Hol’ Dir die fröhlichen Blumen

Hol’ Dir die fröhlichen Blumen

Huizings Floraleben - Teil 2
Foto: Privat

Eine kleine Offenbarung gegen 14.47 Uhr (MEZ). An einem unbedeutenden und verhuschten Dienstag. Mitten in Würzburg auf dem beinahe leeren Marktplatz. Plötzlich und unerwartet. Mein Körper reagierte als erster. Ein minimales Stolpern. Dann funkten die Synapsen: Prilblumen! Die fröhlichen Prilblumen. Und in einer linken Gehirnkammer wurde der Werbeslogan wiederentdeckt, eingängig komponiert vom damals bereits bekannten Klaus Doldinger: Hol’ Dir die fröhlichen Blumen, hol’ Dir das fröhliche Pril. Die Prilblume hatte ihren Weg zurückgefunden auf ein Sommerkleid, jene aus drei Lagen ganz regelmäßig um einen Kreis angeordneten stilisierten Blütenblätter in grellen, sprich: fröhlichen Farben. Das Kleid entfernte sich in ein Café. Und ich war zurück in den frühen Siebzigern. Genauer: 1972.

In den resonanzarmen Küchen jener Jahre regierte damals Übersichtlichkeit. Hilfreiche Gadgets zogen erst langsam in Küchen oder Kochnischen ein. Nahrungsmittelergänzungen waren weitgehend unbekannt. Essenspläne wussten nichts von einer Slimfit-Ästhetik. Meistens ertönte übergewichtige Musik aus dem Schaub-Lorenz und der Teebeutel galt nicht als Ende der Küchenkultur. Das Wort Bodytuning stand noch nicht im Vokabelheft. Auf der Hutablage der Autos gehörte ein Hund mit Nick-Tourette, neben der Klorolle mit Häkelhut platziert, weiterhin zum guten Ton. (Amazon hat beide Produkte weiterhin im Angebot. Und selbstredend lässt sich bei Amazon eine Auswahl an Prilblumen entdecken.)

Unverwelkte Daseinsfreude

Moden hatten auf dem Dorf stets eine mächtige Parusie-Verzögerung, aber vier Jahre nach 1968 war ein atmosphärischer Umschwung schleichend auch auf dem Dorf leiblich spürbar. Und dieser Atmosphärenumbruch wurde durch die Prilflasche nachhaltig befördert. Zwar hatte man auf dem Dorf von einer Flower-Power-Bewegung noch nichts gehört und die Kunstgattung Pop-Art war allenfalls den jüngeren Lehrkräften, die Kunst unterrichteten, geläufig. Aber in der Küche, bisher von einer barocken Eckbank dominiert, zog langsam ein anderes Klima ein. Die Unwirtlichkeit des Raums verschwand mit den Abziehbildern auf der Prilflasche. Es gab unter uns Geschwistern Rangkämpfe, wer als erste oder erster eine Blume abziehen durfte und wo sie wasserlose Heimat fand. Meine Mutter, die die Küche nur zu den Mahlzeiten betrat, ließ sich mit vier Blumen auf dem Kühlschrank erweichen. Die neue Anmutung war gewaltig. Unsere Küche wurde eine barrierefreie Gartenlandschaft, die mit unverwelkter Daseinsfreude prahlte.

Wilma, meine älteste Schwester, umkränzte nach und nach den Spiegel in ihrem Zimmer mit Prilblumen. Ihrem emotionalen Puls tat es sichtbar gut. Karla, meine andere Schwester, meldete sich wiederholt klaglos zum Abwasch, den sie mit Sondereinspritzern Pril zum Schaumbad auftürmte. Unentdeckt und vom Gewissen unbehelligt entsorgte ich halbe Flaschen im Abguss. Mit strichschmalem Mund nahm meine Mutter kommentarlos den Anschaffungszuwachs an Prilflachen zur Kenntnis.

Glaubt man WIKIPEDIA, dann war die Prilblume, erfunden vom Designer Friedrich Probst, die „bekannteste Blume der 70er“ und „Symbol der 70er Jahre“. Zwölf Jahre, bis 1984, schaffte sie es auf die Prilflasche. In unregelmäßigen Abständen feiert sie ein Comeback, die letzte Neuauflage war 2015.

Sagenhaft. Ein Abziehbild, eine stilisierte Blume, schafft es auf Platz 1 des Bekanntheitsgrads – vor Stiefmütterchen und Geranien und Vergissmeinnicht. Sie sind kleine Kunstwerke und obwohl sie gemacht sind, muteten sie uns an und rührten uns an. Sie haben meiner Alterskohorte, auch in Zeiten der Pubertät, Erfahrungen von Heiterkeit vermittelt, die leiblich spürbar waren. Und daraus erwuchs auch eine Praxis, das eigene Leben heiterer zu gestalten, als es in meinem calvinistischen Milieu üblich und vorgesehen war. Es waren nicht Blumen des Bösen, sondern Blumen der Freiheit. Die Prilblume ist meine Lieblingsblume geblieben.

Hol’ Dir die fröhlichen Blumen, hol’ Dir das fröhliche Pril.

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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Weitere Beiträge zu "Meinung"

Daniel Hörsch

Daniel Hörsch, Sozialwissenschaftlicher Referent Ev. Arbeitsstelle midi (Berlin), Schwerpunktthemen: Kirche in der Pandemie, Wandel der Zugehörigkeiten und Sozialgestalt von Kirche, Kirchenmitgliedschaft, Lebenswelt- und sozialräumliche kirchliche Praxis.

Gottesdienstliches Leben während der Pandemie

Viele Gemeinden wurden Mitte März 2020 ebenso vom Pandemie-bedingten Lockdown überrascht, wie die Bevölkerung insgesamt.

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Als Schlomo verschwand

Als Schlomo verschwand

Punktum
Foto: Rolf Zöllner

Ich bin Aquarianer – Sie können das Wort ruhig googeln, ich kenne es auch erst seit kurzem. Also, ich gehöre, obwohl Journalist, jetzt nicht zu der friedliebenden Art auf einem fremden Planeten, die in der Serie „Star Trek“ ungefähr so aussieht wie eine Kreuzung aus einem Tintenfisch und einem Elefanten in grünlich-trübem Wasser. Aber mit Wasser, klar, das wissen wir alten Lateiner, hat das schon zu tun: Ich habe ein Aquarium. Bin also ein Aquarianer, wie sich diese Leute, meist Männer (warum – das lässt tief blicken), nennen.

Das mag Sie jetzt nicht vom Hocker reißen, dennoch mein ungebetener Rat: Aquarien sind schön! Kaufen Sie sich eines! Es bereichert Ihr Leben! Und es ist besser als ein Hund, der süß, treu und knuddelig ist, aber auch schnell stinkt, dauernd Gassi muss, selbst morgens um fünf, und leider nicht höflich aus unserem Leben  verschwindet, wenn wir mal in den Urlaub fahren wollen, der verdammte Köter!

Fische statt Hund, das war also der Deal, der innerfamiliär gefunden wurde, naja: Es war nicht ganz Konsens.  Denn wir sind gebrannte, besser: durchnässte Kinder. Wir hatten nämlich schon zwei Aquarien. Beim ersten hatten wir „Dummenglück“, wie meine Frau oft sagt, denn wir kauften es einfach gebraucht, etwas Kies rein, ein paar Pflanzen und (vor den Fischen!) noch Wasser drauf geschüttet, fertig war die Laube, äh, das Aquarium. Weil alles so einfach war, kam rasch die Hybris: Wir kauften ein größeres Aquarium, 200 Liter oder so. Und zwei Tage nach der Füllung knackte es verdächtig … den Rest können Sie sich denken.

Unser drittes Aquarium war also ein, sagen wir: umstrittener Kauf. Und das „Dummenglück“ hatte uns verlassen. Die Pflanzen schwammen dauernd an der Wasseroberfläche, die schmucke Baumwurzel wollte einfach nicht auf dem Boden bleiben – und der arme Schlomo: Der schwarze Wels, von Anfang an ein sehr scheues Tier, war nur selten zu sehen, an den Aquariumsscheiben nuckelnd. Zur Seite stellten wir ihm einen artgleichen  orangenen Genossen, Zaid genannt. Es sollte ein friedliches Zusammenleben werden, eine Parabel des gelösten  Nahostkonflikts, eine Utopie im Aquarium.

Dann der Schock (ich übertreibe ein wenig): Schlomo war nach wenigen Wochen plötzlich verschwunden.  Einfach weg. Keine Fischleiche, nirgends. Dafür trübte sich das Wasser bedenklich ein. Unsere Vermutung: Entweder wurde er von seinen lieben Mitfischen gefressen – oder er löste sich langsam irgendwo auf und ließ das Aquariumwasser bedrohlich kippen. Nur durch ausgiebigen Einsatz von böser Chemie nach den  Ratschlägen des aquarianischen Fachverkäufers unseres Vertrauens (familienintern „Chemical Ali“ genannt) nahm die Trübung wieder ab … Aber Schlomo blieb verschwunden. Jetzt ist unser Aquarium wieder klar und schön. Aber was das über den Nahost­konflikt sagt, darüber will ich lieber nicht nach­denken. 

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Gottbegnadet?

Unter dem Titel „Die Liste der ,Gottbegnadeten‘ in der Bundesrepublik“ zeigt das Deutsche Historische Museum Berlin bis 5.

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Neues

Starke, junge Frauen sind jetzt dran. Kein Wunder, dass da auch Sophie Scholl wieder besonders ins Blickfeld kommt. Vielfältig wurde sie aus Anlass ihres 100. Geburtstags gewürdigt. Eine Ikone des Widerstands gegen den Nationalsozialismus ist sie ja schon lange, Vorbild vor allem für die Jugend, berühmt genug, um als Identifikationsfigur auf einer Querdenker-Demonstration missbraucht zu werden. So lag es nahe, im Gedenkjahr auch eine Biografie herauszubringen, die sich als „leicht lesbare Einstiegslektüre“ vor allem an jugendliche Leserinnen und Leser richtet. Werner Milstein hat das für das Gütersloher Verlagshaus übernommen, sehr fix offenbar. Jedenfalls gibt er als seine Quellen auch die beiden neuesten, erst im Herbst 2020 erschienenen Sophie-Scholl-Biografien an.

Milstein setzt keine Kenntnisse über die Geschichte des Nationalsozialismus voraus, sondern nimmt das kurze Leben der Sophie Scholl zum Anlass, über die wichtigsten Geschehnisse dieser Jahre zu informieren. Knapp, nüchtern und präzise berichtet er von den Unruhen der 1920er-Jahre, der nationalsozialistischen Machtübernahme, dem Beginn der Judenverfolgung, der Ausstellung „Entartete Kunst“, der Pogromnacht, der Euthanasie, dem Kriegsbeginn und der Kriegswende nach der Schlacht um Stalingrad. Die Bedeutung dieser Ereignisse bleibt dabei etwas blass, weil Milstein mit gleichgewichtiger Informationslust auch den jeweiligen Wohnorten der Sophie Scholl nachgeht und den biografischen Daten der Menschen, mit denen sie irgendwie zu tun hatte – egal, ob es sich um Renée Sintenis handelt, von der Sophie Scholl ein Buch besaß, oder die Leiterin der BDM-Gruppe, die sie bewunderte, oder einen Vertreter der katholischen Erneuerungsbewegung, der sie beeinflusste. In der Fülle der lexikalischen Kurzinformationen verliert sich manchmal der Spannungsbogen.

Sophie Scholl als Person bekommt wenig Kontur. Wohl werden ihre Lebensstationen genau beschrieben, als begeistertes Naturkind, leidenschaftliche Leserin, begabte Zeichnerin und radikale Gottsucherin wird sie vorgestellt, aber ihre Beweggründe bleiben oft im Dunklen. Nicht ganz klar wird, warum sie als zunächst begeistertes BDM-Mädel dann doch mit 16 Jahren schon zur Gegnerin des Nationalsozialismus wurde. Rätselhaft bleibt, warum sie ihre Beziehung zu Fritz Hartnagel offenbar ambivalent erlebte. Auch was sie nun selbst am Nationalsozialismus wirklich empörte, wird nicht ganz deutlich.

Werner Milstein verzichtet konsequent auf Deutungen, positiv könnte man sagen: Er macht sich kein Bild von Sophie Scholl, bringt sie den Lesenden aber somit auch nicht nahe. Es ist schon erstaunlich, dass er, dem an Information doch viel gelegen ist, es nicht für nötig hält, wenigstens zu erklären, warum Sophie Scholl zunächst eine Ausbildung als Kindergärtnerin machte, bevor sie das Studium in München begann. Freundinnen und Lehrer werden zitiert, um sie zu charakterisieren – einerseits natürlich als ein ganz besonderes junges Mädchen, das ebenso keck und fröhlich wie ernst und geradlinig, klug und mutig ist, andererseits aber auch – vor allem gegen Ende hin – „ein wenig undurchschaubar“ oder sogar „unscheinbar“ wirkt.

Auch hier enthält sich der Autor einer eigenen Einordnung. Gerade, weil Sophie Scholl für Jugendliche auch heute von Bedeutung bleibt, hätte man sich für diese Biografie noch mehr Klarheit und literarische Leidenschaft gewünscht.

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Angelika Obert

Angelika Obert ist Pfarrerin im Ruhestand in Berlin. Sie war bis 2014 Rundfunk- und Fernsehbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb).


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Therapeutikum

Therapeutikum

Unsere Hände und die von Gott

Eine Sache mit Hand und Fuß ist ein gutes Ganzes. Und die fortgeschrittene menschliche Evolution wäre ohne die differenzierten Fähigkeiten der beim aufrechten Gang freien Hände nicht möglich gewesen. Erst recht in sprachlicher Hinsicht ist der Zusammenhang deutlich: Wer überhaupt handelt, wer Handel treibt oder, etwas veraltet, Händel, also Streitigkeiten, führt und das auch so sagt – immerzu unterstreicht diese Person die fundamentale Bedeutung der oberen Extremitäten, von denen die Begriffe abgeleitet sind. Die Rede von der Hand Gottes, in der alles ruht, ist so bekannt wie die unsichtbare Hand des Marktes, wie die öffentliche oder private Hand. Das alles gibt Anlass, um eine entsprechende Kulturgeschichte, die der Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch unter dem so schlichten wie vielsagenden Titel Hände vorlegt, gut begründet erscheinen zu lassen.

Hörisch nimmt Anleihen bei diversen wissenschaftlichen Disziplinen, liefert vor allem aber feinsinnige und gelehrte Interpretationen belletristischer Literatur, besonders von Werken Goethes. Im Götz-Drama, im Faust, Torquato Tasso oder Wilhelm Meister finden sich zahllose Verweise und Bilder, die mit Händen operieren. Und geistesgeschichtlich reflektieren Goethes Werke den Übergang von jener Zeit, da die Hand Gottes noch überwiegend anerkannt war, zu derjenigen, die im Zeichen der unsichtbaren Hand des Marktes und also der lebensweltlichen Dominanz wirtschaftlicher Prozesse steht. Hier bewegt sich Hörisch auf vertrautem Terrain, denn dem Wandel der Sinn verbürgenden „Leitmedien“, Abendmahl, Geld und später audiovisuelle sowie elektronische Medien, hat er sich ebenso schon gewidmet wie besonders dem Fortwirken religiöser Motive in wirtschaftlichen Zusammenhängen, dem er etwa in seiner Studie „Man muss dran glauben“ nachgegangen ist.

Sein Buch bestätigt für alle Lesenden, was für Germanisten und besonders ihn selbstverständlich ist: Die Literatur um 1800 ist die ergiebigste und am meisten anregende geblieben. Und Goethe ist und bleibt der Beste. Den spezifischen Wissensvorrat, den die hohe Literatur bereithält, unterstreicht der Autor, indem er viel daraus schöpft. Da es sich um Interpretationen handelt, liegt es in der Natur der Sache, dass man diese zuweilen als (zu) weit hergeholt empfinden kann. Überzeugend begründet wird nicht zuletzt der kulturkritische Impuls dieser gut lesbaren und souverän formulierten Studie: Wir leben in einer Zeit der Handvergessenheit; Kopfarbeit wird nicht von Ungefähr am besten bezahlt. Der allgemeine Preis, den das kostet, wird auch an digitaler Bildung deutlich. Kein Zufall, dass Smartphones mit nur einer Hand bedienbar sind und vor allem Wischbewegungen erfordern.

Ganzheitlichkeit sieht anders aus; weitere Fingerfertigkeiten, die menschliche Vielfalt befördern, verlieren an Bedeutung. Kunsthandwerkliche Prozesse und überhaupt musische Bildung trainieren sie aber mindestens genauso. Da zeigt sich erneut, was sich vom alten Goethe lernen lässt. Er, in dessen Horizont auch alles Natürliche einen Platz hatte, schätzte nicht zuletzt das Kunsthandwerk. Fragestellungen der „reinen Vernunft“, dem Spekulativen, für das sich Dichterkollege Schiller erwärmen konnte, begegnete er mit Skepsis. Seine Dichtung und Weltsicht sind erdverbundener, realistischer, doch nicht weniger klug. Auch das lehrt dieses Buch. Es ermuntert mit Hilfe der Literatur dazu, das Leben ganzheitlich in die eigene Hand zu nehmen, und es lässt sich nicht zuletzt angesichts hochfliegender digitaler Pläne als Therapeutikum empfehlen.

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Selten im Dialog

Selten im Dialog

Zwischen Barth und von Harnack

Die 1920er-Jahre erfreuen sich wieder großer Beliebtheit. Das zeigt der sagenhafte Erfolg der Fernsehserie „Babylon Berlin“. Ähnliche Filmwerke, die die Explosion der Moderne zwischen 1918 und 1933 spannend ins Bild setzen, sind in Vorbereitung. Auch die Literatur dieser Epoche wird neu entdeckt oder war nie „weg“: Man denke nur an Erich Kästner, Hans Fallada, Mascha Kaléko oder Irmtraud Keun. Auch die Architektur, die Mode und das Design aus der ersten deutschen Republik genießen höchste Wertschätzung.

Die Herausgeberinnen und Herausgeber dieses Taschenbuchs möchten die Faszination, die von dieser Epoche ausgeht, nutzen, um an Karl Barth zu erinnern und an den 100. Jahrestag der Veröffentlichung der zweiten Auflage seines Römerbriefs (1922). Es handelt sich also um einen Jubiläumsband, erarbeitet im Auftrag des Evangelischen Bundes Hessen. Originell ist der Ansatz, die Erinnerung an diesen Gegen-Kultur-Theologen zu verbinden mit Reminiszenzen an die Kultur der Weimarer Republik. Das ist ein reizvoller konzeptioneller Widerspruch, aus dem sich Funken schlagen ließen: Der Theologe, der jeder Form von Kultur-Theologie eine schroffe Absage erteilt hat, soll in den bunt schillernden Facetten der Kultur seiner Zeit gespiegelt werden. So gibt es interessante Kapitel zur Literatur, zum Kino, zur Mode, zur „neuen Frau“, zu Bauhaus und Kirchenarchitektur, zu Kulturkonflikten wie Blasphemie-Prozessen, zu Frömmigkeitskulturen und zur Kirchenmusik. Vieles liest sich anregend, anderes ist zu kurz geraten, als dass es in die Tiefe gehen und wirklich interessant werden könnte. Die Beiträge zu Barth dagegen sind sympathisch, weil sie den Charakter theologischer Liebesbriefe tragen. Das Verhältnis zu diesem Kirchenvater des 20. Jahrhunderts ist durchgehend affirmativ, voller Bewunderung und darauf aus, seine Thesen für die Gegenwart zu aktualisieren. Gelegentlich nimmt dies fast etwas Predigthaftes und Heilsgeschichtliches an: Da ist zunächst die „Götterdämmerung“ der alten liberalen Theologie, die wegen ihrer anfänglichen Kriegsbegeisterung, ihrem „Sündenfall“, verworfen wird, bis der Römerbrief erscheint – wie ein „Erdbeben“, so gehört es sich für eine Theophanie – und sein Autor als neuer „Leitstern“ auf den Plan tritt. Eine präzise Kontextualisierung und kritisch-konstruktive Auseinandersetzung werden so eher nicht angebahnt, aber wahrscheinlich war dies gar nicht die Absicht.

Das Problem dieses Buches nun besteht darin, dass die kulturhistorischen und die theologischen Beiträge zu selten in einen Dialog miteinander treten. Das liegt sicherlich an Barth selbst. Er war kein Ernst Troeltsch, der in seinen berühmten „Spektatorbriefen“ oder neu herausgegebenen Briefen eindringliche Schilderungen und Deutungen der kulturellen und politischen Ereignisse seiner unmittelbaren Gegenwart geliefert hat. Über Kunst hat Barth sich nicht geäußert. Allerdings lässt sich auch bei ihm das „reformierte Paradox“ aufspüren, wonach auch eine Theologie, die sich nicht mit der Kultur ihrer Zeit verbinden will, kulturprägend wirkt: Bilderverbot als Kunstprinzip. Doch dazu gibt es beim frühen Barth nur sehr allgemeine Aussagen.

Der beste Beitrag ist der letzte. Er gießt allerdings einen ordentlichen Schuss Wasser in den Jubiläumswein. Christian Nottmeier erinnert daran, dass die eigentlich prägende theologische Gestalt dieser Zeit Adolf von Harnack war. Die Dialektische Theologie und andere antiliberale Aufbrüche in der Theologie waren dagegen „nicht mehr als Binnendiskurse“. Betrachtet man sie zudem im Zusammenhang der „antihistoristischen Revolution“ auch in anderen Disziplinen, erscheinen sie durchaus auch als problematisch. Jedenfalls waren es Ältere wie Harnack oder Troeltsch, die wesentliche Beiträge zur Begründung einer neuen demokratischen Kultur und Politik leisteten, zu denen die Jüngeren in ihrem kulturkritischen Furor nicht bereit oder in der Lage waren.

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Foto: EKDKultur/Schoelzel

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.


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Lehrbuch

Lehrbuch

Kirchengeschichte kompakt

Kirchenhistoriker in Deutschland sollen sich einerseits auf den Feldern hochspezialisierter Forschung tummeln, andererseits ihren Studierenden in Vorlesungen einen breiten Überblick von Pfingsten bis fast zur Gegenwart bieten. Dass diese weite Spanne im neuen Lehrwerk Evangelische Theologie auf zwei Bände aufgeteilt wurde, erleichtert die Aufgabe für die Autorinnen und Autoren nicht wesentlich. Wolf-Friedrich Schäufele hat sich ihr mutig und souverän gestellt. Von etwa 1300 bis 1989 führt er sicher durch die Untiefen des reichen Stoffs.

Das Werk will ausdrücklich ein Lehrbuch sein, und das heißt für Schäufele auch: Er stellt „Spezialinteressen des Verfassers“ zurück (XVIII). Stattdessen versucht er auch dort, wo Forschungskontroversen bekannt sind, eine milde Via media. Die Kontinuität der Reformation zum Spätmittelalter etwa wird benannt, Luthers Wirken zugleich als „grundstürzend“ charakterisiert. Diese Zurückhaltung führt auch dazu, dass manche wichtige Gesichtspunkte wie etwa die Frage nach der Rolle von Frauen in der Reformation nur angedeutet, nicht aber ausgebaut werden, und bringt es mit sich, dass nicht alle Lesenden mit allem einverstanden sein werden – aber kein Grund besteht, sich allzu sehr provoziert zu fühlen.

Er ermöglicht so insgesamt Studierenden in ganz unterschiedlichen Kontexten eine solide Examensvorbereitung. Und er tut dies mit einer deutlichen theologiegeschichtlichen Konzentration. Die sozialhistorischen Formierungen des Pietismus oder der Aufklärung etwa treten zurück, ja, selbst die weidlich etablierte Forschung zur städtischen Reformation erscheint eher anhand der theologischen Protagonisten als in ihrer gesellschaftlichen Funktion.

Einzelne theologische Systeme, das Luthers wie auch Calvins, werden ausführlicher dargestellt, auch Schleiermacher erhält noch ein eigenes Unterkapitel, während sich Karl Barth dann eines mit Otto, Bultmann und Tillich teilen muss. Hier zollt der theologiehistorisch interessierte Kirchenhistoriker der Aufgabenteilung mit den Systematikern und Systematikerinnen Tribut.

Das Nebeneinander von Luther und Calvin in der Darstellung weist noch auf ein anderes Charakteristikum hin: Schäufele trägt der für die Kirchengeschichtsschreibung in Deutschland sicher unausweichlichen Konzentration auf Luther Rechnung, fixiert sich aber nicht auf den mit diesem verbundenen Strom des modernen Christentums. Auch Zwingli wird sehr fair und ausführlich gewürdigt, und international werden Entwicklungen in England und den Niederlanden, aber auch in den katholischen Ländern angemessen dargestellt. Dies reicht bis in die Ausführungen zum „kurzen 20. Jahrhundert“ hinein, in denen das Zweite Vatikanische Konzil eine gründliche Würdigung erfährt.

Überhaupt ist dieser Abschnitt, der nicht zu den engeren Forschungsgebieten des Autors gehört, in seiner Auslotung des Feldes interessant und gewinnbringend. Kirchengeschichte der Bundesrepublik und der DDR werden gleichermaßen dargestellt, letztere ohne die von manchen Deutern gepflegte Fixierung auf die Stasi-Thematik, die gleichwohl Aufnahme findet.

Unterstützt wird die außerordentlich materialreiche, dichte und klare Darstellung durch sinnvoll ausgewählte Bildmaterialien, die jeweils eigens kommentiert werden. Manchmal blitzt in den Fußnoten auf, dass der Autor gerne die Fesseln des Lehrwerks gesprengt und mehr von seiner Gelehrsamkeit preisgegeben hätte. Manche von ihnen – etwa zur Rolle des Reichsgrafen bei Zinzendorf oder zu Umberto Eco als Ockham-Deuter – lassen erahnen, was der Autor alles entfaltet hätte, hätte er den Platz dazu gehabt. Aber Verzicht und Konzentration machen die Stärke eines Lehrbuches aus. Schäufele bietet den Studierenden den Stoff, den sie brauchen. Dieses Buch kann man getrost für die Exa­mensvorbereitung empfehlen.

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Foto: epd

Volker Leppin

Volker Leppin (geboren 1966) ist Professor für Kirchengeschichte in Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen beim Mittelalter, der Reformationszeit und der Aufklärung, in den Themen Scholastik und Mystik und bei der Person und Theologie Martin Luthers.


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