Historische Linien

Historische Linien

Gegen Antisemitismus

Mittlerweile sind zahlreiche Arbeitskreise, Foren, Tagungen im Bereich des christlich-jüdischen Dialogs etabliert. Das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ ist im vollen Gange. Erschreckend aber ist, wie aktuell Antisemitismus ist – und wie vergleichsweise kurz die Geschichte seiner Bekämpfung und des Dialogs, in dem es auch künftig noch viel zu tun gibt.

Umso wichtiger ist es, die historischen Linien aufzuzeigen, aus der seit einigen Jahrzehnten ein immer konstruktiveres Miteinander erwachsen ist. Joshua Ahrens zeichnet in seiner Dissertation den Weg der Annäherung der Christen und Juden nach, die mit der „Seelisberger Konferenz“ in der Schweiz von 1947 einen Meilenstein erreichte. Sie wurde vom Internationalen Rat der Christen und Juden, von Amerikanern und Europäern gemeinsam vorbereitet. Sie war jedoch weniger eine Dialog-, sondern vielmehr eine Dringlichkeitskonferenz zur Bekämpfung des Antisemitismus, an der siebzig Personen teilnahmen. Die Versuche, Schlüsselfiguren wie Thomas Mann, Jean-Paul Sartre oder Eleanor Roosevelt einzuladen, zeigen, welchen Stellenwert sie haben sollte.

Protagonisten auf dem Weg werden durch biografische Skizzen vorgestellt und so deren Handlungsmotive deutlich. Der Seitenblick auf die Entwicklungen der (Bekennenden) Kirche in Deutschland beschreibt (etwas knapp) die dortige Lage und die impliziten Konflikte. Eindrucksvoll wird hier erstmals der internationale Zusammenhang erläutert, in dem die Akteure tätig waren: die Verbindungen zwischen christlichen und jüdischen Initiativen und Kreisen in den USA, Großbritannien und der Schweiz, die Rolle des entstehenden Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Genf, die Bedeutung der Vereinten Nationen und der UNESCO.

Schon seit Beginn der 1930er-Jahre hatten sich erste Kooperationen entwickelt, zunächst hauptsächlich auf die Flüchtlingsarbeit bezogen. Erste Dialog-Tagungen fanden in Wipkingen (1938/39) statt, dann in Walzenhausen (Ende 1943). Vor allem auf der Konferenz in Oxford im Sommer 1946 wurden nicht nur die Weichen für einen vertiefenden Dialog gestellt, sondern bereits wesentliche Fragen erörtert. Nach Seelisberg entstand der institutionelle Dialog in Europa, auch durch die Gründung des International Council of Christians and Jews (ICCJ). Ahrens zeigt, wie wichtig einzelne Personen im Vorfeld gewesen sind, die das Gespräch initiierten und voranbringen konnten, wie Karl Barth, der Rabbiner Zwi Chaim Taubes oder Adolf Freudenberg, Pfarrer der Bekennenden Kirche (BK) und Mitarbeiter des „Büro Grüber“, der seit Ende der 1930er-Jahre das Flüchtlingssekretariat des Vorläufigen ÖRK leitete.

Zu den treibenden Kräften gehörten Hans Ornstein und Henry N. MacCracken oder Everett R. Clinchy, die vor allem organisatorische Fragen voranbrachten. Amerikaner und Europäer vertraten in den Prozessen durchaus unterschiedliche Positionen, etwa im Blick auf die Frage einer Mitgliedschaft in der UNESCO.

Ahrens ist Mitverfasser der bahnbrechenden „Orthodoxe(n) rabbinische(n) Erklärung zum Christentum„ vom Dezember 2015, in der sie für einen umfassenden Dialog jüdischer und christlicher Partner plädieren, ohne bestehende Differenzen zu überdecken. Die hier nun vorgelegte Arbeit zeigt, wie wichtig es ist, sich mit den historischen Wurzeln des Dialogs zu befassen, um ihn weiter voranzubringen. Bisweilen entsteht bei der Lektüre das Gefühl, selbst bei der Tagung in Seelisberg dabei zu sein. Das Eindrücklichste an der Darstellung ist das Sichtbarmachen des enormen Potenzials an vorausschauendem Wissen, das noch immer in dieser Gründungsurkunde des Dialogs liegt.

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Sorgfältig

Sorgfältig

Pandemie gestern und heute

Wird sich die Welt durch die Corona-Pandemie verändern? Eine Antwort lässt sich geben, wenn man mit Volker Reinhardt zurückblickt. Der führende Italien-Historiker der Universität Fribourg legt eine Studie zur Großen Pest des 14. Jahrhunderts vor. Er zeigt mittels zeitgenössischer Pestberichte gesellschaftliche Veränderungen auf, die bedeutsam gewesen sind. Außerdem zieht Reinhardt Parallelen zur gegenwärtigen Situation.

Damals wie heute würden sich während der Pandemie kollektive und individuelle Verhaltensweisen wandeln. Im Zeichen der Angst werde „die Ratio als Gradmesser des Handelns weitgehend verdrängt“, so Reinhardts Analyse. Außerdem hätten beide Pandemien Auswirkungen auf die Kommunikation und das Sozialgefüge. Eine Atmosphäre des Misstrauens käme in pandemischen Zeiten auf, gekennzeichnet von ungehemmter „Lust an der Denunziation, heftiges Wuchern von Feindbildern, das Aufkommen abstruser Verschwörungstheorien“. Reinhardt verdeutlicht aber auch die Belastungsprobe für Politik und Akteure. Er arbeitet schließlich die allgemeine Erwartungshaltung heraus, dass nach dem Ende der Pandemie alles besser werden würde.

Doch diese Erwartung habe sich im Mittelalter nicht erfüllt, belegt Reinhardt anhand des Materials aus Italien, Avignon und deutschen Städten. Auch lasse sich weder quantitativ bemessen noch flächendeckend feststellen, dass die existentielle Krise zu einer vertieften Frömmigkeit geführt habe (memento mori). Es könne auch nicht davon gesprochen werden, dass sich hedonistische Tendenzen (carpe diem) in Folge der Pest durchgesetzt haben. Einzelbelege, die Reinhardt dazu anführt, widersprechen dieser Gesamteinschätzung nicht.

Die Pandemie des Mittelalters habe jedoch zu einer gewissen Distanz zur Kirche und ihrer Hierarchie beigetragen. „Die Kirche hatte keine allgemein befriedigende Deutung der Katastrophe zu bieten und wurde durch ihr Auftreten im Verlauf der Pest insgesamt entzaubert.“ Zugleich könne aber von einer Zunahme individueller Frömmigkeit gesprochen werden. Reinhardt stellt mit Blick auf das Mittelalter fest: „Im Augenblick der höchsten Not konnte die Lehre also lauten, dass es auch ohne Kirche ging, nicht jedoch ohne Glauben …“

Hier liegen die Parallelen zu unserer Zeit auf der Hand: der Relevanzverlust von Kirche, der sich mit der Schockstarre vor dem Unbekannten, dem Verbot von Gottesdiensten, dem Rückzug auf digitale Formate und nicht zuletzt mit einer Minimierung von seelsorglichen Kontakten belegen ließe, wird zu diskutieren sein.

Reinhardts Darstellung der Auswirkungen der mittelalterlichen Epidemie auf die jeweiligen Regierungsformen der Peststädte ist beeindruckend. Er stellt unter anderem den Putschversuch in Venedig im Gefolge der Pest dar, die diese Stadt besonders hart traf. Er zeichnet die „Machtergreifung“ des Despoten Luchino Visconti, die zum „Wunder von Mailand“ führte, nach, weil dieser die Pestopfer einmauern ließ und damit die Stadt weitgehend vor der Pest verschonte. Übrigens: Ein Ruf nach einem neuen Visconti wurde in der Pandemie 2020 in Italien auch wieder laut. Außerdem sieht Reinhardt den Aufstieg der Medici in Florenz durch die Pest und ihre Folgen begünstigt.

Reinhardts Fazit lautet: Durch eine Epidemie sei in der Vergangenheit noch niemals eine neue Epoche eingeläutet worden. Die Erfahrung der Pandemie habe keine „völlig neuen Ideen oder Verhaltensweisen hervorgebracht, sondern mit ihren Erschütterungen lange vorher angelegte Überzeugungen, Grundhaltungen und Entwicklungstendenzen gefestigt und verstärkt … “ Nach der Überwindung der Corona-Pandemie sei also zu erwarten, dass „… der Wille zum Vergessen und zur Rückkehr in die vertrauten Bahnen überwältigend sein wird“.

Ob das nun eine gute Botschaft ist, sei dahingestellt. Reinhardts sorgfältige Analyse der mittelalterlichen Entwicklungen ist jedenfalls ein spannender Beitrag zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie des 21. Jahrhunderts.

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Fein komponiert

Fein komponiert

Kirchengeschichte und Karl Holl

Es gibt solche Sammelbände und solche. Die einen binden achtlos disparate Aufsätze zu einem gerade angesagten Thema zusammen – im Irrglauben, dass so etwas „Buch“ genannt werden dürfte. Die anderen aber widmen sich einem Thema, das wirklich interessant, zugleich aber zu vielschichtig ist, als dass ein einzelner Autor ihm gerecht werden könnte. So ist es bei diesem bewundernswürdigen Band über Karl Holl.

Holl (1866 – 1926) war wohl der bedeutendste evangelische Kirchenhistoriker des 20. Jahrhunderts: von furchteinflößender Gelehrsamkeit und theologischem Tiefsinn, positionell und politisch nicht eindeutig zuzuordnen, zudem eine beeindruckende, aber nicht eben einfache Persönlichkeit. Man kann sagen, dass mit ihm die moderne Luther-Forschung begonnen hat. Aber auch für die Geschichte der Alten Kirche hat er die Grundlagen mitgeschaffen, und sein ökumenischer Sinn war so weit, dass er auch Substanzielles zur Geschichte des östlichen Christentums verfasste. Dabei verband er, was sonst selten zusammenfindet, nämlich die Bereitschaft, in entsagungsvoller Kleinarbeit die editorischen und archivalischen Vorarbeiten zu leisten, sowie die Fähigkeit, das nun zuverlässig zubereitete Quellenmaterial einer Deutung zu unterziehen, die der eigenen Gegenwart zu denken gibt.

Man kann dies in den drei Bänden seiner Aufsätze und Vorträge zur Kirchengeschichte, die immer noch in jedes gute theologische Haus gehören, nachvollziehen. Besonders beeindruckend ist seine Luther-Deutung, weil sie zum einen minutiös die Grundzüge seiner Theologie analysiert und zum anderen Luther – mit Søren Kierkegaard gelesen – kritisch gegen das bürgerliche Zeitalter in Stellung bringt. Natürlich kann man heute fragen, ob sein Gewissensbegriff, der das Zentrum seines Religionsverständnisses und damit seiner Lutherdeutung bildet, nicht allzu aufgeladen ist. Aber das nimmt dieser „Krisentheologie mit Luther“ nichts von ihrer Faszination.

Der Greifswalder Systematische Theologe Heinrich Assel hat nun einen fein komponierten Band zusammengestellt. Ausführlich stellt er die Biografie dieses irgendwie Heimatlosen vor, der zur Kirche Distanz hielt und in der Wissenschaft seine Berufung fand, aber nicht sein Glück. Mehrere Aufsätze widmen sich seinen Arbeiten zur Patristik und verschiedenen Aspekten seiner Lutherdeutung. Um Holl als Menschen, als intellektuelle Person, näherzukommen, untersucht Christian Nottmeier seine Beziehung zu Adolf von Harnack und Alf Christophersen sein Verhältnis zu Ernst Troeltsch. Diese Konstellationen sind überaus sprechend. Der qualitäts- und verantwortungsbewusste Harnack förderte seinen Schüler nach Kräften. Große Vorhaben gelangen ihnen gemeinsam. Aber sie waren zu verschieden, so dass sie einander am Ende fremd werden mussten. Neben wachsenden politischen Unterschieden trennte die beiden auch ihr Naturell. So stieß sich Harnack an Holls Unfähigkeit, irgendetwas im Leben leichtzunehmen. Der fast gleich alte Ernst Troeltsch muss Holl häufig gehörig auf die Nerven gegangen sein. Denn mit den Quellen nahm dieser es im Flug seiner Gedanken nicht so genau. Dennoch entspann sich zwischen beiden ein interessanter Austausch.

Schade ist nur, dass dieser Band Holls Schüler kaum berücksichtigt. Denn an ihnen, zum Beispiel Paul Althaus oder Emanuel Hirsch, ließe sich zeigen, wie aus einer nonkonform-„konservativen“ Grundeinstellung im und nach dem Ersten Weltkrieg ein rabiater Nationalismus und bitterer Antiliberalismus werden konnte. Aber wäre dies nicht einen Folgeband wert?

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Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.


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Schwurbelfrei

Schwurbelfrei

Zukunft des Gottesdienstes

Dieses Buch wirkt mindestens so erfahrungshungrig wie -gesättigt. Denn der Autor Thomas Hirsch-Hüffell hat mehr als zwanzig Jahre eines der ersten landeskirchlichen Gottesdienstinstitute geleitet, dasjenige der Nordkirche in Hamburg. Hirsch-Hüffell und seine Kolleginnen haben Pfarrkonvente und Vikarskurse mit Chancen und Klippen liturgischer Präsenz vertraut gemacht, dankenswerterweise auch über die eigene Landeskirche hinaus. Ebenso wurden Gemeinden vor Ort in ihren eigenen Räumen im Blick auf Gottesdienste beraten und ermutigt.

Dabei hat den evangelischen Theologen die Sehnsucht nach Gottes Glanz im Angesicht von Menschen angetrieben und auch jetzt nicht verlassen – das ist dem Buch abzuspüren. Wer es studiert, findet vielfach erprobte alte und neuere Schätze zum Gottesdienst. Jedoch alle von ihnen ziehen Fragen und Ausblicke nach sich, Stehenbleiben ist nicht hilfreich. Denn am Gottesdienst zu arbeiten, heißt Ausprobieren, dabei Wege und Irrwege einschlagen, reflektieren und dann üben, üben, üben: langer Atem, ohne langatmig zu werden.

 

Gottesdienste sind nach wie vor jeder Mühe wert, aber sie verändern sich. An etlichen Stellen wird Kritik am – gleichwohl geliebten – „Bollwerk“ Hauptgottesdienst am Sonntag um zehn Uhr geübt. Denn er bindet viele Kräfte und verhindert so viele gottesdienstliche Ereignisse in alltäglichen, kleineren Formen. Davon bietet das Buch eine Fülle von Beispielen, so für „Kirche aus dem Häuschen“ jenseits des klassischen Freiluftgottesdienstes: Predigt vor dem Supermarkt, Taufe am Strand, gerne in Zusammenarbeit mit kommunalen Partnern.

Heute sind Kirche und Glaube begründungspflichtig, früher war es umgekehrt. Das hat Hirsch-Hüffell am eigenen Leibe erfahren, denn er ist ohne kirchliche Riten aufgewachsen. Doch er hat sich bewahrt, Sakrosanktes mit nüchternem Abstand in den Blick zu nehmen. Aber gleichzeitig eine tätige Liebe zu liturgisch gebundenen Formen zu pflegen.
Denn bei allem gottesdienstlichen Feiern möge zum Ausdruck kommen: „[Das] wirklich ist, was es sagt, dass es sei.“ Gottesdienste können nicht informativ behauptend gefeiert werden, sondern nur performativ vollziehend. Dabei geht kaum etwas allein und schon gar nichts ohne Ehrenamtliche. Der Gottesdienst geht über in die Hände vieler.

Im ersten Teil „Wie geht es dem Gottesdienst allgemein?“ zeichnet der Autor Neuentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte nach, markiert Gottesdienstlandschaften und Erfahrungen mit Körperlichem, Räumlichem und verschiedenen Sinnen im Gottesdienst.

Im folgenden „Gottesdienst im Detail“ geht er an den Stationen entlang und bietet ein Füllhorn an Gestaltungsvariationen dar. Es finden sich Tipps zur Zelebration von Psalmen und welche für präsentes Predigen. Verschiedene Austeilungswege von Brot und Kelch beim Abendmahl sind skizziert, teils mit konkreten Positionszeichnungen und knapp gehaltenen Regeln. Hinweise zu verschiedenen Orten von Stille im Gottesdienst sind konkret formuliert und – hilfreich – Hinweise zum Ge- und Misslingen erörtert. Alles in präziser, dabei oft lakonisch-poetischer Sprache – stets schwurbelfrei.

Teil drei nimmt alte und neue Kasualien in säkularer Zeit in den Blick, darin besonders eindrucksvoll: Beichte als Selbstbefragung und eine Themensammlung für Lebenspredigten anlässlich von Bestattungen.

Der vierte Teil „Arbeit an der Zukunft des Gottesdienstes“ markiert Unbewährtes, noch zu wenig Erprobtes. So den Mut zur Lücke in der Fläche: An einem Sonntag mal mit allen Pastores der Region gemeinsam Gottesdienst feiern und erfahren, dass er so alle für ihre anderen Dienste stärken kann.

Auch vermeintlich bewährte Zweite-Programm-Gottesdienste setzen Staub an und sind nur noch begrenzt attraktiv. So heißt es immer – weiterziehen.

Am Schluss steht ein großer Doppelpunkt: eine Internetadresse mit Zugangscode für alle, die hungriger geworden sind bei der Lektüre des Buches auf Methoden, wie Gottesdienst gelernt, geübt und fortentwickelt werden kann. Ein Vermächtnis mit Blick nach vorn, auch wenn zur Abfassungszeit des Buches die pandemiebedingten Onlineformate noch nicht so prominent im Blick sein konnten. Es befördert die Lust, die Zukunft des Gottesdienstes am Ort sofort zu beginnen. Ein Stück wirklich praktische Theologie im besten Sinne.

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Geschichte aller

Geschichte aller

Über das Gehen

Die Erinnerung hat sich fest ins Gedächtnis eingebrannt. Denn der heimische US-Amerikaner erkannte die Touristen sofort: zwei Westeuropäer im Urlaub in den Südstaaten, die als einsame Gestalten außerhalb der Innenstadt die Umgebung zu Fuß zu erkunden suchten. In den USA heißt es: „Entweder sie können sich kein Auto leisten oder sie kommen aus Europa.“ Aber das erfuhr die Urlauberin erst später. Eine Entdeckung beim Gehen ist die US-Amerikanerin und Kulturhistorikerin Rebecca Solnit, die selbst unermüdlich zu Fuß geht und spaziert, wie der Lesende ihrer fulminanten Geschichte des Gehens unter dem Titel Wanderlust erfährt.

Schon vor zwanzig Jahren im englischen Original erschienen, liegt ihr kulturhistorisches Werk nun auf Deutsch vor. Und es hat nichts an Aktualität eingebüßt. Solnit nimmt ihre Leserschaft mit auf ihren Streifzug vornehmlich durch ihre kalifornische Heimat, durch den Joshua-Tree-Nationalpark, den von Yosemite oder durch Las Vegas und San Francisco, die Stadt, die den Ruf genießt, die europäischste der amerikanischen Städte zu sein. Die Schriftstellerin und begnadete Essaystin hält sich draußen im öffentlichen Raum auf. Sie weiß, dass in vielen neuen Städten öffentlicher Raum schon gar nicht mehr vorgesehen ist, Straßen keine Gehwege mehr haben und Städte designt sind für ihre motorisierten Bewohner. Und dass heutzutage „viele Menschen in einer Aneinanderreihung getrennter Innenräume leben – Zuhause, Auto, Fitnessstudio, Büro, Geschäfte“.

„Die Geschichte des Gehens ist eine Laiengeschichte, so wie Gehen eine Laienhandlung ist“, schreibt Rebecca Solnit. Und sie beginnt mit den Philosophen, den philosophischen Schriftstellern wie Jean-Jacques Rousseau oder Søren Kierkegaard, mit Paläontologen und Anthropologen. Schließlich bringt die Rhythmik des Gehens eine Art Denkrhythmus hervor: Es entsteht eine „sonderbare Übereinstimmung zwischen innerer und äußerer Bewegung“. Wie Menschen zu Zweibeinern wurden, über anatomische und funktionale Details und den aufrechten Gang klärt sie mit einem Blick in die Evolutionsgeschichte und mit einem Exkurs in die Bipedie auf, die Zweifüßigkeit.

Was hat Solnit bewogen, eine Geschichte des Gehens zu verfassen? Es waren Atomwaffen, die sie das erste Mal mit dem Thema in Berührung brachten. In den 1980er-Jahren nahm sie an Demonstrationen am Nevada-Testgelände teil, wo die USA seit 1951 Atombomben zündeten. Solnit betont, dass diese Demonstrationen Formen des Spaziergangs annahmen. Ihr Buch, geteilt in 17 Kapitel, hält Seite für Seite die Höhe, zieht den Lesenden in seinen Bann und reißt ihn mit. Es besticht durch seine Klugheit und Gelehrsamkeit, seine Assoziationsketten und durch seinen lesbaren Stil, genauer: durch seine lustvolle Prosa.

Eine der Grundformen des Gehens, das Pilgern, nimmt sie in ihrem vierten Kapitel in Augenschein und nennt es „Gehen auf der Suche nach etwas Ungreifbarem“. Auf dem Santuario de Chimayo, einer berühmten amerikanischen Pilgerstätte im Norden von New Mexico, verknüpft sie virtuos eigene Erlebnisse und Erfahrungen mit denen von Regisseuren oder Schriftstellern wie Werner Herzog oder Lew Nikolajewitsch Tolstoi. Ein anderes Mal beschreibt sie die Erfindung des Landschaftstourismus von Karl Philipp Moritz über Jane Austen und die britischen Schriftsteller William Wordsworth und Thomas Harding.

Dass das Wandern und Gehen sowohl physische und geistige Freiheit in diesen Zeiten verband, deuten viele Schriftstellerinnen an. „Für die Autorin und ihre Leserinnen … drücken diese einsamen Wanderungen die Unabhängigkeit aus, die die Heldin buchstäblich aus der gesellschaftlichen Sphäre der Häuser … hinausträgt, in eine größere, abgeschiedenere Welt, in der sie ihren Gedanken freien Lauf lassen kann“, formuliert Solnit über Jane Austens Stolz und Vorurteil. Gehen ist auch eine Emanzipationsgeschichte.

Ob einsame Spaziergänger, Frauen im öffentlichen Raum, Wandervereine – Rebecca Solnit geht von einem zum anderen, auch über Zeiten, immer elegant und tiefgründig.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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Sehnsuchts-Sound

Sehnsuchts-Sound

Hölderlin und die Harmonie

Ja, was hat uns der Mann noch zu sagen? Das werden manche fragen angesichts hochgespannter Sprache und Weltsicht. Die Handlung dieses Briefromans (die Briefe gehen an den deutschen Freund Bellarmin) ist wenig bewegt: Zwar stürzt sich der Grieche Hyperion in den Freiheitskampf seiner Landsleute gegen die Türken, zwar findet er einen Guru (der das Land verlässt), einen Kampfgefährten und idealischen Herzensfreund (der flieht), und schließlich die Frau seines Lebens, Diotima, auch sie zeitweise Briefpartnerin (sogar ihre Antworten werden zitiert, Doris Wolters liest sie). Ihr ist kein langes Leben beschieden, Hyperion wird zum Eremiten. Aber den Freiheitskrieger nimmt man Hyperion (und Hyperion, das ist Hölderlin) ohnehin nicht so recht ab, mag er auch von blutigen Kämpfen berichten. Ihm, dem zutiefst Harmoniebedürftigen, schwebt eine Menschheit vor, die sich in hochsinniger Harmonie findet, jenen griechischen Göttern nacheifernd, die sich Hölderlin als zurückgekehrt in ihren Götterhimmel erträumt.

Hölderlin, Jugendfreund Hegels und Schellings, rang mit der zeitgeistigen Dominanz der Philosophie, doch für ihn machte nur Philosophie plus Schönheit wahre Menschlichkeit aus – also plus Kunst, Ästhetik, Humanität, Weltfrieden, kurz, dem Streben nach Höherem. Doch mit siebenundzwanzig war er als wahnsinnig abgeschrieben.

Was er uns zu sagen hat? Diese Frage begleitete ihn von Anfang an. Erst posthum wurde er verehrt, mehr noch als für seinen Roman für seine Gedichte, die auf dunkle Weise an ewige Menschheitssehnsüchte rühren.

Jens Harzer liest den Text unter Vermeidung jeden Aufschwungs in rhetorisches Pathos. Wohltuend.

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Mitunter

Mitunter

jaimie branch: FLY or DIE LIVE

Dass Paare eingespielt sind, bleibt nicht aus, der Weg zur Beratung just deshalb mitunter auch nicht. Eine bürgerliche Kippfigur, der die ZEIT verlässlich Raum gibt und Anklang damit findet, da sie offenbar verbreitet ist. In ein anderes Buch des Blattes gehört das Quartett FLY or DIE um Leaderin jaimie branch, das aber souverän diesseits von Gewöhnung agiert. Es ist atemberaubend eingespielt: Die 38-Jährige an der Trompete, Lester St. Louis (Cello), Jason Ajemian (Bass) und der auch als Drummer des Chicago Underground Trio bekannte Chad Taylor an der Mbira, dem die Ahnen rufenden subsaharischen Lamellophon, und eben am Schlagzeug.

Dieses Kollektiv von Improvisateuren ist seit 2016 zusammen. branch haftet ein Punkrock-Etikett an, was sie als Haltung auch gern gelten lässt, aber als Hinweis auf Energie und Offenheit verstanden wissen will. FLY or DIE ist programmatisch gemeint und biographisch vergewissert: Sie hing lange an der Nadel und weiß, was sie hinter sich hat. In ihr Spiel integriert sie alles, was zu ihrem Sound und der Idee davon passt, dass nämlich die Revolution, der Aufstand gefälligst tanzbar zu sein haben. Das reicht von karibischen Rhythmen und knackig marschierenden Rimshots über Afrika-Beats und Free-Noise bis zu folkigem Singalong mit wuchtigen Ausbrüchen. Kurzum, es ist verheißungsvoll.

Jetzt der Reihe nach: Bis unmittelbar vor dem Corona-Lockdown Anfang 2020 tourten sie in Europa. Dann kam der bedrückende Stillstand und irgendwann die Aufnahme aus dem Moods in Zürich, dem einzigen vereinbarten Tourmittschnitt. branch wollte lange nicht mal hineinhören, Enttäuschungen gab es gerade genug, dann tat sie es doch und findet nun: „Das Beste, was wir jemals gespielt haben.“ Mit FLY or DIE LIVE liegt es jetzt vor. Einen Nostalgiebedarf von Tourbesuchern stillt es keineswegs, sondern ist vielmehr selbst ein Ereignis, dem man sich überlassen kann. Taylor eröffnet perlend mit der Mbira, branch kommt weich mit der Trompete dazu. Der Ritualraum ist betreten, dann springt die Maschine an: Mit dem 14-minütigen Prayer for Amerikkka – einer der besten politischen Songs der Trump-Ära, findet Piotr Orlov – geht die Reise ab: branch bläst zur Attacke oder schrille Wuttöne, die Band grooved, explodiert, reißt dann wieder in stabiles Wiegen, Armewehen, Steppen.

Die Botschaft ist Haltung: So fucked up die Welt auch ist, das Tanzen lassen wir uns nicht nehmen, erkunden aber ebenfalls Verstörendes. Diese Haltung trägt, auch im folgenden Lesterlude, einer elektro-clusterartigen Cello-Vollbremsung. Die Wechsel sind enorm, aber organisch. FLY or DIE LIVE ist eine Experience, wie man früher so sagte. 19 Stücke in einem Set. Fokussiert, zerfließend, dynamisch, intensiv. Lebendig.

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Lebensvolle Fülle

Lebensvolle Fülle

Paul von Nevels neues Juwel

Es ist schon länger her, dass ich bei einer Kanalüberfahrt des majestätischen An­blicks der weißen Felsen von Dover teilhaftig wurde. Great! Und ich trete den Land­strichen Französisch Flanderns rund um Calais nicht zu nahe, wenn ich konstatiere, dass dieselben wohl zu den optisch wenig liebreizenderen Weltgegenden gehören. What a pity, denn so erscheint der Kontrast Kontinentaleuropas zu der betörend schönen Landschaft Südenglands, die sich mit den Felsen von Dover andeutet und in den lieblichen Weiten Kents fortsetzt, noch größer. Diese wunderbare Landschaft taucht vor meinem inneren Auge auf, wenn ich die neuste Produktion Paul van Nevels und seines Huelgas-Ensembles mit englischer Musik des späten Mittelalters höre: wundersame Klänge, abwechslungsreichste Me­lismen und leere Quinten, die betören – einfach great!

Das Huelgas-Ensemble ist be­nannt nach dem Kloster Santa María la Real de Las Huelgas in Nordspanien, wo Paul van Nevel als junger Musikwissenschaftler 1970 die ersten Partituren mittelalter­licher Musik studierte. Heute ist Van Nevel der weltweit führende Spezialist für die delikate Musik des Spätmittelalters und der Frührenaissance – jener Zeit vor der euro­päischen Musikwende um 1600, nach der dann „Dur“ und „Moll“ eindeutig von den Klängen Be­sitz ergriffen. Auf der neusten CD En Albion – Polyphonie in England vermessen die „Huelgasse“ ein Jahrhundert britischer Musik, das, was die Komponisten angeht, im Dunkel liegt, „all pieces are anonymous“ kündet die Rückseite des Covers lapidar. Aber was muss es für eine tolle Zeit gewesen sein, damals, als der Hundertjährige Krieg tobte und es natürlich Austausch gab mit dem Festland, mit den großen Meistern in Paris, zum Beispiel Perotin und Co. – wobei die anonym gebliebenen englischen Kompo­nisten teilweise damals schon viel kühner komponierten als auf dem Kontinent.

Zu jedem der 13 Stücke, von der Ostersequenz „Victime paschali laudes“ über die berückende Totenklage „Absolon fili mi“ bis zum burlesken Weihnachtsschlager „Nova! Nova! Ave fit ex Eva!“, lohnte es sich, ausführliche Lobeshymnen zu verfas­sen, aber am besten hilft, sie immer wieder zu hören – rauf und runter. Denn an ei­ner großen Qualität, die Van Nevel, der in diesem Jahr 75 Jahre alt wurde, und die Seinen besonders auszeichnet, kann man sich kaum satthören: Es ist die lebensvolle Fülle des Klanges, denn Paul und Co. sind seit jeher jeder freudlosen Aseptik abhold, jener schmalbrüstigen Klangödnis, derer sich manch andere Interpreten sehr früher Musik auch heute noch meinen befleißigen zu müssen. Nein, beim Huelgas-Ensemble lebt und pulst alles mittels überragender Gesangstechnik und traumwand­lerischer Gestaltungskraft. Irgendwann kommt man davon kaum noch los – probie­ren Sie’s aus!

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Die tägliche Bedrohung

Moment“, sagt der belgische Soldat, und blickt von seinem Bildschirm auf.

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Unterbrochener Teufelskreis

Unterbrochener Teufelskreis

Klartext

Die Gedanken zu den Sonntagspredigten für die nächsten Wochen stammen von Dorothee Löhr. Sie ist Pfarrerin in Mannheim.

Andere Perspektive

11. Sonntag nach Trinitatis, 15. August

Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat … auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht. (Epheser 2,4–5)

Da steht nicht: Erst leben wir, dann sterben wir, und am Ende werden wir mit Christus wieder lebendig gemacht. Dabei sind wir schon lebendig gemacht, so sehr, dass uns nicht einmal das irdische Sterben davon abhält, mit Christus lebendig zu sein.

Es kommt allerdings vor, dass Menschen schon tot sind, obwohl sie leben. Denn sie leben ohne Hoffnung, glauben nicht, dass ihnen geholfen werden kann oder dass sie anderen eine Hilfe sein können. Sie glauben nicht an die Gemeinschaft mit Jesus, die auch in Krankheit und sogar im Sterben trägt und die Verantwortung füreinander ermöglicht.

Der Schriftsteller Erich Kästner erzählt in seiner „Rede an die jungen Leute“ von der „Mitverantwortung“ als einer lebendigmachenden Person: „Das Leben muss noch vor dem Sterben erledigt werden! Wenn Millionen Menschen nicht nur neben-, sondern miteinander leben wollen, kommt es auf das Verhalten der Millionen, kommt es auf jeden und jede an, nicht auf Instanzen. Wenn Unrecht geschieht, wenn Not herrscht, wenn Dummheit waltet, wenn Hass gesät wird, wenn Muckertum sich breit macht, wenn Hilfe verweigert wird – stets ist jeder Einzelne zur Abhilfe mit aufgerufen, nicht nur die jeweils zuständige Stelle. Jeder ist mitverantwortlich für das, was geschieht, und für das, was unterbleibt. Und jeder von uns und euch kann es spüren, wann die Mitverantwortung neben ihn tritt und schweigend wartet: Sie wartet, dass er handle, helfe, spreche, sich weigere oder empöre, je nach dem.“

Lebendig sein in Christus bedeutet, Mitverantwortung zu leben, ohne Angst hinzuhören und hinzusehen, zu argumentieren statt vorschnell nachzugeben, aber die Perspektiven anderer einzunehmen, ohne den eigenen Standpunkt zu verleugnen. All das sind Spuren davon, dass Gott uns lebendig gemacht hat, obwohl wir sterbliche Menschen sind, auf Erden nur zu Gast.

Heilsame Nähe

12. Sonntag nach Trinitatis, 22. August

Und sie brachten zu ihm (Jesus) einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege. (Markus 7,32)

Jesus legt dem Taubstummen den Finger ins Ohr und seufzt: „Hephata“, öffne dich! Sein Seufzer ist stellvertretend für uns gesprochen: Der Geist seufzt in uns, wenn wir nicht wissen, was wir beten sollen, wenn wir so verschlossen sind, dass wir einander nicht zuhören und verstehen. Dann schweigen wir, statt zu reden, oder wir reden, wo Schweigen angemessen wäre.

Jesus seufzt stellvertretend für den Taubstummen und berührt seine Zunge mit Speichel, wie es sonst nur Liebende tun, wenn sie unter sich sind und einander küssen. Deshalb hat Jesus den Kranken aus der Menge herausgeführt. So viel Nähe auf einmal hatte der Taubstumme vielleicht noch nie gespürt. Aber so viel Nähe ist heilsam, wenn sie gewünscht und vertrauensvoll angenommen werden kann.

Stummer Wettkampf

13. Sonntag nach Trinitatis, 29. August

„Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? (1. Mose 4,9)

Jenseits von Eden ist nicht nur ein Filmtitel (da überlebt Abel, was die Sache aber nicht besser macht), sondern auch die Beschreibung dessen, wo der Mensch bis heute steht. Denn wir sind nicht dort, wo Gott selbst dafür sorgt, dass jedes Lebewesen zu seinem Recht kommt. Vielmehr sind wir dort, wo wir aufeinander aufpassen müssen, wo das Leben geschützt werden muss vor dem Bösen in uns und um uns herum.

Was geschieht jenseits von Eden, wo die Menschen nicht mehr in unmittelbarer Nähe zu Gott leben, wo sie sterblich sind und verantwortlich, für sich und für andere? Der Neid regiert. Unter Geschwistern fängt es an und zwischen Milieus, Religionen und Nationen geht es weiter, wenn Menschen vergessen, wem die Welt eigentlich gehört und wem sie sich verdanken.

Wer redet in der Urgeschichte jenseits von Eden (nicht) mit wem? Es beginnt damit, dass die Brüder zwar mit Gott sprechen, aber nicht miteinander. Sie kämpfen stumm darum, wer besser ist. Und dieses Spiel wird bis heute gespielt: der Wettkampf, wer den besseren Beruf hat, wer angesehener ist und größere Güter erwirbt. Die Brüder bringen um der Wette willen Gott ein Opfer dar, aus dem, was sie geschafft und geleistet haben. Sie wetteifern um Liebe und Anerkennung. Und jeder, der mit Geschwistern aufgewachsen ist, kennt das.

Aber Gott spielt nicht mit. Er will keine solchen Opfer, er will nicht nehmen, sondern schenken. Und er entzieht sich der Schiedsrichterrolle, die ihm in diesem Spiel zugewiesen wird.

Kain meint, er sei der Verlierer. Statt zu fragen, warum sein Opfer nicht angenommen wird, handelt er schweigend, ohne Rücksprache mit dem, der ihm das Land und die Fürsorge für den Bruder anvertraut hat. Und aus Spiel wird Ernst. Aber Gott spielt nicht mit wie viele Eltern, die ein Leben lang damit beschäftigt sind, Liebe und Zuneigung gerecht zu verteilen. Gott spielt nicht mit, sondern zeigt auf den wahren Feind, der vor der Tür steht und die Herrschaft übernehmen will. Es ist weder der Bruder, der Kain finster macht, und es ist auch nicht ein seine Gunst verteilender Gott, sondern der Neid, eine der sieben Todsünden. Gegen diesen richten sich später gleich mehrere Gebote: Du sollst nicht begehren, stehlen und morden. Und Gott ermächtigt zur Herrschaft über das Böse: Erhebe dich, lass dein Angesicht leuchten, beherrsche die Sünde, du kannst das, wenn du willst. Yes, you can!

Aber Kain will nicht. Nachdem er die Sünde, den Neid, bei sich eingelassen hat, lockt er seinen Bruder zu sich, um jedes Gespräch gewaltsam zu beenden. Aber Gott spricht weiter mit dem Verstockten, fragt, was er getan hat. Und er erinnert Kain daran, dass die Stimme des Blutes seines Bruders zu Gott schreit. Kain hat dem Acker Blut geopfert, statt seinen Bruder vor dem Bösen, vor deinem Neid zu schützen.

Aber Gott will ihn vor der Folge seiner Tat schützen und den Automatismus von Rache und Gewalt, von Gegengewalt und Vergeltung durchbrechen. Ein Zeichen auf der Stirn zeichnet Kain als Gottes Eigentum aus. Denn auch der Sünder ist sein Geschöpf. Und später wird das Kreuz zum Zeichen dafür, dass Gott selbst den Kreislauf des Bösen und der Sünde unterbricht. Denn Gott ist kein Rächer, sondern der Retter.

Das Alte Testament kennt einen ganz engen Zusammenhang von Rache und Zorn als Gegenbild zur Nächstenliebe. Da, wo das Gebot der Nächstenliebe herkommt (3.Mose 19,18), kann man’s nachlesen.

Gott, der große Hüter, zeichnet den Mörder mit dem Kainsmal, um ihn vor der Rache anderer zu bewahren. Ja, Gott rettet, wo Menschen einander rächen und totschlagen. Er sagt mit dieser uralten Versuchungsgeschichte: Du siehst, wo Neid hinführt. Er schadet dir selbst. Herrsche daher über ihn, bevor es zu spät ist. Und wo stehen wir? Jenseits von Eden. Das ist ein ungemütlicher Ort. Aber Gott schweigt auch dort nicht. Und es liegt an uns, ob wir jenseits von Eden unstet, schweigend, missgünstig, neidisch leben – oder dankbar und fürsorglich miteinander.

Mehr als Ratschläge

14. Sonntag nach Trinitatis, 5. September

Der Gott des Friedens heilige euch durch und durch. (1. Thessalonicher 5,23)

Bin ich ein Braten, der durch und durch gar werden muss? Das Wort ist der Abschluss einer ganzen Reihe geistlicher Ratschläge aus dem ältesten Paulusbrief, den wir haben. Sie sind erstaunlich lebensnah. Und auf einer grundsätzlichen Ebene haben sich die Herausforderungen nicht wesentlich verändert.

Der Apostel empfiehlt: Weist die Unordentlichen zurecht. Und ich denke: Wie kann ich andere zurechtweisen, wenn ich selber auch unordentlich bin? Was hat sich da alles angesammelt, an altem Gerümpel, das entsorgt werden könnte, oder auch an schlechten Angewohnheiten. Wie soll ich mein Haus bestellen? Wo anfangen, woher die Zeit und die Kraft nehmen?

Paulus sagt: Tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann. Ich sage mir: geht nicht, bin selbst kleinmütig, schwach, ungeduldig, mit mir selbst und mit anderen. Paulus mahnt: Vergeltet nicht Böses mit Bösem. Aber ich weiß, dass ich ziemlich schadenfroh, ja manchmal sogar rachsüchtig sein kann. Paulus empfiehlt: Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen. Und ich frage mich: Was macht mich eigentlich oft unmutig und undankbar, warum bete ich zu selten, schon gar nicht für andere?

Der Apostel rät: Den Geist dämpfet nicht. Aber ich rede gute Einfälle anderer Menschen klein. Ha, hier habe ich etwas bei denjenigen entdeckt, die mich so gern kritisieren, statt selbst mit anzupacken. Ich selbst habe nämlich viele gute und geistreiche Ideen, aber setze sie nicht um, weil andere und die Umstände mich dämpfen. Sollte ich nicht besser auf die Suche nach den guten Ideen anderer gehen und sie unterstützen, statt sie kleinzureden?

Dazu passt auch der Ratschlag des Apostels, alles zu prüfen und das Gute zu behalten. Wir prüfen ja andauernd, nicht nur in Assessmentcentern. Aber oft hält, was wir prüfen, unseren Ansprüchen nicht stand und wir stehen vor lauter Prüfungen am Ende mit leeren Händen da. Wie oft gebe ich weiter, was andere angeblich geprüft haben, statt selbst nach dem Guten zu fischen. Aber vielleicht fische ich zu oft im Trüben, schmore zu sehr im eigenen Saft, gebe mich mit stehendem Gewässer zufrieden, statt zu den frischen Quellen vorzudringen.

Die Ratschläge des Apostels geben die Richtung an. Sie zeigen nur die kleinen Schritte. Denn die Heiligung geschieht durch Gott. Er selbst heiligt uns, macht uns gut und gerecht, wirkt in uns das Wollen und das Vollbringen. Aus unserer Perspektive sind wir zu schwach. Wir hätten den Widerständen in uns und um uns herum nichts entgegenzusetzen, wäre da nicht der Zuspruch des Geistes, der uns vorbereitet und uns als Geheiligte dem Herrn entgegenträgt. So werden wir mit Leib, Seele und Geist bewahrt, trotz aller Hindernisse und Auseinandersetzungen, Kummer, Schmerzen, Streit und Kämpfen. Wenn wir uns nicht selber rechtfertigen und beurteilen, sondern von Gott her definieren, wenn wir die Worte seines Zuspruchs in uns wirken lassen. Wie der Braten durch die Hitze durch und durchgebraten wird, so werden wir durch Gott selbst durch und durch geheiligt. 

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