Staunen und Tanz

Ein großer Wurf: Die Lebenslehre von Klaas Huizing
Klaas Huizing, geboren 1958, ist Literat und Theologieprofessor mit Lehrstuhl in Würzburg.
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Klaas Huizing, geboren 1958, ist Literat und Theologieprofessor mit Lehrstuhl in Würzburg.

Der Theologe und Schriftsteller Klaas Huizing, ein enger Weggefährte  von zeitzeichen, hat eine Lebenslehre veröffentlicht. Der Lüneburger Regionalbischof Stephan Schaede unterzieht in seinem Beitrag das Opus Magnum des Würzburger Systematikers einer Hommage mit freundlich-leisen Anfragen.

Alt ist es noch nicht, das 21. Jahrhundert. Aber es bildet bereits Konturen. So hat ihm Klaas Huizing eine Theologie bereit gestellt. Die ist deutlich unterschieden von dogmatischen Traktaten des 20. Jahrhunderts. Schon Huizings 2004 mit einem dritten Band abgeschlossene ästhetische Theologie und seine eine klassische Sündenlehre kritisierende ethische Schamoffensive (Scham und Ehre. Eine theologische Ethik, Gütersloh 2016) ließen Originalitätsinteressierte hoffen. Jetzt liegt ein neuer Wurf vor. Groß und ungemein gedanken- und motivreich ist er. Knapp ist er nicht. Immerhin passt er noch in einen allerdings opulenten Band. Eine Pflichtlektüre für alle, die der evangelischen Theologie (wieder) etwas abgewinnen wollen.

Es schreibt einer, der von sich behauptet, „seit dreißig Jahren … glücklicher Lutheraner, aber auch ein ‚Peripherie-Reformierter‘ geblieben“ (221) zu sein. Es schreibt einer der kundigsten systematischen Theologen unserer Zeit, der zugleich Literat ist. Das führt zu einem Lesevergnügen der besonderen Art. Schon die Titelprogrammatik, Theologie als Lebenslehre zu begreifen, weckt Neugier.

Sorgfältig durchkomponiert

Wozu führt solch eine Programmatik? In der Form führt sie dazu, in ein aus Vorlesungen erwachsenes dreigliedriges Lehrgespräch zu verwickeln. Um Missverständnissen vorzubeugen: Klaas Huizing, der Theologieprofessor aus Würzburg, hat nicht in aller Eile Vorlesungsmanuskripte in Buchform gegossen. Vielmehr ist alles sorgfältig durchkomponiert: In numerisch karnevalesken elfeinhalb Essays führt erstens ein „Stimulus“ ein, sodann werden zweitens einschlägige Sachfragen des Topos mit historisch zügigen, stets markanten Durchgängen aufgerufen, die auch deshalb faszinieren, weil sie immer an aktuellen Lebensproblemlagen orientiert sind. Kostbar ist dabei die regelmäßige Befragung exegetischer Einsichten und so das disziplinenübergreifende theologische Fachgespräch, was in versäulten theologischen Lehrbetrieben oftmals fehlt. Huizing schließt jeden Essay drittens ab mit „Antworten auf E-Mails nach der Vorlesung“, die einen Gesprächsgang eröffnen, der zum weiteren Nachdenken nötigt und so zu einer über die Lektüre hinausführenden Reflexion der eigenen Lebensdeutung ermuntert. So soll es sein. Denn Huizings Denk- und Schreibstil will eröffnend, nicht abschließend sein, die Starre innertheologisch verharzter Gefilde aufsprengen.

Auch deshalb folgt den genannten elfeinhalb Essays ein zwölfter Abschnitt, der in fünf Kapiteln die „Levitationskunst“ (zu Deutsch: Schwebekunst) einer Sibylle Lewitscharoff, deren „Privattheologie des Geistes“ und ihre „poetische Heiligkeitspraktik“ theologisch vermisst (522 – 558). Die mit diesem Verfahren verknüpfte systematisch-theologische Grundeinstellung konzentriert sich in der Frage (17): „Ist es nicht an der Zeit, sich von der lauten Konversionsrhetorik zu verabschieden und mit Zwischentönen zu arbeiten?“

Was muss also in den Augen von Klaas Huizing her? Weniger dogmatische Prophetie und pfarrherrliches Priestertum; mehr Werben für „Gradunterschiede“ (17); ein Abschied von einem protestantischen „immer“ und „nie“ (16); Anfragen sind zu stellen an ein „Allein und Ausschließlich (sola) der Gnade“, die den Autor einst in eine „wachsende religiöse […] Appetitlosigkeit“ (18) hineingetrieben haben. Huizing verweigert sich der noch im 20. Jahrhundert gepflegten Rolle des Theologen als „Mundstück Gottes“. Er zieht die behutsam gestimmten Flötentöne einer „Weisheitstheologie“ vor in der Tonlage von „ziemlich gut“ sowie „milde optimistisch und vorausschauend“ (19) und schlägt vor, eine solche Theologie als neues Theologiedesign Systematischer Theologie zu pflegen.

Königsweg Leiblichkeit

Rudolph Otto und vor allem der Philosoph und Leibphänomenologe Hermann Schmitz sind dabei zentrale intellektuelle Sparringspartner. Und es wird im Verlauf der Lektüre immer deutlicher, wie sich weisheitliche und leibphänomenologische Traditionen im programmatischen Titel dieser Theologie als Lebenslehre fokussieren. Denn es kann weisheitlich was gelernt und gelehrt werden. Und es geht um Leiblichkeit als Königszugang zu Lebensfragen.

„Nicht im Bewusstsein“, so die Überzeugung des Autors, „auch nicht im Wort Gottes oder in der Geschichte, sondern primär ausgehend vom Leib wird ein Zugang zur Transzendenz erschlossen“ (22). Theologie rationalisiert lebensdienlich lebenswichtige Kontingenzerfahrungen (27). „Lebendigkeit … bedeutet“, so gesehen, „hinterfragbar zu bleiben“ (567).

So strukturiert dieses Lebenslehrbuch ein „bei Emmanuel Levinas und Corine Pelluchon aufgelesene[s] und neu arrangierte[s] Ordnungsprinzip“ (22) in vier Zügen, nämlich (1) Leben von und in, (2) Leben mit und für, (3) Leben durch und (4) Leben bei. Genauer gesagt: Einer Reflexion von „Leben von und in“ werden als „Passagen des Lebensweges“ Lebensanfang und Lebensgenuss, als „Passage dogmatischer Deutungskategorien“ Gott und als „Hauptgefühl“ Dankbarkeit zugeordnet. Zweitens ordnen sich einer Reflexion von „Leben mit und für“ die Passagen des Lebensweges: Lebensorientierung und spielerische Identifizierung; als Passage dogmatischer Deutungskategorien: Jesus Christus und als Hauptgefühl Liebe zu. Drittens gesellt sich einer Reflexion von „Leben durch“ als Passage des Lebensweges die Lebensmacht und eine kreative Lebendigkeit; als Passage dogmatischer Deutungskategorien der Heilige Geist und als Hauptgefühl Freude zu. Und schließlich viertens wird der Reflexion eines „Leben bei“ als Passage des Lebensweges die Lebensfeier, als Passage dogmatischer Deutungskategorien Ewigkeit und als Hauptgefühl Friede zugeordnet.

Die einen werden nach der Lektüre theologisch ins Schwärmen kommen. Andere werden sich irritiert zeigen. Schon auf der sprachlichen Ebene. Einerseits: Herzerfrischend Huizings Warnung vor „Fahnenwörtern“ (21) in der Theologie. Andererseits: eine immer wieder notengebende Adjektivopulenz, die dem mitreißenden Stil zur Last fällt. Auf der Sach­ebene schließlich wird der weisheitlich bestimmten Suchbewegung eine mächtige Urteilsstärke beigesellt. Das bündeln denkbar prägnant die abschließenden „Results“ (560-568).

Um nur Weniges aufzurufen: Eine „anstehende Theologie der Religionen“, meint Huizing, habe sich „von der Idee, Jesus sei die letztgültige Selbstoffenbarung Gottes“, zu verabschieden. Auch „Versöhnungschristologien und Stellvertretungschristologien“ sagt der Autor „Adieu“ (562). Heil soll auf der Linie einer sehr sanften Soteriologie – weil niemals verloren – bewahrt, nicht erworben werden. Und drei Jahrzehnte theologisches Dasein als glücklicher Lutheraner genügen nicht, damit Huizing der von Luther geteilten Lehre von der creatio ex nihilo etwas abzugewinnen vermag. Hui­zing hält es in einem atmosphärischen Neustart mit Proverbien 8, also mit der vor Gott tanzenden Weisheit als seiner schöpferischen Kreativitätsmuse, die als treibende Kraft und Achse für eine Schöpfungstheologie firmiert.

Weisheitlich auf der Höhe

Auf dieser Linie wird der Gottesdienst zum „egalitären Festspiel, das den Schwerpunkt von der Thanatologie zur Natalität verlagert“. Vehement plädiert Huizing in eschatologischer Perspektive für eine „Unsterblichkeit des Leibes“ mit einer wunderbar kühnen Aussicht, mit der er sich deutlich von anderen neueren sogenannten liberalen Theologien unterscheidet. Diese Aussicht lautet: „In der reinen Atmosphäre der göttlichen Liebe können Opfer den Tätern, die sich ihrer Taten schämen, vergeben“ (562).

Überhaupt: Eine schöpfungstheologisch unterlegte Leibeuphorie durchzieht jede Seite dieser Theologie, eine Euphorie, die „das Baden in den Elementen, die Nahrung als Essen, Arbeiten, Lieben, Schlafen,“ ja das „Feiern“ selbst feiert, jedoch so, dass bei hohem Sinn für die „Großzügigkeit“ der Schöpfung zugleich „für das Leiden der Kreatur“ sensibilisiert wird (225).

Diese Theologie ist auch insofern weisheitlich auf der Höhe des 21. Jahrhunderts, als Technik weder durchgängig kritisiert, noch idealisiert wird. Vielmehr solle sich Technik „als Regel für ihre Arbeit vorgeben lassen, die Lebendigkeit des Lebens zu schonen und zu fördern“ (215). So hat Klaas Huizing eine Theologie vorgelegt, die in einer gottvergessenen Welt das Staunen lehrt und Gedanken und Leib aus theologischen Gründen zum Tanzen bringt. Wer nicht mehr staunt und tanzt, ist theologisch eine lebende Leiche. Wenn das nicht zu denken gibt!

 

Information

Klaas Huizing: Lebenslehre. Eine Theologie für das 21. Jahrhundert, Gütersloher Verlagshaus, 775 Seiten, 2022, Euro 38,–.

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Stephan Schaede

Stephan Schaede, Jahrgang 1963,  promovierte in Systematischer Theologie. Er war von 2010 bis 2020 Direktor der Evangelischen Akademie in Loccum. Zuvor arbeitete er an der FEST in Heidelberg und war Pfarrer in Niedersachsen. Seit 2020 ist er Regionalbischof im Sprengel Lüneburg.


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