Borkum, Wattenmeer

Priel-Angst und Brandgans-Trost
Foto: Privat

Unser Kolumnist Klaas Huizing ist im Urlaubsmodus und kramt in seiner Erinnerung. Heute für uns: Jugenderinnerung von herrlich-spannenden Sommertagen im Watt der Nordseeinsel Borkum.

Ein Wort hatte in meiner Jugend einen magischen Klang: Golfstrom. Wegen meiner pfeifenden Bronchien musste ich ab dem 9. Lebensjahr jährlich nach Borkum auf Kur, weil nur an Borkum (nicht etwa an Juist oder Norderney, diese deutlich mondäneren Inseln) der mysteriöse Golfstrom vorbeifloss und mein Asthma zu heilen versprach.

Dann wurde der Volvo 164 vollgepackt und Heinz, einer der Arbeiter in der Firma meines Vaters und meiner Mutter, der normalerweisen einen riesigen LKW, einen Hentschel, später einen Magirus fuhr, kutschierte uns nach Emden zum Schiff. Heinz, den meine Schwestern und ich Onkel Heinz nannten, weil er schon seit Ewigkeiten im Unternehmen war, trug auch bei Hitze und geschlossenen Autofenstern (überall drohte eine Erkältung, der Ostwind hatte im Vokabular meiner Mutter einen festen Platz) einen dunklen Anzug, als müsse er auf eine Beerdigung.

Ich saß wegen meines Magens, der, wie meine Mutter sagte, gerne Sperenzchen machte, auf dem Beifahrersitz, meine Mutter auf der Rückbank in der Mitte zwischen meinen beiden älteren Schwestern, die aber nur wenige Male mitfuhren durften. Ich ging auf Kur nach Borkum stets an den Randzeiten, etwa in der Woche vor Ostern oder in den Herbstferien, weil dann, so die Auskunft, die Wirkkraft des Golfstroms besonders nachhaltige Ergebnisse garantierte.

Jeden dritten Tag Eis

Meistens waren dann beide Kinos auf der Insel und auch der Minigolfpark noch oder schon wieder geschlossen. Dick eingemummt, ging ich jeden Tag stundenlang, häufig in Begleitung meiner Mutter, im steifen Wind. Manchmal ging ich rückwärts, dann kam ich schneller voran, auf der Promenade spazieren, jeden dritten Tag bekam ich ein Eis. Lernte ich an einem Tag fehlerfrei mehr als dreißig Vokabeln, ich hatte in diesem Jahr die Grundschule bereits hinter mir, bekam ich ein Eis extra.Weil der Homöopath meiner Mutter, dem sie blind vertraute, eine Wattwanderung empfohlen hatte, durfte ich, obwohl meine Mutter eine lange Liste von Bedenken aufsagen konnte, nach vielen Vertröstungen mitwandern. Noch in der Nacht hatten Regen und Wind gemeinsam getobt, jetzt schwiegen beide, das Grau des morgens hatte Farbe aufgesogen. Wolken, reingewaschen, spielten Fangen, schlugen einander ab und zogen gemeinsam weiter. Das Wetter gab ein okay, was meiner Mutter die Stimmung eintrübte, aber ich, little me, stand im Ostfriesennerz und in Gummistiefeln mit einem kleinen Eimer ausgestattet aufgeregt am vereinbarten Sammelpunkt. Sieben Männer und Frauen, ich war das einzige Kind. Der Wattführer, den ich bereits im Heimatmuseum kennengelernt hatte, redete sehr beruhigend auf meine Mutter ein. Ich drehte mich noch mehrfach nach ihr, die mir etwas nachzurufen schien, um, dann konnte ich sie nicht mehr ausmachen.

Unterwegs durfte ich meine Gummistiefel ausziehen und eine Frau krempelte mir die Hose hoch und herzte mich. Ich stelzte zunächst, war über die Kälte erschrocken, versuchte meine Hose nicht zu verschmutzen, aber mit jedem Schritt mehr genoss ich es, wie der Schlamm sich zwischen meinen Zehen quietschend hindurchdrückte, ich dreckig wurde und mit jedem schmatzenden Schritt Spuren hinterließ. Ich schmeckte Salz, die Luft war klebrig, ein Geruch wie die Sülze bei unserem Schlachter um die Ecke.Auf glibberige Quallen machte der Wattführer aufmerksam, zeigte Seeringelwürmer, Käferschnecken, Herz- und Pfeffermuscheln, den Steinschmätzer und den Austernfischer, Seesterne, kleine Einsiedlerkrebse. Und er hielt einen Nachruf, er nahm sogar seine Wilhelm-Heinrich-Mütze ab, auf das Seepferdchen, das er seit drei Saisons nicht mehr entdeckt habe. Das mache ihn traurig. Ich war trotzdem glücklich.

Vom Priel zum mächtigen Flusse

Ich erinnere mich noch, wie der Wattführer, der die Erwachsenen oft zum posaunenden Lachen verführte, nachdrücklich vor den Prielen warnte. Jedes Jahr würden Touristen, die sich ohne ausgebildete Führer auf den Weg machten, von der plötzlich zurückkehrenden Flut überrascht, weil sie glaubten, das Watt würde sich gleichmäßig füllen, aber nein, zuerst liefen die Priele, die kleinen, sich schlängelnden Wasserläufe voll, würden sehr plötzlich zu einem mächtigen Fluss anwachsen, dem auch geübte Schwimmer nichts entgegenzusetzen hätten. Jedes Jahr würden unbegleitete Touristen ihren Ausflug ins Watt mit dem Tode bezahlen.

Plötzlich schwiegen wieder alle. Auch der Wattführer. Ich blickte verstohlen zu dem Punkt, wo ich noch immer meine Mutter vermutete. Eine Szene von quälender Länge. Dann ein tröstliches, pfeifend-schwirrendes Fluggeräusch, das der Wattführer als Flügelschlag einer Brandgans identifizierte. Als erste fand die Frau, die mich geherzt hatte, ihre Stimme wieder und redete gestikulierend auf den Wattführer ein, ich versuchte zu entdecken, ob der Priel vielleicht heimlich volllaufe.

Dann, endlich, gingen wir langsam zurück. An einer sicheren Stelle, kurz vor dem Ende der Wanderung, konnten wir erkennen, wie eine kleine Rinne sich extrem schnell mit Wasser füllte. Wo wir vor Minuten noch sicher durch das Watt gezogen waren, hatte das Wasser das Land bereits zurückerobert. Eine Frau, die während der ganzen Wattwanderung geschwiegen hatte, schüttelte sich und strich sich mehrfach über die Arme. Ist ganz schön und auch wohl schrecklich, sagte sie.

Ich erzählte meiner Mutter, zurück in der sicheren Ferienwohnung, sehr lange vom Priel und wie gefährlich es sei, sich ohne Wattführer ins Watt zu wagen. Meine Mutter legte nur den Kopf schief und musterte mich lange, hielt währenddessen meine noch immer blaubleichen Füße in ihren warmen Händen gebettet. In der Nacht träumte ich von einer riesigen Welle, die auf mich zuraste. Mein Magen machte Sperenzchen. Aber es war ein glücklicher Tag. Das ja. Tief ins Gedächtnis eingebrannt.

Lesetipp:

Mathijs Deen: Der Holländer. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke, Hamburg 2022.

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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