Es geschieht nicht häufig, dass man leise „endlich“ sagt, wenn ein neues Buch auf dem Schreibtisch landet. Noch seltener ist es, wenn man sich nach der Lektüre ein dickes Ausrufezeichen hinzudenkt. So aber ergeht es einem mit dem Buch, das Thorsten Dietz jetzt über die evangelikale Bewegung – ihre Geschichte und Gegenwart in den USA, in Deutschland und weltweit – veröffentlicht hat. Es schließt eine lange schon schmerzhaft empfundene Lücke. Denn so viel von Evangelikalen in Medien oder kirchlichen Debatten die Rede sein mag, so wenig wussten die meisten über sie. Grelle Bilder von irren Trump-Anhängern, fanatischen Abtreibungsgegnerinnen oder seltsam-ekstatischen Gottesdiensten überstrahlen mangelnde Kenntnisse über und fehlende Begegnungen mit Menschen, die sich selbst als evangelikal bezeichnen würden.

Wohl kein anderer hätte dieses Buch so schreiben können. Thorsten Dietz ist seit vielen Jahren an den Grenzen zwischen Frei- und Landeskirchen, evangelikaler Frömmigkeit und akademischer Theologie unterwegs. Nicht-religiös aufgewachsen, fand er als Student zum christlichen Glauben und zu freikirchlichen Gemeinschaften, deren intensive Jesus-Frömmigkeit ihn anzog. Heute ist er Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg und Privatdozent an der theologischen Fakultät der dortigen Universität. Zugleich betreibt er den beliebten Podcast „Das Wort und das Fleisch“ für das Portal „Worthaus“. Hier hat Dietz wesentliche Gedanken seines Buches schon vor einem breiten Publikum ausprobiert. Er ist also ein Bewohner verschiedener protestantischer Welten, der weiß, wie man komplizierte theologische Sachverhalte auf gutem Niveau und zugleich verständlich vorstellt. Da er seine biografischen Erfahrungen nicht versteckt, sondern fein dosiert einbringt, ist es auch ein persönliches Buch geworden.

Auf fast 500 sehr gut lesbaren Seiten blättert Dietz die lange und verwickelte Geschichte der evangelikalen Bewegung auf. Auch wer einiges davon zu kennen meinte, erfährt viel Neues. Zu Recht betont Dietz die „progressiven“ Züge der Anfangszeit, zum Beispiel den Kampf gegen die Sklaverei oder die Beteiligung von Frauen an der missionarischen Arbeit. Andererseits erklärt er schlüssig, warum es vor allem in den USA zu „konservativen“ Verhärtungen oder gar „rechten“ Radikalisierungen kommen konnte.

Sehr interessant ist zudem, wie Dietz theologische Debatten und Positionen vorstellt, von denen die kirchlich-theologische Leserschaft hierzulande kaum etwas mitbekommen haben dürfte – obwohl diese Bücher, Erklärungen und Konzepte eine viel größere Verbreitung und Wirksamkeit gefunden haben als das, was die deutsche Universitätstheologie zeitgleich hervorgebracht hat. Das mag ein heilsames Bewusstsein für die eigene Provinzialität fördern.

Mehr noch als all die Sachinformationen beeindruckt die argumentative Haltung von Dietz, die er selbst auf die Formel „fair, aber nicht neutral“ gebracht hat. Präzise, ehrlich und abwägend benennt er die Leistungen und Versuchungen des Evangelikalismus, Erfolge und Schuldgeschichten, Krisen und Baustellen. Dazu braucht es nicht nur Kenntnisse und Erfahrungen, sondern auch Unerschrockenheit und Gottvertrauen. Denn über jeden der von ihm ausgeführten Punkte wird erbittert gekämpft, was oft zu Entzweiungen und Verletzungen führt. Davon lässt Dietz sich nicht irre machen, weil er ein Anliegen hat. Er möchte das, was er als das Wesen des Evangelikalen erkennt, neu zur Geltung bringen – gegen arrogante Verächter ebenso wie gegen radikalisierte Anhänger, nämlich eine positive Jesus-Frömmigkeit, die für etwas Kostbares einsteht und deshalb kulturpolitische Kämpfe meidet.

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Foto: EKDKultur/Schoelzel

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.


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