Wider die dogmatische Wahrheitsemphase

Ulrich Körtner positioniert sich nicht zum ersten Mal, wie gestern auf zeitzeichen.net geschehen,

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Die letzte Generation?

Ein Bild mit Symbolkraft: zwei Vertreterinnen einer letzten Generation.

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Gefährlicher Präzedenzfall

Es begab sich zu der Zeit des Vietnamkriegs, dass eine Gruppe der Evangelischen Studentengem

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Von Rammstein bis Jesaja

Von Rammstein bis Jesaja

Wieder ein Weihnachten in Krisenzeiten. Aber es gibt auch Gutes zu entdecken.
Foto: privat

Bei den letzten Gängen des Jahres begleitet mich derzeit das neue Rammstein-Album. „Adieu, Goodbye, auf Wiedersehen“ singt die Band da in einem Musikfilm mit Kirchengesang, Knallerei, Bombast und Schrecken. Film und Lied evozieren Nachdenklichkeiten über digitalisierte Kriegsführung, Trauerarbeit und Kryonik, also das Einfrieren von Menschen zum Zwecke der Wiederbelebung in ferner Zukunft.

Nur der Tod währt alle Zeit, er flüstert unterm Tannenzweig“, ist auch eine krasse Zeitansage zum diesjährigen Weihnachtsfest, selbst wenn man dem Tod, der alles in sein Dunkel zieht und die Sonne zum Verglühen bringt, die christliche Hoffnung entgegenhalten kann. So ganz einig ist sich Rammstein denn auch nicht: „Den letzten Weg musst du alleine gehen“ wird zwar verkündet, aber eben auch: „Doch du wirst immer bei uns sein“ und „Fleisch vergeht, Geist wird sich heben“. Für theologische Gedankengänge ist das Lied höchst anknüpfungsfähig.

Advents-, Weihnachts- und Jahreswendelieder aus dem Evangelischen Gesangbuch enthalten ebenfalls eine ordentliche Portion Tod und Sterben. Als dramaturgische Kontrastfolie sicher, aber eben auch aus satter Lebenserfahrung, sei es bei Jochen Klepper, Dietrich Bonhoeffer oder Paul Gerhardt. Man übersingt das ja so schnell, aber eigentlich sind die Gesangbuchverse drastischer als die von Rammstein: „Ich lag in tiefster Todesnacht“, „und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand“, „noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld“.

Ja, das wird dann aufgelöst: „Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld“, „so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand“, „du warest meine Sonne, die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne“. Bei Rammstein liegen dagegen am Ende alle tot auf dem Schlachtfeld des Lebens. Ich weiß schon, welcher Weltdeutung ich lieber zuneigen will.

Das Gute entdecken wollen

Adieu, Goodbye, auf Wiedersehen 2022! Für viele Menschen stelltest Du, glaubt man ihren Selbstauskünften, eine Herausforderung dar, gewohnte Gewissheiten in Frage zu stellen. Andere haben in den vergangenen Monaten die Chance ergriffen, ihre Überzeugungen einfach nur laut und lauter zu äußern. Manche, weil sie den Eindruck gewinnen, ihre Ansichten seien jetzt wieder en vogue.  

„Die Zeit mit Dir war schön“, wird man über 2022 wohl kaum sagen können – global gesehen. Dem Wahnsinn der Welt mit Ukraine-Krieg, Klimakrise, Iran-Revolution und Pandemie stehen im vermeintlich Kleinen, im Privatleben und in der unmittelbaren Umgebung, hoffentlich positive Erlebnisse entgegen. Im Jesajabuch heißt es ja auch: „Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren …“

Wer das Gute entdecken will, muss schon genau hinschauen, meint der Zyniker, aber eigentlich muss man schon mit Blindheit geschlagen sein, um die abertausenden Beispiele couragierten Handelns, Zeichen der Nächstenliebe und Güte nicht zu sehen, die uns inmitten all des Leids eben auch umgeben. Uns mehrfach privilegierte und reiche Deutsche sowieso.

Selbst weltpolitisch ist dieses Jahr auch viel Gutes geschehen: Die christlich-nationalistischen Fanatiker in den USA haben bei den Midterm-Elections Niederlagen eingefahren. In Brasilien wurde Jair Bolsonaro abgewählt. Das ist gut für das Land, den Regenwald und das Klima. Im Iran und offenbar auch in Afghanistan stellen Menschen sich mit unglaublichem Mut der islamistischen Gewaltherrschaft entgegen. Die Ukraine hält dem russischen Angriff stand.

Der „heiße Herbst“ ist als Flächenbrand ausgeblieben, die überbordende Mehrheit der Menschen in Deutschland hält sich äußerst stabil in den multiplen Krisen. Wenn irgendwer das noch der CDU erklärt, könnte es sein, dass sie im nächsten Jahr sogar mit Politik aufwartet. Schließlich muss es doch auf die zahlreichen Probleme unserer Gesellschaft vom Gesundheits-, über das Bildungssystem bis hin zur Investitionspolitik auch christdemokratische Antworten geben, oder?

Gott befohlen!

„Die Seele zieht auf stille Reise“ und ich frage mich also am Ende dieses Jahres: Was wird bleiben und was wird gehen? Was nehme ich aus diesem Chaos-Jahr mit? Was darf gerne mit dem Jahr 2022 in der Vergangenheit verblassen?

Ich erinnere mich an eine Anekdote, die Flake, der Keyboarder von Rammstein, mal erzählt hat: Er nimmt auf Flugreisen seiner Flugangst wegen immer ein Stück von einem Flugzeug mit, das schon mal abgestürzt ist. Seine Ratio: Sehr, sehr unwahrscheinlich, dass das nochmal abstürzt. Oder wie Paul Gerhardt dichtete: „Eins aber, hoff ich, wirst du mir, mein Heiland, nicht versagen: dass ich dich möge für und für in, bei und an mir tragen.“

Hat am Ende nicht auch Rammsteins Lied einen programmatischen Titel? „Adieu“, zu Gott, Gott befohlen, Gott ans Herz gelegt. Das ist zur Weihnacht und zur Jahreswende doch ein frommer Wunsch: „So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein dich und all deine Freuden.“

Adieu, Goodbye, auf Wiedersehen im Jahr 2023!

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Weitere Beiträge zu "Gesellschaft"

Samuel Jakob

Dr. phil.  Samuel Jakob ist Psychologe und Vizepräsident des Fördervereins Josua Boesch. Er lebt in Gontenschwil in der Schweiz.

Aus der Tiefe der Stille

Josua Boesch und sein Werk sind  in diesem zu Ende gehenden Jahr anlässlich seines 100. Geburtstags erneut an die Öffentlichkeit getreten.

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Überraschende Jahresworte

Überraschende Jahresworte

Punktum

Alle Jahre wieder stehen sie an: die guten Vorsätze aus der Silvesterrunde für das neue Jahr. Schon die Baby­lonier sandten vor viertausend Jahren ihre Versprechen zur Besserung an die Götter, und die alten Römer opferten Gott Janus ihre Gedanken zur Selbstoptimierung.

Heute, während alle über Klimawandel, Coronakrise, Angriffskrieg und Gaspreisdeckel diskutieren, vermitteln Böller und Champagner einen faden Beigeschmack. Festtagspfunde und Fastenvorsätze wollen nicht mehr so recht in die Zeitenwende passen. Nach den Wirtschaftswunder-Klassikern unserer Eltern wie „Weniger Rauchen“ und „Mehr Sport“ steht heute die Nachhaltigkeit auf dem Programm. Wollen wir nicht alle im neuen Jahr ein wenig die Welt verbessern?!

An guten Ratschlägen mangelt es mir nicht, im Bekanntenkreis kursieren bereits praktische Ansätze für Utopia. Sie reichen vom „Fair-Fashion-Label“ für meine Wintersocken über „Ethisches Banking“ meiner überschaubaren Ersparnisse bis hin zu „Weniger Lebensmittel wegwerfen“ meiner Kühlschrankvorräte. Hin- und hergerissen bin ich noch zwischen „Positiv formulieren – Verbündete suchen und Erfolge belohnen“. Es bleibt meine Not, in 2023 wenigstens einige der Ziele und Wünsche zu erfüllen, die ich mir im vergangenen Jahr vorgenommen habe.

Vielleicht hilft die Jahreslosung 2023. So alt wie die Bibel. Buch Genesis, Kapitel 16 Vers 13, das Drama von Abram und Sarai, verkürzt auf „Du bist ein Gott, der mich sieht“. Die Magd Hagar fühlt sich von Gott wahr­genommen, sie wird in der Wüstenei gesehen und begleitet. Und damit steht fest: Erstmals zitiert eine Jahreslosung die Worte einer Frau. Die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen hat Silvester verstanden, und ich freue mich auf ein Neues. 

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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Weitere Beiträge zu "Kultur"

Ich sehe was, was …

Regelmäßig macht das Museum Barberini in Potsdam schöne Schlagzeilen.

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Erzähltes Leben

Erzähltes Leben

Geschichte einer Emanzipation

Susanna Faesch engagierte sich für die Interessen der nordamerikanischen Ureinwohner und war eine Vertraute des Sioux-Häuptlings Sitting Bull. Von ihr, geboren 1844 in Basel, erzählte vor wenigen Jahren auch der US-amerikanische Spielfilm „Die Frau, die vorausgeht“. Bekannter noch wird sie, die auch malte und sich als Künstlerin Caroline Weldon nannte, im deutschsprachigen Raum wohl nun durch das Buch Susanna des Erfolgsschriftstellers Alex Capus werden. Mit ihm setzt der französisch-schweizerische Autor fort, was er besonders gut beherrscht: eine Kombination aus qualitätsvoller wie flüssiger Erzählung und Aufbereitung ungewöhnlicher historischer Stoffe. Capus betrachtet die Historie aus ungekannten Perspektiven. Der Autor beziehungsweise sein Erzähler, der sich gelegentlich selbst zu Wort meldet, lässt keinen Zweifel daran, dass sein Stoff weit vorausweist und dass er mit ihm von einer Schwellenzeit erzählt, der beginnenden Moderne und schnell an Tempo gewinnenden Industrialisierung, die unsere Welt bis heute in Atem hält und sie längst zu überfordern droht.

Susanna ist die Geschichte einer Emanzipation und ein Stück Welt- und Kulturgeschichte in einem. Capus beginnt mit der Kindheit im noch provinziellen Basel, wo Susanna schon als kleines Kind erheblichen Eigensinn beweist. In diesem ersten Teil ist der Erzähler ganz bei sich; er fabuliert, schmückt aus und entwirft ein lebendiges Porträt einer streng protestantischen Bürgerschaft, die sich fast alle Sinnenfreuden versagt. Unter diesem Klima leidet besonders Susannas Mutter. Dass sie, Maria, mitsamt ihrer Tochter den auch dies mit größter Selbstdisziplin zur Kenntnis nehmenden Gatten Lukas Faesch Mitte der 1850er-Jahre verlässt, werden Leser verstehen. Nach New York wandern sie aus, um dort mit einem Kriegskameraden von Lukas, einem deutschen Revolutionär, der mit ihm in der Fremdenlegion diente, zusammenzuleben. Hier reift Susanna zur Künstlerin und pflegt weiter ihre Individualität. Sie heiratet zwar, wird aber schwanger von einem anderen Mann – und zieht ihren Sohn dann alleine auf.

In diesem Teil des Buchs vermittelt Capus die meisten zeitgeschichtlichen Inhalte; er erzählt von Elektrifizierung und Arbeitsteilung, Wissenschaftsgläubigkeit, weißer Überheblichkeit und der Benachteiligung von Menschen anderer Hautfarbe, was manchmal ein wenig pflichtschuldig und dem Anliegen geschuldet wirkt, eine grundsätzlich zeit- und gegenwartskritische Haltung zu präsentieren. Literarischer wird das Buch wieder im letzten Teil, in dem Susanna mit ihrem Teenagersohn zur abenteuerlichen Reise in den Westen aufbricht, um den legendären Sitting Bull zu treffen. Hier gestattet sich der Autor auch wieder mehr erzählerische Freiheiten. Durchweg souverän erzählt ist das Buch aber gleichwohl. Sein literarisches Programm deutet Capus in Wendungen wie „Es ist überliefert“ am Anfang von vorgeblich historische Fakten aufzählenden Passagen an, die eben zugleich auch anzeigen, dass in einem Roman Fakten und Erfindung stets gemeinsam auftreten. Er schreibt gepflegt, anschaulich und erfindungsreich. Sein Ton wahrt immer eine gewisse Sachlichkeit, die zu seinen Hauptfiguren passt; denn die wollen sich zwar nicht fügen in die Umstände, bleiben aber doch, von der Prägung her, pflichtbewusste Protestanten. Wieder verarbeitet Capus einen Stoff, der weit über seinen Ursprungsort und seine Zeit hinausweist. Er schreibt für Menschen, die fesselnde Stoffe ebenso schätzen wie Autoren, die diese in niveauvolle Literatur verwandeln.

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Weitere Rezensionen

Kontinuitäten

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Eine jüdisch-deutsche Tragödie

Als im bayerischen Landsberg am 7. Januar 1951 Tausende, darunter Bundes- und Landtagsabgeordnete sowie Kirchenvertreter, mit Schlussstrich-Parolen für dort inhaftierte Kriegsverbrecher demonstrierten, hielten 300 jüdische DPs mit „Massenmörder- und Blutsäufer“-Rufen dagegen. Die Antwort war „Juden raus!“-Gebrüll. Polizisten prügelten die ehemaligen KZ-Häftlinge auseinander.

Philipp Auerbach, zunächst als „Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte“ und dann als Chef des Landesentschädigungsamtes in Bayern für Displaced Persons (DPs) zuständig, sagte dazu im Radio: „Ich weiß, was der Ruf ,Juden raus‘ bedeutete. Aber eines hat mich in Verwunderung versetzt, nämlich, dass wohl in dieser Stadt 3 000 Menschen zusammenfinden konnten, um zu demonstrieren, aber keine Menschen zusammenkamen, als wenige Kilometer entfernt in den Lagern des Landkreises Tausende ermordet wurden.“ Der wegen seines energischen Einsatzes für Nazi-Opfer eh Missliebige, „der bekannteste und am meisten gehasste deutsche Jude nach 1945“, so der Historiker Michael Brenner, brachte damit das Fass wohl zum Überlaufen. Kurz darauf begann die endgültige Hatz auf ihn, schreibt der Journalist Hans-Hermann Klare. Polizisten durchsuchten sein Amt, einen Staatsanwalt hatte der Justizminister bereits lange zuvor auf ihn angesetzt. An einer Straßensperre wurde er in Wildwest-Manier verhaftet, kam, da bereits schwer krank, 15 Monate in Untersuchungshaft. Angeklagt war er wegen Erpressung, Unterschlagung, Veruntreuung, Bestechung und einem zu Unrecht geführten Doktortitel. Letzteres gab er zu, verwies aber auf Umstände, die es ihn damit offenbar hatten nicht so genau nehmen lassen: Der Kaufmann aus Hamburg war vor den Nazis nach Belgien geflohen und hatte französische Lager, Gestapo-Haft, Auschwitz, Todesmarsch und Buchenwald überlebt. Für die Wiedergutmachung an den Opfern arbeitete er nach der Niederlage zunächst in der britischen Zone und dann in Bayern. Geld, Essen und Wohnraum fehlten, Belege für das Verfolgtsein oft auch. Unter schwierigen Bedingungen machte er einen guten Job, was Besatzer und dann die neuen deutschen Machthaber auch schätzten. Sie wollten die DPs bloß loswerden, mehr als 80 000 emigrierten mit seiner Hilfe. Allerdings verärgerte er dabei viele. Und er wusste viel, auch über den einst an Arisierungen beteiligten Justizminister. Sein persönliches Anliegen war indes neues jüdisches Leben in Deutschland. Vor allem sollten die Nazis künftig von Staats- und Regierungsposten ausgeschlossen bleiben, saßen jedoch gewollt längst wieder an den alten Stellen. Und nun stand er Nazi-Richtern, einem Nazi-Staatsanwalt, meineidigen Zeugen und einem Gutachter gegenüber, der ihm fies in alter Rasse-Diktion Anomalien attestierte. Trotz windiger Beweislage verurteilten ihn diese Richter zu zweieinhalb Jahren Haft und einer Geldstrafe. Zeitgleich erhielten Täter, die zuvor als Grund für Dienstreisen „Liquidation“ von Juden notierten, ähnlich hohe Strafen. Davon, dass ein Landtagsuntersuchungsausschuss Auerbach 1954 rehabilitierte, hatte er nichts. Er nahm sich unmittelbar nach dem Urteil im August 1952 das Leben: „Ich habe bis zuletzt gekämpft – umsonst“, schrieb er in einem Abschiedsbrief.

Um Betroffenheit oder Überhöhung geht es Klare nicht. Deutlich zeigt er auch die schwierigen Seiten von Philipp Auerbach. Gleich zu Beginn seines vorzüglich recherchierten, packend, doch betont nüchtern erzählten Buches legt er das Ende der Geschichte offen. Dennoch ist die Woge aus Empörung und Wut nach der Lektüre groß. Beeindruckend entreißt Klare den exemplarischen, heute nahezu unbekannten Skandal dem Vergessen und setzt ihn mit dem Untertitel „Wie der Antisemitismus den Krieg überlebte“ triftig in Verbindung zur Gegenwart. Über Vogelschiss-Gauländereien, Halle sowie zu Corona oder Ukra­ine zirkulierende Mythen wundert man sich jedenfalls gleich weniger. Klare führt das nicht näher aus, lenkt aber den Blick dorthin. Um solche Kontinuitäten zu wissen, kann dem Reden über Antisemitismus nur nützen.

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