Für die Jugend

Chick Corea nach Noten

Bei Chick Corea drängen sich schnell große Aufnahmen als Sideman von Miles Davis in den Sinn, allen voran das legendäre Album „In a Silent Way“ – oder im Trio mit dem begnadeten tschechischen Bassisten Miroslav Vitouš und Schlagzeuger Roy Haynes im Album „Now He Sings, Now He Sobs“. In diesem Jahrtausend hat der 1941 in Chelsea, Massachusetts, geborene und 2021 gestorbene Gründungsvater des Jazzrock mit dem genialen Gitarristen John McLaughlin und der gemeinsamen Five Peace Band auch als beinahe 70-Jähriger noch einmal groß aufgetrumpft. Dass man Solowerke für Klavier aus seiner Feder hört, ist eher eine Randerscheinung – aber eine, die beglückt, weil sie den Großmeister der Improvisation auch als konzentrierten Komponisten klassischer Couleur hörbar macht.

Chick Corea saß als Sohn eines Bandleaders frühzeitig am Klavier und genoss hier eine klassische Ausbildung, die ihn mit dem Repertoire der großen Meister vertraut werden und Vorlieben finden ließ: Mozart und Beethoven. Seine Mozart-Interpretationen führten ihn auch in klassische Konzerthäuser – unter anderem zum Münchner Klaviersommer, wo er mit dem legendären Friedrich Gulda gemeinsam spielte und mit ihm das Es-Dur-Doppelkonzert KV 365 aufnahm. Berührungspunkte gibt es also nicht nur in der Kindheit, sondern haben Chick Corea offensichtlich immer wieder zu den klassischen Meistern geführt.

Die auf diesem Album versammelten Werke, insbesondere die „20 Children’s Songs“, die Corea 1984 veröffentlichte, lassen diese klassische Bildung durchschimmern, aber sind frei von dogmatischer Zuschreibung wie alle Musik und alles Musizieren Chick Coreas, das ihn am ehesten mit Keith Jarrett verbindet und Komponieren und Improvisieren selbstverständlich miteinander verwebt. Was da zu hören ist – meisterhaft und mit feinfühligem Sinn für jedwede Nuance von dem im Erscheinungsjahr 1984 in Italien geborenen Roberto Franca eingespielt – ist ein wunderbar lebendiges, einfühlsam expressives „Album für die Jugend“ in schönster Verbindung aller Genres und Stimmungen, wütender und verliebter Melodien – vom Lernen und Wachsen, Stolpern und Tanzen, von Träumen und Tragödien in Fortschreibung künstlerisch ausgefeilter, gleichermaßen pädagogisch sinnstiftender Zyklen à la Robert Schumann und Béla Bartók. Dabei lässt Chick Corea durchaus den kongenialen Virtuosen, eigenwilligen Akkordzauberer und verwegenen Taktspringer durchscheinen, aber wahrt doch in aller schönen und wilden, dramatischen und drolligen Einzelheit zwischen Walzer, Weihnachtslied und Weltmusik die Schwelle distanzierender Komplexität, um der spielerischen Unschuld und dem Kind im Erwachsenen den Raum zu geben, der ihm alle Möglichkeiten schenkt. Es ist ein ganzer Chick Corea, der seine Wurzeln und Flügel hörbar und zugänglich macht als eine Schule der Musik schlechthin, die aus den Schubladen der Genres ein Meer der Möglichkeiten macht.

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