Zusammenspiel

Zusammenspiel

Musik und Spiritualität

Runde Geburtstage bieten Anlässe zum Innehalten und Sammeln. So liegt jetzt ein sorgfältig edierter Band zum 60. Geburtstag von Peter Bubmann vor, Professor für Praktische Theologie in Erlangen. Schon lange forscht er zu Fragen des Verhältnisses von Musik und Religion. Wie ein Cantus Firmus zieht sich die Identifizierung „musikalisch-religiöser Lebenskunst“ durch seine Beiträge. Sie auszumachen und Möglichkeiten für ihre Gestaltung aufzuzeigen, ist steter Antrieb für neue Studien.
Der Band ist thematisch gegliedert. Ein erster Abschnitt widmet sich der grundlegenden Bedeutung von Musik und den Zusammenhängen zwischen Musik und Religion. Worin bestehen Aufgaben und Profil protestantischer Kirchenmusik heute? Für Menschen unterschiedlicher Herkunft und Milieuzugehörigkeit bildet Kirchenmusik nicht nur das Zugangstor zum Glauben, sondern vertritt sogar häufig im Erleben und Gedächtnis das religiöse Ritual. Sie verbindet so individuelle Glaubenswege mit den tragenden Traditionen evangelischer Frömmigkeit. Den Bezugspunkt für „Musik als Freiheitsspiel“ bildet dabei Luthers Musiktheologie, die Bubmann in den Grunddimensionen der Kommunikation des Evangeliums für heutige Menschen entfaltet.

Um Stile und Qualität in der Kirchenmusik geht es in der nächsten Abteilung. Hier sind Forschungen zu neuen Musikstilen der vergangenen fünfzig Jahre versammelt, eingeleitet von grundlegenden Überlegungen zu einer kritischen Theo­rie der Popularmusik. Tatsächlich setzt Bubmann hier bei den Erkenntnissen der Frankfurter Schule zur Kulturindustrie an, gibt einen pointierten Überblick über deren Rezeption und Weiterentwicklung im Kontext der heutigen Erlebnisgesellschaft und bilanziert: Es gilt, wachsam zu bleiben und aktiv prophetisch zu widersprechen, wo die diakonisch-kommunikative Dimension von Popularmusik zur totalitären Manipulation missbraucht wird.
Um Musik als Chance für Gemeindeentwicklung gruppieren sich weitere Betrachtungen. In einer wird das Miteinander von kirchlichen Berufsgruppen (vor allem Pfarrerinnen und Kirchenmusiker) beleuchtet, jetzt gerade vielfach aktuell in der Arbeit mit gemischtprofessionellen Teams.

Was unterscheidet sie in ihren Herkunftsmilieus, ihrer Ausbildung, ihrer Machtposition und ihren Vorbereitungskulturen? Wie können die jeweiligen Spezialisierungen im Rahmen der gemeinsamen Verantwortung für das kirchliche Leben christliche Lebenskunst befördern? Am Ende steht eine Vision vom Zusammenspiel aller kirchlichen Berufsgruppen.
Natürlich gehören auch Studien zum Singen in den Band, denn Liedgut beheimatet und Singen vergemeinschaftet. Einem klaren Plädoyer für Kernliederlisten ist eines für die Teilnahme an religiösen Musical-Events an die Seite gestellt.

Besonders eindrucksvoll ist der Beitrag aus der Karwoche des ersten Corona-Jahres 2020 geraten. Mit der großen Unterbrechung von fast allem ist die christliche Lebenskunst mit dem ihr innewohnenden Potenzial herausgefordert. Bubmann verweist auf frühere Formen der Unterbrechung, die heute eher durch eskapistisches Reisen und die Daueraktivität der digitalisierten Erlebnisgesellschaft abgelöst worden sind. Die Generalpause des Karsamstages als Zwischenraum kann als Bild für eine theologisch-seelsorgliche und ästhetische Unterbrechungskunst dienen.

Der Erlanger Praktologe kombiniert in seinen Beiträgen nicht nur theologische und musikalische Aspekte, auch die Erkenntnisse anderer Disziplinen fließen in seine Reflexionen mit ein. Er schreibt in gut lesbarer Sprache und lässt seine Aufsätze nicht ausufern. So können sich alle Interessierten hoffentlich auf die nächste „Null“ im Lebensweg von Peter Bubmann freuen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Gesprächsstoff

Gesprächsstoff

Gläubige Menschen leben besser

Eine große Hoffnung gleich zu Beginn. Der emeritierte Professor für Systematische Theologie, Wilfried Härle, hofft, dass sein neues Buch über den christlichen Glauben seinen Patensohn Arne, wohl gerade konfirmiert, einmal in seinem Glaubensleben begleiten und zugleich Gesprächsstoff zwischen Patensohn und Paten ermöglichen wird.

Ein Professor für Systematik geht das Projekt Glaube systematisch an. So wird zunächst einmal das Wort „Glaube“ auf seinen semantischen Inhalt untersucht. In den folgenden neun Kapiteln seines kleinen Katechismus kommt Härle bereits im zweiten Kapitel auf den Punkt, von dem er aus dann das weitere Denken entfaltet. „Christlicher Glaube als lebenstragendes Vertrauen auf Gott.“

Wer vom Glauben redet, redet von Gott. Aber was meinen die Menschen damit? Wer vom Glauben redet, muss auch vom Zweifel reden und darüber, ob Glaube ein „Nichtzweifeln“ ist. Wer vor Zeitgenossen seinen Glauben bekennt, muss auch von der Vernunft reden – oder genauer vom Verhältnis der beiden zueinander.

Christlicher Glauben wurzelt in der Schrift. Also geht es um den Glauben in der biblischen Überlieferung. Um den Glauben geht es auch in der reformatorischen Theologie, für Härle in erster Linie um die Theologie Luthers. Weil Glaube nie allein für sich steht, sondern nach Gemeinschaft verlangt, ist die Rolle der Kirche zu reflektieren und abschließend auch das Verhältnis zum Glauben in anderen Religionen.

Kleiner Katechismus habe ich das ganze Buch für mich persönlich genannt. Doch zwei Kapitel fallen aus dem Rahmen eines kleinen Katechismus. Da ist zum einen die Darstellung des Glaubens in biblischer Überlieferung. Hier hält Härle keine Bibelarbeit fürs protestantische Bildungsbürgertum ab, sondern erzählt vom Glauben von Personen: Abraham und Sara, Hiob, Jesus Christus und Paulus. Dabei werden zwar die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigt, aber die Darstellung des Glaubens dieser biblischen Personen geschieht in einer Art und Weise, dass beim Lesen zusätzlich im Inneren ein eigener, persönlicher Film abläuft: Und bei mir? Was glaube ich?

Ungewöhnlich für ein theologisches Buch auch das Kapitel „Entstehung und Entwicklung des Glaubens in der Lebensgeschichte“. Glaube ist nichts Statisches, er entwickelt sich. Er kann auch verschwinden. Hier greift Wilfried Härle auf die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie zu. Ein kindlicher Glaube muss erst einmal entstehen können, um sich überhaupt durch Lebenskrisen – die Pubertät eines Konfirmanden ist nur eine davon – zu entwickeln. Oder zu verschwinden. Und wieder geht es parallel um die Frage: Wie war meine Glaubensentwicklung?

Für mich ist ein kleiner Katechismus etwas Positives. Mit diesen beiden beschriebenen Kapiteln wird aus dem Buch ein persönliches Glaubensbuch, das mich meinen eigenen Glauben reflektieren lässt. Wenn Glaube Vertrauen ist, dann muss dieses Vertrauen erst einmal gewachsen sein. Schon bin ich in meiner eigenen Biografie. Härle macht klar, dass Glauben kein Für-richtig-Halten von Glaubenssätzen ist, sondern ein lebenstragendes Vertrauen auf Gott. Vertrauen aber ist immer auch Beziehungsarbeit. So ist und bleibt das Verhältnis zu Gott dynamisch. Und der Vergleich mit dem Glauben biblischer Personen wird dann ganz intim. So wie die beiden Geschichten über den Glauben, mit dem Härle sein Buch abschließt.

Für mich als Konfirmand wäre das alles schwere Kost gewesen. Dem Patensohn Arne ist zu wünschen, dass er das Buch in garantiert kommenden Glaubenskrisen zur Hand nimmt und seinem Paten mindestens eine WhatsApp schreibt

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Vier Leben

Vier Leben

Eine Geschichte der Hoffnung

Mut, Zuversicht und ein großes Herz – wenn man die Persönlichkeit von Herbert Rubinstein mit wenigen Attributen beschreiben wollte, wären es wohl diese drei. Von seiner Kindheit an – Rubinstein wurde als Sohn deutschsprachiger jüdischer Eltern 1936 in Czernowitz in der Bukowina (heute Westukraine) geboren – haben ihn diese Eigenschaften durch das Leben getragen. Genauer gesagt durch seine vier Leben: das erste in Czernowitz, das zweite in Amsterdam, das dritte in Düsseldorf und das vierte als Hinwendung zu seinen Wurzeln in Czernowitz.

Rubinstein ist dem Holocaust nur knapp entronnen, aber er bestimmte alles Weitere – den Neustart mit seiner Mutter und seinem Stiefvater, der Ausschwitz überlebt hatte, in den Niederlanden (sein Vater war von deutschen Soldaten erschossen worden), den Umzug nach Düsseldorf, die Heimatstadt seines Stiefvaters, und die spätere Neuerkundung des Ortes seiner Kindheit.

Vieles von dem, was Rubinstein dort zwischen 1941 und 1944 erleben musste, ist nur noch bruchstückhaft präsent: das Leben im Ghetto, die Brutalität der deutschen und rumänischen Truppen gegenüber der jüdischen Bevölkerung, die Deportationen. All das hat die Seele Rubinsteins am Ende aber nicht zerstören können. Und weil Deutsch seine Sprache und die deutsche Kultur ein Teil seiner inneren Heimat war, konnte eine Stadt in Deutschland zu seiner äußeren Heimat werden. Hier engagiert er sich für das neu erwachte jüdische Leben.

Rubinsteins Lebensgeschichte, gelesen von Axel Gottschick mit Originaleinspielungen von Herbert Rubinstein und Musik von Jan Rohlfing, ist eine Geschichte der Hoffnung. Zugleich jedoch ist sie eine Mahnung, achtsam zu sein, wann und wo immer sich Antisemitismus Bahn bricht.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Intensiver Clubabend

Intensiver Clubabend

Kösters verwandelte Stufen

Seit Hermann Hesses Stufen inflationär zum Trost verabreicht werden, wohnt jedem Ende auch ein Hauch von Peinlichkeit inne. Dass dessen Weltgeist „Stuf‘ um Stufe heben, weiten“ will, gefällt nämlich längst nicht jedem.

Mancher spürt im harmonistischen Aufstiegstrott gar die Forderung, dies gefälligst ebenfalls so zu sehen. Und wer das nicht tue, sei letztlich selber schuld. Dass der Trompeter und Komponist Frederik Köster diesen Weitermachen!-Impuls dem Vernehmen nach gerade hilfreich fand, ist indes zu achten.

Die Befürchtung, das „Stufen“-Album sei süßlich geraten, verfliegt schon mit den ersten Tönen des eröffnenden Titelstücks: Bass (Joscha Oetz) und Schlagzeug (Jonas Burgwinkel) erkunden stilvoll, bis die Trompete einsetzt. Voll, wehmütig, mal gequetscht oder röhrend, verwirrt, selbstbewusst. Sebastian Sternals Pianofiguren kommen erst verhalten, dann als kräftige Kommentare hinzu. Dieses Quartett bestreitet tiefe, engagierte Kommunikation, man merkt, dass sie bereits zehn Jahre zusammenspielen und zu Recht als herausragende „Workingband“ gelten: Köster schreibt, doch der Zauber entsteht in ihrer Begegnung, hier besonders intensiv, da sechs der sieben Stücke im Kölner Loft live eingespielt sind. Nur das Gedicht Further In Summer Than The Birds der erlösungsskeptischen Emily Dickinson nahmen sie ohne Publikum auf. Den Text singt Köster auch. Eindringlich, zart, überzeugt und warm wie die hellsichtig melancholische Kraft ihrer Zeilen.

Die Stufen sind damit ausbalanciert. Aber ihre stärkste Sprache ist die Musik, mit allen Wassern getaufter Jazz, der anders als auf dem viel gelobten Vorgängeralbum Golden Age hier ganz ohne Elektro-Effekte auskommt. Die Ideen, sagt der gebürtige Sauerländer, habe er sich auf Waldspaziergängen im ersten Lockdown geholt. Dem angenehm erdigen Grübeln überlassen sie sich jedoch immer nur so lange, wie es guttut. Dann übernehmen Spielwitz, das Schöpfen aus immens breitem Inspirations­arsenal mit gehörigem Klassikanteil, Intensität des Austauschs und frappante rhythmische Verdichtung, auch mit Pianomotor etwa in „Rhyme Or Reason“. „Until I Find You“ ist sogar ausgesprochen groovy und heiter wie ein ausgelassenes Tanzen über den Hang.

Und doch kommt Stufen eher als Indoor-Album mit der Essenz des intensiven Clubabends daher, den von Ritualen bloß Mangel an Erwartbarem unterscheidet. Experience, Erlebnis oder Erfahrung, wäre der passende Begriff, klänge er nur nicht so nach Drogen. Mit Virtuosität, faszinierender Aufmerksamkeit für Dynamik, Linien wie Brüche, und vor allem füreinander erschaffen sie Räume, in denen sich gern sein und auch feiern lässt, etwa im Derwisch-Kraftwerk „Roadtrip“. Wenn dann Köster einsetzt, beginnen sie zu fliegen. Das Album schließt elegisch-herzvoll mit „Stella“ – und sattem Animal-Triste-Wunsch, dass es noch nicht zu Ende sei.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Das ganze Leben

Das ganze Leben

Niklas Trüstedts ernste Gesänge

Wer hätte das gedacht! Ein Gambist schafft es, nur mit sich selbst und seinem Instrument eine ganze Welt zu umschreiben oder zumindest in vierzehn wunderbaren „Gesängen zur Gambe“ anzureißen. Keine Frage, Niklas Trüstedt, den der einschlägige Freund Alter Musik als Veteran der Bewegung kennt, der zahlreiche Konzert-CDs als Solist und Continuospieler an der Gambe bestritten hat, setzt mit dieser ganz persönlichen Einspielung ein Ausrufungszeichen.

Los geht es mit vier Grundformen menschlicher Emotionen, wie sie der schottische Gambist und Komponist Tobias Hume (um 1600) empfand, dann kommt mit dem berühmten spätmittelalterlichen Liebeslied „Douce dame“ gleich der erste Höhepunkt der CD: Trüstedt singt mit einer stimmlichen Klangkunst, die kaum glauben lässt, dass er schon 78 Jahre sein soll, diese Geschichte schmachtender, unerfüllbarer und damit unerfüllter Liebe zu einer hohen Dame. In der Mitte des Tracks verwandelt sich Trüstedt selbst in den Ton der Gambe und betreibt, sich sparsam auf dem Instrument begleitend, eine selbstironische Gamben-Vokalise, die den Zuhörer nach kurzen Momenten der Belustigung doch in eine mitgehende Trance treibt. Großartig.

Ja, Trüstedts „Vierzehn ernste Gesänge“ fesseln schnell – allein durch die Neugier auf das, was wohl als Nächstes kommen wird. Ganz große Klasse, wie er „Mein sind die Jahre nicht“ des Barockpoeten Andreas Gryphius erst als tonunterlegte Sprachausbuchstabierung präsentiert, um die Verse dann in schönem, anrührenden Gesang zu präsentieren und danach an Cluster der Gambe abzugeben, die sehr ahnen lassen, dass längst nicht alle Lebensjahre eitel Sonnenschein sind. So geht es weiter und weiter, souverän durchschreitet Trüstedt in vierzehn Interpretationen existenzielle Themen – Tod, Endlichkeit, Liebe und Lebensfreude –, ohne irgendwo banal zu werden. Vielmehr allerorten große Kunst en miniature! Leider kann auf diesem engen Raum nicht alles davon erzählt werden. Erwähnt werden aber muss auf jeden Fall die berührende Fassung von „Der Tod und das Mädchen“ (Matthias Claudius) auf die berühmte Melodie von Franz Schubert. Um ehrlich zu sein: Dafür lasse ich Peter Schreier und Dietrich Fischer-Dieskau sofort stehen!

Am Schluss des 14-teiligen (Kreuz-?)Wegs steht gehaltvolle Ironie, nämlich wenn Trüstedt etwas ortlos auf der Gambe begleitet singt, dass die Ewigkeit zwar „ein Versprechen längst vergang’ner Zeiten“ sei, aber dann fortfährt: „Doch schlag ich’s vor/Für Zuversicht und Nutzbarkeit/Auf diesem Erdenrund./So gieß ich Blumen/Und fege den Balkon.“ Fazit: Unbedingt kaufen, da durch und durch hörenswert, weil Trüstedts Kunst über „die Kraft zur Inspiration“ verfügt, wie es Hille Perl, die Grand Dame der deutschen Gambenszene, in ihrem Beiheft-Text so richtig beschreibt.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen

Nur von Israel besessen

Nur von Israel besessen

Wer über die Kolonialgeschichte redet, darf nicht in die antisemitische Falle tappen
Foto: privat

Kürzlich fragte mich, eine in Berlin lebende amerikanische Jüdin, eine nichtjüdische Deutsche nach den Themen meiner Arbeit als Journalistin und Übersetzerin. Eines schien ihr besonders interessant: „Ach, Antisemitismus? Mein Bruder interessiert sich sehr für dieses Thema! Man könnte sagen, er ist davon besessen!“ Ich dachte, vielleicht ist ihr Bruder, ein pensionierter Professor eines naturwissenschaftlichen Fachs, zutiefst besorgt um die Opfer von Antisemitismus. Aber nein, es gab nur eine Kategorie von Opfern, die ihn beschäftigte: diejenigen, denen vorgeworfen wird, antisemitisch zu sein, weil sie Israel kritisiert haben.

Es war also nicht das Problem des Antisemitismus selbst, von dem ihr Bruder besessen war. Es ging ihm vielmehr um einen Vorwurf gegen ihn. Aus ihm würde er sich nur auf die einzig mögliche Weise herauswinden können: indem er behauptet, in Deutschland sei keine Israelkritik möglich.

Das ist eine immer wiederkehrende Behauptung, die ich oft gehört habe, seit ich 1997 hierhergezogen bin. Und sie taucht immer wieder in der aktuellen Debatte darüber auf, wie Deutschland mit seiner kolonialen Vergangenheit umgehen soll. Wo das passiert, ist es, als wäre die Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit an sich nicht wertvoll genug. Sie muss vielmehr als Werkzeug dienen, um andere dringende Probleme des Tages anzugehen, und das fällt natürlich oft auf den israelisch-palästinensischen Konflikt zurück.

Es geht nicht darum, jede Israelkritik als antisemitisch abzutun, wie mancher abwehrend argumentieren könnte. Vielmehr wäre zu lernen, wo eine Grenze gezogen werden könnte zwischen ehrlicher Kritik und dem schlecht getarnten Wunsch, dass Israel von der Landkarte verschwindet. Ich wünschte, ich hätte der Frau, die ich kürzlich getroffen habe, gesagt: „Natürlich sind wir uns einig, dass nicht jede Kritik an Israel antisemitisch ist. Und deshalb würden Sie nicht zustimmen, dass manche Kritik es eben doch ist?“ Manche, die die Diskussion über den Postkolonialismus mit Israel in Verbindung bringen, sagen, dass sich Israel von seinem gesamten Territorium zurückziehen sollte – so, wie sich die Europäer aus ihren Kolonien zurückgezogen haben.

Der Vergleich ist fadenscheinig. Was auch immer man von Siedlungen im Westjordanland und dem israelischen Rückkehrgesetz hält: Juden haben praktisch immer in diesem Teil der Welt gelebt. Und wenn man überhaupt an Nationalstaaten glaubt, dann haben Juden genauso viel Recht auf einen wie jeder ihrer Nachbarn. Diejenigen, die Israel mit einer Kolonialmacht vergleichen, scheinen sich seine Auflösung zu wünschen und sollten dies sagen. Sie sollten aufhören, sich in dem Schafspelz der postkolonialistischen Aufklärung zu verstecken. Natürlich müssen sich alle Menschen in Deutschland mit der deutschen Kolonialgeschichte beschäftigen. Es müssen unter anderem Wiedergutmachungen geleistet und gestohlenes Kulturerbe zurückgegeben werden. Auch mein Heimatland, die USA, muss sich seiner Vergangenheit stellen, etwa der Sklaverei und Entrechtung von Schwarzen über Jahrhunderte.

Aber es gibt eine rote Linie in der deutschen Diskussion. Ob in der Kontroverse um Äußerungen von Achille Mbembe oder von Kuratoren auf der Documenta: Die Tendenz, intersektionale Ansätze zu suchen, führt manche Aktivisten von ihrem erklärten Ziel – der Befreiung von Unterdrückung – weg. Und in den Treibsand der Verharmlosung, der Relativierung oder gar des Antisemitismus. Vor allem, wenn sie den jüdischen Staat allein auffordern, sein Unrecht zu korrigieren, indem er aufhören soll, sich gegen existenzielle Bedrohungen zu verteidigen.

Wer sagt, er könne in Deutschland seine Meinung zu Israel nicht frei äußern, sollte wissen: Israelkritik war hier nie verboten, und es ist auch nicht illegal, sich den Untergang Israels zu wünschen. Zwar hat die Bundesregierung offiziell die Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) als Leitlinie übernommen, die einige Äußerungen der Israelkritik für antisemitisch hält. Aber selbst nach dieser Richtlinie (die kein Gesetz ist) ist der Spielraum für Kritik an Israel ziemlich groß.

Kurz gesagt, genauso wie Zionisten nicht vor einer ehrlichen Diskussion mit Kritikern einiger israelischer Politiken zurückschrecken sollten, sollten auch Kritiker Israels – einschließlich derer, die ihre Kritik in Empörung über die Ungerechtigkeiten des Kolonialismus kleiden – eine ehrliche Debatte führen. Sie sollen es deutlich machen können, dass sie nicht versuchen, Israel zu demontieren. Beide Seiten sollen klarmachen, dass sie auch bereit sind, selbstkritisch zu sein. Ansonsten ist keine Diskus­sion möglich. Es ist in Ordnung, wenn Kritik an der israelischen Politik zu ihren Lieblingszielen gehört. Aber wenn sie offensichtlich nur von Israel so besessen sind, sollten sie einen Schritt zurücktreten und sich fragen, warum. Wenn all ihre Wege der postkolonialen Kritik nach Israel führen oder all ihre Sorge um den Antisemitismus nichts mit seinen Opfern zu tun hat, ist auf ihrem Weg etwas faul. 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Gesellschaft"

Ungeahnte Möglichkeiten

Ungeahnte Möglichkeiten

Klartext
Foto: privat

Die Gedanken zu den Sonntagspredigten für die nächsten Wochen stammen von Anne-Kathrin Kruse. Sie ist Dekanin i.R. in Berlin.

Klatschende Bäume

Sonntag Sexagesimae, 12. Februar

Sucht den Herrn, jetzt ist er zu finden! Ruft zu ihm, jetzt ist er nahe! … Regen oder Schnee fällt vom Himmel und kehrt nicht dahin zurück, ohne die Erde zu befeuchten … So ist es auch mit dem Wort, das von mir ausgeht: Es kehrt nicht wirkungslos zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will. Berge und Hügel brechen in Jubel aus, wenn sie euch sehen. Die Bäume in der Steppe klatschen in die Hände. (Jesaja 55,6.10a.11.12b)

Die Kriegskatastrophe, die 587 vor Christus über die Israeliten hereinbrach, belastet die nach Babylon Deportierten schwer. Ihre Heimat mit dem Tempel in Jerusalem liegt in Trümmern. An den Nerven zerren die Sorgen des Alltags, dass sie genügend Nahrung und Wasser haben und gut durch den Winter kommen. Und fraglich geworden sind den Israeliten auch die Verheißungen Gottes, dass sich alles zum Guten wendet. Die Verschleppten beherrscht die Sehnsucht, von Gott gehört zu werden, nachdem die Grundfesten des Lebens ins Wanken geraten sind. Und umgekehrt empfindet Gott die Sehnsucht, dass die Menschen ihn wieder suchen und seine Weisungen zu einem Leben in Gerechtigkeit wichtig nehmen.

In manchem von dem können wir uns wiederfinden. Denn auch angesichts von Pandemie, Krieg und Klimakatastrophe gilt plötzlich nicht mehr das, was anscheinend unverrückbar war. Auch wir, die in einem der reichsten Länder der Erde leben, bekommen die Folgen jahrzehntelanger Versäumnisse jetzt zu spüren. „Es muss sich doch etwas ändern!“, fordert die „Letzte Generation“. Und andere resignieren.

Wer im Februar in Israel durch die Wüste fährt, erlebt ein überwältigendes Naturschauspiel: Nach Regen oder Schnee grünt und blüht es gewaltig. Wo gestern noch eine graugelbe Steinwüste zu sehen war, leuchten auf einmal tausende Anemonen, Lilien und Krokusse. Und so gewiss wie Regen und Schnee vom Himmel fallen, überwindet Gottes Wort die unendliche Distanz zwischen ihm und dem Menschen. Er weicht verhärtete Herzen auf und macht sie lebendig. Er richtet auf, lässt aufatmen und macht Hoffnung auf ungeahnte Möglichkeiten. „Gott hält sein Wort mit Freuden, und was er spricht, geschicht“ (EG 302,4).

Eine tröstende Verheißung wie die Jesajas, dass Gott wirklich hört und sein Wort etwas bewirkt, ja zum Guten wendet, brauchen wir jetzt. Am 6. Februar feiern Jüdinnen und Juden das Neujahrsfest der Bäume. Mit dem Säen von Samen und Setzen junger Bäume wird an die Schönheit und Fruchtbarkeit der Schöpfung erinnert, aber auch daran, dass gut Ding Weile haben will. Lasst euch aufrichten von Gottes großen Gedanken und seinen unmöglichen Möglichkeiten. Wer hätte denn gedacht, dass Bäume vor Freude einmal in die Hände klatschen?

 

Wie ein guter Film

Estomihi, 19. Februar

Wenn ich … wüsste alle Geheim­nisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts … Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. (1. Korintherbrief 13,2)

Berlinale-Fieber: Rote Teppiche, ausverkaufte Kinos und Filme, die zeigen wie Menschen lustvoll und verzweifelt leben, sich nach Bedeutung und Anerkennung sehnen und in leidenschaftlicher Liebe preisgeben. Ja, die Liebe ist vielleicht das Wichtigste in dieser elend-schönen Welt. Aber was ist Liebe?

Das kleine bunte Pflaster, das uns jemand auf das blutende Knie klebt. Das Hand in Hand Gehen mit der oder dem Geliebten. Der Kuss nachts auf der Straße. Die Stunden am Krankenbett. Das Halten der faltigen Hand. Das Taschentuch für die bitteren Tränen, die jemand vergießt. Aber auch das klare Wort, das ich sonst nicht hören mag.

Kilometer weiser Literatur haben uns nicht befähigt, die Liebe präzise zu beschreiben. Sie erwischt uns und lässt uns nicht los. Selbst Paulus lässt sich zu einem leidenschaftlichen Liebeslied hinreißen, Poesie für die zerstrittene Gemeinde in Korinth. Eigentlich hat sie ein starkes Potenzial: festen Glauben, theologischen Scharfsinn und eine Spiritualität bis hin zur Ekstase. Aber statt diese Stärken in die Gemeinde einzubringen, erschöpfen sich die Mitglieder in Selbstinszenierung, Arroganz und Abgrenzung. Da schlägt Paulus andere Töne an: Ohne die Liebe wird aus dem befreienden Wort Gottes moralinsaures Gewäsch und aus der guten Tat eine Last, die Leidenschaft abtötet.

Ohne die Liebe zu den Menschen geht eine Gemeinde kaputt. Diese Erkenntnis ist nicht neu. So entfaltet der Jude Paulus nur, was von Gott schon immer bekannt war: Die Liebe ist die Erfüllung der Tora als guter Weisung Gottes, sowohl in der Liebe zu Gott als auch in der Liebe des Mitmenschen („denn er ist wie du“) bis hin zur Liebe des Fremden. Und diese Liebe ist mehr als ein diffuses Gefühl oder eine momentane Hochstimmung. Sie befähigt und ermutigt den Menschen vielmehr, über sich selbst hinauszuwachsen bis hin zur Liebe des Feindes. Das bedeutet nicht, Gewalttätern warmherzige Gefühle entgegenzubringen. Feindesliebe ruft vielmehr dazu auf, sich zu überwinden und Feinden ohne Hass und mit Versöhnungsbereitschaft zu begegnen.

Die Liebe tut etwas, packt mit an und – ist dabei erstaunlich vernünftig. Denn sie tritt auf die Füße, fragt nach, wo Lügen verbreitet werden, macht sich die Hände schmutzig, hält uns den Spiegel vor und zeigt, wozu wir fähig sind und wie dünn unsere zivilisatorische Decke ist.

Noch sind das alles nur Bruchstücke. Mein Leben bleibt Fragment, auch mein Glauben, Lieben und Hoffen. So ist der Weg der Liebe kein leichter. Denn ständig stoße ich an Grenzen. Deshalb brauche ich den liebenden Blick Gottes auf meine Unvollkommenheit, seine Geduld, seine Vergebung. Und – die Ahnung von etwas Vollkommenen. Dass dieses Leben im Hier und Jetzt nicht aufgeht. Dass es eine Bedeutung und eine Würde hat, die wir nicht selbst schaffen können.

Davon erzählen gute Filme. Und darüber schreibt Paulus: Nichts wären wir ohne die Liebe, die uns ins Leben rief und seitdem nicht mehr verlassen hat. 

 

Dein Wille geschehe?

Invokavit, 26. Februar

Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? (Hiob 2,10)

Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn ich unbeschreibliches Leid erlebt hätte wie viele Menschen in Kriegen. Auch Hiob hat auf einen Schlag alles verloren, was ihm lieb ist, seine Habe, seine Gesundheit und seine Familie. Dennoch hält er treu zu Gott. Ja, er verteidigt ihn noch. Freunde kommen und stehen ihm bei. Sieben Tage lang schweigen sie mit Hiob. Kein „Das wird schon! Es kommen wieder bessere Tage.“ Trost wird dann zur Lüge, wenn sie Klage und Trauer nicht zulässt. Trösten heißt eben nicht, das Leid zu beschönigen und Gott verteidigen zu müssen, sondern vielmehr einer trostlosen Welt standzuhalten, die einen um den Glauben und den Verstand bringt.

Der Gottesdienst am Sonntag Invokavit wird zwei Tage nach dem Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine gefeiert. Wer weiß, wie viele angesichts des Grauens ihren Glauben verloren – oder auch erst gefunden haben? An Gott zu glauben, sichert nicht unsere Versorgung, bietet keinen lebenslangen Schutz, verhindert aber ein „Wie ich dir, so du mir“. Hiob wendet sich nicht von Gott ab. Im Gegenteil! Er konfrontiert ihn mit einer rückhaltlosen Offenheit und Schärfe, die in der Bibel ihresgleichen sucht.

Und Gott? Er gibt Hiob recht, trotz dessen wütender Anklagen. In der Konfrontation hat Hiob zu Gott gefunden: „Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut“ (42,8). Gerade in der Not dieses Krieges hat Gott ein Ohr für die Opfer und ihr Schreien nach Gerechtigkeit.

 

Falsche Auslegung

Reminiszere, 5. März

Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben. Habt ihr  denn nicht dieses Schriftwort gelesen (Psalm 118,22–23): „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unseren Augen“? (Markus 12,9–11)

Jesu Gleichnis von den „bösen Weingärtnern“ (Luther 2017) beginnt mit einem Idyll. Jemand legt einen Weinberg an – in der Bibel Sinnbild für Wohlstand und Frieden. Und sogleich zerbricht dieses Idyll an vielschichtigen Gewalterfahrungen. Durchaus realistisch wird die verzweifelte Situation von Kleinbauern in der römisch besetzten Provinz Judäa beschrieben, die sich als Pächter der Weinberge, die ihnen gehört hatten, hoffnungslos verschuldeten und verarmten.

Die Opfer ökonomischer Ungerechtigkeit und Gewalt werden selbst zu Mördern. Und auch die Wirkungsgeschichte dieses Textes hat eine Spur der Gewalt nach sich gezogen: Die antijüdische Tradition, dass Gottes Verheißung vom jüdischen Volk weggenommen und auf die Kirche von Heidenchristen übertragen worden sei, hat in diesem Gleichnis einen Ausgangspunkt. Geht man davon aus, dass sich das Christentum aus den Völkern erst nach der Entstehung des Neuen Testamentes herausgebildet hat, handelt es sich in der Auseinandersetzung Jesu mit den Hohenpriestern und Schriftgelehrten um eine Angelegenheit zwischen messiasgläubigen Juden und den Juden, die die Messianität Jesu ablehnen.

Der Psalm 118 aber lenkt den Blick weg von den Weingärtnern und hin zu Gott, der Israel als sein geliebtes Volk aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit führt. Mitten in Verschuldung und Gewalt leuchtet er als Hoffnungsstrahl auf. Und was hat das mit uns Christen zu tun? Wo sehen wir uns in diesem Gleichnis: Als Gärtner eines anvertrauten Landes? Als drangsalierte Pächter, die durch die geforderten Abgaben in ihrer Existenz bedroht sind? Oder als diejenigen, die sich im Recht sehen, obwohl sie von der strukturellen Ungerechtigkeit profitieren?

Klimagerechtigkeit ist mittlerweile in aller Munde. Aber während kaum eine Politikerin es wagt, das Wort „Verzicht“ in den Mund zu nehmen, steht dieser weiße Elefant schon lange im Raum. „Reminiszere“ heißt dieser Sonntag in der Passionszeit: „Gedenke, Gott, an deine Barmherzigkeit“ (Psalm 25,6). Mindestens so sehr, wie wir Gottes Barmherzigkeit brauchen, brauchen die Ärmsten der Armen unser verantwortliches gerechtes Handeln zum Überleben.

Und nicht zuletzt muss die christliche Bibelauslegung umkehren: Nicht zuerst den Splitter im jüdischen Auge suchen, bevor sie dem Balken im eigenen Auge auf die Spur gekommen ist.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Religion"

Nächstenliebe mit Nachschlag

Zuletzt legt Thomas Zullinger die große Bockwurst behutsam auf den tiefen Teller in die dampfende Kartoffelsuppe. Es soll ja nichts überschwappen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Jüdisches Fundament

Erstmals kam ich in einem kirchengeschichtlichen Seminar mit der Schrift De ciuitate dei in Berührung, die Augustin (354 – 430) verfasste.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung oder über dem Versandetikett ihrer Zeitschrift. Die Kundennummer ist eine 10-stellige Zahl die mit der Ziffer 4 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt. Beim erneuten Zugriff auf die Seite behält sich diese Ihre Kundennummer.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
abonnieren