Bratwurst als Bekenntnisfall

Die EKD-Synode beriet das Schwerpunktthema „Die evangelische(n) Kirchen auf dem Weg zur Klimaneutralität“
Aimée van Baalen, Magdeburg, 8.11.2022
Foto: epd
Die Klimaaktivistin Aimée van Baalen, 23, sprach am 8.11. 2022 vor dem Plenum der EKD-Synode in Magdeburg.

Vielfältiges bot am Vormittag des 3. Tages der EKD-Synode die Behandlung des Schwerpunktthemas „Klimaschutz und Kirche“. Beeindruckend waren dabei besonders Auftritt und Appell einer Aktivistin der Gruppe „Letzte Generation“.

Krisenvormittag bei der EKD-Synode: „Ich stehe hier, weil ich Angst habe“, so begann Aimée von Baalen, die Sprecherin der Gruppe „Letzte Generation“, ihre Ansprache vor dem Plenum der Synode. Die junge Frau sprach von ihrer Angst vor Klima-Kipppunkten und dem daraus erwachsenden Dominoeffekt und von ihrer Angst „dass wir das Fenster verpassen“, jenes Fenster, das nur noch sehr kurz geöffnet sei, um katastrophale Folgen des Klimawandels noch verhindern zu können. Und ja, man solle „Emotionen zulassen und Fakten anerkennen“, so die 23-Jährige weiter.

Dann gab die Aktivistin einen düsteren Ausblick: „Fast vier Milliarden Menschen leben in Regionen, die bereits in einigen Jahren nicht mehr bewohnbar sein werden. Unzählige von ihnen werden einen Hunger- oder Hitzetod sterben. Allein bis 2030 werden 700 Millionen von ihnen fliehen – heimatlos, nach Schutz suchend. Dürre und Wassermangel werden die Landwirtschaft weltweit in die Knie zwingen. Die Preise steigen – die soziale Ungerechtigkeit auch. Ganze Nationen befinden sich im Notfallmodus. In einer Welt, in der es zu wenig für viele gibt, wird der Ruf nach Zäunen und Ausgrenzung immer lauter. Und immer häufiger kommt es zu Krawallen auf den Straßen, zu Kämpfen, zum Krieg.“ Aber diese Worte, so sagte sie, seien gar nicht von ihr, sondern stammten aus dem Weltklimabericht.

Aimée von Baalen sagte weiter, natürlich sei es ein „richtiger Schritt“ der EKD, dass sie eine eigene Klimarichtlinie verabschieden wolle und sich so bemühe, in ihren Gemeinden und Einrichtungen klimaneutral werden. Entscheidender sei aber, „dass die Politik ihren Kurs ändert“. Es reiche nicht „möglichst viel“ zu tun, sondern das was sein muss“. Nun sei es an der Zeit, Risiken einzugehen, schließlich sei auch Jesus „ein Widerständler“ gewesen.“ Das Erstaunliche: Hier trat eine Unheilsprophetin auf, die vom Habitus her sanft und freundlich daherkam. Kaum zu glauben, dass sie für ihre Aktionen schon im Gefängnis gesessen hat, wie berichtet wurde. Und wie schlimm, dass von Baalen, die ihren Job für ihr aktivistisches Engagement bei der Letzten Generation gekündigt hat, täglich Morddrohungen bekommt.

„Kein rechter beständiger Sonnenschein“

Als Aimée von Baalen am Vormittag vor dem Plenum sprach, hatte die Behandlung des Schwerpunkthemas „Evangelische Kirche(n) auf dem Weg zur Klimaneutralität 2035“ schon Fahrt aufgenommen. Zu Beginn, in ihrer Andacht am Morgen hatte Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt, die EKD-Beauftragte für Schöpfungsfragen, einen anderen Text zitiert und der ging so: „Wie in einem alten Haus, in einem alten Körper die Fenster dunkel werden, wie an einem verlebten Körper das Gesicht abnimmt, also geht es jetzt mit der alten und kalten Welt auch. Sie nimmt zusehends ab. Die Sonne, Mond und andere Sterne leuchten, scheinen und wirken nicht mehr so kräftig als zuvor. Es ist kein rechter beständiger Sonnenschein, kein steter Winter und Sommer. Die Früchte und Gewächs auf Erden werden nicht mehr so reif, sind nicht mehr so gesund als wie sie wohl gewesen.“

Kühnbaum-Schmidt zitierte den Stendaler Pfarrer Daniel Schaller(1550-1630), der Anfang des 17. Jahrhunderts die damaligen Veränderungen seiner Umwelt feststellte, die heute als Folgen der sogenannten Kleinen Eiszeit gelten. Damals wälzte eine Temperaturrückgang um zwei Grad Celsius zwischen 1570 und 1685 die Strömungen der Ozeane um, störte klimatische Kreisläufe und löste weltweit extreme Wetterereignisse aus, die Missernten, Hunger und sozialen Unruhen auslösten. Dieser Klimawandel war allerdings offenkundig nicht menschengemacht, wie der jetzige.

Danach hielt der katholische Theologe Markus Vogt vom Lehrstuhl Christliche Sozialethik der Universität München einen Vortrag mit dem Titel „Wandel als Chance“. Gleich zu Beginn versuchte er seine Positionsbestimmungen zwischen Hoffen und Bangen zu markieren: „Als Christinnen und Christen haben wir ein Evangelium, eine frohe Botschaft öffentlich auszurichten. „Habt keine Angst“ ist eine der häufigsten Ermahnungen Jesu.“

Mit kühlem Kopf Zielkonflikte managen

In diesem Sinne entwickelte Vogt die Sicht eines „aufgeklärten Katastrophismus“, eine Haltung, mit der er sich deutlich von Greta Thunbergs „Ich will, dass ihr in Panik geratet!“ absetzte. Trotzdem forderte der Münchner Theologe „eine moralische Revolution, eine tiefgreifende Veränderung der gesellschaftlichen Leitwerte, eine Verabschiedung der jahrzehntelangen Dominanz des Neoliberalismus, freilich ohne dabei die freiheits- und effizienzfördernden Kräfte des Marktes aus dem Blick zu verlieren.“ Dies aber sei leichter gefordert als getan, denn das setze voraus, „die tieferen Zusammenhänge und Wurzeln der Krise zu begreifen und mit kühlem Kopf Zielkonflikte zu managen.“ Dafür brauche es „den Geist der Unterscheidung zwischen tragfähigen und faulen Kompromissen, um gesellschaftlichen Zusammenhalt trotz unterschiedlichen Positionen und Wertvorstellungen zu ermöglichen. Und vor allem brauche es „den Geist der Unterscheidung zwischen lähmender Panik und berechtigter Zukunftssorge“. Alles in allem ein sehr dichter und materialreicher Vortrag, den es auf jeden Fall nachzulesen lohnt!

Nach dem von Synode mit stehenden Ovationen bedachten Auftritt der Klimaaktivistin Aimée von Baalen folgte ein von zeitzeichen-Redakteur Stephan Kosch moderiertes Gesprächspodium, an dem eine Reihe von kirchlichen Mitarbeitenden teilnahmen, die sich in besonderer Weise um Umweltschutz und Klimagerechtigkeit im Raum der Kirche engagieren. Zum Beispiel mit der pfälzischen Pfarrerin Ute Stoll-Rummel, die bereits vor vielen Jahren mit ihrer Gemeinde klimaneutral wurde, oder mit dem Nürnberg Pfarrer und Aktivisten von Extinction Rebellion, Thomas Zeitler, der deutlich machte, dass die jungen Leute, die sich bei den Klimaprotesten engagierten, für ihn die „sensibelsten, wachsten und liebsten“ Menschen sein, die man sich vorstellen können. Er verwahrte sich dagegen, dass diese Gruppe jetzt über Gebühr kritisiert, ja kriminalisiert würde, hier werde „der falsche Esel“ geschlagen.

Gott nicht ins Handwerk pfuschen?

Mit dabei war auch Heiko Reinhold, der frühere Umweltbeauftragten der sächsischen Landeskirche. Er versucht für einige Monate ganz praktisch als Hausmeister in einer Kirchengemeinde die Umsetzung klimagerechten Gemeindelebens zu bewerkstelligen und merkte augenzwinkernd an: „Versuchen Sie mal bei einem Gemeindefest etwas anderes als Bratwurst anzubieten. Das wird dann schnell zum Bekenntnisfall …“

Die Heiterkeit im Plenum verflog schnell, als Reinhold danach schilderte, dass es in Sachsen viele Gemeinden gäbe, in denen Klimaschutz keine Rolle spiele, beziehungsweise so kommentiert werde: „Wieso, wir warten doch sowieso auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, und wir wollen dem lieben Gott doch nicht ins Handwerk pfuschen.“ Und in einigen Gemeinden sei die Meinung sehr „AfD-dominiert“, dort sei man mehrheitlich der Auffassung, dass es „menschengemachten Klimawandel“ sowieso nicht gäbe und sage: „Hört auf mit diesem Mist, das ist nur etwas für Linke und Grüne.“

Neben den sehr abwechslungsreichen Vorträgen und Podien gab es noch zwei reichhaltige Phasen synodaler Debatte, die – ohne hier in Einzelheiten zu gehen – zeigte, wie sehr den Synodalen die Sache des Klimaschutzes am Herzen lag und wie sehr sie mit sich und untereinander darum ringen, dass man nun endlich vom Reden ins Handeln kommen wolle. Bloß wie? Unter anderem wurde ein Antrag eingebracht, der fordert, dass die Kirchen der EKD im Rahmen einer Selbstverpflichtung mit ihren Fahrzeugen auf Autobahnen nur noch Tempo 100 fahren sollten. Dass dieser Antrag durchkommt, ist zu erwarten. Es wird interessant sein, zu sehen, inwieweit die von Rat und Kirchenkonferenz entworfene Klimarichtlinie der EKD im Laufe der synodalen Beratungen bis zum Ende der Tagung noch verändert wird.

 

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