Freispruch für Pastor Olaf Latzel

„Das Urteil des Amtsgerichts Bremen vom 25.11.

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Vom Leiden zum Leiten

Vom Leiden zum Leiten

Warum wir in der Kirche neu durchbuchstabieren müssen, was geistliche Leitung sein kann
Foto: Christian Lademann

Erst ein halbes Jahr im Gemeindepfarramt und schon werde ich fromm. Das stellte ich erstaunt nach einem Zoom-Meeting kürzlich fest. Mit einer Reihe von katholischen und evangelischen Akteuren hatten wir uns darüber verständigt, was die zukünftigen Finanzentwicklungen perspektivisch für den kirchlichen Baubestand bedeuten könnten. Man muss keine Hellseherin sein, um zu vermuten, dass in den Kacheln eher Sorgenfalten als knallende Sektkorken sichtbar wurden. Als die Sitzung sich dem Ende neigte und plötzlich Stille im digitalen Raum war, spürte ich den starken Wunsch in mir, dass jetzt Jemand betet oder zumindest irgendetwas Geistliches sagt oder tut. Keiner tat es. Ich selbst auch nicht. Winken in die Kamera, Meeting verlassen.

Mir ist dieser Impuls, den ich da gespürt habe, nachgegangen. Ich frage mich, was sich darin eigentlich zeigt. Wohl die ganz grundlegende Frage nach dem, was eigentlich geistliches Leiten bedeuten kann im Hinblick auf die umfassenden Transformationsbewegungen, die in den kommenden Jahren vor uns liegen. Kirchliches Leitungshandeln, welches sich dem Paradigma des Wachstums verschreibt, scheint leichter im Sinne einer Vollzugsform des Geistes denkbar zu sein als ein kirchliches Leitungshandeln, welches im Kontext institutioneller Schrumpfungsprozesse geschieht. Dass institutionelles Wachstum aber keineswegs der Normalfall ist und gegenwärtig eine theologische Blickeinstellung auf das Kleiner-Werden notwendig ist, hat Peter Scherle kürzlich in seinem zeitzeichen-Beitrag eindrucksvoll gezeigt.

Ich spüre gegenwärtig, wie ich selbst um ein Verständnis geistlichen Leitens ringe, welches Operationalisierbares genauso wie Nicht-Operationalisierbares integriert und mich sowohl handlungsfähig im Hinblick auf das Aufspüren strategischer Lösungen als auch resilient im Hinblick auf Erfahrungen fehlender Machbarkeiten macht. Ich glaube, dass es zur Beantwortung der Frage nach dem, was gegenwärtig geistliches Leiten in unseren Kirchen bedeuten kann, kollektive Verständigungsprozesse braucht. Irgendwie gehört Leiten ja immer schon zu den eher unliebsamen Aufgaben in der Kirche und auch von der Idee einer geistlichen Qualität des Leitens ist hier und da nicht viel mehr geblieben als die hingehuschte Drei-Minuten-Andacht zu Beginn der Kirchenvorstandssitzung. 

Die Sache Aller

Ich habe keinen Fahrplan dafür, wie eine den komplexen Anforderungen der Gegenwart gewachsene theologische Ausformulierung geistlichen Leitens gelingen kann. Mal wieder Schleiermacher zu lesen, hat meine Gedanken aber zumindest hier und da in Bewegung gebracht. In seiner „Kurzen Darstellung des theologischen Studiums“ beschreibt er Kirchenleitung als Sache aller in der Kirche nicht bloß als Sache von Pfarrpersonen. Transparenz ist in diesem Sinne nicht bloß eine strategische, sondern ebenso eine geistliche Qualität von Leitungshandeln. Für die gegenwärtige Situation bedeutet dies, schonungslos die Karten auf den Tisch zu legen, was die zukünftigen Finanzentwicklungen betrifft  - und auch die damit einhergehenden Reduktion des Gebäudebestandes. Wenn der Kollege Steffen Bauer in Stuttgart an eine Kirche ein Banner hängt mit der Aufschrift „Wie haben eine Kirche! Haben Sie eine Idee?“, dann ist das nicht bloß eine mutige, innovative Idee. Es ist geistliches Leitungshandeln, welches die grundlegenden Fragen zur zukünftigen Gestalt von Kirche nicht allein zur Sache weniger Eingeweihter macht, sondern zur Sache Aller.

Darüber hinaus wird sich ein gegenwartssensibles geistliches Leitungshandeln darin einüben mit einem sich immer wieder neu im Laufe der Zeit in unterschiedlichen Formen aktualisierenden Wesen des Christentums zu rechnen. Schleiermachers Gedanke, dass sich die Entwicklung dessen was Kirche ist, im dauernden Scheiden heterodoxer und orthodoxer Elemente, je und je neu zeigt, kann Leitungshandeln vom Machbarkeitswahn befreien. Nicht wir zementieren mit unseren Leitungsentscheidungen die zukünftige Gestalt von Kirche. Welche Gestalten die zukünftig tragfähigen sind, wird sich erweisen. Diese Einsicht kann den Mut zum Experimentieren beflügeln. Wenn Menschen an ihren kirchlichen Orten die Entscheidung treffen, eine Zeit lang zugunsten neuer Formen auf Gottesdienste sonntagsmorgens im Kirchenraum zu verzichten, werden sie nicht in der Gefahr stehen, gottesdienstliche Kultur nachhaltig zu beschädigen. Denn sollten die neu gefundenen Formen keine tragfähigen Formen dessen sein, wie in der Zukunft das Wesen des Christentums zur Darstellung kommt, werden diese neuen Formen wieder zu einem Ende kommen und Menschen werden neu am Sonntagmorgen mit agendarischen Gottesdiensten beginnen.

Gegenwartssensible geistliche Leitung wird sich in diesem Sinne einschwingen auf die Unverfügbarkeit des Geistes, der nicht aufhört formproduktiv wirksam zu sein, nur weil die Kirche eine bestimmte Mitgliederzahl unterschreitet oder Gebäudebestand reduziert. Gegenwartssensible geistliche Leitung wird mit dieser Vitalität des Geistes ebenso in einer kleineren Kirche rechnen und dabei darauf vertrauen können, dass diese ständige Formproduktivität in der Zukunft zu Gestalten kirchlichen Lebens führen wird, die wir uns aktuell noch nicht auszumalen imstande sind.

Echokammern abbauen

Zuletzt wird ein gegenwartssensibles geistliches Leiten neu lernen mit dem Gedanken der Vorläufigkeit der Kirche umzugehen und diesen Gedanken konsequent ernst zu nehmen. Das bedeutet schonungslos kirchliche Echokammern, die einzig dem Selbsterhalt der gegenwärtigen Gestalt der Institution dienen, als solche zu identifizieren und sie konsequent abzubauen.

Ein Gedanke bewegt mich aktuell im Hinblick auf die Vorläufigkeit der Kirche besonders und ich frage mich, was er eigentlich an Kräften freisetzen kann, wenn wir nicht vor ihm zurückschrecken, sondern uns erlauben ihn in seiner ganzen Radikalität zuzulassen: Die Säkularisierung, die eine wesentliche Grundbedingung der aktuellen Umbildungsprozesse darstellt, ist keine reine Gegenkraft zur Kirche. Säkularisierung war in gewisser Hinsicht immer schon ein genuin protestantisches Projekt, versteht man sie als die Auflösung eines heiligen Kosmos des Mittelalters zugunsten einer funktionalen Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Teilbereiche, innerhalb derer Religion ein Teilbereich neben anderen wie Politik oder Kunst darstellt. Man könnte also letztlich fragen, ob die Schrumpfungsprozesse, in die wir gegenwärtig hineingeraten, gerade nicht der Störfall von Kirchenentwicklung sind, sondern letztlich eine Folge intrinsischer Dynamiken des Protestantismus selbst.

Ich gebe zu, dieser Gedanke ist radikal und er führt letztlich wohl auch in Aporien.  Aber mir hilft es gegenwärtig ihn hin und wieder mal als Gedankenspiel zuzulassen. Denn für mich als kirchlich Aktive ist eine Frage von besonderer Relevanz: Gelingt es, zu einer inneren Haltung zu finden, die es mir ermöglicht, die zukünftige kleinere Gestalt von Kirche nicht bloß zu erleiden, sondern sie zu bejahen?  

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Friederike Erichsen-Wendt

Dr. Friederike Erichsen-Wendt, Pfarrerin, ist Studienleiterin am Evangelischen Studienseminar Hofgeismar. Sie ist Coach, Gottesdienstberaterin, Predigtcoach sowie Trainerin für Liturgische Präsenz und für Design Thinking. Darüber hinaus ist sie als Dozentin im Atelier Sprache e.V. tätig und im Vorstand der Internationalen Konferenz für die Ausbildungsinstitute zum Pfarrberuf.

Am Ende das Chaos

Am Ende das Chaos

Der geordnete Rückzug ist keine leichte Übung

Vergangenen Samstag besuchte ich eine Ordination verschiedener evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer zum geistlichen Amt. Ein Bischof und eine Generalsuperintendentin ordinierten, der Präses einer Landessynode assistierte, dazu Ausbildungspfarrerinnen und Pfarrer – und, wie es sich gehört, zog die ganze Gruppe samt einem Ortspfarrer in die Kirche ein, von hinten nach vor in den Chorraum, wohl geordnet, der Bischof als letzter hinten. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, dass einige in dieser Prozession weiße Albe mit Stola tragen und andere den schwarzen Talar mit und ohne Stola, seit neuestem laufen bei Ordinationen gelegentlich auch Assistenten voraus, die ein großes Prozessionskreuz tragen, weil man es in einer bestimmten Kirche halt so zu tun pflegt: Man kennt diese etwas halbherzigen Versuche, Details der katholischen Liturgie zu übernehmen, denn Kerzentragende fehlten natürlich in dieser Ordinationsprozession, die ich erlebt habe. Kerzenträger würden aber eigentlich dazugehören, wenn es schon ein Prozessionskreuz gibt. Immerhin hatten sich die zu Ordinierenden auf ein einheitliches Erscheinungsbild verständigt.

Wie auch immer. Man hatte sich offenkundig zuvor auch über den feierlichen Einzug verabredet, vielleicht auch geprobt, jedenfalls lief alles wohlgeordnet in den Chorraum der gotischen Kirche. Deutlich chaotischer wurde es allerdings nach dem Ende des Gottesdienstes, denn da war nicht mehr so richtig klar, wo es eigentlich hingehen sollte, wer neben wem und hinter wer gehen sollte – jedenfalls fand sich irgendwann der Bischof mitten im Kirchenschiff und die frisch Ordinierten hinter ihm unter der Orgelempore am Eingang und der Kreuzträger schien irgendwie gänzlich verschwunden. Was macht man als Bischof in einer solchen Situation? Denen, die in den Bänken sitzen, ein schönes Wochenende wünschen?

Gestern besuchte ich die Jahresfeier der Wiener Akademie. Sie fand zum ersten Mal seit dem ersten Corona-Lockdown wieder in Präsenz im festlichen großen Saal des barocken Akademiegebäudes in der Nähe des Stephansdoms statt. Die Präsidentinnen und Präsidenten befreundeter Akademien, die – wie es Brauch ist – zum Festakt angereist waren, sammelten sich in einem Nebenraum des großen Festsaals und tranken zunächst alle noch ein Gläschen, je nach Temperament Wasser, Saft oder Sekt oder von allem etwas. Nach einer Weile erschien der österreichische Bundespräsident, begleitet vom für die Akademie zuständigen Minister und begrüßte alle Anwesenden mit ein paar freundlichen Worten. Dann brachte sich eine Mitarbeiterin der Wiener Akademie mit einer Papptafel in Position und ordnete die Anwesenden in Zweiergruppen hintereinander, gerade so, wie es auf der Papptafel notiert war. Wenn ich das Ordnungsprinzip recht verstanden habe, wurden ältere Menschen an die Spitze und jüngere jeweils hinter den nächstälteren aufgestellt. Die Anwesenden folgten relativ willig der Einweisung, den Abschluss der Prozession bildeten aber auch hier (unabhängig vom Alter) die hierarchisch ranghöchste Gruppe aus Bundespräsident und Wiener Akademiepräsident. Irgendwann dann klingelte jemand mit einer kleinen Glocke, der Zug setzte sich unter Fanfarenklängen in Bewegung und nahm (offenkundig hatte alles funktioniert) am Ende genau die mit Namen markierten Plätze in der ersten Reihe des Festsaales ein. Nur der Auszug war auch hier chaotisch. Was auch immer geschehen war, alles geriet außer Ordnung und Takt, mir fehlte mein Partner vom Einzug, viele stolperten solo aus dem Saal und es gab auch keinen Schlussakt im Vorraum, so wie es jedenfalls vor zwanzig Jahren in der Sakristei der Heidelberger Peterskirche, die als Universitätskirche genutzt wird, ein gemeinsames Gebet zum Schluss gab, damals jedenfalls noch keine Verabschiedung mit Handschlag vor der Kirchentür.

Expertinnen und Experten

Nicht, dass ich missverstanden werde: Der Wert eines Gottesdienstes hängt natürlich überhaupt nicht dran, dass alle korrekt ein- oder ausziehen. Manche Menschen haben Spaß daran, Papptafeln mit Ordnungen zu entwerfen, andern lächeln mindestens insgeheim darüber. Wieder andere sind so verpeilt, dass sie immer falsch laufen und neben den falschen. Und Gleiches gilt natürlich für den Festtag der Wiener Akademie: Der verstolperte Auszug nahm ihm nichts von seiner inhaltlichen wie ästhetischen Qualität oder jedenfalls nur sehr wenig.  Und außerdem mag es gute Gründe dafür geben, dass zu Ordinierende wie alle anderen dabei mitwirkenden Menschen ganz ohne Prozession zu Anfang einfach in der Gemeinde sitzen, weil das deutlicher macht, dass das geistliche Amt nicht der Gemeinde gegenübersteht, sondern sich aus ihr ableitet. Auch eine Akademie braucht eigentlich keine feierlichen Einzüge, in Wien und München hält man das so und zieht feierlich ein, in Berlin und Göttingen nicht. Und für beide Haltungen gibt es gute Gründe. Das Wiener Modell wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt, damals sahen viele gute Gründe, in der Gesellschaft für starke Ordnungsstrukturen zu werben und ihre zeichenhafte Umsetzung einzuklagen.

Wer aber schon einmal bei einer geistlichen oder weltlichen Prozession mitgelaufen ist oder gar eine solche Prozession organisiert hat, sollte natürlich allzu vollmundige Hinweise, wie man es macht, vermeiden. Wir alle haben schon einmal erlebt, dass wir falsch gingen, an eine falsche Stelle treten und uns die eigentlich vorgesehene Begleitung abhandengekommen ist. Ich beispielsweise habe mir bei der Vorbereitung meiner Konfirmation nicht richtig gemerkt, neben welchen beiden Mitkonfirmanden ich zu knien hatte, um Bibelspruch und Segen zu empfangen. Also zwang ich mit panischen Worten („Ihr seid falsch“) meine Nachbarn, die sich nicht anders als durch Nachgeben zu helfen wussten, zu einem Ortswechsel auf die Kniebank und die räumten tatsächlich um des lieben Friedens willens ihre frisch eingenommenen und vollkommen korrekten Positionen. Um die Sache kurz zu machen: Um ein Haar wäre ich auf den Namen eines Freundes, der neben mir kniete, konfirmiert werden. Der Pfarrer sah rechtzeitig aus dem Hefter nach unten und unterbrach die vorgesehene Reihenfolge.

An solche Menschen, die bei Prozessionen Ratschläge riskieren, obwohl sie doch angesichts misslungener Auftritte bei Prozessionen lieber den Mund halten sollten und alles ohnehin nur noch chaotischer machen mit ihren wohlfeilen Ratschlägen, erinnern mich gegenwärtig die, die der Ukraine um des lieben Friedens willen einen geordneten Rückzug empfehlen. Inzwischen hat man nicht nur wie bei großen Fußballereignissen den Eindruck, dass unser Land aus vielen Tausenden Fußballexpertinnen und -experten besteht, sondern auch aus Abertausenden Virologinnen und Virologen und nun seit Ende Februar diesen Jahren auch noch aus Menschen, die sich bestens mit Osteuropa, der russischen Seele (oder jedenfalls einer) und eben Putin auskennen, besser als alle Fachleute. Anstatt dem ukrainischen Volk den geordneten Rückzug zu empfehlen, sollten wir lieber vor der eigenen Haustür kehren und sehen, dass wir erst einmal unsere kleinen geordneten Rückzüge hinbekommen, bevor wir anderen in schwierigsten Situationen wohlfeile Ratschläge geben. Natürlich sind Prozessionen und Auszüge und Kirchen nur Metaphern, aber sie haben den Vorteil, dass wir alle aus eigener Erfahrung sofort wissen, was mit ihnen eigentlich gemeint ist.

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Sigrid Rettenbacher

Dr. Sigrid Rettenbacher ist Assistenzprofessorin am Institut für Moraltheologie an der Katholischen Privat-Universität Linz.

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