zeitzeichen-Salon zur Friedensdenkschrift

Was bedeutet „Gerechter Friede“ in einer Welt in Unordnung? Warum formuliert die neue Denkschrift einen Vorrang des Schutzes vor Gewalt gegenüber anderen Dimensionen des gerechten Friedens?

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Von jüdischen Rächern

Zunächst die erstaunlichste Zahl: Wie viele Menschen sind nach dem Zweiten Weltkrieg wegen ihrer Beteiligung am Holocaust aus Rache von Juden getötet worden?

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Zeitenwende statt Entfeindung

Wes Geistes Kind ist die neue Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland? Nach Lektüre des 146-seitigen Werkes legt sich diese Antwort nahe: Sie atmet den Geist der Zeitenwende.

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Wer groß sein will, der diene

Es ist nicht erstaunlich, dass sich gerade das Christentum besonders schwertut mit Macht.

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Mit Spannungen leben

Mit Spannungen leben

Was von der EKD-Synode in Dresden übrigbleibt

Das wichtigste Thema der 6. Tagung der 13. EKD-Synode war die Vor­stellung der neuen Friedensdenkschrift der EKD, die den sprechenden Titel Welt in Unordnung trägt. Die Präsentation dieser Schrift im Rahmen der Synode war im Vorfeld mit beachtlichem Aufwand an Öffentlichkeitsarbeit vorbereitet worden, Motto: Da kommt was Großes. Eigentlich hatte die Synode mit der Entstehung dieser Schrift unmittelbar gar nichts zu tun, aber sie konnte zwei Stunden vor der offiziellen Vorstellung darüber debattieren.

Während der Debatte war zu merken, dass viele Beteiligte mit ihrer Biografie „struggelten“, wie man neudeutsch sagt: So wurde häufig an die Friedens­demonstrationen im Bonner Hofgarten Anfang der 1980er-Jahre erinnert oder daran, wie überzeugt man doch von Jugend an davon gewesen sei, dass der Dienst ohne Waffe das „deutlichere Zeichen“ für Christen sei. Diese persönlichen Erfahrungen als Illustration dafür, wie schwer es ihnen falle, dem Geist der neuen Friedensdenkschrift zuzustimmen, weil darin dem Schutz vor Gewalt ein Prä eingeräumt wird. In der öffentlichen Wahrnehmung aber dominierte der Eindruck, die EKD habe jetzt zugunsten irgendwie gearteter realpolitischer Überlegungen grundsätzlich Schluss mit dem Pazifismus gemacht, der künftig lediglich als persönliche Haltung und nicht mehr als konkrete politische Konzeption zu entfalten sei. Daran werden sich die pazifistischen kirchlichen Gruppen sicher weiter stoßen. Insofern darf man gespannt sein, wie sich die innerkirchliche Diskussion dieses EKD-Textes, der seit langem das größte öffentliche Echo ausgelöst hat, künftig entwickelt.

Von der Öffentlichkeit hingegen kaum beachtet, fand eine Debatte am letzten Synodentag, kurz vor Schluss, statt:  In einem Antrag, der später mit großer Mehrheit beschlossen wurde, wurde gefordert, dass die 1996 erschienene EKD-Orientierungshilfe Mit Spannungen leben zum Thema Homosexualität nicht mehr verbreitet werden sollte, da sie der „universellen Geltung der Menschenrechte“ widerspreche. Dieser Auffassung kann man mit gutem Recht sein. Schwieriger hingegen ist die Frage zu beantworten, die der Synodale Michael Germann (Halle/Saale) aufbrachte. Er wollte wissen, ob dann auch die damaligen Verfasser der Schrift heute „moralisch“ zu verurteilen seien? Die Schrift Mit Spannungen leben jedenfalls war am selben Tag nicht mehr auf der EKD-Website zu finden. Man darf gespannt sein, was künftig an ihre Stelle tritt, angeblich werde im Kirchenamt der EKD bereits ein umfangreicher Text vorbereitet. Das ist gut, denn nicht zuletzt die Ablehnung der Ehe für alle durch die Württem­bergische Landes­synode vor kurzem zeigt, dass das Thema Homosexualität selbst in der EKD immer noch kein befriedetes Feld ist, von der weltweiten Ökumene ganz zu schweigen.

Hinweis:
Hier können die Synodendebatten im Video nachgeschaut werden. Die Debatte zu „In Spannungen leben“ findet sich ganz oben unter „Plenum Teil 7“, Beginn: 2:41.

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Einzigartige Menschenseele

Es ist mehr als angemessen, wenn die großartige politische Philosophin Hannah Arendt fünfzig Jahre nach ihrem Tod in Deutschland, wie auch in den USA und anderswo, geehrt wird.

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Die stille Offenbarung

Die stille Offenbarung

Liegen – schlafen – nichts spüren: Über die Spiritualität des Schlafes
Foto: privat

Wilhelm Busch, der große Satiriker des menschlichen Alltags, verzichtet in seinen Geschichten nur selten auf ein Bett. Meistens liegt zwischen mächtig aufgetürmten Kissenbergen jemand, von dem man nur noch die Nasenspitze erkennen kann. Aber die wohlige Ruhe will sich nicht immer einstellen. Onkel Fritze wird im Schlaf gestört von den zwickenden Maikäfern, die ihm Max und Moritz in sein Bett gesetzt haben. Bei dem einen fängt die Nachtmütze Feuer, weil er die Kerze auf dem Nachttisch nicht gelöscht hat. Einem anderen wird immer wieder die Bettdecke weggezogen, denn diese ist mit einem Haken an einer Schnur befestigt, die in der Hand eines Störenfriedes endet. Wilhelm Busch kannte das Grundbedürfnis des Menschen: seine Sehnsucht nach Schlaf. Vielleicht hat er gerade deshalb so oft von den Störungen erzählt.

Mich interessieren aber nicht die vielfältigen Störungen und das schlechte Ein- oder Durchschlafen, auch nicht das Schlafwandeln und das Träumen. Ich denke mir: Wenn Gott für unser Leben den Schlaf geschaffen hat, dann wird er uns damit etwas offenbaren wollen. Meine Frau hat mir dazu vor kurzem zu neuen Einsichten verholfen. Kauf doch mal einen Tee, nach dem man noch gut schlafen kann, gab sie mir mit auf den Weg. Ich fand mich also vor dem Teeregal in einem Supermarkt ein. Das Angebot überwältigte mich. Hier nur einige Namen von den Schlaftees: Innere Ruhe, Träum schön, Besser Einschlafen, Ruhiger Abend, Gelassenheit, Entschleunigung, Sternenleuchten. Offensichtlich wünschen wir uns eine Welt, in der jeder Mensch ganz bei sich sein kann. Das war meine Erkenntnis am Teeregal.

Fünf Erfahrungen

Weil wir schlafen können, wissen wir auch, was Heilsein ist. Mir fallen fünf heilsame Erfahrungen des Schlafes ein. Die erste ist das Abstandnehmen von den Sorgen: Du hast heute genug getan, jetzt darfst du dir etwas Ruhe gönnen. Zweitens sind wir im Schlaf auf die Fürsorge anderer angewiesen: Du kannst darauf vertrauen, dass die Dinge auch ohne dich gut weitergehen. Der Schlaf ist drittens ein Zustand der Schutzlosigkeit: Du darfst akzeptieren, dass du keine Macht mehr über dein Tun hast. Das ist lebenserhaltend, weil es deine Kräfte schont. Viertens lehrt die Erfahrung des Schlafes, dass lediglich in einem Zustand der Kraftlosigkeit die Befreiung von allen Nöten und Herausforderungen geschehen kann. Deshalb ist der Ratschlag, eine Nacht über eine Entscheidung zu schlafen, wirklich gut. Und schließlich ist fünftens das Aufwachen eine heilsame Erfahrung. Ein neuer Beginn! Der adventliche Ruf „Wachet auf!“ gehört also auch zum heilsamen Schlaf dazu. Wir wollen nicht einfach wegdämmern, sondern uns den Aufgaben stellen.

Abstand nehmen, Fürsorge erfahren, Schutzlosigkeit akzeptieren, befreiende Kraftlosigkeit, Aufwachen: Das sind auch die Lebenserfahrungen Jesu Christi auf seinem Weg zum Heil für die Menschen. Das Sein bei Gott ist ein Sein in Ruhe und Geborgenheit. Da wir das bereits jetzt in einem guten Schlaf erleben können, ist das ein Hinweis auf die Zuwendung Gottes. Vielleicht hat Gott den Schlaf geschaffen, um uns Menschen jeden Tag darauf aufmerksam zu machen, dass es noch eine andere Wirklichkeit gibt als die, die wir mit unserem Verstand und mit unseren Kräften kontrollieren können.

Offenbarung nach Rückwärts

Das bringt mich noch auf einen weiteren Gedanken. Im Schlaf befinden wir uns in einem Zustand wie vor unserer Geburt. So mancher glaubt an ein Leben „nach dem Tod“ und hofft auf ein paradiesisches Jenseits. Aber es gibt auch ein jenseitiges Davor, ein „vor dem Leben“. Kein Mensch kann sich an die Zeit vor seiner Geburt erinnern, obwohl er doch dabei war. Wir können uns das aber vorstellen wie einen wohligen Schlaf. Vielleicht ist es so: Jeder lebt immer schon bei Gott, und dann tritt der Herr auf ihn zu und sagt: „Ich brauche dich. Komm mit, werde Mensch!“ So beginnt jedes menschliche Sein: Durch das Angesprochen- und Herausgerufenwerden zum lebendigen Dasein, durch das Heranwachsen in einer Mutter, um dann nach und nach auf eigenen Füßen zu stehen und in eine eigene Existenz zu gehen. Das wird uns durch die Wirklichkeit des Schlafes geoffenbart. Das ist eine Offenbarung nach rückwärts, auf unseren Anfang in Ruhe und Geborgenheit.

Dazu gibt es die schöne Legende von den Siebenschläfern. Die sieben Männer können sich vor der Verfolgung retten, indem sie sich verbergen und in einen tiefen Schlaf fallen. Nach ihrer Rettung erklären sie: „Wir lebten, und wie das Kind im Mutterleib keinen Schaden spürt und lebt, so lagen auch wir und lebten und schliefen, und spürten nichts.“

Liegen – schlafen – nichts spüren: Wenn wir schlafen, gehen die Geschäfte der Welt weiter. Das weist uns auf unseren eigenen Tod hin. Dorthin gehen wir. Aber der Schlaf ist zugleich auch der Zustand einer erfüllten Zeit. Das erinnert uns an das Sein bei Gott, an das Leben im Paradies. Von dorther kommen wir.

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