Wahrheit ist immer konkret

Kürzlich erschien auf zeitzeichen.net der Artikel eines theologischen Referenten für Diakonie und Bildung namens Constan

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Frost statt Barmherzigkeit

Frost statt Barmherzigkeit

Der Wahlkampf der Berliner CDU steckt voller Ressentiments
Foto: privat

Am 12. Februar wird in der Bundeshauptstadt wieder einmal gewählt. Zunächst einmal werden in Berlin die im Jahre 2021 fehlerhaft durchgeführten Wahlen zum Abgeordnetenhaus und der Bezirksverordnetenversammlungen wiederholt. Auch die Bundestagswahl muss in einigen Wahlbezirken wiederholt werden, aber zu einem späteren Zeitpunkt. Berlin steckt also binnen kurzer Zeit erneut im Wahlkampf.

Nun gibt es eine Menge, was die Berliner:innen bei dieser Wahlwiederholung bewegt: Zentrale Fragen des urbanen Lebens wie Wohnen und Verkehr stehen auf den Redezetteln der Wahlkämpfer:innen. CDU und AfD haben im Nachgang der vermeintlichen Ausschreitungen zu Silvester außerdem die Themen „Ausländerkriminalität“ und Sicherheit auf die Agenda geschoben.

In dieser Melange machte gestern eine religionspolitische Meldung die Runde, deren Kommentierung durch die wahlkämpfenden Parteien ein Schlaglicht darauf wirft, wie sie sich das Zusammenleben in der multireligiösen Hauptstadt unserer pluralisierten Republik vorstellen.

Wie gestern bekannt wurde, hat das Bundesverfassungsgericht bereits Mitte Januar eine Verfassungsbeschwerde des Landes Berlin "ohne Begründung nicht zur Entscheidung angenommen“, die sich gegen ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts von 2020 richtete, das wiederum beschieden hatte, ein pauschales Kopftuchverbot für muslimische Lehrerinnen sei verfassungswidrig.

Herausforderung für die Religionspolitik

Eigentlich hat sich durch die Nichtannahme der Beschwerde durch das Bundesverfassungsgerichts nichts weiter geändert. Bereits 2015 hatten die Karlsruher Richter:nnen entschieden, dass solche Verbote im Bildungsbereich nur zulässig sind, wenn der Schulfrieden konkret gefährdet ist. Allerdings hatte sich die noch amtierende rot-grün-rote Koalition die seit langem überfällige Überarbeitung des „Neutralitätsgesetzes“, dessen Kern das Verbot offensichtlicher religiöser Kleidung ist, nur für den Fall vorgenommen, dass die seit Februar 2021 eingereichte Verfassungsbeschwerde erfolglos bleiben würde.

Sozialdemokraten, Grüne und Linke sind sich nämlich nicht vollständig einig, was die Reform des Gesetzes angeht. Insbesondere die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) hegt große Sympathien für das Gesetz in seiner bisherigen Form und hatte auf einen Sinneswandel in Karlsruhe gehofft. Grüne und Linke drängen seit längerem auf eine Reform und wollen das Gesetz nicht wie die SPD vor allem „rechtssicher“ machen, sondern substanziell reformieren.

Justizsenatorin Lena Kreck (Linke) will das Neutralitätsgesetz sogar am liebsten ganz loswerden. Dem RBB sagte sie, eine Abschaffung sei „zeitgemäß“, denn: "Wir leben in einer Einwanderungsgesellschaft, und die staatliche Neutralität wird nicht darüber hergestellt, dass einzelne Kleidungsstücke verboten werden." Die Sprecherin für Antidiskriminierung der Grünen, Tuba Bozkurt, erklärte, die Diskriminierung muslimischer Frauen von Staats wegen müsse enden. Der neuerliche Bescheid aus Karlsruhe sei „ein großer Schritt hin zu mehr Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft, eine große Erleichterung in religiösen Communities."

Ausdrücklich gemeint fühlen dürfen sich damit natürlich die Muslime in der Bundeshauptstadt, gegen die die Paragraphen des Neutralitätsgesetzes mit Vorliebe in Anschlag gebracht wurden. Justizsenatorin Kreck sprach zu Recht davon, es gelte, Stigmata und Rassismen zurückzudrängen. Wem an der Emanzipation muslimischer Frauen aus patriarchalen Strukturen liegt, die in nicht geringem Maße religiös begründet werden, der sollte ihnen nicht zugleich neue Kleidungsvorschriften an ihrem selbstgewählten Arbeitsplatz auferlegen.

Staatliche Neutralität gegenüber (nicht-)religiöser Vielfalt

Wie die gebotene Neutralität des Staates gegenüber Religionsgemeinschaften gelebt werden soll, ist gleichwohl Gegenstand langjähriger Diskussionen. Berlin als Stadt mit einer großen muslimischen Minderheit, mit lebendigen jüdischen Communities und einer großen Vielfalt christlicher Konfessionen und Gemeinschaften sowie einer wachsenden Zahl konfessionsloser Bürger:innen ist für die Religionsgesetzgebung des Landes Labor und Ernstfall zugleich. Die einen verstehen die Neutralitätspflicht als Gleichbehandlung religiöser Vielfalt, die sich selbstverständlich auch in der persönlichen Lebensgestaltung (am Arbeitsplatz) ausdrücken darf. Andere verstehen darunter das weitgehende Zurückdrängen jeder Religion aus dem öffentlichen Leben.

In Berlin hat letztere Interpretation eine stolze Tradition, was nicht zuletzt der Streit um den Religionsunterricht vor ein paar Jahren gezeigt hat, in den auch Berliner Christen sich engagiert einbrachten. Sollte die Mitte-Links-Koalition nach der Wahl am 12. Februar fortgesetzt werden, ist nun davon auszugehen, dass das Pendel stärker in Richtung der ersteren Position ausschlägt. Gleichwohl werden die Abstimmungsprozesse innerhalb der Koalition sicher kein „Anything goes“ als Ergebnis zeitigen. Eine „Islamisierung“ der Berliner Schulen und Verwaltungen steht so oder so nicht bevor.

Ganz anders könnte die Reform des immerhin verfassungswidrigen Neutralitätsgesetzes jedoch ausfallen, wenn – wie neueste Umfragen zeigen – die neue Berliner Regierung von der CDU angeführt würde. Zwar folgt die Partei mit dem „C“ im Namen keinem religionsaversiven Ressentiment wie die AfD, aber ihr gelingt es auch im Jahr 2023 nicht, den Spirit staatlicher Neutralität gegenüber der tatsächlichen religiösen Vielfalt in der Bundeshauptstadt durchzuhalten.

So jedenfalls muss man die gestrigen Einlassungen von Cornelia Seibeld wohl verstehen. Seit 2006 vertritt die evangelische Christin das traditionell CDU-dominierte Lichterfelde im Südwesten der Hauptstadt als direkt gewählte Abgeordnete im Abgeordnetenhaus. Seibeld ist dessen Vizepräsidentin und zugleich frauen- und religionspolitische Sprecherin ihrer Fraktion sowie deren Sprecherin für den Kampf gegen Antisemitismus. Seibeld – so viel darf vermutet werden – weiß also, wovon sie spricht, wenn sie sich zu religionspolitischen Themen äußert.

Umso mehr verwundert es, wenn sie erklärt, es könne nicht geduldet werden, „wenn religiöse Symbole wie das islamische Kopftuch in staatlichen Einrichtungen demonstrativ zur Schau gestellt werden“. Zur Begründung führte sie an, dies würde den Frieden und Zusammenhalt in der Gesellschaft gefährden.

Was ist mit Kreuz und Kippa?

Die freie Entscheidung examinierter Fachkräfte zum Tragen eines Kopftuchs gilt Seibeld als demonstratives Zurschaustellen eines religiösen Symbols, das - so darf man ihr wohlwollend unterstellen - die Ungleichwertigkeit von Frauen und Männern verkündet. Das kann man natürlich auch im Berlin des Jahres 2023 so meinen. Verwunderlich ist allerdings der Reflex, mit dem Seibeld auf die Muslime als Ziel der „Neutralitätsgesetzgebung“ zu sprechen kommt.

Oder anders gefragt: Gelten auch die demonstrative Zurschaustellung von Kreuzen oder das Tragen einer Kippa Seibeld und der CDU als Gefährdung für den Frieden und Zusammenhalt in der Gesellschaft? Das ist in einer Stadt, in der es viel zu häufig zu gewalttätigen Übergriffen auf Juden kommt, eine wichtige Frage. Es stellt sich außerdem die Frage, welche öffentliche Sichtbarkeit Christ:innen und Kirchen, die sich in Berlin längst in einer Minderheitensituation wiederfinden, eigentlich von der Christdemokratie noch zugestanden wird.

Wer die Legitimität religiöser Symbole und Praktiken an ihren Wert für den Frieden und Zusammenhalt in der Gesellschaft bindet, bewegt sich auf einem schmalen Grat und – meinem Empfinden nach – jenseits der in Artikel 4 Absatz 2 des Grundgesetzes garantierten Freiheit der Religionsausübung, die dort nicht an irgendeine positive Wirksamkeit für „Frieden und Zusammenhalt“ gebunden wird.

Vor allem aber bewegt sich Cornelia Seibeld damit ganz auf Linie der aktuellen Führung ihrer Partei, der es nicht zu billig ist, am rechten Rand auf Stimmenfang zu gehen. Die CDU der Ära Merz gebärdet sich hier – wenn auch im Ton bieder-bürgerlich – nicht anders als die Republikanische Partei in den USA. Unter Verdacht werden mit Vorliebe jene Menschen gestellt, die eine ressentimentgeladene Wählerschaft bereits als fremd und anders markiert hat.

So ist sich die Berliner CDU auch nicht zu fein, die „Rückführung“ von Flüchtlingen aus der Republik Moldau zu fordern, für die die Berliner Regierung Anfang Dezember 2022 einen Abschiebestopp erklärt hat. Zur Begründung führt die CDU an, die Berliner Flüchtlingsunterkünfte würden „aus allen Nähten platzen“ und für die tatsächlich bedürftigen Flüchtlinge aus der Ukraine sei wegen der Moldawier kein Platz: „Mit den 600 Abschiebungen hätte der Senat etwas Druck aus der angespannten Situation in den Flüchtlingsunterkünften nehmen können“.

Die Flüchtlinge aus Moldawien eigneten sich, so die CDU, gerade deshalb für eine „Rückführung“, weil „deren Asylanträge fast nie positiv beschieden werden“ und sich unter ihnen auch „Schwerstkriminelle“ befänden. Dass der Senat die Winterkälte im ärmsten Land Europas als einen Grund für den Abschiebestopp anführt, weist die Christdemokratie der Hauptstadt mit dem Hinweis zurück, „schlechtes Wetter“ sei auch sonst kein Asylgrund.

Wahlkampf auf dem Rücken von Minderheiten

Mich fröstelt angesichts solcher Statements, die erkennbar nicht von einem Geist der christlichen Barmherzigkeit geprägt sind. Sie nähren den Zweifel daran, dass die CDU in der Lage ist, eine multinationale und -religiöse Metropole wie Berlin gut zu regieren. Denn im Konzert der Religionen und Weltanschauungen kommt es gerade darauf an, sich in Barmherzigkeit zu übertreffen.

Dem Frieden und Zusammenhalt in der Gesellschaft dient die CDU mit einem ressentimentgeladenen Wahlkampf sicher nicht. Sollte sie damit in Berlin Erfolg haben, steht zu befürchten, dass diejenigen Kräfte in der Union weiter Auftrieb erhalten, die auf dem Rücken von Minderheiten den politischen Erfolg erzwingen wollen. In Berlin sind das offenbar Muslime und Flüchtlinge, in Hamburg und anderswo wird verbal gegen „Genderismus“ und LGBTQI aufgerüstet. So aber treibt die Christdemokratie tatsächlich die Spaltung unserer pluralistischen Gesellschaft voran und diskreditiert nebenbei ihre christlichen Wurzeln – zuletzt schaufelt sie sich so ihr eigenes Grab.

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Weitere Beiträge zu "Politik"

„… und das ewige Leben“

Im Raum der christlichen Kirchen erfährt die Frage nach dem Klimawandel zurzeit eine spezifische Zuspitzung.

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Kälte und Schweigen

Es ist kalt an diesem Sonntagabend Ende Januar im Berliner Dom. Der preußische Neobarock oder Pseudo-Klassizismus des riesigen Kirchenrunds wärmen das Herz kaum.

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Der Meister

Der Meister

Punktum
Foto: Rolf Zöllner

Herr M. ist ein Star. Sein polnischer Name ist schwer zu schreiben und noch schwerer auszusprechen. Pan M. ist ein Meister seines Fachs, und das ist die „weiße Ware“, also vor allem Wasch­maschinen und Spülmaschinen. Wem diese in Berlin kaputtgehen, der sollte den berühmten Pan M. anrufen. Berühmt? Doch! Es gab sogar schon einen Radiobeitrag über ihn im Deutschlandfunk – weil er so ein Meister ist.

Wenn eine Waschmaschine komisch ruckelt, ruft man Pan M. an, und dann kann es passieren (so selbst erlebt), dass er sagt: „Halten Sie das Handy vor die laufende Maschine.“ Er hört sich das Ruckeln eine Minute an und urteilt: „Da ist wahrscheinlich der Abfluss verstopft oder … oder ….“ Dann kommt er am nächsten oder gleichen Tag vorbei, nimmt wie im Schlaf mit einem Akkuschrauber die Maschine auseinander, schraubt hier, schraubt da, ruckelt hier, zieht da … Fertig! Es ist ein Wunder!

Apropos Wunder: Bei uns war es kurz vor Heiligabend die Waschmaschine:
Meiner Frau war ein Ohrring im Bad ganz unglücklich beim Anziehversuch in die Waschmittelkammer gefallen und von dort schnurstracks in die Maschine geklimpert. Panischer Anruf bei Pan M.: Ja, sagte er gewohnt cool, er könne kommen. Morgen, am Heiligabend, habe er in der Stadt noch zwei Termine, gegen zehn Uhr, er rufe vorher an.

Meine Frau macht im Bett am Morgen von Heiligabend gegen 8.30 Uhr das Handy an – es blinkt und blinkt, die Wohnungsklingel bimmelt fast zeitgleich. Da steht Pan M. Er hatte schon seinen ersten Termin um sechs Uhr früh, es ging danach schneller als geplant. Nun kniet er sich vor die Waschmaschine, nimmt sie mit seinem Akkuschrauber schnell aus­einander … und findet in Nullkommanix den Ohrring. Wie gesagt: ein Meister!

Kosten? Pan M. sagt, 30,– Euro Anfahrt, und eigentlich habe er ja nichts gemacht. Meine Frau gibt ihm 70,– Euro.  m Vortag hat Pan M. noch seine Mutter aus Polen geholt, damit er mit ihr Weihnachten feiern kann. Engel kommen manchmal im Blaumann. 

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Weitere Beiträge zu "Gesellschaft"

Erleben wie Luther

Ein Hort des Wissens und dessen Vermittlung war das Wittenberger Augusteum schon vor fast fünfhundert Jahren, mit der Universitätsbibliothek, den Studentenstuben, später mit dem evang

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Im Schmerz

Im Schmerz

Perspektiven einer Geschichte

Nach Papa stirbt, Mama auch 2021 hat Maren Wurster ein neues Buch vorgelegt, das sich erneut dem Eltern-Kind-Verhältnis widmet – und dessen Scheitern. Für dieses Buch des Schmerzes und der Einsamkeit wählt sie eine wirkungsvolle Form: Sie erzählt die Geschichte einer Mutter und ihres Sohnes je aus eigener Perspektive – und jedes Mal beginnt die Geschichte von vorn, das heißt: Das Buch ist in der Mitte zu Ende und fängt von der anderen Seite auf den Kopf gestellt neu an. Der Beginn ist von beiden Seiten her möglich und den Lesenden selbst überlassen. Während die Geschichte der Mutter Lena in dritter Person erzählt wird, erzählt Konrad, ihr Sohn, Jahre später seine Geschichte aus der Ich-Perspektive. Dies irritiert ähnlich wie etwa der finale Ort beider Geschichten, in dem die Mutter vorfindet, was der Sohn erst Jahre später gestaltet – aber derartige scheinbare Ungereimtheiten verblassen unter der Kraft und Intention des Ganzen, das Maren Wurster in jeder Perspektive sprachlich und stilistisch wirkungsvoll und damit gleichermaßen einfühlsam wie verstörend zur Sprache bringt: einerseits die Kehrseite der Medaille des Glücks der Mutterschaft, das Blendwerk patriarchaler Bilder und Versprechen und die damit einhergehende Vereinsamung und Stigmatisierung überforderter, allein auf sich gestellter Mütter, andererseits die Einsam- und Haltlosigkeit zurückgelassener Kinder, die alles haben, und denen doch das Wesentliche fehlt.

Ich habe das Buch mit der Mutter-Perspektive begonnen: eine junge Frau, gepeinigt von den Schmerzen einer Mastitis, von Scham und Ekel vor dem eigenen, rebellierenden Körper, lebt versteckt in einem Ferienhaus und versucht verzweifelt, die Stimme ihres Babys aus dem Kopf zu bekommen. Das Baby, das sie beiläufig in ihr Leben gelassen hatte, das Baby mit dem ernsten Blick, das nie schläft und immer Hunger hat – aber keinen Vater, der zwar da ist, aber keine Zeit hat, was er gleich zu Beginn der Schwangerschaft geklärt hat. Dieses Baby hat sie verlassen. Zurückgelassen mit einigen Flaschen abgepumpter Muttermilch beim Vater. Ihr Kopf ist voller Erinnerungen, die diskrepanter kaum sein können: das ganz auf sich selbst, den Erfolg und die Entspannung abgestimmte, cool getimte Leben mit Robert in einer Welt in Hotelzimmern und Lounges auf der einen Seite, die sie ganzkörperlich überkommende Verzweiflung und Entfremdung von ihrer Mutterschaft auf der anderen. Am Ende dieses Teils steht ein Trost, der beide Teile des Buches bindet: ein Kunstwerk: zwei sich an der Spitze berührende Pyramiden, mit der Motorsäge aus einem Stück geschnitten – „aus einer strengen Konstruktion erwuchs etwas Zartes, Organisches. Das zu sehen und zu verstehen, tröstete Lena.“

Diese Doppel-Pyramiden-Skulptur wird am Ende der Geschichte Konrads dessen eigenes künstlerisches Werk sein. Wir lernen ihn als 15-Jährigen in einem Internat kennen, zurückgezogen, mit Hang zu großem Zorn, parallel mit für sein Alter bemerkenswerter Reflexion und Klarheit: „Ich war nicht Roberts Sohn. Nicht Quellspring-Schüler. Nicht Kaspars Freund. Nicht Kind ohne Mutter. Sondern Bildhauer.“ Diese Fährte wird gleich zu Anfang aufklärend gelegt, verbunden mit der Feststellung: „Meine ersten Erinnerungen haben alle mit Una zu tun.“ Una ist das Kindermädchen, das Robert angestellt hat, um seinen Sohn großzuziehen. Sie ist die einzige Person, zu der er ein Urvertrauen entwickelt – aber sie ist nicht seine Mutter. Und sein Vater bleibt als absichernder Versorger konsequent in Distanz.

Maren Wurster wirft einen mutigen Blick auf eine menschliche Beziehungsdynamik, die voller Mangel scheint. Sie wertet nicht, sie beschreibt ungeschminkt: Auf der einen Seite das, was der Mangel mit allen macht, auf der anderen Seite, was daraus entsteht – ein Kunstwerk, gestaltet von einem Systemsprenger. Die Polarität von zerstörerischer Kraft und Mangel und kreativem Prozess und Transformation.

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Keine Wahl

Keine Wahl

Über Rassismus

Wer in demselben literarischen Goldfischglas lebt, muss sich nicht lieben, trifft sich aber natürlich öfter mal. Dany Laferrière interessierte an dem jüngeren US-Kollegen Colson Whitehead, dem Autor von Underground Railroad, dabei vor allem, was der über Harriet Tubman wusste: Sie schleuste Sklaven aus dem Süden in den freien Norden, stets mit Kopfgeldjägern und scharfen Hunden im Nacken – 19 Touren insgesamt, und keinen hat sie dabei verloren und war stolz darauf, wie sie ihrem Freund Frederick Douglass erzählte. Der kam wie sie aus Maryland und war bis zu seiner Flucht Haussklave. Wie wichtig lesen lernen war, verstand der bereits als Kind. Nicht von ungefähr versuchten die weißen Herren, das zu verhindern. Denn wer seine Lage begreift, lehnt sich eher auf. Douglass wurde ein wichtiger Abolitionist und schrieb das Buch Mein Leben als amerikanischer Sklave. Das sind nur zwei der vielen Kapitel in Dany Laferrières Abhandlung, storysatte Kurzessays in diesem Fall und episodenhaft, wobei die Stichwortanbindung für sein Buch typisch ist. So zieht er Linien und markiert Themen, während er die Gattungen wechselt und zeitlich vielfach springt. Die Perspektive reicht vom historischen „Underground Railroad“ bis zu den Trump-Jahren mit dem Polizisten-Mord an George Floyd. Der Befund, dass Sklaverei nominell zwar abgeschafft, die Kette indes bloß unsichtbar geworden sei, grundiert die Kleine Abhandlung über Rassismus, den es weltweit gibt.

Wegen dessen Gewicht hält er sich aber ganz an den gegenüber den 48 Millionen Schwarzen in den USA, die sich schließlich als führende Demokratie verstehen. Doch hier gebe es „Keine Wahl!“, schreibt er: „Wie entsetzt war ich, als ich zum ersten Mal hörte,/Weißer Suprematismus sei einfach der Gegenbegriff/zu Antirassismus./Als hätte man die Wahl, ob man Antirassist oder Suprematist sein will./Die Welt als großer Supermarkt./Warum gibt es nicht noch ein drittes zur Auswahl:/Nazi (Suprematist ist eigentlich ein Synonym),/Antirassist oder Antisemit?/Damit will man uns sagen, jemand daran/hindern zu wollen, Rassist zu sein/sei undemokratisch.“

Schlackefreie und analytisch scharfe Gedankenlyrik, die Details aufspießt und deutet und mehrfach in ganzen Blöcken im Buch daherkommt. Sie stützt sich auf Beobachtungen und Erfahrungen, die er in kreisenden Bewegungen mit großer Wahrnehmungstiefe markant zum Sprechen bringt. Der Blick sucht die Nuancen, Plattitüden bleiben so außen vor. Der konsequent literarische Ansatz erlaubt insofern mehr Freiheit als etwa ein soziologischer oder philosophischer. Der belesene und starke Stilist Laferrière nutzt sie weidlich. Die Lektüre profitiert auch davon, dass er sich von dem beklemmenden Thema die gute Laune nicht nehmen lässt. Im nur scheinbar planlosen Wechsel der Aspekte wirft er so Blicke von innen auf den Rassismus, mitunter und höchst entlarvend auch aus Sicht der Täter, etwa des nicht wegen Vorsatzes verurteilten Floyd-Mörders.

Bitter wird er dennoch nicht, sarkastisch dann schon. Um Betroffenheit geht es ihm nie, um Humanität aber immer, deren Negation, das wird deutlich, das Wesen von Rassismus ausmacht. Seine „Kleine Abhandlung“ ist eine große Bereicherung, wer sich davon bestätigt fühlt, hat bei der Lektüre allerdings wohl was falsch gemacht. Laferrière wurde 1953 in Haiti geboren. Er floh vor dem schwarzen Diktator Papa Doc 1976 nach Kanada, lebt jedoch auch in Frankreich, wo er ein literarischer Star ist. Sein Debütroman Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden/Comment faire l‘amour avec un nègre sans se fatiguer (1985; deutsch 2017) deutet schon im Titel an, dass er mit subversivem Humor gesegnet ist.

Seine „Kleine Abhandlung“ hat Haltung und ist frei von plattem Pamphletismus oder „Kann man auch so sehen“-Larifari. Und nebenher macht sie neugierig auf die Romane von Dany Laferrière, der für sich die Schublade „Postkoloniale Literatur“ strikt ablehnt. Er begegnet hier als ein Unnachgiebiger voller Esprit und hart bewahrter Heiterkeit. Das muss einem bei diesem Thema erst mal gelingen.

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Wunderland

Wunderland

Vom Stummfilm zum Blockbuster

Als Cecil B. DeMille seinem Drehbuchautor Jesse Lasky jr. die Gretchenfrage stellte, bekam er zur Antwort: Er glaube an Gott und an DeMille. Wie kaum ein anderer steht der Name des tiefreligiösen Showmans sowohl für den monumentalen Bibelfilm als auch für dessen kommerziellen Erfolg. Drei der im Kino meistgesehenen Exemplare stammen von DeMille, wie der Theologe Manfred Tiemann in The Bible comes from Hollywood notiert.

Dass die Bibel aus Hollywood kommt, klingt zwar nach einer steilen Aussage, ist aber keineswegs bizarr. Bibelfilme haben die Vorstellungen, die sich viele von den Erzählungen der Heiligen Schrift machen, entscheidend mitgeprägt. Freilich beziehen sich die Produktionen selbst auf ältere Vorbilder. Als Inspiration dienten Gemälde, Passionsspiele und fromme Romane. Ganz genau kam der Bibelfilm 1897 aus Frankreich. Doch schon im selben Jahr zogen die USA nach. Bald sah man staunend zu, wie Jesus auf dem Wasser wandelte oder sich das Rote Meer teilte. Das Kino wurde zum wahren Wunderland.

Längst ist der Bibelfilm ein internationales Phänomen und kommt inzwischen auch aus Bollywood. Filme sorgten für Stürme im Wasserglas („Die letzte Versuchung Christi“, 1988) und verursachten handfeste Skandale („Das Leben des Brian“, 1979). Tiemann, von dem 2002 schon Jesus comes from Hollywood erschien, klopft das Thema von allen Seiten detailliert ab. Das macht er so umfassend, dass sein Buch ein reichhaltiges, auch didaktisch nützliches Dossier zum Nachschlagen darstellt, in dem sogar Dokumentationen und Werbeclips bis hin zum Computerspiel stehen.

Der Autor führt kundig durch die Filmgeschichte, gibt exegetische Hinweise, entdeckt Stereotypen, greift interkulturelle, interreligiöse und feministische Aspekte auf. Er beschreibt die klassischen Verfilmungen wie DeMilles „Die zehn Gebote“ (beide Versionen, von 1923 und 1956), genauso die Werke der Italiener Pier Paolo Pasolini und Franco Zeffirelli, der ideell Hollywood näherstand, aber auch seinen Opern-Background spielen ließ. Die Gigantomanie feierte Triumphe bei Adaptionen der gesamten Bibel, wobei ein früher ehrgeiziger Versuch des Produzenten Dino de Laurentiis am Ende nur die ersten 22 Kapitel der Genesis hervorbrachte („Die Bibel“, 1965).

Ausführlich kommen auch Filme vor, die biblische Texte und Motive apokryph oder transfigurativ in ihre Handlung einlagern. Reizvoll ist das bei der wundersamen Wandlung durch Süßigkeiten in „Chocolat“ (2000) zu beobachten, prekärer beim Synkretismus im Science-Fiction-Kracher „Matrix“ (1999). Das Buch spricht politische Fragen an, zumal US-Bibelfilme im Kalten Krieg dem atheistischen Gegner unter der Hand eine klare Ansage machten. Deutlich wird durchweg, dass jede Umsetzung eine Interpretation ist, auch der Irrglaube an eine ungebrochene historische Zuverlässigkeit der Bibel in evangelikalen Missionierungsspektakeln.

Auch eine so fleißig erschlossene Materialfülle kann nicht vollständig sein und spart etwa Helmut Käutners Nachkriegskabarett „Der Apfel ist ab“ (1946), Harald Reinls Bestseller-Verfilmung „ … und die Bibel hat doch recht“ (1977), Enzo Dorias biblische Evolutionsfantasie „Adamo ed Eva, la prima storia d’amore“ (1986) oder Krzysztof Kieslowskis Filmreihe „Dekalog“ (1988/89) aus.

Beim Korrekturlesen hat man leider zu viele (Tipp-)Fehler übersehen – beispielsweise auf Seite 215, wo es abwechselnd richtig „Rossellini“ und falsch „Rosselini“ heißt, oder auf Seite 207, wenn beim Film „Barabbas“ der Produzent als Regisseur und der Regisseur als Drehbuchautor erscheint. Störend sind auch einige teils wörtliche Wiederholungen im Text.

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Atemlos

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Suche nach entschleunigter Zeit

Wir leben in immer schnelleren Zeiten. Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa hat diese Alltagserfahrung bereits 2005 in einen soziologischen Entwurf zur „Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne“ gegossen. Spricht Rosa darin noch von mehreren Motoren gesellschaftlicher Beschleunigung, verfolgt der renommierte Theologe, Ökonom und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach SJ, langjähriger Leiter des Oswald von Nell-Breuning-In­stituts an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen sowie zeitgleich Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac, eine monokausale These: Es sind die Akteure des Finanzsystems, die um die Jahrtausendwende herum eine „Kaskade der Beschleunigung“ in Gang gesetzt hätten.

Das erste Kapitel dient der Plausibilisierung wie auch Differenzierung der „atemlos“ machenden Beschleunigungserfahrung. Seine These baut der Autor im zweiten Kapitel detailreich aus: Seit den 1990er-Jahren hätten die großen Finanzakteure im Schulterschluss mit den neuen digitalen Möglichkeiten zunächst die Kontrolle über börsennotierte Unternehmen gewonnen und dann – insbesondere in der Bankenkrise – die Politik „als Geisel genommen“. Hernach seien die Eckpfeiler der sozialen Marktwirtschaft mehr und mehr eingerissen worden, bis das Regime der Beschleunigung über flexibilisierte Arbeit und Konsumsog die Beschäftigten und Privathaushalte erreicht habe – insbesondere die Frauen.

Von Augustin bis Armin Nassehi arbeitet Hengsbach im dritten Kapitel einen instruktiven Zeitbegriff heraus, der Zeit als sozial konstruierten Angleichungsprozess unterschiedlicher Handlungssequenzen versteht. Die Frage ist dann, wer der Gesellschaft den Takt vorgibt, also die Macht über die Zeit hat. Das vierte Kapitel wendet sich den gleichermaßen „verschlissenen“ Begriffen der Gerechtigkeit und Solidarität zu. Es liest sich als Plädoyer gegen die Verdrängung von Verteilungs- und Gleichheitsfragen aus der Gerechtigkeitsdebatte und dafür, Solidarität als „Steuerungsform“ der Gesellschaft zu verstehen, um gemäß dem obigen Zeitbegriff die Handlungssequenzen ihrer Akteure anzugleichen.

All das liest sich für sich anregend, steht aber noch recht unvermittelt nebeneinander. So sollen die „Bausteine“ im letzten Teil zu einem Reformprogramm zusammengesetzt werden. Der Autor macht eine ganze Reihe konkreter Vorschläge. Sie beginnen bei individueller Entschleunigung und führen über die Reform von Finanzmärkten, Unternehmensstrukturen und des Sozialstaats, über einen Paradigmenwechsel in der Klimapolitik und neue Arbeitskonzepte zur Vision eines insgesamt gelungenen Lebens. Leider dominiert dabei noch zu häufig die Problembeschreibung. Die Vision bleibt als Ganze blass. Auch der Ansatz des Buches bei der Zeit- und Beschleunigungserfahrung gerät zu sehr in den Hintergrund – bevor er in einem starken Schlussakzent für ein Neudenken von Erwerbs- und Sorgearbeit wieder hervortritt.

Dass das Buch in erster Auflage bereits 2012 erschienen ist und nun zur Neuauflage aktualisiert wurde, kann es nicht leugnen: Die Bezugsdiskurse und -probleme der ursprünglichen und hinzugekommenen Passagen sind erkennbar unterschiedlich. Die fundierte und weitgreifende Expertise des Autors bei der Beschreibung der sozialen, ökonomischen und politischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte macht die Lektüre insgesamt aber zu einem großen Genuss. Wer auf der Suche nach wirtschafts- und sozialpolitischen Neuansätzen ist, ist hier richtig. Dass es dabei vor allem um Zeit gehen soll, genauer gesagt um den Widerstand gegen ein Regime der Beschleunigung, muss der Lesende sich allerdings von Zeit zu Zeit selbst in Erinnerung rufen.

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Foto: Michael Greder

Hendrik Meyer-Magister

Dr. Hendrik Meyer-Magister  ist Studienleiter für Gesundheit, Künstliche Intelligenz und Spiritual Care an der Evangelischen Akademie Tutzing.


 

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