Traum von einer besseren Welt

Der Maler und Grafiker Heinrich Vogeler: Zwischen Weltflucht und Kampf für den Sozialismus
Sein wohl berühmtestes Bild: „Sommerabend“ (1905), Heinrich Vogeler (1872 – 1942).
Fotos: AKG
Sein wohl berühmtestes Bild: „Sommerabend“ (1905), Heinrich Vogeler (1872 – 1942).

Er gehört zu den herausragenden Künstlern seiner Zeit. Heinrich Vogeler (1872 – 1942) war ein Mann mit vielseitigen Begabungen: Er arbeitete als Maler, Architekt, Designer und Schriftsteller. Der Barkenhoff, sein Wohnhaus in Worpswede, wurde Anfang der 1900er-Jahre zum Mittelpunkt der künstlerischen Bewegung. Vor 150 Jahren wurde Vogeler geboren; der Theologe Werner Milstein erinnert an ihn.

Am Ende hatte der Vater ein Einsehen mit seinem Sohn. Bei dem Aufenthalt in Baden-Baden, wo die schwere Lungenentzündung seines Ältesten auskuriert werden sollte, erkannte er, dass die Zeichnungen seines Sohnes Heinrich nicht allein dem Ziel dienten, die Lehrer zu karikieren, sondern eine ernsthafte Angelegenheit waren. Carl Eduard Vogeler verstand, dass der Junge, dem das Addieren und Subtrahieren offensichtlich Angst bereitete, seinen florierenden Eisenhandel nicht weiterführen würde.

Heinrich Vogeler, geboren am 12. Dezember 1872 in Bremen, schrieb sich an der Düsseldorfer Kunstakademie ein. Dass die Methoden dort antiquiert waren, merkte er sehr schnell. Mit Freunden zog es ihn in die Natur, sie zeichneten Landschaften, machten Skizzen von den Bauern und Fischern. Dann ging es nach Brügge, wo die Zeit stehengeblieben schien. Sie wanderten durch die Gassen fühlten sich ins Mittelalter versetzt, es war eine Reise in eine vergessene Welt. Nach Düsseldorf zurückgekehrt, erzählte ihm der Studienfreund Fritz Overbeck von Worpswede. Dort besuchte er im Sommer 1894 seinen Freund und lernte all die anderen kennen: Fritz Mackensen hatte an der Kirche eine große Leinwand aufgespannt. „Gottesdienst im Freien“ hieß das Bild sinnigerweise. Hans am Ende war ein Meister in der Technik der Radierung und unterrichtete darin die anderen. Otto Modersohn wiederum hielt die wechselnden Stimmungen der Landschaft in seinen Ölgemälden fest, die weiten Wiesen, durch die sich die Hamme zieht, und das Teufelsmoor. Heinrich Vogeler war der Jüngste in der Künstlergruppe; er kam zuletzt dazu und blieb Außenseiter. Er verweilte in Worpswede, aus dem väterlichen Erbe kaufte er eine alte Bauernkate, und weil sie von Birken umgeben war, erhielt sie den Namen Barkenhoff.

Von Birken umgeben

Im Sommer 1898 baute Vogeler das Haus großzügig um. Die Giebel zeichnete er in Originalgröße in den Sand, der Zimmermann fertigte in Holz die Modelle, danach wurden die schwungvollen Giebel gemauert. Die Treppe führte in den Garten, der zu einem Paradies verwandelt wurde. Ein Hortus conclusus, eine in sich geschlossene Welt. Immer wieder taucht der Barkenhoff in Vogelers Werk auf, in Zeichnungen und Radierungen, von den verschiedenen Seiten und Perspektiven, in den unterschiedlichen Jahreszeiten. Eine Zeit kommt immer wieder vor, der Frühling. Er inszenierte sich als Poet des Frühlings und der Liebe; er schuf sich eine eigene Welt. In ihr wird sein Kindheitstraum zur Wirklichkeit, ein Schauplatz von Märchen und Mythen, von biblischen Königen und Engeln, von Rittern und Edelfrauen. Im Grunde aber ist es immer nur eine Frau, um die es sich dreht, die sehnsüchtig in die Ferne schaut. Für sie schuf er diese Welt und legte sie ihr zu Füßen. Martha – ein blondes Kind war sie, als sie sich zum ersten Mal begegneten – wurde zur Liebe seines Lebens. Für sie entwarf er das Haus und den Garten, die Möbel, Geschirr, Gläser und Besteck, Kleider und Schmuck. Vogeler gab dem Alltag eine ästhetische Form und fand beim Bürgertum Anklang. Er entwarf ganze Inneneinrichtungen, seine Gemälde, Zeichnungen, Radierungen und Buchillustrationen begründeten seinen Ruhm und Erfolg.

Dem häufigen Gast auf dem Barkenhoff, Rainer Maria Rilke, kam das alles wie ein Märchen vor. Paula Becker, die zum Kreis dazu kam ist, notierte nachdenklich in ihr Tagebuch, „er lebt in einer Welt für sich.“ Als Heinrich Vogeler sein wohl berühmtestes Bild vollendet hatte, „Der Sommerabend“ (1905), war die Gemeinschaft, die Barkenhoff-Familie, längst zerbrochen. Ein Konzert auf der Terrasse des Hauses – aber alle sitzen isoliert da. Sie musizieren vor einer Fassade und sind selbst dazu geworden. Das Frühlingslied ist zu einem Schwanengesang geworden, Vogeler musste sich seine Frau mit einem jüngeren Mann teilen, privat war er gescheitert und auch sein beruflicher Erfolg versiegte immer mehr. Es war, so schrieb er später selbstkritisch, die „Flucht aus den Wirklichkeiten der Zeit in ein erträumtes Märchenland“.

Er kümmerte sich nun mehr um seine drei Töchter, es entstehen wunderbare Kinderbildnisse in dieser Zeit. Im „Kunst- und Kunstgewerbehaus Worpswede“ verkaufte sein Bruder Möbel nach seinen Entwürfen. Die Wohnsituation der Arbeiter beschäftigte Vogeler nun, in England besuchte er die musterhafte Gartensiedlung „Port Sunlight“ und kaum war er wieder zu Hause, entwarf er ein Dorf für Mitarbeiter einer Möbelfabrik. Potente Geldgeber belächelten ihn, er war und blieb für sie ein Träumer. Indes, ein Haus im hessischen Willingen und eine Reihe von Bahnhöfen entstanden in diesen Jahren. In ihm blieb das Vertrauen, dass er durch Wohnungen die „Lebensfreude heben und ihre niederen Gefühle niederzwingen“ könne. Trotz des mehrfachen Scheiterns trug er eine „tiefe Sehnsucht“ in sich, „das Leben neu zu beginnen“.

In Berlin arbeitete er nun als Werbegrafiker, daneben entstand die Federzeichnung „Vision“: eine Mutter mit einem gerade geborenen Kind, über der Gottes schützende Hand zu sehen ist. Es ist die Hoffnung auf eine neue Zeit. Wie viele expressionistische Künstler wendete er sich der Religion zu und wie viele von ihnen zog es auch ihn 1914 in den Krieg. Er sollte den Kampf in seinen Bildern dokumentieren, aber bloß keine Leichen zeichnen. So wurden es idyllische Zeichnungen, wie aus einem Reisebericht. In seinen Briefen indes beschrieb er die Grausamkeit und Brutalität dieses Krieges und seine große Enttäuschung. Es war nicht die große Veränderung, kein Kampf für Gerechtigkeit und Humanität, sondern ein sinnloses Gemetzel. In Russland imponierten ihm dagegen die Bauern und Arbeiter, die versuchten, ihre Interessen gegen den Zar durchzusetzen. Geradezu eine eschatologische Dimension erkannte er, seinen Töchtern schrieb er nach Hause: „In keiner Zeit ist wohl das Christentum so klar zu erkennen gewesen, so strahlend, aber so mißverstanden wie jetzt. Gäbe es überhaupt Christen, so ist ein Krieg wie dieser unmöglich überhaupt ein Krieg.“

In der Konferenz von Brest-Litowsk am 25. Dezember 1917 sollte es zu einem Friedensvertrag ohne „Annexion und Kontribution“ kommen. Aber die deutschen Generäle wollten ihre überlegene Position ausspielen. Vogeler war entsetzt, dem Kaiser und der Heeresleitung schickte er sein „Märchen vom lieben Gott“ zu. Gott kehrt auf die Erde zurück, ein alter Mann der Flugblätter mit der Überschrift „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ verteilt. Er klagte den Kaiser und die Mächtigen an, sich auf Gott zu berufen und die Zehn Gebote zu vertreten, in Wirklichkeit aber Götzen zu verehren und das goldene Kalb anzubeten, den Mammon. Es musste aus ihm heraus, dafür wollte er auch den Tod auf sich nehmen. Aber es kam, wie er befürchtet hatte, sie würden ihn aus „Feigheit“ in die Irrenanstalt einsperren. Im Isolierzimmer entstand „Die Apokalypse“. Über zerbrochenen Häusern und zerfetzten Menschen werden die sieben Schalen des Zornes ausgegossen. Inhaltlich wie auch künstlerisch ist es ein Neuanfang. Kubistisch-kristalline Formen bestimmen das Bild, eine Katastrophe von kosmischem Ausmaß sah Vogeler in diesem Krieg. Als „staatlich geprüfter Geisteskranker“ wurde er nach 63 Tagen entlassen und unter Polizeiaufsicht gestellt. Der jetzt zurückkommt, kündigte er seiner Frau an, „ist nicht mehr der Alte“.

Auch die Welt, in die er kam, war nicht mehr die alte. Bremen wandelte sich zur Räterepublik. Es war in der Stadtgeschichte nur eine Episode, aber Vogeler stürzte sich in seine neue Aufgabe. Er propagierte in seinen Schriften einen christlichen Sozialismus, der aber bei seinen Genossen auf wenig Verständnis stieß. Er blieb auch dort Außenseiter. Als in Bremen das Revolutionskapitel abgeschlossen war, zog er sich auf den Barkenhoff zurück und versuchte dort die neue Gesellschaft zu formen. „Für ihn sollte eine neue Gesellschaftsordnung den ewigen kosmischen Gesetzen der Nächstenliebe und der Brüderlichkeit verpflichtet sein. Christentum, Sozialismus und Kommunismus waren ihm verschiedene Namen für die gleiche Sache, für eine gute, menschliche Ordnung“, schreibt der Vogeler-Experte Siegfried Bresler.

Trotz allem Einsatz, er wird wieder scheitern. Auch seine neu gestaltete Insel wird sich als nicht lebensfähig erweisen. Seine „expressionistische Liebe“ erwies sich als Utopie, sie hatte keinen Ort in dieser Gesellschaft. Die „Kommune Barkenhoff“, die auf autarke Versorgung setzte, war auf Unterstützung angewiesen, und sie kam ausgerechnet von Kapitalisten wie Ludwig Roselius. Dennoch mutet heute die Kommune wie eine grüne Insel an, ein intensiver Gartenbau, die Kompostierung der Hausabfälle, eine Berieselungsanlage – es gab auch ein „Grünes Manifest“, allerdings mit völkischen Untertönen, die Vogeler radikal ablehnte. Kinder wurden in der „Arbeitsschule Barkenhoff“ unterrichtet und wirkten mit. Vogeler verfasste pädagogische Schriften, die in der Reformpädagogik der Weimarer Republik allgemeine Anerkennung fanden.

Antifaschistische Propaganda

Unübersehbar aber waren die Meinungsverschiedenheiten vor Ort, die Gruppe zerbrach. Zu den zahlreichen Gästen, die die Kommune besuchten, gehörte auch Sonja Marchlewska, Tochter einflussreicher kommunistischer Eltern in Moskau. Aus dem Kontakt erwuchs eine Liebesbeziehung. Ihr Vater kam Weihnachten 1922 nach Worpswede und schlug Vogeler vor, gegen Bezahlung Kinder der Roten Hilfe aufzunehmen. Die gerade gegründete Organisation kümmerte sich um die Familien politisch Gefangener. Damit war die finanzielle Zukunft des Barkenhoffs erst einmal gesichert, später ging das Haus komplett an die Rote Hilfe.

Mitte Juni 1923 reisten Heinrich Vogeler und Sonja Marchlewska nach Moskau. Bis zu seinem Lebensende wird die Sowjetunion das Leben des Künstlers bestimmen. Zunächst werden es regelmäßige Besuche sein, von 1931 an blieb er dauerhaft in der UdSSR. Hier erlebte er die Geburt des „neuen Menschen“, am 9. Oktober 1923 kam sein Sohn Jan Jürgen zur Welt. Ein Ölgemälde beschreibt die Hoffnung auf eine bessere Welt, aus dem Stern von Bethlehem des Wintermärchens wurde der alles überstrahlende Sowjetstern. Seine Arbeitskraft schien ungebrochen zu sein, er unterrichtete und organisierte, malte und zeichnete, reiste durch das riesige Land und sah sich als „künstlerischen Chronisten“. Überall registrierte er den Aufbruch in eine neue Zukunft, entdeckte er den neuen Menschen. Seine „Komplexbilder“, die verschiedenen Szenen in überlappenden Feldern zusammenfügen, illustrierten das neue Leben, beschrieben und verherrlichten es.

Auch wenn es in seinem Werk nirgendwo auftaucht und er sich kaum dazu äußerte, nahm er auch die Schattenseite der Sowjetunion wahr, die stalinistischen „Säuberungsaktionen“ und Schauprozesse. Eine Rede Stalins erschütterte ihn bis ins Mark. Er selbst stand unter dem Schutz seiner mächtigen Schwiegereltern, auch nach dem Scheitern der Ehe mit Sonja Marchlewska. In der Sowjetunion war er ein hoch angesehener Künstler, obwohl seine Komplexbilder wegen ihres Formalismus offiziell abgelehnt wurden. Vogeler übte Selbstkritik und kehrte am Ende an den Anfang seines künstlerischen Weges zurück, wenn nun auch unter den Vorzeichen des von Stalin geforderten „Sozialistischen Realismus“. Er lebte bei den Arbeitern und Bauern, arbeitete mit Fischern und Flößern, malte sie bei ihrer Arbeit auf dem Feld und auf dem Fluss. Daneben betätigte er sich in der antifaschistischen Propaganda, verfasste Flugblätter und sprach in den deutschen Beiträgen des Moskauer Senders.

Als Hitler Russland überfiel und die deutschen Truppen bedrohlich auf die sowjetische Hauptstadt vorrückten, wurde er – wie die meisten Deutschen – nach Kasachstan umgesiedelt. Unter den einfachsten Verhältnissen arbeitete er weiter, machte Skizzen, verfasste Propagandabeiträge und schrieb an seinen Erinnerungen. Als die Rente ausblieb, versagten ihm die Wirtsleute die Verpflegung. Krank und ohne die nötige Medizin, völlig abgemagert und in schäbiger Kleidung schleppte er sich bei minus 50 Grad von Haus zu Haus und bettelte. Wie ein Gespenst sehe er aus und könne keine 20 Schritte mehr gehen, klagte er Freunden auf einer Karte. Ihm wurde bewusst, dass er am Ende seines Lebensweges angekommen war. Am 14. Juni 1942 starb er im Krankenhaus des Kolchos „Budjonny“. Die Hilfe seiner Freunde kam zu spät.

Seiner Frau Martha schrieb er am 21. November 1910:„Ich glaube, dass wir Künstler doch einen kleinen Teil vom Himmelreich auf Erden verwirklichen können.“ Diesen Glauben hatte er sich bis zuletzt bewahrt.

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