„Klagen ist eine Form des Machens“

Frau Menzel, Herr Laskowski, wird nicht schon genug geschimpft über die politischen Maßnahmen, fehlende Impfstoffe und die negativen Auswirkungen der Pandemiebekämpfung?

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Vivaldi war schuld

Vivaldi war schuld

Punktum
Foto: Rolf Zöllner

Ein herrlicher Frühlingseinbruch mitten im Februar. Zwanzig Grad plus. Und das nur wenige Tage, nachdem wir bei minus zwanzig Grad gebibbert hatten. Absolut rekordverdächtig! Und natürlich Besorgnis: Das gab’s früher nicht, der Klima-wandel … ja, doch, sicher, aber ich freute mich unbändig, trat auf den Balkon, schloss die Augen und dachte – Beam me up, Scotty – ich sei auf den Kanaren gelandet … na ja, mit Augenauf war ich immer noch auf dem Balkon. Aber zum Glück liegt ganz in der Nähe unserer Wohnung eine sehr schöne öffentliche Gartenanlage. Darinnen werde ich jetzt dem plötzlichen Februarfrühling huldigen und beim Spaziergang vielleicht entspannt Verweilen auf einer Bank und meine Gedanken reifen lassen. Aber halt! Man geht ja heute nicht nur einfach so. Wo sind meine Kopfhörer? Jetzt noch das Tablet, denn was würde besser passen, als draußen Vivaldis „Frühling“ zu hören, und erstmals seit Oktober wieder die dünne Jacke anzuziehen und loszugehen.

Willkommen, Du Vor-der-Haustür-Paradies: Vivaldi tönt, kurz mal WhatsApp gecheckt, und weiter geht’s durch die erwachende Natur. Schon grüßt die Bank an der Allee – da werde ich mich setzen und etwas aufschreiben, ja, mein grünes Notizbuch für Grundlegendes habe ich natürlich dabei … aber erst noch  mal Facebook gucken, und vielleicht hat jemand mich an-gewhats-apped, wer weiß … verflixt, wo ist denn mein Handy … ach so, ich habe ja die leichte Jacke an, wo habe ich das denn da immer hingesteckt voriges Jahr … verflucht … wo ist es … liegt es etwa unter der Bank? Quatsch … oh nein, wie kann es sein …. es ist weg! Herz-rasen, Schweißausbruch: Meine Daten, mein Leben! Warum bloß habe ich die immer noch nicht in die Cloud gepackt? Und was macht man eigentlich, wenn das Handy verloren ist. O weh, oh weh …

Dann piept’s: Ach so, mein Tablet, das liegt ja neben mir. Eine E-Mail von einer lieben Kollegin aus Berlin, etwa dreihundert Kilometer von meinem Park entfernt. Schon die Betreffzeile entzückt: „Du hast dein Telefon heute verloren! Es ist gefunden!“ Woher weiß sie das? Wie kann mein Handy so schnell so große Weiten überwinden? Enterprise-Scotty? Für einen Moment wanken die Säulen meiner Erde. Dann aber lese ich, dass eine Christina hier in Hannover das Handy gefunden und die liebe Kollegin sofort angerufen hat, deren Nummer als erste in meinem Verlauf stand. Was für ein Glück! Und als ich nur eine Stunde später mit einem Blumenstrauß ausgestattet bei jener lieben, ehrlichen Christina aufkreuze, erfahre ich: Vivaldi war schuld! Sein „Frühling“ muss so laut in mir getönt haben, dass ich doch tatsächlich mein Handy statt in die Jackentasche wohl elegant daneben gesteckt hatte und es so unerhört auf den Rasen glitt, und dann kam Christina – ob vielleicht Scotty doch seine Hände im Spiel hatte? Wer weiß...

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Weitere Beiträge zu "Gesellschaft"

Forschungsstreit live

Man kann es fast ein Lebenswerk nennen – und die Radikalität sowie die darin versteckte Leidenschaft faszinieren ungemein, wohl auch die dafür notwendige Freundschaft.

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Wir waren es

Wir waren es

Eine deutsche Familiengeschichte

Eigentlich handelt es sich um zwei Erzählstränge, die aber zusammenhängen und zeitlich aufeinander folgen: die Geschichte einer deutschen Familie unter den Bedingungen im NS-Staat, und, nach dessen Ende, den Weg des Autors als Schauspieler zum Theater.

Der Hamburger Bühnen- und Fernsehdarsteller Rolf Nagel entschuldigt in seiner Familiengeschichte Das Hundeauge das Verhalten seiner Zeitgenossen nicht, er erklärt nicht, verteidigt nicht, verzichtet auch auf Selbstmitleid. In seinem Urteil ist er wahrlich konsequent und lässt keinen Zweifel zu.

Die Nationalsozialisten – es will ja kaum jemand einer gewesen sein – seien nicht vom Himmel gefallen. In den Medien seien heute immer „die Nazis“ Schuld und nicht die Großeltern, die Großonkel, die Großtanten. Nagel: Es waren aber nicht die Nazis aus dem All. „Wir waren es. Die Nazis kamen aus uns.“

Der über 90-jährige Autor lässt in seinen oft mühsam aus dem Gedächtnis hervorgeholten und zusammengetragenen Erinnerungen nichts aus. Nicht die Ergriffenheit des Vaters bei den im Radio übertragenen Reden Adolf Hitlers, die ihn heute fassungslos macht, nicht das Elend der ständigen Bombennächte, die daraufhin organisierte Kinderlandverschickung, nicht sein Entsetzen und das seiner Mutter angesichts der Plünderungen und Zerstörungen jüdischen Eigentums in der Pogromnacht des 9. November 1938.

Das Trauma von Rolf Nagels Vater, der wie sein älterer Sohn Mitglied der
NSDAP wurde, war nicht nur seine im Ersten Weltkrieg erlittene lebensbedrohende Verwundung, sondern auch der verlorene Krieg, die maßlose Enttäuschung über das Zusammenbrechen des Kaiserreiches. Das Schlimmste für seinen Vater war, dass die Ideale, die er verinnerlicht hatte, von denen verraten worden waren, die sie zuvor zu verkörpern schienen.

Rolf Nagel glaubt rückblickend nicht, dass es trotz der gigantischen Aufrüstung nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei im März 1939 im Volk Angst vor einem Zweiten Weltkrieg gab. Er selbst wusste als damals nicht einmal Zehnjähriger nicht, was ein Krieg wirklich ist. Er habe das alles aufregend und toll gefunden, die Fahnen, die Uniformen, die über den Anschluss ihrer Heimat an das Deutsche Reich jubelnden Österreicher und „Volksdeutschen“, die nun in einem Großdeutschland leben durften.

Was die nationalsozialistische Herrschaft bedeutete, musste der Autor aus nächster Nähe miterleben. In Sichtweite der Wohnung der Familie Nagel war eine Außenstelle des KZ Neuengamme eingerichtet worden, in der in der Produktion von Gasmasken beschäftigte osteuropäische Zwangsarbeiterinnen hinter Stacheldraht hausen mussten. Als Rolf eines Tages von der Schule nach Hause kam, war seine Mutter völlig verstört: „Sie haben eine Frau aufgehängt!“ Noch Stunden nach der Mordtat hing ihre Leiche für alle sichtbar am Strick.

Nur eineinhalb Monate vor Kriegsende, im März 1945, wurde Rolf Nagel als Dienstpflichtiger gemustert, aber als „zeitlich untauglich“ zurückgestellt. Einer Aufforderung seines Schulleiters, als Untergrundkämpfer hinter den feindlichen Linien, als „Werwolf“ für den „Endsieg“ zu kämpfen, mochte er nicht widersprechen. Dazu fehlte ihm der Mut, wie er heute zugibt. Das Kriegsende aber kam seinem Einsatz zuvor.

Als Adolf Hitler tot und der Krieg faktisch zu Ende war, stand Rolf Nagel mit einem Marschbefehl in der Tasche und sonst fast nichts da. Er machte die Schauspielerei erfolgreich zu seinem Beruf.

Rolf Nagel ist mit seinem Buch etwas gelungen, was den Heutigen als Brücke zwischen den Generationen dienen könnte, gerade nach dem vielfachen Schweigen, auch innerhalb der Familien, über eine unsägliche Vergangenheit.


 

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Warnung

Die Früchte, welche die gegenwärtige Hannah-Arendt-Renaissance hervorbringt, sind vielfältig. Unter den – jenseits von Kaffeetassen – relevanten Beiträgen zur neuen Prominenz der deutsch-amerikanischen Intellektuellen sind solche wie die letztjährige Ausstellung des Deutschen Historischen Museums „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“, welche zwar Diskurse, an denen sich Arendt beteiligte, dokumentieren, ohne jedoch zu den großen Linien vorzudringen, die ihrem Werk noch für die heutige Welt Bedeutung verleihen. Anderen, wie dem zur Ausstellung erschienenen gleichnamigen Sammelband, gelingt dies durchaus. In besonderer Weise macht sich jedoch der in New York lehrende Philosoph Richard J. Bernstein um die Auslotung der Aktualität Arendts verdient: Why Read Hannah Arendt Now fragte der Titel seines 2018 veröffentlichten Buches, dessen nun erschienene deutsche Ausgabe sie als „Denkerin der Stunde“ herausstellen will.

Dies tut der von Andreas Wirthensohn – unter Wahrung des für englischsprachige Sachbücher typischen eingängigen Duktus – übersetzte Band, indem er zentrale Texte Arendts aufgreift und vornehmlich zu aktuellen politischen Herausforderungen in Beziehung setzt: Zwangsmigration, Israel-Palästina-Konflikt, öffentliche Debattenkultur, totalitaristische Tendenzen und deren Abwehr. Am Ende des Buches steht eine eindringliche verantwortungsethische Zuspitzung der heutigen Botschaft von Arendts Denken: „Wir sollten Arendt heute lesen, weil sie die Gefahren, mit denen wir es nach wie vor zu tun haben, so scharfsinnig erkannt und uns davor gewarnt hat, darüber gleichgültig oder zynisch zu werden. Sie drängte uns dazu, Verantwortung für unser politisches Schicksal zu übernehmen. Sie brachte uns bei, dass wir über die Fähigkeit verfügen, gemeinsam zu handeln, etwas in Gang zu setzen, anzufangen, danach zu streben, dass Freiheit weltliche Wirklichkeit wird.“ Vor dem Hintergrund des Jahres 2020, das mit der Auseinandersetzung um den Umgang mit der Corona-Pandemie nochmal in besonderer Weise die Gefahr von Populismus und Fake News – vor allem in den USA und Brasilien, aber auch hierzulande – vor Augen geführt hat, liest sich gerade das Kapitel über „Wahrheit, Politik und Lüge“ besonders eindrücklich. Immerhin zeigt sich ausgehend von Arendts Deutungskategorien eine beängstigende „Ähnlichkeit zwischen organisierter Lüge, fiktionaler Image-Pflege, Täuschung und Selbsttäuschung, wie sie heute vorherrschen, und den Methoden, die totalitäre Regime zur Perfektion getrieben haben“.

Es dürfte im Sinne Arendts, die selbst das „Wagnis der Öffentlichkeit“ einging, sein, dass einige der Aktualisierungen durchaus auch zum kritischen Hinterfragen und Weiterdenken einladen. Das gilt etwa für die Überlegungen Bernsteins zur aktuell anhaltenden Flüchtlingskrise. Dass wir es auch hierin mit einem Angriff auf das „Recht, Rechte zu haben“, zu tun haben, dürfte außer Frage stehen. Bernsteins Postulat, mit „den immer weiter anwachsenden Massen an staatenlosen Menschen und Flüchtlingen überall auf der Welt, die behandelt werden, als seien sie überflüssig, sollten wir Arendts Warnung ernst nehmen, dass zwischen der Zerstörung des Rechts, Rechte zu haben, und der Vernichtung von Leben nur eine schmale, fragile Trennlinie verläuft“, macht freilich eine deutlich stärkere Differenzierung zwischen dem historischen Hintergrund Arendts und der gegenwärtigen weltpolitischen Lagebeschreibung notwendig, die womöglich viel stärker von failed und failing states als von Totalitarismus geprägt ist

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Kein Reumütiger

Kein Reumütiger

Über Sterbehilfe

Der Suizid ist eine menschliche Möglichkeit, verstörend zwar, aber immer schon gewesen. Weil das jeder weiß, geht darüber zu reden auch so nahe. Doch das ist nötig, heißt es etwa von Krisenzentren mit gutem Grund schon lange. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum assistierten Suizid gibt solchem Reden neue Dringlichkeit. Ausgehend vom „Recht auf selbstbestimmtes Sterben“ schrieb das Gericht: „Die Entscheidung des Einzelnen, seinem Leben ein Ende zu setzen, ist als Akt autonomer Selbstbestimmung von Staat und Gesellschaft zu respektieren.“

Anlassbedingt liegt der Akzent nun allerdings auf dem Suizid am erwarteten leidvollen Lebensende. Und da, sagen warnende Stimmen, drohe aus Normalisierung dynamische Normalität zu werden, die normativ wirke, sprich: Druck auf den Einzelnen aufbaue und genau dies fortan von ihm verlange. Der Belgier Jean-Pierre Wils, der Praktische Philosophie in Nijmegen lehrt und in Deutschland lebt, erörtert diese Problematik in seinem Essay Sich den Tod geben. Seine fundierten Überlegungen sind auch deshalb so hilfreich, weil er die Debatten in den Niederlanden intim kennt, wo assistierter Suizid wie auch aktive Sterbehilfe schon länger liberalisiert sind, es aber Forderungen nach weitergehender Liberalisierung gibt. Wils analysiert die Autonomie-Vorstellung dahinter und zeigt, wie deren Konzept – „weil ich will, muss ich es auch können (dürfen)“ – an die Stelle des Lebens tritt: „Der Gehalt der Autonomie wird diese selbst.“ Platt gesagt: Die Autonomie frisst ihre Kinder. Denn darüber löse sich die Selbstverständlichkeit des (Weiter-)Lebens auf: „Die Normalisierung assistierten Suizids wird die Normalität des Am-Leben-Seins beeinträchtigen. Das betrifft alle, die in einer solchen Gesellschaft leben.“

Die Folgen für das Individuum alarmieren ihn. Wils betont, dass er keine neuerliche Kriminalisierung des assistierten Suizids wünsche. Er hatte sich lange dagegen eingesetzt: „War sein Plädoyer für eine freiheitlichere Regelung der Sterbehilfe voreilig? Hätte er besser die Finger von einem solchen Engagement gelassen, weil er mit dem Argument der ‚schiefen Ebene‘ oder der ‚abschüssigen Bahn‘ als philosophischer Ethiker doch vertraut war? Nein, hier spricht kein Reumütiger. Die Befreiung aus den herkömmlichen Limitierungen der Sterbehilfe war und ist notwendig. Suizidassistenz unter klar definierten, aber sie auch begrenzenden Bedingungen gehört zur Humanisierung des Sterbens.“ Für fatal hält er allzu forsches Aufweichen dieser Kriterien. Es gelte, stets kritisch zu bedenken, was das Menschsein ausmache: „Dass wir uns gemäß unseren Selbstdeutungen umgestalten, ist unabänderlich und unvermeidbar. Wie wir uns verstehen, ist das jedoch keineswegs.“ Gründe für ein Weiterleben dürften jedenfalls nicht unter Druck geraten.

Tragik und Dilemmata solcher Entscheidung am Lebensende, die erlaubt bleiben müsse, begegnet er mit tiefem Respekt. Für die gesellschaftliche (und gesetzliche) Einbettung fordert er jedoch ein konsequentes Abwägen. Niemand dürfe in die Lage kommen, dass er meint, gehen zu müssen, weil es erwartet wird. Derzeit virulenten, hohlen Autonomie-Konzepten stellt er die Besinnung auf Würde und Freiheit entgegen: „Wählen-Müssen ist immer auch ein Müssen.“

Dabei nimmt Wils triftig Erkenntnisse aus Kulturgeschichte und -anthropologie, Soziologie und Sozialpsychologie wie aus literarischen Erkundungen zu solcher Extremsituation mit auf. Der Debatte gibt sein facettenreicher, nie vereinfachender Essay eine solide Basis. Und anders als kirchenoffizielle Äußerungen dazu ist er nicht von massivem Vertrauensverlust in die leitenden Motivationen belastet.

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Auch kritisch

Auch kritisch

Ökumene im 20. Jahrhundert

Gerhard Rein hat Willem Visser’t Hooft einmal „die bedeutendste unbekannte Person in Deutschland“ genannt. Das ist 35 Jahre nach seinem Tod wohl noch zutreffender als damals. Die Biografie, die Jurjen Zeilstra veröffentlicht hat, wird daran wenig ändern, sie kommt nicht als leicht-lockere Lektüre daher. Aber genau so ist sie auch nicht gedacht. Zeilstra macht sehr deutlich, dass frühere Texte über den langjährigen Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen entweder freundschaftlich und damit unkritisch daherkamen oder stark von Visser’t Hooft selbst beeinflusst waren. Und so bringt sie vielleicht doch einigen einen Mann nahe, der beeindruckend war, vieles geleistet hat, aber auch an Grenzen kam.

Zeilstra zeigt in seiner Biografie einerseits die unbestrittene Bedeutung des Niederländers für die Ökumenische Bewegung. In den Kriegsjahren war er es, der in Genf die Fäden zusammenhielt, die Flüchtlingshilfe der Kirchen, ihren Einsatz für Kriegsgefangene und auch für Juden öffentlich vertrat. Mit diplomatischem Geschick versuchte er, die europäischen Kontakte zu den verschiedenen Kirchen – auch in Deutschland – zu erhalten. Die Lektüre seiner Überlegungen und Aktivitäten zeigt, dass er früh hoffte, dass mit einer kirchlichen Bereitschaft, Schuld einzugestehen, die deutschen Kirchen bald wieder in gemeinsame Aktivitäten eingebunden werden könnten. Er hielt gegen alle Enttäuschungen an der Vision fest, dass die Ökumene an einer gerechten internationalen Ordnung mitwirken könnte. Regelmäßig hielt er Kontakt zu Mitgliedern des Deutschen Widerstandes. Es ist Visser’t Hooft zu verdanken, dass 1948 in Amsterdam die deutschen Kirchen Gründungsmitglieder des Ökumenischen Rates der Kirchen werden konnten.

Teilweise liest sich die Biografie wie eine Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts. Die Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen theologischen Positionen etwa mit Karl Barth werden detailliert geschildert. Und doch war es Barths theologischer Ansatz des Offenbarungsdenkens, der Gott dem Menschen gegenüberstellt, der Visser’t Hooft als angemessen gegen die natürliche Theologie der Deutschen Christen überzeugte. „Die prophetische Stimme der kollektiven Kirchen war notwendig, um zu den Kirchen und für sie zu sprechen, um Ungerechtigkeiten zu erkennen und zu bekämpfen und um den Weg zu Versöhnung und Frieden für die Welt zu finden.“

Das Ringen um die Beteiligung der orthodoxen Kirchen im Ökumenischen Rat und das Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche werden eindrücklich geschildert. Visser’t Hooft hatte ein enormes internationales Netzwerk an Beziehungen hergestellt, gab viele inhaltliche Impulse und „setzte Probleme der Welt als Herausforderung für die Kirche auf deren Tagesordnung“.

Spannend zu lesen, wie dabei auch nicht-theologische Aspekte eine Rolle spielten. Mal ist Barth beleidigt, weil Visser’t Hooft seinen Vortrag als beendet erklärt, obwohl dieser weiterreden wollte. Mal ist Visser’t Hooft verletzt, weil Barth den „Konferenzzirkus“ für Zeitverschwendung hält. Gut auch die kritischen Anmerkungen, etwa, dass Visser’t Hooft nicht erkannte, als seine Zeit vorbei war. Und tragisch, wie wenig seine Familie in seinem Leben vorkam, wie sehr er bedauerte, seiner Frau Jetty nicht mehr Zeit gewidmet zu haben – eine Formulierung, die das Verhältnis deutlich einordnet. Die Ökumene war eine „men’s world“: Männer trafen sich, disputierten theologisch, während ihre Ehefrauen Zuhause die Familie versorgten. Gerade Jetty Visser’t Hooft hatte durchaus eigene Gedanken zur „Frauenfrage“, aber jemand wie Karl Barth, den sie in der Sache kontaktierte, hatte keinerlei Interesse an solchen Themen.

Die Biografie zeigt auch die Entfremdung, die stattfand, als sich der Ökumenische Rat der Kirchen ab der Vollversammlung in Uppsala 1968 deutlich veränderte. Hatte Visser’t Hooft in Uppsala noch viel Eindruck hinterlassen, weil er „Kirchen, die praktisch die Verantwortung für die Bedürftigen auf der ganzen Welt ablehnen, der Ketzerei“ bezichtigte, so fühlte er sich in Nairobi 1975, auf der nächsten Vollversammlung, fremd. Er hatte den Eindruck, der ÖRK habe sich „zu einer kirchlichen Aktionsgruppe gewandelt“. Er selbst sah die Säkularisierung als moralischen Niedergang an.

Die Biografie ist eine bewegende Lektüre. Zum einen, weil sie das Ringen der Ökumenischen Bewegung im 20. Jahrhundert, ihre Bedeutung für Christen und Kirchen deutlich macht. Zum anderen, weil sie einen Mann zeigt, „der nicht nur unzählige Fäden zusammenführte, sondern es auch schaffte, sie eine Weile zusammenzuhalten, selbst als sich das Feld zu erweitern begann“. Aber vor allem, weil hier keine Hagiografie betrieben wird, sondern die kritischen Momente, die theologischen Auseinandersetzungen, die persönlichen Schwächen deutlich werden. Und weil Zeilstra zeigt: „Visser’t Hooft vertrat eine europäisch-amerikanische Elite, die sich für den Erhalt der westlichen Zivilisation einsetzen wollte“, die aber von der Säkularisierung, dem Dialog der Religionen und den Stimmen des globalen Südens vor neue Herausforderungen gestellt wurde, denen nicht mit den theologischen und methodischen Ansätzen des 20. Jahrhunderts begegnet werden kann.


 

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Foto: epd

Margot Käßmann

ist Landesbischöfin a.D. und ehemalige Ratsvorsitzende der EKD. Bis 2018 war sie Herausgeberin von "zeitzeichen". Sie lebt in Hannover.


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Konditionierung

Konditionierung

Freiheitsrechte und Wahrheit

Adrian Loretan, Professor für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht an der katholischen Theologischen Fakultät der Universität Luzern, bündelt in diesem Buch sein Plädoyer für die Anpassung religiöser und weltanschaulicher „Wahrheitsansprüche“ an eine vorgegebene und vorzugebende Menschenrechtsethik.

Zwei Religionen hat er besonders im Blick: Zum einen geht es ihm aus einer religionspolitischen Außenperspektive um die menschenrechtliche Läuterung des Islam; zum anderen verficht er aus einer kirchenpolitischen Binnenperspektive die Forderung, die im Zweiten Vatikanischen Konzil zur Höhe der Menschenrechte gebrachte kirchliche Soziallehre auf die römisch-katholische Kirchenverfassung unmittelbar anzuwenden. Ausweislich eines Verzeichnisses von Erstveröffentlichungen ist etwa die Hälfte des Textes aus sieben 2012 bis 2015 erschienenen Aufsätzen wiederverwendet und hier zusammen mit verbindenden und hinzutretenden Abschnitten in eine neue Gliederung eingearbeitet worden. Das Buch reiht sich in eine stetige Arbeit des Autors am Verhältnis zwischen Religion und Menschenrechten ein.

In mehreren, ohne Scheu vor Redundanz durch das Thema gefädelten Schleifen stellt der Text den in der europäischen und angloamerikanischen Rechtskultur gewonnenen Wert der „Freiheitsrechte“ jedwedem dazu in Konkurrenz tretenden „Wahrheitsanspruch“ gegenüber. Unter „Freiheitsrechte“ fasst der Autor dabei nicht im juristischen Sinn vor allem Ansprüche des Bürgers gegen den Staat auf die Freiheit von ungerechtfertigten Eingriffen, sondern weitergehend Programmsätze der politischen Ethik, die mit der Anerkennung der „Würde der Person“, der „Trennung von Kirche und Staat“ und vor allem der „gleichen Rechte der Frauen“ ansprechbar sind. Die ihnen entgegenstehenden „Wahrheitsansprüche“ identifiziert er im Wesentlichen mit diversen „Fundamentalismen“, insbesondere einem christlichen und einem islamischen. Bevor die „Feinde der Religion“ sich bestätigt fühlen können, gibt er ihnen noch mit, „dass auch säkulare Weltanschauungen nicht davor gefeit sind, fundamentalistisch zu argumentieren“; das wird markig, aber nur knapp und auch etwas schräg ausgeführt.

Auf der Seite des religiös und weltanschaulich neutralen Staates sieht der Autor das Problem in der Religionsfreiheit: Diese dürfe dem Widerspruch gegen menschenrechtliche Forderungen keine Deckung geben. Der Autor lässt es darüber hinaus nicht im Sinne des liberalen Grundrechtsverständnisses ausreichend sein, dass Religionsgemeinschaften die zum Schutz der Menschenrechte gesetzte Rechtsordnung einhalten. Er erwartet, dass sie sich in einen „Dialog“ mit den säkularen Menschenrechtsideen einfinden, in dem sie diese in ihrer religiösen Wahrheit wiederzuerkennen, vor- oder nachzubilden haben. Als einen dieser Erwartung entsprechenden „Vordenker der Freiheitsrechte“ aus der jüdischen politischen Ethik stellt er Moses Mendelssohn vor. Aus der katholischen Tradition hält er vor allem die Leistungen des mittelalterlichen Kanonischen Rechts und der Spätscholastik für die naturrechtliche Rechtsbegründung allen Positionen entgegen, die die Legitimität des Kirchenrechts an einer Wahrheit außerhalb des universalen, eben naturrechtlich vorgegebenen „Freiheitsethos der Rechtswissenschaften“ messen wollen. Folgerichtig ist solche zivilreligiöse Ertüchtigung denn auch für islamische Religionsgemeinschaften das Entréebillet zur europäischen Kultur. Die evangelische Kirche hingegen kommt allenfalls am Rande vor, etwa wo es heißt, von der Gebotenheit innerkirchlicher Grundrechte wüssten „selbst religiöse Autoritäten“, nämlich Papst Paul VI. und Wolfgang Huber.

Aus rechtswissenschaftlichem Blickwinkel sind vor allem zwei kritische Beobachtungen festzuhalten: Erstens muss gerade eine auf die Ideen der Aufklärung gestützte Begründung einer freiheitlichen Rechtsordnung die Distanzierung von religiösen und weltanschaulichen Wahrheitsansprüchen, zu der sie sich verpflichtet, im Angesicht religiöser und weltanschaulicher Antithesen als ein Problem ihrer eigenen Begrenztheit erkennen und verhandeln. Der Griff zu einem Naturrecht oder zu einer universalen Zivilreligion kann das nicht verdecken. Zweitens kommt eine Rechtsordnung, will sie freiheitlich sein und bleiben, nicht um das Wagnis herum, es auf eine staatlicherseits unkonditionierte bürgerliche Freiheit religiöser und weltanschaulicher Wahrheitsansprüche ankommen zu lassen und die staatliche Hoheit auf die rechtfertigungsbedürftige Beschränkung ihrer Wirkungen für Gemeinwohlbelange zurückzuziehen. Eben das ist ja die Idee der Freiheitsrechte, und das gilt auch für die korporative Religionsfreiheit. Deren Konditionierung zum Zweck einer staatlichen Fürsorge für das religiöse Wohl ihrer Mitglieder, wie der Autor sie in Gestalt demokratischer und binnenfreiheits- und -gleichheitsrechtlicher Auflagen empfiehlt, ist ein Motiv des Staatskirchentums, dem gegenüber freilich das schweizerische Verfassungsrecht und -verständnis bekanntlich und auch hier ersichtlich großzügiger ist als andere.


 

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Michael Germann

Michael Germann ist Professor für Öffentliches Recht, Staatskirchenrecht und Kirchenrecht  an der Universität Halle.


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Versöhnend

Versöhnend

Über die Militärseelsorge

Nichts liegt Sylvie Thonak ferner, als die Militärseelsorge abschaffen zu wollen. Sie wünscht sich für den kirchlichen Dienst an Soldatinnen und Soldaten solche Voraussetzungen, die ein unbeeinträchtigtes alltägliches Arbeiten im Sinne des Militärseelsorgevertrags absichern. Die Gymnasiallehrerin ist in der praktisch-theologischen Zunft namhaft durch ihre Dissertation zur Shell-Jugendstudie von 2003. Seit Jahren bewegt sie sich mit ihrer differenzierten Haltung zur Soldatenseelsorge zwischen den Fronten der fundamentalpazifistischen Kirchengruppen und der unkritischen Anhänger und Anhängerinnen einer hierarchieaffinen „Militärkirche“.

Die vorliegende Sammlung von Aufsätzen Thonaks und ihres neutestamentlichen Lehrers Gerd Theißen zielt auf Klärung und Versöhnung der „Lager“. Fürsprecher einer Militärseelsorge, die das Gewissen stärkt und der militärischen Institution kritische Momente entgegenstellt, werden Nützliches finden.

Obwohl der Militärseelsorgevertrag von 1957 den Militärgeistlichen so viel Unabhängigkeit garantiert wie nie zuvor in der Geschichte, ist die Militärseelsorge ein ungeliebtes Kind des Protestantismus geblieben. Theologische und politische Ignoranz sind ausschlaggebend dafür. Thonak spricht aus, welche Ausgrenzung Soldaten ihres Berufs wegen in Kirchengemeinden erfahren.

Dass ungeliebte Kinder zum Bocken und Schmollen neigen, bestätigte die Militärseelsorge ihrerseits, indem sie Thonak zeitweise regelrecht boykottierte – was den Eindruck, auf diesem kirchlichen Handlungsfeld ereigne sich Fragwürdiges, nur verstärkte. Die in dem Band zum Teil wiederabgedruckten Artikel, verschieden in Ausrichtung und Tiefenschärfe, atmen insgesamt Solidarität mit der Soldatenseelsorge. Noch dort, wo grenzwertiges Verhalten von Militärgeistlichen kritisiert wird, dient dies dem Ziel der strukturellen Verbesserung. Dass die kirchliche Ordnung das verkündigende Handeln mitbestimmt, ist nicht erst seit der Barmer Erklärung eine evangelische Grundeinsicht. Sylvie Thonak spricht sich für legitimierte Basisvertretungen in der Militärseelsorge aus und berührt damit einen fraglos diskussionswürdigen Punkt. Auch akademisch wird Beachtliches geboten: Thonaks Artikel über Soldaten im lukanischen Doppelwerk schließt eine Lücke der exegetischen Forschung.

Gerd Theißens Beiträge lohnen die Lektüre nicht minder. Der sozialwissenschaftlich wie psychologisch beschlagene Exeget markiert und überwindet in der Frage, ob die christliche Friedensethik genuin biblisch oder ein modernes Kon-strukt sei, ideologische Gräben. Wie sehr pazifistisches Verhalten schon urchristlich auf militärischen Schutz angewiesen war, bleibt eine brisante Erkenntnis. Gerd Theißens Ausführungen zu Kriegserfahrungen und Aggressionsbewältigung im Neuen Testament weisen über die Debatte zu Strukturfragen der Militärseelsorge hinaus.

Die Sammlung ist exegetisch und theologisch ein Gewinn, für die politik- und friedensethische Selbstprüfung der Kirche liefert sie Maßgebliches. In der Militärseelsorge sieht sich die Kirche nicht zuletzt mit ihrer nationalprotestantischen Vergangenheit konfrontiert, was manche Abwehrreaktion motivieren dürfte. Ein moralisch abgehobener „Nationalpazifismus“ eröffnet kaum reelle Handlungsmöglichkeiten. Das Arbeitsfeld, auf dem Seelsorger jungen Menschen in schwierigen Situationen nahekommen wie kaum irgendwo sonst, verdient engagiertes Hinschauen, lädt das großteils entkonfessionalisierte Milieu der Soldaten Kirche doch zum Lernen und Experimentieren ein. Freies Bekennen und cleveres Nutzen von Chancen sind hier gefordert. Wer Gerd Theißen und Sylvie Thonak gelesen hat, ist sich dessen umso mehr bewusst.

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