zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Einladung zur Erfahrung

Religiöse Räume in nichtkirchlichen Einrichtungen befremden die Kirchen

Andreas Mertin

Wenn in säkularen Kontexten, etwa in Krankenhäusern, religiöse Räume entstehen, reagieren Kirchenvertreter oft mit Abwehr. Dabei entwickeln sich gerade dort neue Formen religiöser Raumbildung, die nicht nur architektonisch, sondern auch theologisch interessant sind, findet der Ausstellungskurator und Theologe Andreas Mertin.

Konzentrierte Wahrnehmung: Der Innenraum der Krankenhauskapelle des Klinikums Minden. (Foto: Peter Hübbe, Minden)
Konzentrierte Wahrnehmung: Der Innenraum der Krankenhauskapelle des Klinikums Minden. (Foto: Peter Hübbe, Minden)

Der Theologe Hans-Eckehard Bahr unterschied vor Jahren im Gespräch mit seiner Kollegin Dorothee Sölle und dem Philosophen Jürgen Habermas zwei ­einander ergänzende Ausformungen von Religion, wobei eine "Ausdruck menschlicher Suche nach verloren gegangener Geborgenheit und Beheimatung" war und die andere als Impuls zur "Welterneuerung" im Sinne der neuen Wahrnehmung der Welt verstanden wurde. Heute wird vor allem die erste Form von Religion als Sinnstabilisierung und Ordnungsstiftung stark gemacht, während die neue Erfahrungen generierende Form zurücktritt. Das gilt auch für die Architektur.

Wer die neuesten Veröffentlichungen zur Architektur religiöser Räume studiert, stößt in aller Regel auf Wegekirchen, und das heißt auf theatralische Inszenierungen mit dem Pfarrer als zentralem Akteur. Rauminszenatorisch werden die Menschen mit dem Evangelium konfrontiert, sie machen weniger Erfahrungen, als dass ihnen der Weg gewiesen wird. Es gibt kaum Bauten, die die reformatorisch gewünschte, religiöse Partizipation (im Sinne des allgemeinen Priestertums) wirklich raumbildend umsetzen. 

Vielleicht ist es deshalb gar nicht zufällig, dass neue Formen religiöser Raumbildung eher an den Rändern und in säkularen Zusammenhängen stattfinden. Auffällig ist, dass es vor allem Konzepte sind, die von oder in Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern entwickelt wurden. Dabei meine ich nicht die Stadionkapellen, nicht die Räume der Stille und des Abschieds, die überall eingerichtet werden. Stadionkapellen wie die in Berlin, Frankfurt und auf Schalke dienen eher folkloristischen Zwecken, sie haben keine wirkliche religiöse Aufgabe. Und Abschiedsräume dienen erkennbar der (nicht einmal religiösen) Sinnvergewisserung und sind oft bloß Emotionaldesign. Sie haben ihre Funktion angesichts einer Gesellschaft, die selbst dem Tod gestalterisch begegnen will. Völlig anders sind jene Räume, die sich inmitten der Bürgergemeinde in architektonischer Gestaltung partizipatorisch und in künstlerischer Konzeption erfahrungsorientiert und einladend zeigen.

Abkehr vom pastoralen Theater

Interessanterweise stammen damit verwandte theologische Gedanken aus der liturgischen Aufbruchsbewegung des Katholizismus und sind mit dem Stichwort "Communio" verknüpft. Diese hatte sich die Öffnung zur Gemeinde und die Abkehr von der pastoralen Theaterinszenierung zum Programm gemacht. Während der Gottesdienst als theatralische Inszenierung im Protestantismus immer noch als etwas Besonderes gilt, erscheint er vom Communio-Gedanken her als rückwärts gewandt. Hier geht es um die Entwicklung von Raumformen, die den Gläubigen in das gottesdienstliche Geschehen einbeziehen und dem Besucher eigenständige Erfahrungen ermöglichen.

Eigentlich ist es überraschend, dass der Protestantismus diese Ideen nicht aufgegriffen und im Kirchenbau genutzt hat, geht es ihm doch um die tätige Teilnahme der Laien. Dieser Begriff, Anfang des 20. Jahrhunderts von Papst Pius X. geprägt, ist für die Communio besonders wichtig, wie Rudolf Stegers unter Bezug auf die entsprechenden liturgischen Entwürfe schreibt: "Dem polaren Charakter von Mahlfeier und Wortfeier ... entspreche am ehesten eine elliptische Architektur. Wenn man deren Mittelpunkt als Ort der Erwartung des Göttlichen frei lasse, den Altar in jenen, den Ambo in diesen ihrer beiden Brennpunkte stelle und die Gemeinde in sanftem Bogen an den beiden langen Seiten der Ellipse sich versammeln lasse, dann mache diese Ordnung von Mensch und Raum die Substanz der Messe besser deutlich als die übliche Gestaltung. Zwischen dem Priester und den Laien weiche die Konfrontation der Integration. Die Teilnehmer am Gottesdienst könnten einer dem anderen ins Gesicht sehen; sie könnten mit Stühlen gar vom Tisch zum Pult, zum Tisch wandern ... Mit dem Konzept Communio (kehre man) im Grunde zu den Chorhäusern des Mittelalters zurück. Damals hätten Altar und Ambo hinter dem Lettner an den Enden des Ganges zwischen dem Gestühl linker wie rechter Hand ihren Platz gehabt. Was früher zum Privileg der Kleriker gehört habe, werde mit dem Modell Communio allen gewährt." (Entwurfsatlas Sakralbau, Basel 2008)

Nun gibt es durchaus aktuelle Beispiele für Raumkonzeptionen, die genau dies leisten: Menschen eigenständig religiöse Erfahrungen zu ermöglichen, sie zum Erfahren und Verstehen der räumlichen Dynamik einzuladen und ihnen Religion nicht als kognitives Konzept, sondern als erfahrungsorientierte Bewegung in einladender Teilhabe vorzustellen. Ich denke an die Kapelle von Mark Rothko in Houston, die in oktogona-
ler Raumgestalt Menschen aller Religionen anspricht und zu Meditation und Kommunikation einlädt. Zu denken wä­re aber auch an Günter Ueckers Kapelle im Reichstag, die religionsübergreifend konzipiert ist. Die vielleicht radikalste Form einer neuen Raumfindung ist die "Kapelle des Nichts" des Künstlers Thierry de Cordier im belgischen Duffel.

Durch die Sinne zur eigenen Reflexion

Für diese Art von Räumen gilt, dass der Besucher nicht auf eine von ihm wahrzunehmende Übereinstimmung verpflichtet wird, sondern auf sinnliche Impulse für die eigene Reflexion stößt. Zu diesem Typus von Kapellen gehört auch die folgende, die ich als exemplarisch für eine neue Generation religiöser Räume (in) der säkularen Gesellschaft ansehe:

Wer das neu erbaute Johannes-Wesling-Klinikum im ostwestfälischen Minden betritt, sieht durch das Glas gegenüber dem Haupteingang einen komplexen Holzaufbau durchschimmern. Das Wahrgenommene setzt sich in Material und Gestaltung bewusst von der Umgebung der Klinik ab. Dieses Holzobjekt fügt sich nicht in klassische Vorstellungen von Kunst am Bau, es ist geradezu solitär.

Der Wunsch der evangelischen Krankenhausseelsorge nach einem eigenen religiösen Raum innerhalb des kommunalen Krankenhauses wurde als Vorgabe für den Architekten-Wettbewerb aufgenommen. Im ausgewählten Entwurf für das Klinikum wurde der Kapelle dann ein prominenter Ort in der Gesamtkonzeption zugewiesen. Das ist für ein kommunales Krankenhaus eher ungewöhnlich.

Ebenfalls anders als in den gewohnten Fällen war auch, dass man eine anspruchsvolle künstlerische Lösung für die Kapelle wollte, also über die von den Architekten geplante hervorgehobene Stellung des Raumes hinaus auch eine besondere künstlerische Form favorisierte. Eine künstlerische Lösung zu suchen heißt, der Gegenwartskunst besondere Leistungen zuzutrauen, darauf zu setzen, dass sie in der funktionalisierten Moderne mehr ist als nur Unterhaltung, Verschönerung oder Abwechslung im Alltag. Auf Kunst sich einzulassen, heißt generell, auf Erfahrung zu setzen und auch Irritierendes, ja Verstörendes zuzulassen.

Künstlerischer Berater für das Projekt wurde Jan Hoet, in Deutschland nicht zuletzt als künstlerischer Leiter der Documenta IX 1992 in Kassel bekannt. Von 2003 bis 2008 leitete er das marta Herford, ein Museum für zeitgenössische Kunst und Design. Er schlug für die Konzeption der Kapelle die deutsche Bildhauerin Susanne Tunn vor. Tunn, 1958 in Detmold geboren, arbeitet in Alfhausen bei Osnabrück. Seit 1992 ist sie als Professorin an der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg tätig. Ihr Hauptarbeitsmaterial ist Stein aus Steinbrüchen, ferner gibt es Videoarbeiten, Fotografie und Textilarbeiten.

        Gegenwartskunst ist mehr als nur Unterhaltung,
                      Verschönerung oder Abwechslung im Alltag.

Betritt man heute die Kapelle von Susanne Tunn, wird man von der Materialität und Durchformung fasziniert sein. Man wird auf Menschen stoßen, die diesen Raum aufgesucht haben, um im Alltag der Klinik innezuhalten. Und man wird diese Menschen dabei beobachten, wie sie sich auf die seitliche Umrandung des Objektes setzen, wie ihre Finger über das Holz gleiten, alte Nägel umfahren und Strukturen nachspüren. Man wird sehen, wie die Leute aufstehen, zum Altarstein gehen und dort der herausgearbeiteten Materialität des Steines folgen. Wo findet man das schon, dass Leute sich Zeit nehmen, der Stofflichkeit eines Altares nachzuspüren? In die Kapelle des Mindener Klinikums gehen Tag für Tag zwischen 50 und 100 Menschen (also bis zu 30.000 Menschen im Jahr) - und das nicht, weil sie explizit eingeladen wurden, sondern weil die Kapelle diese Einladung selbst ausspricht. 

Der Raum ist nicht nur eine Einladung zu konzentrierter Wahrnehmung und zur konkreten haptischen Erfahrung der Welt anhand eines künstlerisch bearbeiteten Objekts, er ist zugleich eine Einladung zur Religion, wenn dies die neue Perspektiven eröffnende Deutung der Welt meint. Denn der Raum ermöglicht zugleich Lesarten, wie sie der örtliche Krankenhausseelsorger im Katalog zur Kapelle vorstellt: "Die Arbeit von Susanne Tunn eröffnet am Material und seiner Anordnung eine geistige Möglichkeit, das Leben zu verstehen. Es ist eine Weise, sich etwas geben zu lassen, eine Weise, einverstanden zu sein, eine Weise, in der Schöpfung zu leben."

Nun haben kirchliche Institutionen offenbar Schwierigkeiten mit dieser freien Form der einladenden Raumkonstruktion. Die örtlichen Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche versuchten jedenfall massiv in die künstlerische Raumkonzeption einzugreifen und verlangten nicht nur, dass völlig überflüssige Designerstühle in den Raum eingebracht wurden (obwohl ausreichend Sitzgelegenheiten für über 35 Personen vorhanden waren), sondern setzten auch durch, dass dieser Kapellenraum eines kommunalen Klinikums mit einem Christuskorpus ausgestattet wurde. Nach ihrer Ansicht könnte der Raum nur durch den Korpus als christlicher Raum wahrgenommen werden.

"Eher mittelalterliche Dingmagie" 

Konsequenz dieser eher mittelalterlichen Dingmagie ist es, dass Juden, Muslime und evangelisch-reformierte Gläubige von der Nutzung des Raumes ausgeschlossen werden, weil für sie der Christuskorpus ein skulpturaler Verehrungsgegenstand ist, der durch das biblische Bilderverbot untersagt ist. Ein einfaches Kreuz, wie es die Künstlerin vorgeschlagen hatte, hätte diese Ausgrenzung nicht vollzogen. So wurde eine Chance vertan.

Die weitergehende Bedeutung der Kapelle von Susanne Tunn besteht darin, dass sie in der künstlerischen Durchformung ein Maßstab für künftige Projekte ist. An diesem Beispiel zeigt sich, wie sinnvoll es ist, religiöse Räume in der Zusammenarbeit mit Künstlern zu entwerfen und dies nicht nur Architekten zu überlassen. Was wir brauchen, ist gerade das Künstlerische der Arbeit, eben weil es kein Design ist und keiner Funktionalisierung unterliegt. Die Resonanz auf die Einladung zu intensiven Erfahrungen, die die Arbeit Susanne Tunns ausspricht, zeigt, dass den Menschen das Konzept einleuchtet, weil sie mit sinnlicher Evidenz und nicht mit rhetorischer Vereinnahmung arbeitet.

LITERATUR:

Susanne Tunn: Kapelle (Chapel). 2004-2008, mit zahlreichen Farbfotos. Artbook-Verlag, Kirchberg (Österreich) 2008, 56 Seiten, Euro 14,-.

Erschienen in zeitzeichen 01/2009.

 

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