Fehlgeleitete Widerstandsromantik

Angekündigt wird Christoph Wonneberger wie ein Popstar, bejubelt von den 20000 beim »Querdenken«-Protest am 7.

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Narcos von unten

Narcos von unten

Der Pablo Escobar-Clan, die Morde, der Glaube und die Versöhnung
Foto: EKDKultur/Schoelzel

Über die Missionsakademie in Hamburg lernte Johann Hinrich Claussen den kolumbianischen Theologen und Schriftsteller Juan Esteban Londoño kennen. Sein Vater war vor Jahrzehnten schicksalshaft mit dem Chef des Medellíner Drogenkartells, Pablos Escobar, verknüpft. Londoño setzt heute auf Versöhnung. Über die Missionsakademie in Hamburg lernte Johann Hinrich Claussen den kolumbianischen Theologen und Schriftsteller Juan Esteban Londoño kennen. Sein Vater war vor Jahrzehnten schicksalshaft mit dem Chef des Medellíner Drogenkartells, Pablos Escobar, verknüpft. Londoño setzt heute auf Versöhnung.

Hierzulande kennt man die Schrecken der jüngeren Geschichte Kolumbiens fast nur aus Unterhaltungsfilmen wie der Netflix-Serie «Narcos»: spannend, exotisch und aus der Perspektiven eines «guten» US-amerikanischen Polizisten erzählt. Ganz anders stellt es sich dar, wenn man mit einem Kolumbianer selbst spricht. Zum Beispiel mit dem jungen Schriftsteller und Theologen Juan Esteban Londoño. Aufgewachsen ist er in Medellín. Sein Vater war ein Politiker, der der Versuchung erlag, für Pablo Escobar zu arbeiten, den Chef des Medellín-Kartells. Als kleines Kind musste er erleben, wie die Polizei sie beide unter Feuer nahm. Knapp entkamen sie mit dem Leben. Wenig später wurde der Vater von Escobars Leuten ermordet.

Londoño wäre als Jugendlicher fast den Weg ins Verbrechen gegangen. Doch fand er den Weg in eine pfingstlerische Freikirche. Man kann ruhig sagen: in eine Sekte. Durch sie grenzte er sich radikal von anderen Jugendlichen ab, fand zu einem disziplinierten Lebensrhythmus und zur Bibel. Das half ihm, einen anderen, seinen eigenen Weg zu gehen, der gleichermaßen durch Bibel und Literatur bestimmt ist.

Eines Tages, er war nun Theologiestudent und nahm in seiner Fakultät an einer Andacht teil, da erschien plötzlich einer der Mörder seines Vaters. Er hatte im Gefängnis zum christlichen Glauben gefunden und wollte nun, endlich aus der Haft entlassen, all diejenigen um Vergebung bitten, denen er Schaden zugefügt hatte. So bat er auch den gänzlich unvorbereiteten Londoño um Vergebung. Und der umarmte ihn in einer spontanen Bewegung und versöhnte sich mit ihm.

Es blieb nicht bei einer spontanen Geste. Heute reflektiert Londoño darüber, welche Bedeutung die Versöhnung in einer so gewaltträchtigen Gesellschaft wie der kolumbianischen haben kann. Seine persönliche Versöhnung steht ja in einem größeren Kontext und verweist auf die Friedensprozesse, die für das Land heilsam wären – zwischen Regierung und ehemaligen Farc-Terroristen, zwischen Regierung und Drogen-Kriminellen, zwischen Ober- und Unterschichten, Stadt und Land. Gerade Christen haben hier eine große Aufgabe – allerdings stellen sich ihr die mächtigen pfingstlerischen Kirchen entgegenstellen und predigen Unversöhnlichkeit. Wer Londoño in seinen Überlegungen über die Versöhnung zuhört, bekommt eine ganz andere Ahnung über die Schwere und Größe dieses christlichen Prinzips.

Kennengelernt habe ich Londoño über die Hamburger Missionsakademie – eine wunderbare Einrichtung, die es Menschen aus dem globalen Süden erlaubt, in Deutschland Theologie zu studieren, eine Doktorarbeit zu schreiben, den nötigen Abstand zur Reflexion zu finden. Auch die Missionsakademie ist in ihrem Bestand gefährdet. In meiner Begegnung mit Juan Esteban Londoño habe ich erfahren, wie wichtig sie ist.

Wer mein Podcast-Gespräch mit ihm hören möchte, klicke hier.

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Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.


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Weitere Beiträge zu "Gesellschaft"

Klänge von Auferstehung

Am Anfang ist der Nebel. Ein klingender Nebel durch auf- und absteigende Dreiklangskalen, in Dur zwar, aber in tiefsten Tiefen gezupft vom Cello und vom Kontrabass.

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Vom Mut zur Wut

Die Corona-Krise ist kein Offenbarungsereignis. Aber sie irritiert. Sie gibt etwas zum Denken, auch zum Denken des Glaubens. Das Nachdenken in den Kirchen weltweit beginnt erst.

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Zuversicht statt Care-Freitag

Zuversicht statt Care-Freitag

Anstatt sozialen Beistand zu intensivieren verkümmert die Kirche in Selbstbezüglichkeit
Foto: privat

Es ist ein Kreuz: Die Kirche kümmert sich zu viel um ihre Gottesdienste und sonnt sich in gelungenen Hygienekonzepten. Das reicht nicht – schon gar nicht anlässlich eines Tages wie heute, denn am Karfreitag bedenken Christen, wie sich Gott ganz verausgabt, meint zeitzeichen-Onlinekolumnist Philipp Greifenstein

 

Vielleicht haben Sie es ja in den Qualitätszeitungen gelesen, was am Mittwochabend beim Privatfernsehsender ProSieben los war? Die Fernsehmoderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf hatten in einer ihrer zahlreichen Unterhaltungssendungen Sendezeit gewonnen, die sie auf ihrem Sender, auf dem sonst mit Vorliebe Wiederholungen von US-Sitcoms laufen, erneut nach ihrem Gusto füllen konnten.
Im Ergebnis wurde bis spät in die Nacht über die schwierige Situation von Pfleger:innen aufgeklärt. Unter dem Hashtag #nichtselbstverständlich teilen in den Sozialen Netzwerken viele Pfleger:innen und Unterstützer:innen Solidaritätsaufrufe und weitere Informationen.

Und die Kirchen? Von ihnen bleibt zu diesem Osterfest vor allem der Eindruck, ihnen wäre es um das Ureigenste bestellt, den Gottesdienst in seiner analogen Darreichungsform. Darin herrscht ökumenische Eintracht, und das ist ja auch etwas wert. Die Inzidenzen steigen weiter, die Kirchenkonferenz der EKD-Gliedkirchen aber konnte sich vergangene Woche nicht einmal auf einen einheitlichen Inzidenzwert einigen, ab dem man den Gemeinden die Absage von Präsenzgottesdiensten empfehlen will. Wenn man ein solch einheitliches Vorgehen überhaupt in Erwägung gezogen hat, gleichlautende Forderungen an die Politik formulieren sich natürlich leichter.

Stattdessen wird beharrlich kommuniziert, die Gottesdienste in den Kirchen wären dank ausgetüftelter Hygienekonzepte sehr sicher. Das stimmt. Aber merkt man denn nicht, dass man mit dieser Kommunikationslinie weit hinter den eigenen Möglichkeiten bleibt? Zu Karfreitag bedenken Christen, wie sich Gott ganz verausgabt. Wofür verwenden sich die Kirchen in Deutschland?

Die feministische Theologin Ina Praetorius weist darauf hin, dass das Kar- aus Karfreitag, Karsamstag und Karwoche auf den gotischen Begriff chara zurückgeht, der seinerseits mit dem englischen Verb to care verwandt ist. Kar- bedeutet also nicht allein Trauer und Klage, sondern auch „sich sorgen, versorgen, sich in Sorgfalt üben, fürsorglich sein, pflegen…“. Praetorius findet diese Dimension auch in den Passionserzählungen des Neuen Testaments wieder: Die Frauen, die unter dem Kreuz aushalten und später den Leichnam versorgen wollen. Sie spricht daher konsequent von einem Care-Freitag. Eine griffige Aktualisierung des Karfreitagsgeschehens.

Es hat sich als Binse eingebürgert, die Evangelische Kirche für prinzipiell nicht kampagnenfähig zu halten. Warum eigentlich? Es ist ja eigentlich alles da: Ein konkreter Anlass mit der Corona-Pandemie, die das ohnehin überlastete Pflegepersonal bis an den Rand der Zumutbarkeit strapaziert. Ein Anker in der eigenen Tradition, wenn nicht mit Praetorius‘ Care-Freitag dann eben mit einem anderen Bild, einem anderen Wort aus dem Neuen Testament oder der reichen Kirchengeschichte. Und nicht zuletzt Fachkompetenz: Die Diakonie Deutschland hat erst am 26. März die Bundesregierung aufgefordert, die lange angekündigte Pflegereform auch durchzuziehen.

Die evangelische Kirche hätte die Debatte sogar noch anreichern können, zum Beispiel mit der Perspektive jener Menschen, die Angehörige zuhause pflegen – und die während der Corona-Pandemie bis hin zur Impf-Priorisierung immer wieder unter die Räder geraten.

Stattdessen wird wieder einmal „Zuversicht“ verkündigt. Mir war das gar nicht aufgefallen, aber ein Leser hat mich in einem Kommentar unter einem meiner Artikel in dieser Woche darauf aufmerksam gemacht: Demnach hat die EKD vor dem ersten „Lockdown“ im März 2020, zu Ostern 2020, zu Weihnachten, zum Jahreswechsel und eben diese Woche wieder zur Zuversicht aufgerufen. Nun hat ja auch die Zuversicht einen neutestamentlichen Anker, aber bisschen mehr Variation wäre sicher drin gewesen. Jedenfalls von Seiten einer Kirche, die sich so viel Deutungskompetenz und Zeitgenossenschaft zuschreibt, wie das die Protestanten gerne machen.

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Weitere Beiträge zu "Kirche"

Leidensmusik die Fülle

Leidensmusik die Fülle

Musikalische Herzensstücke zur Passion – eine persönliche Auswahl
Foto: Rolf Zöllner

Heute ist Gründonnerstag, der engere Passionsfestkreis beginnt, und dafür gibt es eine verschwenderische Fülle wunderbarer Musik. Reinhard Mawick, Chefredakteur von zeitzeichen, ist mit viel Passionsmusik groß geworden und lebt bis heute davon und damit. Er gibt ein paar kommentierte musikalische Empfehlungen für die nächsten Tage, die in diesem Jahr leider kaum „live“, aber wenigstens doch digital gehört werden können.

In den ersten Monaten des Jahres 1977 sammelte ich als Zehn- bis Elfjähriger passionsmusikalische Kindheitserfahrungen, die sich tief eingruben und auf denen ich seitdem aufbaue: Damals war ich endlich in die Kantorei meiner Heimatstadt gekommen – aufgerückt nach drei Jahren „nur“ im Kinderchor. Ende des Vorjahres hatte ich bereits bei Bachs Weihnachtsoratorium mitsingen dürfen – allerdings nur die Choräle – alles andere war wohl noch zu schwer. Aber dann kam die Passionszeit und Bachs Johannespassion stand auf dem Programm. Nun durfte ich endlich alles singen – und natürlich zuvor in sehr intensiven Proben einstudieren.

Wahrscheinlich beeindruckten mich schon damals der großartige Eingangschor „Herr unser Herrscher“ und der anrührende Schlusschor „Ruhet wohl, ihr heiligen Gebeine“. Aber erinnern kann ich nur noch, dass mich damals ein Choraltriptychon besonders faszinierte, eine Dreiheit, mit der ich bis heute in musikalischer Kurzform meinen Glauben bekennen könnte. Zum einen den Choral „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn“: Irgendwann als Erwachsener erfuhr ich, dass dieser Choral das Zentrum ist, um das herum die ganze Johannespassion axial komponiert ist, und schon lange philosophiere ich darüber, ob man besser „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, ist uns die Freiheit kommen“ oder „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn, muss uns die Freiheit kommen“ singen sollte – es gibt da verschiedenen Versionen. Ich hoffe ersteres, aber denke, letzteres ist auch nicht falsch. Wie auch immer, es ist eines der schönsten Choralsätze der Welt!

Als zweites dann das in blattgoldenem Es-Dur geschriebene „In meines Herzens Grunde, dein Nam und Kreuz allein“. Schon damals, 1977, fesselte mich die Konsonanz und Schönheit der vertonten Vokalfolge „funkelt all‘ Zeit und Stunde“, und dann die Quartsextparallelen auf „Bilde“ bei „ Erschein mir in dem Bilde zu Trost in meiner Not“ – wunderbar beruhigend, tröstend, kräftigend.

Und als drittes und letztes dann dieser gigantische Schlusschoral, ebenfalls in Es-Dur, aber ganz anders: „Ach, Herr, lass dein lieb Engelein“ – einfach nur wow. Außerdem ist „Ach, Herr“ das einzige Stück dieser Passion, das ein Eigenleben außerhalb des Gesamtwerkes entfaltet hat als vielmals gesungener Beschluss von Trauergottesdiensten. „Ach, Herr, lass dein lieb Engelein“ erklingt, wenn gesprochene Worte wirklich nichts mehr sagen können, und der Choral endet mit flehender Bitte und eigener Glaubenszusage: „Herr Jesu Christ / erhöre mich / ich will dich preisen ewiglich!“ – wobei die Wiederholung des „erhöre mich“ ein besonderer Geniestreich Bachs ist, den ich bis heute immer wieder bewundere.

Winzigkeiten aus großem Kosmos

Das sind nur drei Winzigkeiten aus dem Kosmos der Johannespassion, die an diesem Tage oder am Karfreitag und durchaus auch noch am Karsamstag gehört und miterlebt werden kann, leider dieses Jahr wohl kaum „live“, sondern wie so vieles seit über einem Jahr nur digital. Gottlob gibt es auf YouTube eine reiche Auswahl von Ganzfassungen, empfohlen sei die tolle Aufführung der Niederländischen Bachvereinigung. Der Chor feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Jubiläum und hätte sicherlich gerne viele „Live“-Konzerte gegeben. Zum Glück wurde in den vergangenen Jahren schon eine Menge Bach vorproduziert, so auch die Johannespassion. Und für alle, die eine kurze Einführung suchen, seien diese knapp zehn Minuten mit dem genialen Ruedi Lutz von der Bachstiftung St. Gallen empfohlen, die in den einmaligen Schlusschoral münden.

Auch aus frühen Chortagen Ende der 1970er-Jahre weht mich die Erinnerung an ein ganz besonderes anderes Passionsstück an, das ich, seitdem ich es unter Schweiß und Mühen kennenlernte, über alle Maßen liebe. Es ist „Fürwahr, er trug unsere Krankheit“ von Hugo Distler (1908-1942). Hier gesungen solistisch vom Calmus-Ensemble. Mit dem Stück kann man  scheitern, denn es ist schwer. Besonders die Intonation. Vor gut einem Vierteljahrhundert scheiterten wir mal grandios im Bremer Dom, weil der Chor in der Fuge arg detoniert war und dann eine absolut hörende Sopranistin den Schlusschoral „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ auf dem „absolut“ richtigen Ton einsetzte, dies tapfer durchhielt, und der Dirigent musste entnervt abbrechen. Egal, ein tolles Stück, dessen Gehalt man fürwahr paradox mit dem Attribut „virtuos fahl“ charakterisieren könnte. NB: Für mich als Kind ist mit Distlers „Fürwahr“ ein durchaus unschönes Probenerlebnis verbunden. Ich konnte damals noch nicht so gut Frakturschrift lesen und die Noten waren in Fraktur, und so sang ich eine Weile statt „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten“: „die Straße liegt auf ihm …“ – bis die strenge Kantorin mich als Übeltäter ausmachte und ordentlich ausschimpfte.

Vor über dreißig Jahren lernte ich die Responsorien der Karwoche des italienischen Renaissancekomponisten Carlo Gesualdo da Venosa kennen. Ja, es ist der Adlige, der seine Frau im Affekt aus Eifersucht ermordete, aber seine Musik ist fesselnd, verstörend aber von großer Emotionalität und Schönheit, zum Beispiel die Motette „Jerusalem surge“ mit dem Text aus den Klageliedern Jeremia und Teilen aus dem Buch Jona. Der lateinische Text der Musik lautet auf Deutsch so:

Erhebe dich, Jerusalem, und lege ab deine Festgewänder;
Bedecke dich mit Sacktuch und Asche:
Denn der Heiland Israels wurde in deiner Mitte niedergemacht.
Lass deine Tränen rinnen wie ein Strom bei Tag und Nacht,
auf dass dein Augapfel nicht nachlasse.
Denn der Heiland Israels wurde in deiner Mitte niedergemacht.

(Übersetzung: Anne Steeb & Bernd Müller)

Zu diesen Responsorien, die mich tief beeindruckten, gehört auch das berückende „O vos omnes“. Der Text entstammt ebenfalls den Klageliedern Jeremias´ und lautet „O ihr alle, die ihr vorbeigeht, merkt auf und seht, ob ein Schmerz ist gleich meinem Schmerz.“ Gefühle direkt in Musik gegossen und immer wieder zum Weinen schön! Als drittes aus dieser Reihe sei noch Aestimatus sum genannt und der hörenden Meditation empfohlen. Dort sind düstere Worte aus dem 87. Psalm der Vulgata vertont, zu Deutsch: „Ich bin denen gleich geachtet, die in das Grab sinken, bin geworden wie ein Mensch ohne Kraft, unter die Toten entlassen … Sie senkten mich in die tiefste Grube, in Finsternis und in Todesschatten.“

Im Geiste der Empfindsamkeit

Ebenfalls sehr emotional, aber im Geiste jener Empfindsamkeit, die den spätbarocken bis frühklassischen Stil prägte, kommen zwei Motetten von dem Bachschüler Gottfried August Homilius (1714-1785), der viele Jahrzehnte in Dresden als Kreuzkantor wirkte und erst in den vergangenen Jahrzehnten wieder mehr entdeckt wird. Zwei Motetten von ihm begleiten mich seit geraumer Zeit auch im Kosmos meiner Passionsmusik, nämlich „Siehe, das ist Gottes Lamm“ und die Choralmotette „So gehst du nun, mein Jesu, hin“. Dem Stuttgarter Kammerchor und Frieder Bernius sei Dank für diese Entdeckungen, die vor knapp zwanzig Jahren das Licht der CD-Welt und der Konzertsäle erblickten!

Leider gibt es am Karfreitag dieses Jahres aufgrund von Corona keine oder kaum Live-Musik. Insofern bin ich besonders dankbar, dass ich am morgigen Karfreitag das letztgenannte Homilius-Werk mit anderen Werken in einem Gottesdienst in Hamburg in einem Quartett darbieten darf. Außerdem singen wir noch die wunderbare Passionsmotette „Tristis est anima mea“, die Johannes Kuhnau, der Vorgänger J.S. Bachs im Amt des Thomaskantors, komponierte. „Tristis“ ist für viele Chöre eine Art Kultstück, weil es einerseits schlicht, andererseits mit sehr charakteristisch-raffinierten Verrückungen der Harmonie daherkommt. Für dieses Stück sind wir dann – die Kantorin singt mit – zu fünft, denn es hat zwei Soprane. Schließlich bringen wir morgen noch den Schlusschor „Ehre sei dir Christe“ aus der Matthäuspassion von Heinrich Schütz, dem Großmeister der früheren deutschen Barockmusik, live zu Gehör. Ein schlicht gebautes Stück, das aber immer wieder in geheimnisvoller Weise in den Bann zu ziehen vermag – typisch Schütz eben!

Ich hoffe, den Lesenden (und in erster Linie Hörenden, dafür sind die Links da!) mag diese kleine Auswahl von Passionsmusik diese Tage bereichern, denn gerade für die Passion gilt, dass Musik den Kern dessen, was gemeint ist, deutlicher besser fasst als deutende Worte, die doch immer hinter dem Ganzen zurückbleiben müssen. Das Geheimnis von Leid und Erlösung ist jedenfalls, so meine Erfahrung, in klingenden Worten und in Klängen besser aufgehoben als in erklärenden Gedanken. Ansonsten hoffe ich sehr, dass wir nächstes Jahr wieder deutlich mehr „in echt“ singen, musizieren und hören können als in diesem Jahr und im Vorjahr.

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Auf dem Weg ins Tollhaus

Der Streit um die Identitätspolitik wird derzeit mit einer Emotionalität und Heftigkeit geführt, die an 1968er-Zeiten erinnert.

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Vaterunser beim Ausräumen der Spülmaschine?

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Warum wir Christen den Präsenzgottesdienst nicht zu klein reden sollten
Foto: breit & nah

Anlässlich der staatlichen Empfehlung zum Verzicht auf Präsenzgottesdienste zu Ostern von vor einer Woche, die nun wieder vom Tisch ist, tritt der Theologe und Autor Andreas Malessa dafür ein, dass die Kirchen in Sachen Gottesdienst trotz Corona weiterhin verantwortlich Präsenz anbieten sollten, statt vorauseilend verzagt sein.

Nein, ich bin kein „Querdenker“, sympathisiere nicht mal mit ihren Sympathisanten. Ja, ich fand den November-Lockdown halbherzig, den „nachgeschärften“ im Dezember und Januar notwendig, den jetzigen auch. Nein, ich will keinen Applaus von Halb- und Ganzrechten. Ja, ich bin dankbar für ein redlich bemühtes Krisenmanagement der Regierung. Ja, ich teile die Vorsorge gegen Infektionsrisiken und respektiere jede Event-Absage aus sozial-seelsorglichen Gründen. Darf ich dennoch eine Beobachtung zur Diskussion stellen?

„Bloß nicht dasselbe wie Ostern!“ sagten sich die Gesetzgeber vor einem Jahr, nachdem Kirchen geschlossen, aber Baumärkte geöffnet waren. Und gewährten im Advent 2020 den Religionsgemeinschaften ein Privileg, das Clubs, Theatern und Konzerthäusern verwehrt blieb: Veranstaltungen vorsichtig durchführen zu dürfen. Nun, Ende März, baten die Verantwortlichen in der Politik angesichts der sich verschärfende Corona-Lage dies wieder einzuschränken und Gottesdienste zu Ostern bitte möglichst nur online anzubieten.

Nun hat diese Bitte des Kanzleramtes und der Ministerpräsidentenkonferenz sehr an Wumms verloren, da sie sogar förmlich zurückgenommen wurde. Andererseits kann man der Politik diesen Vorschlag einer befristeten flächendeckenden Absage von Präsenzgottesdiensten rückblickend kaum verdenken, denn die Frage ist: Nutzten die rund 13.500 evangelisch-landeskirchlichen und geschätzt etwa 1800 freikirchlichen Gemeinden in Deutschland bisher diese „Spielräume“ (immerhin Thema der evangelischen Fastenaktion 2021)? Boten sie infektionsschutz- und hygienekorrekt wenigstens ein paar schöne, tröstliche, „heilige“ Präsenz-Erlebnisse an? Nahmen sie den Aufruf des Kulturbeauftragten der EKD, Johann Hinrich Claussen, „Kirchen für Künstler, Künstler für Kirchen“ vom Juni 2020 wahr und ernst, setzten ihn um und die Kreativen ein? Ja, einige Gemeinden taten so. Und wurden dafür zum Beispiel von der naturwissenschaftlich-medizinischen Akademie Leopoldina gelobt: „Die beiden großen Kirchen sind besonders regelkonforme Institutionen mit Blick auf die Einhaltung der Corona bedingten Abstands- und Hygieneauflagen." Die Mehrheit aber nutzte ihre Spielräume für Versammlungen nicht.

Im ersten Lockdown IT-berauscht

Obwohl das vielzitierte Diktum „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von den Worten aus Gottes Mund“ ja voraussetzt, dass die zu den unverzichtbaren Lebensmitteln gehören, oder? Monatelang ging es um das missverständliche Prädikat „systemrelevant“. Warum nicht um Begriffe wie „Gemütsernährung“ oder „Seelenpflegeartikel“? Dass Shampoo und Hundefutter überall erhältlich bleiben müssen, war unstrittig. Warum nicht auch Gedanken, Gebete, Klänge, Rituale? Getreu dem Motto der (katholischen) Kulturstaatsministerin Monika Grütters „wenn die Kultur stillsteht, braucht es die Kirchen umso dringender“?

Manche Gemeinden mit fitten IT-Kundigen berauschten sich im ersten Lockdown noch an den Klickzahlen ihrer Streaming-Angebote. Spätestens im Advent 2020 aber dämmerte es auch den viral Erfolgreichen, dass ein „gegucktes“ Abendmahl nicht dasselbe ist wie ein erlebtes. Weil Papa, von täglichen Zoomkonferenzen im Homeoffice genervt, nicht auch noch sonntags ins Tablet starren mochte. Weil Mama beim Vaterunser erstmal die Spülmaschine ausräumte und die Kinder gnadenlos zu drei Dutzend „geileren“ Gottesdiensten switchten. Über die Verweildauer sagen Klickzahlen ja nichts aus.

Fundamentalistische Ultrakonservative, charismatisch naive Enthusiasten und russlanddeutsche Ignoranten waren vielerorts zu Corona-Superspreadern geworden. Wie der Teufel das Weihwasser fürchteten daraufhin Bischöfe, Prälaten, Dekane, Pfarrerinnen und Pfarrer eventuelle Negativschlagzeilen in der Lokalzeitung oder, Gott bewahre, in den regionalen TV-Nachrichten. Die aber lieferten meines Wissens bisher keine der seriösen Landes- und Freikirchen! Warum nicht? Weil auch hartgesotten säkulare Journalisten unterscheiden können zwischen solidarisch verantwortlichen Christengruppen und „widerständigen“ Merkelhassern in Märtyrerpose. Hat damit nicht eine kleine rechtskonservative Minderheit, haben die bekannten Ultras und Hooligans des Glaubens die Mehrheit der Kirchgänger vor sich hergetrieben?

Im Spätsommer 2020 jedenfalls verschärften manche Gemeinden die staatlichen Vorgaben noch: 1,50 Meter Abstand? Bei uns mindestens zwei Meter! Bitte genügend Distanz zwischen Altarraum und erster Reihe? Wir hängen noch eine Plexiglaswand dazwischen! 80 Leute auf 400 Plätzen erlaubt? „Wir haben die Anmeldeliste bei 40 Besuchern geschlossen“, hieß es im Newsletter einer Gemeinde mit Riesenkathedrale, „um ein Zeichen zu setzen“. Ein Zeichen wofür? Noch mehr Angst zu haben als alle anderen?

Mehr als nett umrahmte Lebensberatung

Gottesdienste bleiben möglich, sagten die Behörden selbst im Winterlockdown. Interessanterweise einer der wenigen Punkte, über die nicht gestritten wurde zwischen Bund und Ländern. Also auch Abendgottesdienste, denn sogar von der nächtlichen Ausgangssperre waren „religiöse Anlässe ausgenommen“? Nein, manche Gemeinden strichen ratzfatz sogar den Sonntagmorgen. Glückwunsch, wenn der durch akribisch organisierte Kleingruppen-Angebote ersetzt wurde. Wenn Pfarrerinnen und Pfarrer mit ansprechend gestalteten Andachtsmaterialien an die Türen der Konfirmandenfamilien klopften, wenn die Begleitung Trauernder und die Seelsorge nach wie vor stattfanden!

Aber in jedem zweiten Schaukasten prangte 2. Timotheus 1 Vers 7: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“. Es blieb (und bleibt wohl 2021 hindurch) eine Ermessensfrage: Signalisieren „besonnen“ organisierte Präsenzveranstaltungen oder „Sorry, we‘re closed“-Schilder mehr Kraft und mehr Liebe gegen den „Geist der Furcht“? Ganz ohne sakramentalistisches oder gar magisches Gottesdienstverständnis muss die Frage erlaubt sein, wer noch daran glaubt, dass Liturgie und Predigt „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ stattfinden – also mehr sind als eine nett umrahmte Lebensberatung. Ein Religionsstündchen, in das man zeitversetzt montagfrüh in der überfüllten (!) U-Bahn auf postkartenkleinen Smartphone-Displays „mal reinschaut“.

Es gab tapfere Ehrenamtliche, die mit doppeltem Kraft-, Zeit- und Finanzaufwand hyperkorrekte „musikalische Andachten“ organisiert hatten, weil ein Orgelkonzert von der Empore, eine Video-Installation in der Apsis oder Psalmrezitationen vom Band wahrlich ungefährlicher sind als es der Black Friday im wuseligen Outlet-Center war. Oder es ein Mallorca-Urlaub ist. Kaum war die erlaubte Anzahl Tickets verkauft, kam par ordre du mufti das Verbot von der regionalen Kirchenverwaltung! Zur besseren Infektionsprophylaxe, schon klar, mancherorts aber auch „aus Solidarität mit anderen Solokünstlern“. Wie das? Wenn die Cellistin und ihr Pianist nicht in der Stadthalle konzertieren dürfen, sollen sie das in der Kirche erst recht nicht?! Das hätte man exakt andersherum beschließen können und ich fürchte, mancher Virtuose – mit dessen Glanz sich Kirche sonst gerne schmückt – wird sich post-coronesisch daran erinnern.

Nochmal Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die im Dezember in der ZEIT schrieb: „Bringen wir bitte nicht Kirche und Kultur gegeneinander in Stellung. Im Zweifelsfall würden die Kirchen geschlossen und die Theater trotzdem nicht geöffnet. Zumal die Kirchen zu den wichtigsten Kulturträgern in Deutschland zählen. Sie selber unterschätzen manchmal, was für ein bedeutender Orientierungspunkt sie sind.“ Dieses Unterschätzen der eigenen Bedeutung nannte der Ex-EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber neulich in zeitzeichen „Selbstverzwergung“.

Vor- und fürsorglich, aber populistisch

Am Geld kann es nicht liegen: „Ich spiele doch lieber zwei Mal am Abend vor wenigen, als kein Mal vor niemandem“ sagten viele Musizierende und halbierten ihre Gage. „Ich war seit März 2020 in keinem Konzert und seit November in keinem Restaurant, da kann ich heute locker für drei spenden“ sagten Kirchgänger am Klingelbeutel. „Eine Veranstaltung planen und dann nicht dürfen, ist traurig. Keine zu planen und dann zu hören, man hätte gedurft, ist noch trauriger“ sagten Ehrenamtliche.

Gegen so viel Zuversicht und kreative Kraft half dann mancherorts nur noch die Anekdoten-Evidenz: Aber in X-Stadt hat sich Chorsängerin Y infiziert! Bestürzend, keine Frage. Wo passierte es denn? Weiß der Geier. Das Gesundheitsamt und die Corona-App wissen es jedenfalls nicht. „Es hätte im Gottesdienst Deine alte Mutter treffen können. Wenn nicht dort, dann auf der Fahrt dorthin!“ Ein Passepartout-Argument, dem plausible Allgemeingültigkeit zugestanden wird. Sowas nennt man Populismus. Ein diesmal vor- und fürsorglicher, aber halt Populismus. Nicht hinzugehen – wie es fast neunzig Prozent der Kirchgänger an Heiligabend taten – bleibt ja jedem unbenommen.

Es geht um die Aufrechterhaltung eines Angebots. Mehr nicht. Nein, bitte keine Tricksereien am Gesetz vorbei. Aber bitte mehr erlebbare statt beteuerte Hoffnungszeichen. Wenn Kontaktbeschränkungen noch länger andauernde „neue Normalität“ werden – was Gott und der Impfstoff verhüten mögen – ist es doch fatal, wenn der Staat dazugelernt hätte, aber diesmal die Kirchen dasselbe wie Ostern 2020 machen. Zumachen nämlich. Nach sieben Wochen ohne. Ohne alles. Bitte das nicht, sondern bitte das: Verantwortlich und verantwortbar Präsenz anbieten – mindestens in der (auferstehungs-beseelten) Zeit des Kirchenjahres ab Ostern.

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Andreas Malessa

Andreas Malessa ist Hörfunkjournalist bei ARD-Sendern, Theologe, Musical-Songtexter („Martin Luther King") und Buchautor.


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