorfkern mit der Kirche ist umringt von den typischen Geschosswohnungsbauten der Nachkriegszeit. Wetzlar liegt in Mittelhessen, hat rund 54 000 Einwohner, im Stadtteil Niedergirmes leben etwa 5 700 Menschen. Die Kirchengemeinde zählt 1 500 Gemeindeglieder, sie ist Teil des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill. Der Kirchenkreis gehört zur Evangelischen Kirche im Rheinland und ist damit aus historischen Gründen eine Exklave auf hessischem Gebiet: Im Zuge der europäischen Neuordnung auf dem Wiener Kongress 1815 wurde der Kreis Wetzlar der preußischen Rheinprovinz zugeschlagen, die Synode von Wetzlar gelangte zur rheinischen Kirche. Dort blieb sie, obwohl der Kreis Wetzlar 1932 wieder aus der Rheinprovinz herausgelöst wurde und in die Provinz Hessen-Nassau wechselte.

Im Nachbarschaftszentrum nimmt am Tisch von Mitarbeiter Martin Amend ein Mädchen Platz. Amend betreut die Tafel-Neuaufnahmen. Im Moment sind es täglich durchschnittlich zwei. Die junge Frau spricht nur ukrainisch. „Moment, translate“, sagt Amend, greift zum Handy und ruft die Übersetzungsfunktion auf. Nach kurzem Hin und Her steht fest: „Okay, machen wir einen Antrag.“

Es geht um Würde

Tafel-Kunden müssen eine entsprechende Bescheinigung vorlegen, dass sie nur über ein geringes Einkommen verfügen. Trotzdem sind die Lebensmittel-Körbe nicht kostenlos: Ein Erwachsener zahlt 2,50 Euro, Großfamilien 5,50 Euro, Kinder nichts. „Alles kostet etwas“, betont Mayer, selbst der Kaffee in der Cafeteria vierzig Cent. Zum einen muss die Tafel wirtschaftlich arbeiten, zum anderen sollen sich die Kundinnen und Kunden „entschulden“. Es geht auch um Würde. Die Arbeit wird finanziert über Einnahmen, Spenden, Zuschüsse der Kirche sowie über das Jobcenter für die Arbeitsmaßnahmen. Vor Pandemiebeginn konnten die Kunden kommen, wann sie wollten. Um große Menschengruppen zu vermeiden, musste die Gemeinde in der Pandemie Zeitfenster für die Warenausgabe einrichten, wie Mayer berichtet. „Das hat sich jetzt bei mehr ukrainischen Flüchtlingen als wichtig erwiesen.“ Die Öffnungszeiten sind in enge 14-Minuten-Slots eingeteilt, damit jeder drankommt. Wer den Termin nicht schafft, muss absagen.

Die straffe Organisation ermöglicht es bisher, alle Neukunden aufzunehmen. Einige Tafeln in Deutschland mussten bereits einen Aufnahmestopp verkünden. Auch bei der Wetzlarer Tafel hat sich im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der Bedarfsgemeinschaften, die Lebensmittel abholen, von tausend auf 1 800 fast verdoppelt. Ende des Jahres hat die Tafel 44 000 Körbchen, gefüllt mit Essen, herausgegeben. Und dadurch Armut ein Stückchen gelindert. 

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