Armutszeugnis

Steigende Kinderarmut

Über Armut und Ungleichheit ist schon viel geschrieben worden. Doch die beiden Sozialwissenschaftler Carolin und Christoph Butterwegge schlagen einen neuen und anderen Ton an. Im Vorwort widmen sie nämlich ihr Buch ihren Kindern. Ihrer Generation nämlich sei man Rechenschaft über eine Situation schuldig, die man habe entstehen lassen. Trotz Mitgefühl, trotz Betroffenheit, trotz Armuts- und Reichtumsberichten bleiben der Skandal und das Armutszeugnis für politisch Verantwortliche, dass die Armut der Kinder in einem der reichsten Länder steigt und steigt. Das Problem verschärft sich: Die einen wachsen mit besten Startchancen und Aussichten auf lukrative Jobs auf, die anderen sind abgehängt und bleiben es.

Die gesellschaftspolitische Brisanz derzeit existierender Kinderarmut zeigt sich in der Grundthese des Buches: Durch die Polarisierung der Lebenslagen der jetzt lebenden Kindergeneration zerfällt die nachwachsende Generation heute stärker als je zuvor in verschiedene Fraktionen. Die heute arm geborenen und die heute reich gemachten Kinder sind nicht allein ein Problem der Gegenwart, es wird nachhaltig die Zukunft der Gesellschaft prägen. Es ist eine Generation aus zwei Klassen. Was fehlt, ist der politische Wille, Kinderarmut konsequent zu bekämpfen. Angesichts der guten Datenlage zur Kinderarmut, der zahlreichen Fachpublikationen und Expertisen kann ein Buch zur Kinderarmut keine wirklichen Überraschungen mehr bieten, auch keine neuen Fakten. Und doch: Der Autorin, dem Autor gelingt es, die vielfach vorgetragenen und im Grunde bekannten Ausführungen zu sozialer Ungleichheit in einen Zusammenhang zu bringen, der den Untertitel erläutert: Wie sich die Gesellschaft ihrer Zukunft beraubt.

Mit immer neuen Fakten und Entscheidungen politisch Verantwortlicher wird diese Grundthese untermauert. Das bescheinigt auch die in dieser Hinsicht unverdächtige Europäische Kommission der Bundesregierung: Der Länderbericht 2017 bescheinigt nämlich der deutschen Politik, „in hohem Maße zur Vergrößerung der Armut beigetragen zu haben, was auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass die bedarfsabhängigen Leistungen real und im Verhältnis zur Einkommensentwicklung gesunken sind.“

Die allermeisten Bücher über Armut schweigen über den Gegenpart. Die Ausführungen von Butterwegge argumentieren anders: Wer über Armut redet, darf über Reichtum nicht schweigen. Denn Armut und Reichtum sind die zwei Seiten einer Medaille. „Eine patrimoniale Gesellschaft entwickelt sich, bei der das väterliche Erbe entscheidet, wer arm und wer reich ist.“ Während oben in den wenigen Jahren zwischen 2011 und 2014 neunzig Kinder unter 14 Jahren Vermögenswerte von zusammen 29,4 Milliarden Euro geerbt haben, fehlt es unten so am Nötigsten: Ein Gutachten für das Ernährungsministerium konstatierte sogar, dass es in Deutschland Hunger gibt.

Die Corona-Krise wird zum Offenbarungseid. Sie legt offen und verschärft, was bislang manchmal untergründig vorhanden war. Waren die Kinder die Hauptleidtragenden der Sozialreformen, so sind sie jetzt zur Generation Corona geworden.

Die Ursachen für Kinderarmut sind zu trennen von den Auslösern. Diese können Schicksalsschläge sein, in welche die Familien geraten, in denen Kinder aufwachsen und leben. Die Ursachen aber sind der neoliberale Kapitalismus und die Sozialreformen, die gerade bei den ärmsten der armen Kinder Kürzungen vorgenommen haben. Kinderarmut ist Teil der Armut von Erwachsenen, in deren Welt Kinder hineingeboren werden. Armutsbekämpfung heißt: Die Unterprivilegierten besser gegen Armutsrisiken abzuschotten, die Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg zu schützen und vom Reichtum der Oberschicht genug abzuschöpfen, damit der Sozialstaat in Zukunft seinen Aufgaben besser gewachsen ist.

Das Buch ist vieles auf einmal: Es präsentiert bekannte Studien, fügt sie neu zusammen und bereitet sie angesichts der Corona-Krise vor, die zu einem Brennglas wird. Das Buch liest sich manchmal wie eine Generalabrechnung. Und das zu Recht. Denn Armut zu bekämpfen, ist eine Aufgabe der Politik, doch diese kommt über Sonntagsreden nicht hinaus. Das Buch stellt für die Thematisierung sozialer Ungleichheit einen wichtigen Meilenstein dar. Denn es argumentiert nicht einseitig nur mit Blick auf die Armut. Wer Armut bekämpfen will, der muss die Unterversorgung armer Familien beenden und muss den Reichtum antasten. Doch genau dazu fehlt der Politik der Mut.

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