Lindners Location und unsere Kirche

Auch das "Ja"-Wort in St.Severin braucht die Einnahmen aus der Kirchensteuer
Foto: Harald Oppitz

Christian Lindner und Franca Lehfeldt haben standesamtlich geheiratet. Da gratuliere ich doch… der evangelischen Kirche! Denn Deutschlands smartester Politiker hat sich zusätzlich zum staatlichen Akt für morgen nicht für eine romantische Strandhochzeit, sondern für eine Trauung in der evangelischen St. Severin-Kirche in Keitum entschieden. Das liegt sicherlich nicht daran, dass seine handgenähten Budapester im Sand Kratzspuren erleiden oder die Braut in der Nordsee kalte Füßchen bekommen könnte, sondern an der Qualität der kirchlichen Location, inklusive des protestantisch-liturgischen Beiprogramms. Für die 100 000 Follower seiner Gattin dürfte das ein deutlicher Hinweis darauf sein, dass eine Zeitenwende angebrochen ist. Bis vor kurzem war nämlich laut den führenden Wedding-Plannern in Deutschland eine Trauung unter freiem Himmel am Meer das Traumziel der meisten Brautpaare. „Hauptsache draußen“ war das Motto. Jetzt geht der Trend offenbar in Richtung Sakralgebäude. Die „Hochzeit des Jahres“ in Deutschland setzt Maßstäbe. Man kann Christian Lindner mögen oder nicht – ganz klar, der Mann hat Geschmack. Was ist schon ein Zelt am Strand gegen die Atmosphäre jahrhundertealter Kirchenmauern. Unser Finanzminister zeigt der Republik, wer die schönsten Locations hat: Definitiv die Kirchen.

Bei aller Freude über diese liberale Anerkennung stellt sich dem unbefangenen Bundesbürger natürlich die Frage, wieso jemand, der mit 18 Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten ist, eigentlich in einer evangelischen Kirche heiraten darf. Die Regionalbischöfin Petra Bahr stellt auf Twitter klar, dass eine evangelische Trauung nicht möglich ist, wenn beide Partner aus der Kirche ausgetreten sind. Also wird Franca Lehfeldt immer noch oder schon wieder in der Kirche sein. Oder die Pfarrerin von Sylt tut, was die meisten evangelischen Pfarrpersonen tun: Sie macht, was sie will. Stichwort Gewissensfreiheit. Eine Art Berufskrankheit seit Zeiten der Reformation.

Zwei Logiken

Unserem Finanzminister wird man sicherlich nicht erklären müssen, dass Immobilien mit Investitionsstau ein Problem darstellen. Leider gilt das auch für Kirchen, deren Erhaltung die Gemeinden regelmäßig vor riesige Herausforderungen stellen, zumal es dann ja noch die Auflagen des Denkmalschutzes gibt. Theologisch korrekt ist zwar, dass Menschen nicht in Organisationen, sondern in den Leib Christi hineingetauft werden und auch nach einem Kirchenaustritt ihre Taufe nicht ungültig wird.

Diese himmlische Logik der Theologie steht etwas quer zu einer anderen Logik der Organisation. Die Organisation muss sich nämlich schon die Frage stellen, wer denn die marode Heizung in einer Kirche saniert und das Gehalt der Pfarrpersonen stemmt. Bei der Trauung von Christian Lindner und Franca Lehfeldt wird sicher die Orgel spielen , und auch Kirchenmusikerinnen leben nicht von Luft und Liebe, sondern sind auf ihr Gehalt angewiesen. Alle Mitglieder der christlichen Kirchen leisten mit ihrer Kirchensteuer einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung dieser wunderschönen Kulturgüter und zur Sicherung kirchlicher Dienstleistungen. Möglicherweise könnten die sich etwas darüber ärgern, dass die einen nutzen, was sie finanzieren. Eventuell ist die eine oder der andere gar der Ansicht, dass das eine gewisse Schieflage darstellt. Mag sein, dass sich da in Zeiten der Inflation die Frage stellt, warum man sich die Kirchensteuer nicht einfach auch sparen könnte, wenn Nichtmitglieder die gleichen Rechte und Vorteile haben wie Kirchenmitglieder.

Schön fände ich es natürlich, wenn Christian Lindner, innerlich bewegt von seiner Trauung in St. Severin, auch in Sachen Kirchenmitgliedschaft neue Trends setzt und in die evangelische Kirche eintritt. Möglicherweise setzt er sich künftig politisch für den Erhalt der Kirchensteuer ein. Schließlich sollten Deutschlands Kirchengebäude für den zu erwartenden Ansturm der Brautpaare gerüstet sein. Wer will schon, dass beim Ja-Wort der Putz in den Brautstrauß bröselt.

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Foto: Harald Oppitz

Angela Rinn

Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.


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