Auf der Hinterbühne

Auf der Hinterbühne

Im Club der Sachverständigen für Sterben und Tod
Foto: Christian Lademann

Ich war ziemlich genau darüber informiert, wie der Leichnam der Queen präpariert worden ist, bevor sie elf Tage lang ihre letzte Reise antrat. Die Körperflüssigkeiten wurden höchstwahrscheinlich durch Chemikalien ersetzt und ein ausgeklügeltes Kühlsystem ermöglichte die lange Transport- und Aufbarungszeit. Es ist der etwas untersetzte Friedhofsmitarbeiter mit Glatze, der mir sowas erzählt. Meistens funkeln seine Augen dabei, wenn er mir solche Dinge mitteilt, weil er sich schon seit Kindheitstagen für alles interessiert, was mit Bestattungen zu tun hat. Er ist so eine Art Sachverständiger für Sterben und Tod in allen Kulturen. Außerdem war er früher leidenschaftlicher Standarttänzer und hat alle möglichen Pokale abgeräumt. Wahrscheinlich hat mich angesichts seiner Statur diese Information mehr überrascht, als sein Wissen über die Einbalsamierung von Elizabeth II.

Diese Begegnungen mit ihm und anderen Sachverständige für Sterben und Tod finden an einem besonderen Ort statt. Für mich ist es einer der magischsten Orte meines Berufsalltags: hinter den Kulissen der Trauerhalle. Es ist ein schmaler schmuckloser Gang, den ich jedes Mal entlanggehe, bevor ich meinen Talar überziehe und eine Trauerfeier gestalte. Am Anfang dieses Ganges ein kleiner Toilettenraum für letzte Geschäfte, die noch verrichtet werden müssen. Am Ende zwei kleine Räumchen, eins links für mich und eins rechts, in dem meistens schon die anderen Sachverständigen für Sterben und Tod sitzen: Friedhofsmitarbeiter, Musiker, Bestatter. Man kennt einander. Zwei sitzen, einer steht und die Pfarrerin lehnt meistens in der Tür.  Da werden letzte Absprachen getroffen, wie professionelle Sachverständige das nunmal so tun, da wird erzählt, dass der Sohn gerade Abitur macht, da wird gescherzt und gelacht angesichts des Todes, nicht selten mit schwarzem Humor, da wird manchmal ein Augenblick geschwiegen miteinander. Dann noch eine gemeinsame Zigarette in der Raucherecke bis alle sich auf das vorbereiten, was gleich zu tun ist. Ein erster öffnet die Tür zu Trauerhalle. Die Familie hat schon Platz genommen. Alle gehen dorthin, wo sie gebraucht werden.

Wo Masken fallen

Diese Schwelle zwischen der Trauerhalle und diesem Refugium für Todessachverständige ist eine besondere Schwelle. Fast so etwas wie die rückseitige Region von Sterben und Tod scheinen mir die Räumlichkeiten neben der Trauerhalle zu sein, die nie ein Angehöriger betritt. Der Soziologe Erving Goffman nennt solche Räume Hinterbühnen. Im Gegensatz zur Vorderbühne, wo jedem seine eigene Rolle zugewiesen ist, sind Hinterbühnen solche Orte, an denen ein Moment lang die Masken fallengelassen werden können. Es sind Räume, in denen alle Kraft sammeln für das, was für sie auf der Vorderbühne zu tun ist. Während die Angehörigen in der Trauerhalle mit dem Außeralltäglichsten konfrontiert sind, ist die Hinterbühne ein Ort, an dem der Tod zur Tagesordnung gehört.

Aber irgendwie ist das, mit der Alltäglichkeit und den  professionellen Routinen., auch nur ein Schein. Ich glaube, es gibt so etwas wie ein unausgesprochenes commitment hinter den Kulissen. Das still geteilte Wissen darum, dass wir uns alle gemeinsam immer wieder im Alltag dem Tod aussetzen und dass dieser Tod auch etwas mit uns selbst und unserem eigenen Leben zu tun hat. Ich glaube, es ist dieses stille gemeinsame Wissen, was die eigentümliche Nähe zwischen denjenigen erzeugt, die sich hier treffen kurz vor der Eingangsmusik. Es ist so ein merkwürdiges Gefühl, als würde man einander kennen ohne sich zu kennen. Deshalb werden hier Geschichten miteinander geteilt. Und weil rückseitige Regionen des Todes manchmal Ventile brauchen, gibt es den schwarzen Humor, denn letztendlich gibt es ja doch niemanden, der als Einzelner wirklich sachverständig wäre angesichts des Todes. Und doch sind wir es miteinander, immer wieder.

Ich bin dankbar für meinen Club der Sachverständigen für Sterben und Tod und für die kostbaren Minuten auf der Hinterbühne, bevor es ans Eingemachte geht. Ich bin gespannt. Vielleicht gibt es kommende Woche Breaking-News über die Sepulkralkultur des englischen Königshauses. Ich denke, wenn mein tangotanzender Totengräber etwas Neues herausgefunden hat, wird er es mir erzählen in dem kleinen Räumchen auf der Rückseite von Sterben und Tod.

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Hoffnungszeichen aus Tartu

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Ein Kongress in Estland lehrt viel über Osteuropas Geschichte und Gegenwart

Vorgestern ging der dritte Kongress zu Ende, der sich seit 1998 dem Theologen, Historiker und Wissenschaftsorganisator Adolf Harnack widmete. Er fand im Unterschied zu seinen beiden Vorgängern nicht in Deutschland und auch nicht unter Verantwortung einer deutschen Wissenschaftseinrichtung statt, sondern am Geburtsort Harnacks unter Verantwortung derjenigen Universität, an der der Gelehrte von 1869 bis 1871 studiert hat.

Harnack wurde 1851 in Dorpat geboren und besuchte dort auch zeitweilig das Gymnasium. In der damals von deutschen, estnischen und russischen Bevölkerungsgruppen bewohnten und zum Zarenreich gehörenden Kleinstadt befand sich eine 1802 gegründete kaiserlich russische Universität – die einzige des großen Reichs, an der bis 1886 in deutscher Sprache unterrichtet wurde. Das lag insofern nahe, als in den Jahren, in denen Harnack dort studierte, zwar rund die Hälfte der Einwohnerschaft Dorpats sich der estnischen Bevölkerungsgruppe zugehörig fühlte und nur rund 42 % der deutsch-baltischen, aber auch in estnischen Familien zu Hause gern deutsch gesprochen wurde. Lediglich neun Prozent der Bevölkerung rechneten sich der russischen Bevölkerungsgruppe zu, aber die allermeisten Menschen der drei Gruppen waren natürlich rechtlich Untertanen des Zaren. Die drei Bevölkerungsgruppen lebten in getrennten Stadtteilen, die deutsche in der historischen Altstadt mit gotischer Stadtkirche und barocken Bürgerhäusern, die estnische jenseits des Flusses in kleinen Holzhäuschen und die russische in einer Neustadt. Zu Beginn des Jahrhunderts hatten der Zar und die russischen Behörden die Universität üppig ausgestattet, um die deutschsprachigen Landeskinder im Land zu halten und daran zu hindern, zum Studium an nahe oder ferner gelegene deutsche Universitäten wie Königsberg oder Berlin zu wechseln. Der ganze Domberg mit der Ruine der gotischen Kathedrale war der neuen Bildungseinrichtung übergeben worden, die in die Ruine den eleganten Bau ihrer Universitätsbibliothek setze und in einem großen Universitätspark auf dem Hügel locker die für eine Universität damals charakteristischen Gebäude verteilte: ein anatomisches Theater, ein astronomisches Observatorium, zwei medizinische Kliniken. Natürlich gab es im Park auch Denkmäler für die berühmtesten Professoren. Am Rande der Altstadt stiftete der Zar ein großes und elegantes Universitätsgebäude mit einer prächtigen Aula, einer großen lutherischen Universitätskirche und einem reich bestückten Universitätsmuseum.

 

Hauptgebäude der Universität Tartu, errichtet 1804-1809

Wenn man auf den jungen Studenten Adolf Harnack, seinen Vater, den Theologieprofessor Theodosius von Harnack und die übrigen Professoren der Theologischen Fakultät der Universität in den Jahren 1869/1870 schaut (Harnack war mit ungefähr der Hälfte dieser Professoren eng verwandt), führten diese zaristischen Gunsterweise allerdings nur dazu, dass man sich der Obrigkeit in St. Petersburg und in Reval gegenüber loyal verhielt. Die in der Nachbarschaft stehenden russischen Kirchen hielt man für Gotteshäuser einer versteinerten Religion, die sich seit der Antike praktisch nicht verändert hatte. Und die Konvertiten aus den eigenen Reihen, die von der lutherischen Konfession der deutschen Bevölkerungsgruppe zur Orthodoxie wechselten, verachtete man als Konjunktur-Konvertiten, die es nur auf Stellen am Zarenhof und im höheren Beamtenapparat abgesehen hatten.

Aus dieser Perspektive wundert es wenig, dass seit dem Regierungsantritt von Zar Alexander III. 1881 die Richtung der russischen Politik wechselte, eine aggressive Russifizierungspolitik in den baltischen Territorien dominierte und die Unterrichtssprache in der Universität (außer in der Theologischen Fakultät) ins Russische geändert wurde. Damit wuchs natürlich die Russophobie und der allgemeine Hass auf alles Russische bei der deutschen wie der estnischen Bevölkerungsgruppe und den verbliebenen Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppen an der Universität. Nach dem Zusammenbruch des Zarenreichs 1917 versuchten deutsche Regierung und Militärführung in einem deutsch kontrollierten baltischen Herzogtum unter einem deutschen Herzog die estnische Unabhängigkeitsbewegung unter Kontrolle zu bringen und aus der ursprünglich schwedischen, dann russischen Universität Tartu eine deutsche Landesuniversität zu formen. Dieses unsinnige politische Experiment beförderte aber nur den Willen der estnischen Unabhängigkeitsbewegung, die Geschicke des Landes endlich in die eigene Hand zu nehmen.

Unerträglich aggressives Russland

1919 wurde Estland unabhängig und die Universität zur Nationaluniversität der unabhängigen Republik. Unterrichtssprache der Universität war nun estnisch, nur in einem Fach der Theologischen Fakultät – der Praktischen Theologie – wurde noch in deutscher Sprache unterrichtet, sollten die Pastoren doch auch in der Lage sein, mit den deutschsprachigen Gemeindegliedern zu kommunizieren.

Es lohnt, sich ein wenig über die Geschichte Estlands und die Geschichte der Universität Tartu zu informieren. Man versteht dann nämlich, warum bis heute Menschen in Russland glauben, das 1919 souverän gewordene Land gehöre zum russischen Reich und den Zeiten nachtrauern, in denen es unter Stalin wieder diesem Reich nach dem Hitler-Stalin-Pakt 1940 gewaltsam einverleibt wurde und bis zur erneuten Unabhängigkeit 1990 in der Sowjetunion verblieb. Revanchisten, die alte Grenzen wiederherstellen wollen, gibt es leider überall in Europa. Sie haben glücklicherweise nur in den meisten Ländern keinerlei Einfluss auf die Regierung. Wenn man sich aber außerdem klarmacht, dass viele Mitglieder der deutsch-baltischen Bevölkerungsgruppe sich als „Herrenvolk“ verstanden (auch Harnack verwendet diesen Ausdruck für eine soziologische Beschreibung der Verhältnisse seines Heimatlandes) und die Mitglieder der estnischen Bevölkerung in der Vorstadt in Holzhäusern lebten, versteht man, warum die junge Republik sich 1919 nicht als Staat dreier gleichberechtigter Ethnien konstituierte.

Was kann man lernen, wenn man sich so – beispielsweise bei einem Besuch in der zauberhaften Universitätsstadt Tartu mit ihren Kirchen und Museen – über die Geschichte des Ortes und seiner Universität kundig gemacht hat? Will man Osteuropa mit seinen vielen Konflikten und auch die russische Aggression gegen unabhängige Länder wie Estland oder die Ukraine verstehen, muss man die Geschichte dieser Region kennen. Es wird dann aber auch deutlich, wie unerträglich revanchistisch und aggressiv der russische Staat gegenwärtig auftritt. Die Universität Tartu wurde erstmals 1632 vom schwedischen König Gustav II. Adolf gegründet, als die Stadt gerade schwedisch war und bis heute gibt es zum estnischen Staat gehörende Inseln in der Ostsee, auf denen die Menschen schwedisch als Muttersprache sprechen. Ich habe aber noch nie eine Schwedin oder einen Schweden getroffen, die einen territorialen Anspruch auf estnisches Gebiet erheben oder die Wiederherstellung der schwedischen Universität Tartu fordern. Der Verzicht auf die Korrektur der Grenzen des zwanzigsten Jahrhunderts ist eine Grundvoraussetzung einer europäischen Friedensordnung – und solche Grenzen müssen gegen Aggressoren, die sie zu verändern suchen, von einer europäischen Gemeinschaft der freien Nationen militärisch geschützt werden.

Auf dem Kongress in Tartu Anfang der Woche haben sich Menschen aus Estland und Deutschland vorgenommen, die Geschichte der einstmals deutschen Theologischen Fakultät Dorpat in der nunmehr estnischen Universität Tartu gemeinsam zu erforschen. Die Kolleginnen und Kollegen aus Tartu haben die Archivmaterialien und sie wissen über die Geschichte von Ort wie Universität bestens Bescheid. Die deutschen Kolleginnen und Kollegen kennen die Geschichte der in Tartu ausgebildeten Theologen aufgrund der in Deutschland befindlichen Quellen und aufgrund ihrer deutschen Phasen – Adolf Harnack hat den überwiegenden Teil seines Lebens in Deutschland verbracht und davon den überwiegenden Teil in Berlin. Wenn so auf den Trümmern gescheiterten Zusammenlebens und gelungener Kooperation neue Zusammenarbeit entsteht, dann ist das in Zeiten eines Krieges ein wunderbares Hoffnungszeichen. Ein Kollege, der aus politischen Gründen Russland verlassen musste und nun in Tartu lebt, ist übrigens mit von der Partie.

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