Theologischer Skandal

Armutsbetroffene Menschen werden in der Kirche nach wie vor ausgegrenzt
Barent Fabritius (1624–1673): Lazarus und der Reiche, 1661.
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Barent Fabritius (1624–1673): Lazarus und der Reiche, 1661.

Theologische Ethik weiß um die Vorläufigkeit und Ambivalenz menschlichen Handelns. Deshalb sollte sie keinen moralisierend-bevormundenden, klerikalen Absolutheitsanspruch für eine bestimmte Position erheben. Auch nicht beim Thema Armut, wie der Systematische Theologe und Diakoniewissenschaftler Alexander Dietz erläutert.

Momentan lässt sich die Tendenz beobachten, theologische Themen ausschließlich ethisch zu interpretieren. Ein besonders offensichtliches Beispiel dafür ist die Umformung des tröstenden Zuspruchs der göttlichen Bewahrung der Schöpfung in den ethischen Appell menschlichen Klimaschutzes. Auch wenn die Ethik zweifellos einen wesentlichen Bestandteil der christlichen Lehre darstellt, so muss sie doch so in die Kommunikation des Evangeliums eingebettet werden, dass die Kirche nicht zur reinen „Moralagentur“, wie es der Philosoph Hans Joas nennt, verkommt. Es darf nicht der Eindruck entstehen, das Zentrum der christlichen Botschaft bestehe im Appell, gute Werke zu tun, um sich seine Erlösung zu verdienen. Auch bei der theologischen Beschäftigung mit dem Thema Armut scheint es auf den ersten Blick nahezuliegen, direkt eine ethische Perspektive einzunehmen. Doch was hat Armut mit Gott und seinem Verhältnis zu uns zu tun? Und weiter: Was hat Armut mit unserem Handeln zu tun?

Ein mittelloser Wanderprediger

Alle christliche Theologie hat ihren Ausgangspunkt und ihren konstitutiven Bezugspunkt in Gottes Selbstoffenbarung in Jesus Christus. Und Gott offenbarte sich nicht in einem reichen Fürsten, sondern in einem mittellosen Wanderprediger. Jesus wurde nicht in einem Himmelbett geboren, sondern in einer Futterkrippe im Stall. Das hören wir in jedem Jahr in der romantischen Weihnachtspredigt, aber theologisch irritieren lassen wir uns schon lange nicht mehr davon. Gott lässt sich im Armen, im Schwachen, im Leidenden finden. Welche Rolle spielen diese Einsichten der lutherischen Kreuzestheologie für unser Gottesbild heute? Jesus hatte wohl nicht viel mit uns, den typischen zeitzeichen-Lesenden, gemeinsam. Er war einer von denen, an die er sich mit seiner Botschaft wandte: die arme Landbevölkerung Galiläas. Er kannte ihre Situation, er war solidarisch mit ihnen, und er war parteilich für sie. Er lebte das, was auch schon im Alten Testament deutlich zum Ausdruck kommt: Gott liebt die Armen. Gott steht an der Seite der Armen. Gott verheißt, dass er den Armen Recht schaffen wird.

Sein Gottsein entscheidet sich also am Geschick der Armen. Gottes Heilswille muss sich zuerst an denen bewähren, die vom heilvollen Leben am weitesten entfernt sind. Die Theologie der Befreiung hat diese Tradition wiederentdeckt und ernst genommen. Jesu Botschaft knüpfte an das Alte Testament an. Er predigte: „Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen.“ (Lukas 6,20f.) Jesu Hörerinnen und Hörer, die den Hunger kannten, durften hoffen, dass sie bald am himmlischen Festmahl teilnehmen werden. Können wir Jesu Botschaft überhaupt verstehen, ohne die Perspektive der Armen einzunehmen? Können wir den Gott, der sich in Armut offenbart und mit den Armen solidarisiert, „an den Armen vorbei“ erkennen, können wir ihm „an den Armen vorbei“ begegnen? Das Reich Gottes beginnt in der Gemeinschaft mit den Armen.

Auf der anderen Seite stellt Jesus bedauernd fest, dass es für reiche Menschen fast unmöglich ist, in das Reich Gottes zu kommen (und nein: Es gab kein Stadttor in Jerusalem, das „Nadelöhr“ hieß, die Aussage in Markus 10,25 ist so gemeint, wie sie da steht). Nicht weil sie in jedem Fall schlechtere Menschen als Arme wären, sondern weil die Versuchung, auf sein Geld anstatt auf Gott zu vertrauen, einfach zu groß ist. Je mehr man hat, das gilt auch für Tugenden, Fähigkeiten und Leistungen, umso schwerer fällt es uns zu akzeptieren, dass wir alle gleichermaßen mit leeren Händen vor Gott stehen als „total verkorkste Existenzen“, wie der Theologieprofessor Ulrich Bach es nannte, die buchstäblich alles der unverdienten Gnade Gottes verdanken. In diesem Sinne beschreibt der Begriff „Armut vor Gott“ theologisch angemessen die Situation des Menschen und das Verhältnis zwischen Mensch und Gott. Und diejenigen, denen Gott diese Selbsterkenntnis schenkt, werden als geistlich Arme seliggepriesen.

Auf dieser Grundlage kann sich Vertrauen darauf entwickeln, dass Gottes Solidarität mit den Armen auch der eigenen Person gilt. Dann kann das eigene fragmentarische Leben (und das der Mitmenschen), durch die Augen Gottes betrachtet, ein Anlass zur Hoffnung, ein Verweis auf unsere Bestimmung werden. Unsere von Gott gegebene Bestimmung, theologisch formuliert: unsere Gottebenbildlichkeit, und nicht irgendeine Eigenschaft, Fähigkeit oder Leistung, ist der Grund der unbedingten Würde jedes Menschen, die auch mit grundlegenden (Menschen-)Rechten korreliert, die im Blick auf Arme in biblischer Zeit ebenso wie heute regelmäßig verletzt werden.

Faktische Ausgrenzung

Die Armuts-Denkschrift der EKD von 2006 formuliert: „Eine Kirche, die auf das Einfordern von Gerechtigkeit verzichtet, deren Mitglieder keine Barmherzigkeit üben und die sich nicht mehr den Armen öffnet oder ihnen gar Teilhabemöglichkeiten verwehrt, ist – bei allem möglichen äußeren Erfolg und der Anerkennung in der Gesellschaft – nicht die Kirche Jesu Christi.“ Versteht man diese Aussage gesetzlich, also als müsse die Kirche gute Werke tun, um sich ihr Kirchesein zu verdienen, wäre sie unevangelisch. Aber versteht man sie als Feststellung eines Wesensmerkmals kirchlichen und christlichen Lebens, ist sie erfreulich deutlich.

In der Tat ist die faktische Ausgrenzung armutsbetroffener Menschen aus den meisten kirchengemeindlichen Aktivitäten, die in der Denkschrift überraschend ehrlich konstatiert wird, nach wie vor ein theologischer Skandal erster Güte. Wir bleiben lieber in unserem Milieu und pflegen unsere bürgerlichen Vorurteile gegenüber Menschen, die langzeiterwerbslos sind, weniger lesen als wir, nicht wissen, wie man den Genderstern korrekt verwendet, und lieber die Böhsen Onkelz als Paul Gerhardt hören. Mit wem würde Jesus wohl heute essen und Wein trinken, und wem würde er Heuchelei vorwerfen?

Der christliche Glaube lässt uns unsere Mitmenschen nicht mehr durch die Brille der Vorurteile, sondern durch die Augen Gottes sehen, der sich mit den Armen solidarisiert und identifiziert (Matthäus 25,40). Das Vertrauen in die Rechtfertigung allein aus Gnade befreit uns von dem Druck, uns selbst permanent aufwerten zu müssen durch die Abwertung anderer. Gleichwohl sind die Vorurteile gegenüber armutsbetroffenen Menschen in der Kirche nach wie vor lebendig und kommen unter anderem im exkludierenden Gemeindeleben, in kirchlichen Stellungnahmen, die eine Förderung individueller Bildung als Antwort auf strukturelle gesellschaftliche Armutsprobleme vorschlagen, oder im paternalistisch-mildtätigen Charakter vieler gemeindediakonischer Angebote als bürgerlicher Machtdemonstrationen zum Ausdruck.

In neueren gemeinwesendiakonischen Ansätzen wird punktuell ein besserer Weg eingeschlagen. Hier gelingt an ersten Orten eine Öffnung der Gemeinden sowie immerhin ein Beitrag zur Bekämpfung sozialer Armut wie zum Beispiel Einsamkeit und spirituelle Armut (Sinnfindung). Doch der Weg zu einer Kirche bei und mit den Armen ist wohl noch weit.

Reiche in die Pflicht nehmen

Schon Martin Luther betonte, dass die theologische Forderung nach geistlicher Armut vor Gott nicht mit einer religiösen Verklärung materieller Armut verwechselt werden dürfe. Vielmehr müsse aus der Sicht christlicher Sozialethik eine Überwindung solcher Armut gefordert werden. Dass zur Armutsbekämpfung insbesondere reiche Menschen in die Pflicht genommen werden müssen, forderte auch bereits Luther. Angesichts der gegenwärtig immer weiter wachsenden Ungleichheit der Vermögen und Einkommen ist das keineswegs trivial. Dass individuelles Barmherzigkeitshandeln durch politisch-strukturelles Gerechtigkeitshandeln ergänzt werden muss, damit es nicht zum herablassenden Almosen verkommt und damit nachhaltige Armutsbekämpfung gelingt, entsprach allerdings weniger seinem spätmittelalterlichen Denkhorizont. Gleichwohl haben beide Handlungsansätze sowohl in der Bibel als auch in der Kirchengeschichte ihren Platz. Christliche Sozialethik kann sich beim Nachdenken über die Gestaltung gerechter Gesellschaftsstrukturen sowohl an der neutestamentlichen Vision des Reiches Gottes, das umfassende Teilhabe ermöglicht (aber dabei den eschatologischen Vorbehalt nicht vergessen), als auch an der seit langem ökumenisch etablierten befreiungstheologischen Formel von der vorrangigen Option für die Armen und Benachteiligten orientieren.

Damit diese Formel nicht zur „Leerformel“ wird, müssen die theologischen Ethikerinnen und Ethiker sich ernsthaft mit armutspolitischen Fachdiskursen beschäftigen, darauf weist zu Recht der evangelische Theologe Gerhard Wegner in seinem kürzlich erschienenen Buch Substanzielles Christentum hin. Andererseits sollte theologische Ethik sich auch immer eine gewisse Bescheidenheit bewahren, wenn es um Detailfragen geht, zu deren Bewertung ein Fachwissen gehört, das sie von Hause aus nicht mitbringt. Wenn die Expertinnen und Experten sich darüber streiten, welche sozialpolitische Gesetzgebung genau ein menschenwürdiges Leben gerade auch für Arme und Schwache nachhaltig sichert, dann kann theologische Ethik zwar immerhin auf Erfahrungen aus der diakonischen Beratungspraxis zurückgreifen, aber sie kann nicht alles besser wissen wollen oder gar einen moralisierend-bevormundenden, klerikalen Absolutheitsanspruch für eine bestimmte Position erheben. Vielmehr weiß sie um die Vorläufigkeit und Ambivalenz ausnahmslos allen menschlichen Handelns. Das Heil kann ausschließlich von Gott erhofft werden, aber nicht von irgendeinem Gott, sondern von dem Gott, der unverrückbar an der Seite der Armen steht. 

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