Helge Johr
Helge Johr ist Jurist und seit 2015 Vizepräsident der Evangelisch-reformierten Kirche. Davor war er in der Diakonie in Niedersachsen tätig. Er ist Mitglied in verschiedenen Ausschüssen und Kommissionen der EKD.
Helge Johr ist Jurist und seit 2015 Vizepräsident der Evangelisch-reformierten Kirche. Davor war er in der Diakonie in Niedersachsen tätig. Er ist Mitglied in verschiedenen Ausschüssen und Kommissionen der EKD.
„Wir wollen alle mitnehmen.“ Kaum einen Satz höre ich häufiger in den vielfältigen Kontexten kirchlicher Veränderungsprozesse. Dieses „alle mitnehmen“ bedeutet dann meist Berge von beschrifteten Moderationskarten, die am Ende keine Adressaten haben, endloses Sitzen in Stuhlkreisen bei lauwarmem Kaffee oder lähmende Zoom-Sitzungen, bei denen Beteiligung bedeutet, drei Stichworte in ein padlet zu notieren.
„Wir sind Kirche.“ Dieser Satz steht für Beteiligung, für das Priestertum aller Gläubigen, für synodale Prozesse. Er steht für das berechtigte Misstrauen gegenüber Machtmissbrauch und für die Sehnsucht nach einer anderen, geistlichen Form der Leitung. All dies gehört aus gutem Grund zur DNA der Kirche. Und doch legt sich über viele kirchliche Gremien derzeit ein bleiernes Gefühl: Alle reden mit und niemand entscheidet. Verantwortung verteilt sich – und verflüchtigt sich zugleich. Es gibt einen Beteiligungsfetisch in unserer Kirche, der so viele am laufenden Band beteiligen möchte, dass sich kaum noch jemand daran beteiligen kann.
Reflexartig verdächtigt
Als ich kürzlich in einer dieser Beteiligungsrunden saß, da hat mich der Satz einer Kollegin aufmerken lassen. Beim Blick auf ein Thesenpapier (zu dem wir natürlich gerade drei Stichworte in ein padlet notieren sollten), sagte sie: „Das klingt mir hier alles viel zu sehr nach Hierarchie. Das wollen wir doch in der Kirche gar nicht.“ Dieser Satz hat in mir viel ausgelöst. Doch! Ich will Hierarchie. Ich will sie auf jeden Fall, weil ich Verantwortung klären und adressieren möchte.
Hierarchie wird in der Kirche reflexartig verdächtigt. Zu oft wurde sie autoritär gelebt, zu selten wirklich transparent. Aber die Alternative kann nicht die Absage an Hierarchien sein. Leitung verschwindet nicht, nur weil man sie nicht benennt. Sie verlagert sich ins Informelle, in unausgesprochene Einflusszonen. Es bleibt unklar, wer eigentlich für was zuständig ist und wer für was gerade steht am Ende. Dass eine solche Verflüchtigung von Leitung toxisch ist für die Menschen in einer Organisation, führt uns die Forum-Studie unmissverständlich vor Augen.
Geistliche Chance
Hierarchie klärt Verantwortung. Das ist ihre geistliche Chance. Hierarchie adressiert Entscheidungsbefugnisse und vermeidet, dass Aufgaben unendlich delegierbar sind. Hierarchie ist kein Zeichen einer machförmigen, autoritären Kirche, sie ist Ausdruck einer erwachsenen Organisation. Wo Hierarchien geklärt sind und transparent gelebt werden, da kann Beteiligung organisiert werden, die wirklich zu Entscheidungen führt.
Leitung ist nicht dazu da, Konflikte dauerhaft zu moderieren, sondern sie zu klären – und im Zweifel einen Weg festzulegen. Verantwortung braucht Namen. Und sie braucht Mut. In den komplexen Herausforderungen, in denen wir uns gegenwärtig befinden, ist es eine hohe Anforderung, den Mut zu Entscheidungen zu finden. Deshalb braucht eine Organisation mit geklärter Verantwortung Coaching. Coaching schafft Räume, in denen Leitung reflektiert wird, bevor sie handelt. Im Coaching haben Menschen, die Verantwortung tragen, Gelegenheit eine Probebühne zu betreten, um Sicherheit zu gewinnen für ihre berufliches Handeln. Coaching verhilft dazu, dass Hierarchien nicht erstarren und zum Selbstzweck werden, sondern dass sie den Menschen dienen. Coaching ist dabei mehr als eine Methode. Im Coaching gewinnt die Kirche selbst Gestalt. Wo Räume eröffnet werden, in denen Menschen wachsen, reflektieren und neue Perspektiven gewinnen können, da ist die Kirche bei ihrer eigenen Sache. Eine kirchliche Hierarchie, die sich im Coaching lebendig hält, ist mehr als eine Struktur. Sie bringt selbst das Wesen der Kirche zur Darstellung.
Glaubwürdig und wahrnehmbar
Eine Kirche, die Coaching in ihre Leitungsstrukturen integriert und so verantwortlich und transparent mit Hierarchien umgeht, wird nicht nur als Organisation nach innen gestärkt. Eine solche Kirche wird auch glaubwürdig und wahrnehmbar in der Gesellschaft handeln können. Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch Unverbindlichkeit. Sie wächst dort, wo Menschen spüren: Hier steht jemand ein. Hier wird Verantwortung übernommen, nach Beteiligung, nach Gebet und nach Abwägung.
Kirche darf Beteiligung lieben. Aber sie sollte Hierarchie nicht fürchten. Wo beides produktiv zusammenkommt, da entsteht Raum für Veränderung und wir kommen in Bewegung.
Dr. Katharina Scholl ist Studienleiterin am Evangelischen Studienseminar Hofgeismar. Zuvor war sie Gemeindepfarrerin in Hanau-Großauheim.
Dr. Ludger Pries ist Professor für Sozialwissenschaft an der Universität Bochum.
Dr. Dr. Alexander Brem ist Professor am Institut für Entrepreneurship und Innovationsforschung an der Universität Stuttgart.
Dr. Cornelius Herstatt ist Gastprofessor am Institut für Management und Organisation an der Universität Lüneburg.
Margit Zahn ist Theologin an der Projektstelle "Kasualien" beim Kirchenkreis Hanau.
Dr. Laura Brand ist Juniorprofessorin für Praktische Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Dr. Claudia Gatzka ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Neuere und Neueste Geschichte Westeuropas an der Universität Freiburg/Breisgau.
Die Bundeswehr lässt ihre Cloud von Google bauen. Kirchliche und diakonische Einrichtungen haben sich flächendeckend an Microsoft 365 gebunden. Das sind keine Ausnahmen – das ist der Normalzustand.
Zu den großen Schätzen der biblischen Tradition gehört das Buch Hiob.